RoMeO und Julia


Julia hatte so lange von ihm geträumt – seit sie ihn das erste Mal im Media-Markt gesehen hatte. Es war reiner Zufall gewesen, dass sie ihn überhaupt bemerkt hatte. Ihre Mutter hatte einen neuen DVD-Player gesucht und Julia mitgeschleppt, zur Beratung, wie sie sagte, aber Julia war klar, dass Mama bloß hoffte, sich als ihre Schwester ausgeben zu können, und tatsächlich stürzte sie sich sofort auf den hilflosen Verkäufer und flirtete gnadenlos, während der arme junge Mann sie mit seinem Fachwissen über BluRay abzulenken versuchte. Julia hatte sich schon bald verzogen und war ziellos zwischen den Elektrogeräten umhergewandert.

Dann hatte sie ihn gesehen, und seither konnte sie ihn nicht mehr vergessen.

Natürlich war er viel zu teuer gewesen. Er kostete mehr als ein ganzes Monatsgehalt – das war zwar nicht zu viel für so ein Gerät, aber für Julia unerschwinglich. Trotzdem ließ sie der Gedanke an den Rock MegaOptic 2010 nicht mehr los. Ro-Me-O, das musste ein Zeichen sein. Dieser Fernseher war für sie bestimmt, und sie musste ihn haben.

Gleich nachdem sie endlich zu Hause waren, hatte Julia Kassensturz gemacht. Sie verdiente wirklich nicht viel mit ihrer halben Stelle, weswegen sie immer noch bei ihrer Mutter wohnte. Auch wenn diese ihr Arrangement als "WG" bezeichnete und bei jeder Gelegenheit damit angab, sich so gut mit ihrer Tochter zu verstehen, war es doch in Wahrheit so, dass Mama die Miete zahlte und Julia dafür ihre beste Freundin spielte. So blieb ihr zwar genug zum Leben und für ihre bescheidenen Bedürfnisse nach Freizeitaktivitäten, aber viel ansparen konnte sie auch nicht. Auf ihrem Girokonto waren vielleicht noch drei-, vierhundert Euro, das reichte hinten und vorne nicht. Aber wenn sie nicht mehr ins Kino ging, das Fitnesscenter kündigte und auf das wöchentliche Kaffeetrinken mit ihrer alten Studienfreundin Elise verzichtete, könnte sie das Geld zurücklegen... Bot Media-Markt eigentlich Ratenzahlung an?

Neue Klamotten wären dann natürlich eine ganze Weile nicht mehr drin, und beim Essen ginge nur noch das Billigste. Vielleicht konnte sie sich da auch ein bisschen bei Mama durchschnorren, und ihrer Figur würde der Verzicht auf Schokolade auch nicht schaden, besonders, wenn sie nun nicht mehr ins Fitnessstudio ging.

Und so hatten die langen Wochen und Monate des Sparens begonnen. Anfangs war es ihr schwergefallen zu verzichten. Auch Elise war sichtlich enttäuscht, als sie ihr immer wieder absagte. Mehr als einmal hatte sie versucht herauszufinden, war mit Julia los war, aber das war ihr dann doch ein bisschen peinlich – wie klänge das denn: "Ich spare auf einen – nein, auf den Fernseher". Also sagte sie nur: "Nichts, nichts. Bin nur im Stress. Vielleicht demnächst mal wieder? Ich ruf dich an."

Natürlich meldete sie sich aus Verlegenheit nicht wieder, und irgendwann gab Elise auf. Julia war ein bisschen traurig. Doch sie wusste, der RoMeO 2010 war es wert.

Eigentlich läge noch immer ein knappes halbes Jahr vor ihr, doch als sie heute wieder einmal bei ihrem RoMeO im Media-Markt vorbeigeschaut hatte, war er heruntergesetzt gewesen. Hastig hatte sie den neuen Preis überschlagen – ihr Erspartes reichte! Sie hatte keine Sekunde gezögert.

Und nun stand er hier, in ihrem Zimmer, und lächelte sie an. Noch ein wenig verlegen lächelte sie zurück. Sie zupfte an ihrem Pulli. Im Vergleich zu seinem glänzenden Bildschirm und dem perfekt gestylten Gehäuse wirkte alles andere irgendwie schäbig, alt und abgenutzt, sie selbst inbegriffen. Sie seufzte.

"Hallo, RoMeO", murmelte sie. "Ich bin Julia, und das", sie machte eine unbestimmte Handbewegung, "ist mein Zimmer. Deins jetzt auch", sie lachte verlegen. Nervös zupfte sie an der Zierdecke, auf der er stand. Sie hatte extra umgeräumt, damit er in all seiner Stattlichkeit hier hinein passte, aber jetzt sah sie, dass er eigentlich noch immer zu groß und zu elegant für sie war. Sie räusperte sich und meinte dann betont fröhlich: "Na, ich denke mal, wir werden viel Spaß miteinander haben!"

Dann griff sie behutsam nach der Fernbedienung, setzte sich auf die Kante ihres Bettes und schaltete ein. Auf dem Zweiten kam heute ein alter Spielfilm, den sie schon lange hatte sehen wollen. Nun füllten die Bilder ihr Zimmer und ihren Kopf in nie gesehener Größe und Qualität, und lange bevor der Abspann kam, wusste sie, dass sie das Richtige getan hatte.

Als sie am nächsten Tag von der Arbeit kam, stand er in ihrem Zimmer und lächelte sie freundlich an. Irgendwie schien er heute besser hierher zu passen – oder war es Gewöhnung? Sie widerstand der Versuchung, ihn sofort einzuschalten, und strich ihm nur rasch über das Gehäuse. Dann ging sie in die Küche, um Essen zu machen und ein bisschen mit ihrer Mutter zu plaudern.

Erst um Viertel nach acht drückte sie wieder den Knopf, der RoMeO zum Leben erweckte, und ging in den Bildern auf, mit denen er ihr Zimmer füllte.

Endlich hatte sie etwas, worauf sie sich freute, wenn sie nach Hause kam. RoMeO war der perfekte Mitbewohner, so viel entspannender als ihre Mutter. Wenn Julia bei ihm war, konnte sie alles andere vergessen.

Am Samstag wachte sie auf, und ihr erster Gedanke war, dass sie heute den ganzen Tag Zeit hatte für RoMeO. Ihre Finger zuckten zur Fernbedienung, die auf ihrem Nachttisch lag, doch dann hielt sie sich zurück. Erst frühstücken, sie war doch immer noch ein Mensch. Wie so oft strich sie im Vorbeigehen über RoMeOs Gehäuse. Huh, wie schnell er Staub fing! Sie huschte in die Küche, um einen Lappen zu holen. Erst, als sie wieder bei ihm war, fiel ihr ein, dass sie auch Toast und Kaffee hatte machen wollen.

Am nächsten Tag frühstückte sie gleich im Bett – schließlich war Sonntag. RoMeO unterhielt sie dabei mit einem sonnigen Wetterbericht. Julia lächelte. Was für ein schöner Tag!

Am Montag war sie unausgeschlafen und verknautscht. RoMeO hatte sie mit einem Spätfilm, auf den sie nur durch Zufall gestoßen war, so sehr gefesselt, dass sie erst nach Mitternacht vor laufendem Fernseher eingenickt war. Nun war sie spät dran und hatte schlechte Laune, und es wurde den ganzen Tag nicht besser. Erst, als ihre Arbeitszeit vorbei war, lebte sie wieder auf. Bis sie die Tür zu ihrem Zimmer öffnete, lächelte sie sogar wieder – und RoMeO lächelte zurück. Sein Bildschirm, der selbst im Stand-By noch einen sanften Schimmer aussandte, wirkte so warm und einladend, dass sie nur noch die Schuhe abstreifte, bevor sie sich aufs Bett fallen ließ und einschaltete.

Am nächsten Morgen war sie noch unausgeschlafener. RoMeO hatte ihr nach einem Spielfilm und drei Serien noch eine Late-Night-Show gezeigt, die sie bis tief in die Nacht begeisterte. Nun hatte sie nur wenige Stunden geschlafen und fühlte sich leer und ausgetrocknet.

Nach kurzem Zögern griff sie zum Telefon. In diesem Zustand konnte sie sowieso nicht arbeiten. Sie schob eine Erkältung vor und meldete sich krank. Nach einer kurzen Erklärung, langen Beileidsbekundungen und viel falschem Husten legte sie auf und lehnte sich wieder in die Kissen. Dann schaltete sie RoMeO ein.

Auch den ganzen Rest der Woche meldete sie sich krank. Sie würde ein Attest brauchen, aber das ließe sich besorgen. Jetzt genoss sie erst einmal den Luxus, den ganzen Tag ungestört mit RoMeO verbringen zu können. Er war genauso wundervoll, wie sie das erwartet hatte, brachte sie zum Lachen und zum Weinen wie niemals zuvor. Alles schien größer und wichtiger zu sein mit ihm.

Gegen Mittag klopfte ihre Mutter an der Tür. "Julia?"

"Ich bin krank!", rief Julia.

"Was hast du denn?", fragte Mama. "Soll ich dir irgendwas bringen? Einen Tee, oder heiße Wickel?"

"Neinnein, ist schon OK. Ich brauch nur Ruhe."

Schweigen. Dann: "Solltest du dann nicht besser den Fernseher ausschalten?"

"Mama!" Julias Ton sagte alles. Ihre Mutter stand noch eine Weile vor der Tür, dann hörte Julia endlich Schritte, die sich entfernten.

Am Samstag klingelte das Telefon. Julia sah in ihrem Zimmer fern, also ging ihre Mutter ran. Doch schon nach wenigen Worten klopfte sie wieder an Julias Tür.

"Für dich. Elise."

Julia stöhnte. Dann quälte sie sich aus dem Bett, öffnete die Tür einen Spalt und nahm das Telefon entgegen.

"Ja?"

"Hallo Julia! Ich bin’s, Elise. Wir haben uns so lange nicht mehr gesehen. Hast du denn jetzt ein bisschen mehr Zeit? Ich würd mich echt gern wieder mit dir treffen."

"Mmm, weißnich. Hab grad viel zu tun..."

"Hör mal, Julia... Wenn es wegen dem Geld ist: Ich lade dich ein."

"Was?"

"Na ja...", Elise klang verlegen, "du warst immer so ausweichend und hattest keine Zeit, obwohl du mir nicht erzählen konntest, was los war. Und ins Kino wolltest du auch nicht. Da dachte ich... Ich weiß doch, wie wenig du verdienst, und ich dachte, vielleicht ist es dir nur peinlich, aber du hast das Geld nicht mehr zum Kaffeetrinken..."

"Nein, nein, keine Sorge. Ich hab nur... viel zu tun."

"Läuft da Fernsehen im Hintergrund?"

"Mhm."

"Seit wann hast du einen Fernseher?"

"Zwei Wochen."

"Wow, ganz neu? Hast du überhaupt Zeit zum Fernsehen, wenn du so viel zu tun hast?"

Julia schwieg. Was sollte sie sagen?

Doch Elise verstand. "Ich komme zu dir."

"Aber..."

"Bin schon unterwegs! Bis gleich."

Julis starrte den Hörer an. Elise hatte einfach aufgelegt... Sie schüttelte den Kopf. Dann wandte sie sich wieder RoMeO zu,

Als es klingelte, bekam sie das gar nicht richtig mit. Ihre Mutter öffnete. Sie hörte die beiden sprechen, aber RoMeO fesselte sie so sehr, dass sie nicht darauf achtete.

Dann ging die Tür auf, und Elise und Mama standen in ihrem Zimmer. "Ich fass es nicht", sagte Mama und schüttelte den Kopf. Elise ging auf Julia zu und nahm ihr die Fernbedienung weg.

"Seit wann sitzt du hier?", fragte sie und schaltete RoMeO aus.

"Nicht", rief Julia.

Elise schnüffelte. "Wann hast du eigentlich zuletzt geduscht?"

"Ich habe sie seit Mittwoch nicht mehr gesehen", jammerte Mama. "Julia, was ist denn los mit dir?"

"Ich habe doch nur ein bisschen ferngesehen. Habt ihr meinen RoMeO gesehen?" Stolz mischte sich in Julias trotzigen Ton.

"Romeo?"

"Rock Mega Optic 2010", erklärte Julia. "Ich nenne ihn RoMeO."

"Süße, du hast eindeutig zu viel ferngesehen. Schau dich doch an", forderte Elise. "Kein Wunder, dass du nicht mehr ins Café willst, so ungepflegt, wie du aussiehst. Und für dieses Ding hast du auf unsere Treffen verzichtet?" Sie schüttelte den Kopf.

"Er ist so groß", verteidigte sich Julia. "Und die Bildqualität ist phänomenal. Außerdem..."

"Es ist ein Fernseher", stellte Elise nüchtern fest. "Und er ist eindeutig nicht gut für dich. Du wirst ihn jetzt ausschalten, ganz, und dann duschst du und ziehst dich an, und ich lade dich ins Café ein, damit du wieder unter Menschen kommst."

"Aber ich habe so lange darauf gespart! Und er ist so toll..."

"Er hat anscheinend dein ganzes Leben übernommen. Julia, bitte, schau in den Spiegel. Sieh, was er aus dir gemacht hat..."

Julia schaute in den Wandspiegel. Elise hatte Recht, wie sie mit Entsetzen feststellte. Ihre Haare waren fettig und ungekämmt, ihr Gesicht verquollen und knittrig. Und wenn sie darüber nachdachte, wann sie das letzte Mal ein richtiges Gespräch geführt hatte...

Sie legte den Finger auf den Stromknopf. Dann warf sie Elise einen Blick zu, die aufmunternd nickte. Sie sah auf RoMeOs Bildschirm, der sie warm anlächelte. Julia seufzte. Sie wollte in diesem Lächeln versinken, aber... Es war alles gesagt.

Er warf ihr noch einen letzten Blick zu. Sie biss sich auf die Lippen. Dann wurde alles dunkel.

hoch

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