Ein Baum


Die Museumsbesucher gehen jeder in seinem Tempo durch die Ausstellung. Manche schlendern, verharren vor einem Kunstwerk, das sie besonders fesselt, lassen sich schließlich weitertreiben. Andere gehen zielstrebig, systematisch von Werk zu Werk, von Raum zu Raum. Manchmal kommen Paare vorbei. Wer darauf achtet, sieht sofort, ob einer der Partner den anderen hierher gezwungen hat. Auch Familien mit Kindern sind da, wenn auch wenige; doch wenn sie vor einem stehen, ist es jedes Mal interessant zu beobachten, wie die Kleinen reagieren. Eine Installation, ein Arrangement von Klangkörpern, scheint es ihnen besonders angetan zu haben. Noch keines von ihnen ließ sich leicht hier fortlocken. Nur die Cafeteria hat eine stärkere Anziehungskraft.

Bevor die dorthin strebenden oder schlendernden Besucher jedoch ihr Ziel erreichen, müssen sie einen kleinen Hof durchqueren. Alle Wegen führen dorthin, so hat es der Künstler verlangt. Oder die Künstlerin? Kein Namensschild kennzeichnet die Installation. Nur eine Tafel steht da, weiß und schlicht, mit schwarzer Schrift:


Trauen Sie Ihren Augen?

Auf diesem Hof scheinen zwei Bäume zu stehen. Einer davon ist echt. Der andere ist eine Fälschung, eine Kopie aus Draht und Plastik. Wie gut kann die Kunst die Natur nachahmen?


Alle, die den Hof erreichen, bleiben stehen und lesen das Schild. Einige werfen den beiden Bäumen einen Blick zu, zucken dann mit den Schultern und gehen kopfschüttelnd fort. Doch die meisten wenden sich den Bäumen zu, betrachten den einen, dann den anderen, befühlen den Stamm, betasten die Rinde. Eine junge Mutter erklärt ihrem Sohn, der noch nicht lesen kann, das Rätsel, und der Kleine bestaunt folgsam die zwei Gewächse. Doch niemand vermag eine Antwort zu finden. Beide Bäume sehen absolut echt aus, von der glatten Rinde bis zum letzten feingeäderten Blatt hoch oben in den schütteren Kronen. Ein ganz Schlauer befühlt die Erde in den Töpfen, doch sie ist überall gleichmäßig feucht. Sogar die Wurzeln wurden scheinbar bis zur Perfektion nachgebildet.

Einige geben nach einer Weile auf. Der Künstler (die Künstlerin?) hat sie geschlagen, oder der Hunger war stärker und die Cafeteria verlockender. Andere sind hartnäckiger. Sie suchen nach einem Fehler in der Illusion, einer künstlichen Regelmäßigkeit, einer unnatürlichen Perfektion, einer übersehenen Werkzeugspur, doch nichts lässt sich finden. Auch das Betasten bringt kein Ergebnis, und die Rinde anzuschneiden wagt keiner.

"Die Blätter", meint ein Betrachter, und alle wenden sich ihm zu. "Man müsste die Blätter untersuchen. Die sind das Schwierigste. Die haben sie bestimmt nicht hingekriegt."

Zustimmendes Gemurmel. Doch die Blätter sind zu weit oben, selbst als einer sich auf den Rand des Blumentopfes stellt und zu den Zweigen reckt, kommt er nicht ran. "Sie" scheinen das berücksichtigt und den entsprechenden Baum gewählt zu haben.

"Die verarschen uns doch", tönt einer. "Wahrscheinlich sind beide künstlich."

"Oder beide echt", schlägt ein anderer vor.

"Und wir stehen hier und machen uns zum Affen. Also, ich hab genug. Ich geh jetzt Kaffee trinken", erklärt er in einem Ton, der seinem Entschluss mehr Bedeutung verleiht, als er vielleicht tatsächlich hatte.

Einige schließen sich murmelnd und kopfschüttelnd an. Nur ein kleines Häuflein Nachdenklicher bleibt zurück, mustert die Bäume mit etwas mehr Abstand, grübelt.

Und dann meint eine junge Frau, ganz leise, ganz ruhig, mit der größten Selbstverständlichkeit: "Wir sollten sie uns morgen noch mal anschauen. Der der sich verändert hat – der ist echt." Dann lächelt sie die verblüfften Umstehenden an und geht.

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Genres:
* Prosa * Alltagsgeschichten *


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