Die Geliebte


Niemand kann sagen, ich hätte ihn nicht geliebt. Nein, das kann wirklich niemand leugnen - nachdem ich so viel für ihn getan habe.

Ich habe mich sofort in ihn verliebt, schon als er das erste Mal in dem Café auftauchte, in dem ich gerade arbeitete. Es war Liebe auf den ersten Blick, und ich glaube, ich bin ihm auch gleich aufgefallen. Gut, war ja nicht schwer, schließlich war ich die einzige Bedienung in dem leeren Café, aber trotzdem, da war sofort was zwischen uns. Sonst hätte ich nie ein Gespräch mit ihm angefangen, ich bin doch sonst so schüchtern.

Dass er verheiratet ist, hat mich schon gestört. Aber er hat mir ja versichert, dass er sie nicht mehr liebt. Sie sind nur wegen der Kinder zusammen geblieben, das hat er mir immer wieder gesagt. Und das zeigt doch eigentlich nur, was für ein rücksichtsvoller Mensch er ist. Wenn er egoistisch gewesen wäre, hätte er sich sofort von seiner Frau getrennt, um mich zu heiraten. Aber natürlich ging das nicht, mit den Kindern. Nachdem er mir das einmal erklärt hatte, habe ich auch nicht mehr darauf gedrängt. Ich liebe ihn schließlich.

Also ertrug ich es, dass wir uns nur heimlich treffen konnten. Und dass er so selten über Nacht blieb. Aber ich verstand ja, dass er nachts zu seiner Frau heim musste. Noch waren sie schließlich verheiratet. Vielleicht später, in ein paar Jahren, wenn die Kinder erwachsen und ausgezogen wären ... Das war meine stille Hoffnung, daran hielt ich mich fest, daran und an der Gewissheit, dass ich die einzige war, die er wirklich liebte. Das sagte er mir immer wieder, obwohl ich nie fragte, ihn zu nichts drängte, schließlich liebte ich ihn doch.

Man tut vieles für den Menschen, den man liebt. Ich war immer für ihn da, auch wenn es ihm nicht gut ging oder er schlechte Laune hatte. Dann drängte ich ihn dazu, seine Sorgen zu erzählen, denn geteiltes Leid ist halbes Leid, und hinterher ging es ihm immer besser. Jedes Mal, wenn sein Chef ihn aufregte, konnte er zu mir kommen, wenn seine Kollegen Mist gebaut hatten, wenn er bei einer Beförderung übergangen worden war, sogar wenn seine Kinder in der Schule Ärger machten, ich war immer für ihn da, ich habe immer zugehört und ihn getröstet. Und wann immer ich konnte, habe ich ihm geholfen. So wie einmal, als er mit seiner Familie in den Urlaub fuhr und die Nachbarn gerade nicht da waren. Da habe ich die Blumen gegossen und den Hund gefüttert. Seiner Frau erzählte er, ich sei eine Praktikantin in seinem Büro, damit sie sich nicht wunderte. Das war eine schöne Zeit. Ich konnte in seinem Haus ein und aus gehen, als wäre ich schon seine Frau. Ich legte mich auf ihr Bett und tat so, als wäre ich mit ihm verheiratet, seine Ehefrau, vielleicht die Mutter seiner Kinder. Warum nicht? Ich bin noch lange nicht zu alt, um noch Mutter zu werden ... Hinterher räumte ich natürlich alles auf und strich die Laken wieder glatt. Es sollte ja niemand was merken. Eines Tages könnte ich hier ganz offiziell einziehen, sagte ich mir, wenn die Kinder fort und die beiden geschieden wären. Oder anders getrennt ...

Ja, auf mich konnte er sich immer verlassen, ich habe ihn immer wieder aufgebaut. Auch als diese Schmidt auftauchte. Anfangs machte sie ja noch einen guten Eindruck, jung, talentiert, war schnell befördert worden, bis in die Abteilung, in der auch mein Geliebter arbeitet. Sehr eingebildet sei sie ja schon, erzählte er mir, aber das würde man schon noch in den Griff kriegen, er hatte ja auch viel mehr Erfahrung. Aber dann fing sie an, sich beim Chef einzuschleimen. Wahrscheinlich schlief sie mit ihm, erzählte er. Und wurde immer hochnäsiger. Ihre Ideen waren immer die besten, seine Ansichten zu altmodisch, er selber unqualifiziert, so schwärzte sie ihn beim Chef an. Er hat mir alles erzählt. Es wurde immer schlimmer.

Und dann ging Räuter in Rente. Jetzt stünde eine Beförderung an, sagte er, es sei ja jetzt eine Stelle frei. Und die bekäme bestimmt diese Schmidt. Die schlief schließlich mit dem Chef. Sagte er. Und ich versuchte ihn zu trösten, beteuerte, ich würde ihm so gerne helfen, wenn ich nur könnte. Aber das könnte ich eben nicht, sagte er. Das machte mich traurig.

Doch dann, endlich, fand ich heraus, was ich für ihn tun könnte. Das war am Abend bevor die Beförderung bekannt gegeben werden sollte. Die Schmidt war noch im Büro, angeblich wollte sie noch ein paar Schriftstücke durchgehen, aber alle wussten, dass sie wieder mit dem Chef schlief, weil sie am nächsten Tag befördert würde.

"Ich wünschte, sie wäre tot", sagte mein Schatz, so bitter, wie ich ihn lange nicht erlebt hatte, "oder nie geboren worden. Wenn sie nicht wäre, bekäme ich die Beförderung. Gott weiß, ich habe sie verdient. Und meine Frau liegt mir schon seit Jahren in den Ohren, warum ich nicht mehr befördert werde..."

Da wusste ich, wie ich ihm helfen konnte. Ich behauptete, ich müsse noch mal kurz weg, sei gleich wieder da. In der Küche holte ich eine Einkaufstasche, in die ich das große Fleischmesser steckte. Dann fuhr ich zu seinem Büro, das war nicht weit weg, nur fünf Minuten. In seiner Abteilung brannte noch Licht. Ich nahm den Aufzug, bis zum achten Stock, ging hinein, ohne anzuklopfen. Am Schreibtisch gleich neben der Tür saß eine Frau über einem Stapel Verträge. Als sie mich überrascht ansah, fragte ich zur Sicherheit noch mal: "Sie sind Frau Schmidt?" Und als sie nickte, trat ich schnell hinter sie, holte das Messer heraus und stieß es in ihren Rücken. Ich hatte gut gezielt, es ging glatt zwischen zwei Rippen hindurch, direkt ins Herz, und sie war sofort tot.

Dann ging ich in den Supermarkt und kaufte die Zutaten für den Reisauflauf, den er so liebt, und wir hatten einen wunderschönen Abend. Leider musste er nach dem Essen gehen, und er wirkte immer noch irgendwie bedrückt, aber ich war sicher, wenn er am nächsten Morgen von meiner kleinen Überraschung erführe, wäre das vorbei.

Sie können sich vorstellen, wie überrascht ich war, als er schon um zehn in der Früh vor meiner Türe stand. Und wie komisch er mich ansah. Als kenne er mich gar nicht. Aber das wissen Sie ja, Sie und Ihr Kollege waren ja dabei. Und was danach war, wissen Sie auch schon.

Aber ich verstehe wirklich nicht, warum er jetzt nicht mehr mit mir sprechen will. Ich habe ihm doch so geholfen. Und ich liebe ihn doch. Ich habe ihn immer geliebt. Niemand kann sagen, ich hätte ihn nicht geliebt.

hoch

------------------------------------------------------


Genres:
* Prosa * Krimi * Liebe *


------------------------------------------------------

Hier könnt Ihr dem Autor Feedback zukommen lassen.

Eure Emailadresse für Rückfragen (optional):

Euer Name

Hier ist ganz viel Platz für Eure Anmerkungen: