Die Stille des Alls


Das Erste, was dem Bergungsteam auffiel, als es die Raumstation betrat, war die Stille. Keine Station, die Anders oder irgendjemand aus seiner Mannschaft je gesehen hatte, war so still. Sie hörten nichts, weder die Computerstimme, die Besucher normalerweise begrüßte, noch die Stimmen und Schritte des Personals, noch auch nur das Wispern des Versorgungssystems. Diese Station war stiller als der Tod. Es war die Stille des Weltraums.

Anders schauderte. Jeder Raumfahrer erzählte davon, von der Stille des Alls, von jener absoluten Leere, die das Trommelfell zu Staub zerkrümeln ließ, jenem schreienden Schweigen, das das Letzte war, was ein im Weltraum sterbender Astronaut hörte. Doch sie redeten nur, und ihre Stimmen trugen dazu bei, das Schweigen zu übertönen, das der leere, tote Raum in ihre Seelen gebrannt hatte. Es tatsächlich zu hören, war etwas ganz anderes.

Die Luft war atembar, das Versorgungssystem konnte noch nicht lange ausgefallen sein. Anders rechnete schnell. Sie waren zu fünft; wenn die Station kein Leck hatte, würde der Sauerstoff mehrere Stunden reichen. Dennoch war es besser, kein Risiko einzugehen. Was auch immer Delta Centauri 351 zugestoßen war, er wollte nicht, dass ihnen dasselbe passierte.

Die Stille hatte etwas Überwältigendes, Zwingendes, das ihn daran hinderte, zu sprechen, und als er bei seinem ersten Schritt jenseits der Schleuse den Aufprall seiner Stiefel auf dem harten Kunststoffboden hörte, überkam ihn das Gefühl eines Sakrilegs. Er drehte sich um und winkte seinen Leuten, ihm zu folgen. Auch sie gaben kein Wort von sich. Er merkte, wie angespannt sie alle waren. Was würde sie erwarten? Aber Rätselraten war ein müßiger Zeitvertreib. Sie mussten der Sache auf den Grund gehen, dazu waren sie hier. Er folgte den matt leuchtenden Schildern, die den Weg zur Kommandobrücke wiesen, und seine Mannschaft folgte ihm.

Der Atem der fünf Menschen klang laut in ihren Ohren wider. Kein Echo antwortete ihnen, als schlucke das, was die Besatzung von DC 351 vernichtet hatte, noch immer jedes einzelne Geräusch. Anders wurde sich bewusst, dass er sich umsah, als erwarte er, angegriffen zu werden. Die Stille war lauernd, bösartig – oder war das nur seine überreizte Fantasie? Der Mensch war nicht dazu geschaffen, nichts zu hören. Sein Gehirn füllte die Lücke mit allem Schrecklichen, was sein Unterbewusstsein zu bieten hatte. Anders schluckte hart, und das Geräusch dröhnte durch seinen Schädel. Er zwang seinen linken Arm sich zu entspannen. Hier war niemand, das hatten ihre Scans gezeigt, noch bevor sie angedockt waren. Wenn er mit seiner Laserwaffe durch die leere Luft fuchtelte, würde er sich nur lächerlich machen; und gerade jetzt war es seine wichtigste Aufgabe als Teamleiter, Ruhe zu bewahren. Sollte er zeigen, wie blank seine Nerven tatsächlich lagen, er würde seine Leute nur noch verrückter machen.

Er warf ihnen über die Schulter einen Blick zu. Sie waren ebenso nervös wie er, das sah er sofort. Serenity fuhr immer wieder mit den Fingerspitzen über das Halfter an ihrer Hüfte. Als sie seinenBblick bemerkte, zuckte sie schuldbewusst zusammen und hielt ihre Rechte mit der anderen Hand fest. Anders deutete ein Lächeln an. Er verstand sie, aber sinnloses Herumgeballere würde ihnen nichts nützen. Nun, jedenfalls war es gut zu wissen, dass er sie noch im Griff hatte.

Als er sich wieder nach vorn wenden wollte, fing er Dmitris Blick auf. Die Augen des jüngsten Teammitglieds glühten mit einer Mischung aus Angst, Erwartung und blindem Vertrauen, die eine Gänsehaut über Anders’ Rücken jagte. Er zwang sich zu einem Nicken, das Dmitris unausgesprochene Frage beantworten sollte: Ja, ich habe alles im Griff, und ich werde euch heil hier herausführen. Doch ihm war nichts ganz wohl. Er wusste nicht, ob es wirklich wahr war – nein, er wusste, dass er zumindest im ersten Punkt log. Doch Dmitri vertraute ihm, ebenso wie die anderen, und sie brauchten jetzt einen Leiter, der ihnen die Sicherheit gab, die diese Station ihnen genommen hatte: Die Sicherheit, dass es in dieser durch und durch erforschten und eroberten Galaxis nichts gab, was ein gut ausgebildetes Team von Experten nicht in den Griff bekommen konnte.

Anders war der Erfahrenste im Team, deshalb hatte man ihn zum Leiter berufen. Er hatte schon zuviel gesehen, um noch daran zu glauben, dass die Menschheit alles wusste. Doch er wusste auch, dass die Angst vor dem Unbekannten zu tief saß, um jemals überwunden zu werden. Die Menschheit brauchte den Glauben an ihre Kontrolle ebenso sehr wie eine Raumstation ihr Versorgungssystem. Wenn es ausfiel – wenn beides ausfiel – so wie hier, dann dauerte es nicht lang, und der Wahnsinn würde sie schneller zugrunde richten als der Erstickungstod sie erlösen konnte.

Sie standen vor der Tür zur Kommandozentrale, und noch immer hatten sie nichts gehört. Dass sie keine Menschen antrafen, war eigentlich keine Überraschung – sie waren schließlich überhaupt erst hierher geschickt worden, als DC 351 sich nicht gemeldet und auf keine Funksprüche geantwortet hatte, und ihre Scans hatten ihnen gezeigt, dass keine einzige Lebensform mehr auf der Raumstation war. Doch normalerweise war keine Raumstation jemals so völlig tot. Man hörte die Anweisungen von Computern, das Summen der Maschinen, Gase und Flüssigkeiten, die durch Leitungen strömten; doch hier bewegte sich nichts, und die Unbeweglichkeit der Luft drückte schwer auf ihre Ohren und ihr Gemüt.

Anders legte die Hand auf den Kontakt, und die Tür glitt geräuschlos auf. Es war, als löste sie sich auf; ihre Bewegung verursachte nicht einmal einen Lufthauch. Anders atmete tief ein und betrat die Brücke. Sein Atem, laut in dieser tödlichen Stille, erschreckte ihn, doch er ließ sich nichts anmerken.

Nach ein paar Schritten knirschte etwas. Es war das erste Geräusch, das nicht von ihnen selber kam, und alle Mitglieder des Teams hielten inne. Sofort senkte sich die Stille wieder über sie herab wie ein Leichentuch. Anders verlagerte sein Gewicht. Es knirschte wieder. Langsam ließ er den Blick nach unten wandern. Unter seinem schweren Stiefel lag eine zerbrochene Salzstange. Er hob den Fuß, und die Krümel knirschten wieder. Er drehte sich um und grinste schief.

"Nur eine Salzstange", sagte er. In der Echolosigkeit der toten Raumstation klang seine Stimme dumpf und falsch. Niemand lächelte zurück.

Der Raum war wie erwartet leer. Anders zog einen Handschuh aus und ließ die Hand über die Lehne des Kommandantensessels gleiten. Sie war noch warm, als hätte er vor Kurzem erst hier gesessen. Davon abgesehen war die Salzstange das einzige Zeichen, dass jemals Menschen hier gewesen waren.

Er wandte sich den Computern zu. Der Bildschirm war leer, schwarz wie das All, das sich hinter dem Fenster erstreckte, doch ohne den Trost ferner Sterne, die Menschen, Leben, Geräusch verhießen. Probeweise drückte er eine Taste. Nichts geschah. Er suchte nach dem Knopf, der das System auf Notstromversorgung umstellte, fand und betätigte ihn. Obwohl er wusste, dass nichts passieren würde – es ebenso sicher wusste, wie dass auf einem Planeten ein losgelassener Gegenstand nach unten fallen würde – wartete er gebannt auf das typische Surren.

Anders merkte erst, dass er die Luft angehalten hatte, als ihm der Sauerstoff knapp wurde. Er atmete ein paar Mal hektisch ein und aus und hoffte, dass die anderen es nicht bemerkt hatten. Er drehte sich zu ihnen um. Serenity hatte die Gruppe verlassen und ging auf die Tür zu, die zum Labortrakt der Station führte. Er wunderte sich kurz, warum er ihre Schritte nicht gehört hatte.

Sie schien zu zögern. Anders sah zu den anderen dreien. Dmitri schien am meisten mitgenommen, er atmete heftig, aber geräuschlos ein und aus, und feine Schweißperlen standen auf seiner Stirn. Anders ging auf ihn zu. Er warf einen raschen Blick nach unten – war hier Teppich verlegt? Nein, es war dasselbe Hartplastik wie im Gang. Vielleicht ein etwas weicherer Stoff.

"Keine Panik, Dmitri", versuchte er den Jungen zu beruhigen, doch seine Stimme versagte, und was aufmunternd hatte klingen sollen, kam als heiseres Flüstern hervor. Dmitri sah auf, Wahnsinn im Blick.

"Meine Ohren!", hauchte er. "Meine Ohren sind kaputt! Ich atme und atme und höre mich nicht... ich höre nicht einmal mehr meinen eigenen Puls... Anders, was ist los mit mir?" Er griff sich an die Kehle. Seine Stimme klang als schrie er, doch Anders verstand kaum ein Flüstern.

"Es wird alles...", setzte er an. Seine Stimme war ein schwaches Wispern. Und dann fiel ihm auf, dass auch er Dmitris keuchenden Atem nicht hörte, und auch nicht den Atem der anderen, und nicht mehr das Knirschen der Krümel unter seinem Stiefel. Er drehte sich zu den anderen um, und auf ihren Gesichtern las er dieselbe schreckliche Erkenntnis. Nur Serenity bekam von all dem nichts mit. Sie atmete tief ein, packte ihre Waffe und legte die freie Hand auf den Kontakt der Tür. Anders stürzte auf sie zu.

"Serenity, nein! Wir verlassen die Station, sofort!", brüllte Anders, doch die Tür öffnete sich schon ebenso lautlos wie die erste, und der letzte Hauch seiner Stimme versank in der Leere, die ihnen entgegen kam.

Serenity merkte nichts. Eine Augenblick lang stand sie vor der sich öffnenden Tür, den Laser in der Hand, einen Finger noch am Kontakt, und im nächsten Augenblick war die Schwärze über ihr. Anders sah noch, wie sie mit geschlossenen Augen hintenüber kippte, als wäre sie im Stehen eingeschlafen, und dann war Serenity weg, und die Stille wogte ihnen entgegen.

Hier war sie so dicht, dass sie schwarz schien, und doch war sie noch immer völlig körperlos. Sie hielt den Blick nicht auf, und als Anders eine Hand ausstreckte, bot sie keinen Widerstand. Doch als er den Arm wieder zurückziehen wollte, merkte er, dass er viel zu leicht war, körperlos, und er wusste, dass die Stille begonnen hatte, auch ihn aufzulösen. Er schrie aus voller Kehle, doch kein Laut drang aus seinem Mund.

Und dann war er in der Stille, und die Stille war in ihm, und er spürte, wie sie ihn auflöste; nicht nur sein Trommelfell, nicht nur seinen Körper, sondern sein ganzes Wesen, und er wusste, wenn es so etwas wie eine Seele gab, die den Körper überdauerte, so löste diese Stille auch sie auf, und nichts würde von ihm bleiben. Was mit den anderen geschah, wusste er nicht. Er sah nichts mehr, hörte nichts mehr, spürte nichts mehr, nur die Stille, die tödliche, unendliche Stille zwischen den Galaxien, und dann war auch er nicht mehr.


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* Prosa * Science Fiction *


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