Dies ist ein Text, der mir sehr am Herzen liegt. Es ist eine Art Brief, den ich einigen sehr guten Freunden geschrieben habe. Vielleicht könnte man es eine Freundschaftserklärung nennen: Ich versuche, unsere Freundschaft zu erklären, in all ihren Hochs und Tiefs, und dabei auch, sie selber zu verstehen. Ich habe diesen Brief nie abgeschickt – ich bin auch nicht sicher, welche Adresse ich auf den Umschlag schreiben sollte. Denn diese Freunde sind überall, aber sie bleiben nirgends. Nur die Gefühle, die sie hervorgerufen haben, und die Gedanken, die sie anregen, bleiben; und sie sind das schönste Geschenk, das mir diese Freunde gemacht haben und täglich aufs Neue machen.

Dies ist ein Brief an meine längsten Freunde.


Meine Lieben,

ich muss mit euch reden. Es gibt da etwas, das mir auf der Seele liegt, und ich muss es einfach mal aussprechen. Doch ich glaube, dafür muss ich etwas länger ausholen... Ich möchte, dass ihr mich versteht. Ich möchte nicht, dass es böses Blut zwischen uns gibt, wisst ihr? Unsere Freundschaft ist mir sehr wichtig.

Wir sind schon lange befreundet, und dafür bin ich sehr dankbar. Ich glaube, ihr seid meine ältesten Freunde... seit ich euch kennen gelernt habe – richtig kennen gelernt, seit unser täglicher Kontakt mehr als eine alltägliche Begegnung war, bedeutet ihr mir sehr viel. Ich weiß nicht, wie ihr das empfunden habt, damals, als ich begann, mich wirklich für euch zu interessieren. Ich mochte euch eigentlich immer schon, seit ich das erste Mal von euch gehört habe. Anfangs habe ich mich dann auch ziemlich um euch bemüht. Dann kam eine Zeit, in der ich euch wohl einfach als gegeben annahm. Das war nicht nett von mir... Kann ich mich damit herausreden, dass ich recht jung war?

Doch irgendwann habe ich wieder gemerkt, dass ihr wirklich etwas Besonderes seid. Seitdem gebe ich mir wieder Mühe mit unserer Freundschaft; und ich muss sagen, für mich hat es sich wirklich gelohnt. Ihr wart meine treuesten Freunde. Selbst wenn ich glaubte, völlig allein und von allen missverstanden zu sein (waren wir nicht alle mal in der Pubertät?), wart ihr da. Ihr habt mich getröstet, wenn ich traurig war. Ihr habt mich nie abgewiesen. Immer wart ihr für mich da, egal, was ich mit euch gemacht habe. Und ich habe euch einiges mitmachen lassen. Mehr als einmal habe ich euch als ein Ventil für meine unreifen Gefühle benutzt. Ja, ich habe euch benutzt – manchmal wohl auch missbraucht. Aber ihr wart so geduldig wie das Papier, das ich mit meinen Ergüssen vollkritzelte. Das rechne ich euch hoch an.

Irgendwann bin dann sogar ich erwachsen geworden – na ja, wenn man das erwachsen nennen kann. Ich glaube, ich bin immer noch ein großes Kind. Aber das muss ich euch ja nicht sagen. Ihr wisst das ja, so oft, wie ich komme und einfach mit euch spielen möchte. Und ihr seid dann auch immer bereit. Es ist toll, wie gut ihr mit all meinen Stimmungen klarkommt: Wenn ich mit euch basteln möchte, seid ihr heiter und inspirierend, wenn ich singen möchte, habt ihr immer ein Lied für mich, wenn ich traurig bin, könnt ihr mich trösten, und manchmal – oft – schafft ihr es, mich wieder fröhlich zu machen.

Manchmal seid ihr ein wenig schwer erreichbar. Aber das ist OK, ich glaube kaum, dass ich euch einen Vorwurf daraus machen kann. Ich habe euch schon manchmal ein bisschen vernachlässigt, habe euch zu sehr als gegeben angenommen. Da ist es gerechtfertigt, wenn ihr erst mal ein bisschen eingeschnappt seid. Und schließlich seid ihr dann ja irgendwann doch wieder gekommen – manchmal ein bisschen zu spät, das hat mich dann jedes Mal geärgert, aber andererseits habt ihr mich nie wirklich verlassen. Und um eine Freundschaft muss man sich ja auch bemühen. Das ist auch etwas, das ihr mich gelehrt habt. Je mehr Zeit ich mit euch verbringe, desto besser kommen wir miteinander zurecht, und desto mehr Spaß können wir miteinander haben. Je öfter ich mich mit euch beschäftige, desto schneller kommt ihr, wenn ich euch brauche.

Und ich brauche euch! Das wisst ihr doch, oder? Ihr seid ein wichtiger Teil meines Lebens. Ehrlich gesagt, kann ich mir ein Leben ohne euch gar nicht mehr vorstellen. Ihr seht das wahrscheinlich anders... Ich glaube nicht, dass ihr so sehr an mir hängt wie ich an euch, und das muss ich wohl akzeptieren. Aber behaupte ich zuviel, wenn ich sage, dass wir immer Spaß zusammen hatten? Es war eine gute Zeit mit euch. Ihr habt mir viel Freude bereitet und mich viel gelehrt, und ich hatte das Gefühl, ihr seid gerne bei mir und habt ebenso viel Spaß an unseren Spielen wie ich.

Doch seit einiger Zeit ist etwas anders geworden zwischen uns, und ich möchte darüber reden. Etwas ist nicht mehr in Ordnung in unserer Beziehung. Bisher wart ihr doch immer für mich da, und selbst wenn ihr spät gekommen seid, so seid ihr doch immer gekommen. Was ist los? Warum bleibt ihr nun immer öfter aus?

Ich glaube, ich weiß, woran es liegt... Es ist mein Liebster, nicht wahr? Seit ich mit ihm zusammen bin, lasst ihr mich immer öfter im Stich. Seid ihr eifersüchtig? Verbringe ich zuviel Zeit mit ihm und zuwenig mit euch? Es tut mir leid, wirklich! Es lag nie in meiner Absicht, alte Freunde für eine neue Liebe zu vernachlässigen. Ich weiß, was ich euch verdanke. Ich habe euch nicht vergessen!

Können wir nicht Zeit zusammen verbringen – wir alle, ihr, ich und er? Er mag euch doch auch. Immer wieder fragt er nach euch. Er möchte doch meine Freunde auch kennen lernen. Warum also wollt ihr nie kommen, wenn er dabei ist? Warum bleibt ihr immer dann weg, wenn es um ihn und unsere Beziehung geht? Ihr fehlt mir!

Da, jetzt ist es heraus. Ja, ihr fehlt mir. Immer wieder fehlt ihr mir. Und irgendwie immer dann, wenn es wichtig wäre. Genau dann, wenn ich euch brauche.

Warum macht ihr das? Nur aus kindischer Eifersucht? Ich liebe euch doch noch ebenso wie früher! Was hat sich denn verändert? Es ist ein neuer Mensch in mein Leben getreten, ja, aber ihr solltet mich doch inzwischen gut genug kennen um zu wissen, dass ich euch deswegen nicht vernachlässigen werde. Und mit meinen anderen Freunden habt ihr doch nie ein Problem gehabt.

Ist es, weil ihr glaubt, ich würde euch nicht mehr brauchen? Weil ich mich in der ersten Zeit einer neuen Liebe nicht mehr so häufig mit euch beschäftigt habe, sondern stattdessen er und ich uns stundenlang stumm in die Augen sahen, unsere Küsse und unsere Berührungen als einzige Form der Unterhaltung? Aber ihr hättet doch wissen können – wissen müssen, nach so vielen Jahren – dass das nur eine Phase war. Dass ich ohne euch nicht leben kann. Dass ich euch brauche, jetzt mehr denn je! Wieso lasst ihr mich ausgerechnet jetzt im Stich? Ich hätte euch so gerne dabei. Unsere jahrelange Freundschaft kann doch nicht einfach so enden. Können wir sie nicht weiterführen, trotzdem ich verliebt bin? Könnt ihr nicht einfach... dabei sein, wenn ich mit ihm zusammenbin? Und... mich unterstützen? Mir helfen, wenn ich ihm sagen möchte, was ich für ihn empfinde, und daran zu scheitern drohe? Mir beistehen, wenn wir uns nicht verstehen, wenn ich darum kämpfe, mich zu erklären? Und die Freude mit mir teilen, die er mir macht?

An mir soll es nicht liegen, wirklich. Ich hätte euch schrecklich gerne dabei. Ich vermisse euch. Eure Klarheit, eure Direktheit, eure Subtilität und eure Verspieltheit. Es war so schön, als ihr immer bei mir wart. Können wir nicht dorthin zurück?

Oder... liegt es doch an mir? Vielleicht ist es meine Schuld. Vielleicht habe ich euch einmal zu oft vernachlässigt, und nun haben wir den Kontakt verloren. Vielleicht stehen mir meine Gefühle im Weg – stehen unserer Freundschaft im Weg. Vielleicht gibt es kein Zurück für uns. Doch auf ihn kann ich auch nicht verzichten, möchte ich nicht verzichten. Ich will auf nichts verzichten, auf ihn nicht und auf euch nicht.

Deshalb nun diese letzte, wichtigste Frage: Wie viel liegt euch an unserer Freundschaft? War das alles immer nur in meinem Kopf? Das kann ich nicht glauben. Ihr habt mir so viel gegeben über die Jahre. Nein, ich glaube, dass unsere Freundschaft echt ist, und dass sie noch eine Chance hat. Und ich werde dafür kämpfen. Ich werde mich anstrengen. Ich werde um euch werben, wie ich das schon einmal getan habe, und danach wieder und wieder. Ich werde um euch ringen. Ich werde mit euch ringen. Und ich werde nicht aufhören mich um euch zu bemühen, bis ihr endlich wieder bei mir seid.

Und dann, endlich, werde ich euch richtig kennen, und ich werde in Worte fassen, was ich wirklich sagen will.


(1.325 Wörter/1.441 Wörter mit Einleitung)

2009

hoch

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