Ein Mittag im Sommer


Eine leichte Brise streicht durch die Bäume, verheddert sich im Unterholz, lässt die Blumen auf der kleinen Lichtung tanzen. Schmetterlinge taumeln durch die sommerleichte Luft, trunken vom Duft der Blüten und der Liebe, den feinen Aromen, mit denen sich Männchen und Weibchen finden. Das Rascheln, mit dem Laub und Gräser dem Wind antworten, ist das einzige Geräusch. Die einsame Hummel, die sich nach dem Honigsaft des Klees sehnt, ist zu träge, um zu fliegen und mit ihrem Brummen die Stille zu stören. Stattdessen krabbelt sie den festen Stängel entlang auf den köstlichen violetten Blütenkopf zu. Noch drei, noch zwei Schritte, dann wird sie ihr Mittagsmahl erreicht haben...

"Du kriegst mich nicht, du kriegst mich nicht!" Laute Rufe und Kinderlachen zerreißen die Stille. Bewegung kommt durch den Wald auf die Lichtung zu, heftiger als der Wind, Hektik, Schritte, die den Boden in Schwingung versetzen. Das Gras zittert. Jemand bricht durch das Unterholz, scheucht Schmetterlinge fort, knickt Blüten ab; eine zweite Gestalt dicht dahinter, auf dem Pfad, den die erste gebahnt hat. Ein achtloser Fuß schubst die Hummel von ihrem Klee, abgebrochene Äste ziehen Furchen ins lose Erdreich, entwurzeln Gräser, prallen aufeinander. Ein paar spielerische Schläge, Lachen, Spott; dann laufen sie wieder los, das größere vor dem kleineren, hinein in den Wald.

Noch dringen die Rufe von fern zur Lichtung, da hat sich das Laub wieder geschlossen. Gräser richten sich indigniert auf. Sträucher betrachten ihre abgeknickten Zweige, wenden sich aber bald wieder Wichtigerem zu – Blätter müssen der Sonne entgegengestreckt, Wurzeln tief im Erdreich ausgebreitet werden! Die Bäume haben von all dem nichts erfahren, ihre Zeit vergeht anders, in Monaten und Jahren. Was in Minuten geschieht, begreifen sie nicht und wollen sie nicht wissen.

Langsam setzt sich die Hummel wieder in Bewegung. Der Nektar ist noch immer da, lockt sie nach oben, Schritt für hartnäckigen Schritt. Und dann lassen sich zwei Schmetterlinge auf einer Brennnessel nieder. Sie haben sich gefunden, zwei Düfte im Einklang, und im Wind gepaart. Nun legt das Weibchen seine Eier. Eine leichte Brise streicht durch seine Flügel, spielt mit den Blumen, verliert sich zwischen den Bäumen.

hoch

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Genres:
* Prosa * Alltagsgeschichten *


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