Der Mafioso und der Bibliothekar


Gedämpfter Atem aus Hunderten von Lungen.

Das Rascheln einer Seite durchdringt die konzentrierte Stille.

Ein Stuhl knarzt, auch er zurückhaltend, rücksichtsvoll. Jemand niest behutsam. Die meisten Studenten in dieser Bibliothek kennen einander nicht, wissen nichts voneinander, doch das Schweigen, der gegenseitige Respekt, verbindet sie.

Plötzlich: ein lautes Lachen. Alle blicken auf, suchen die Übeltäterin. Am Eingang: Ein junges Paar hat die Bibliothek betreten, sie blond, schlank, geschminkt, er dunkelhaarig, ein südländischer Typ, mit Anzug, Sonnenbrille, ein Möchtegern-Mafioso. BWLer, denken die Philologen sofort, die hier deutlich überwiegen. Was erwartet man. Aber ein bisschen Respekt in einer Bibliothek...

Die Blondine kichert noch immer, küsst ihren Macker auf die Wange, lobt: "Du bist so witzig". Ihre Stimme schrillt durch alle Stockwerke. Er badet in ihrer Bewunderung, bemerkt die hasserfüllten Blicke der Studenten nicht. Tut denn keiner etwas?

Ein Bibliothekar, dürrer junger Mann mit schlabbrigem Pullover, eilt auf die beiden zu. Es tue ihm leid, aber dürfe er die Dame bitten, leiser zu sein? Er weist auf die großen Schilder, die überall Ruhe fordern, erklärt die Situation, in der Bibliothek, man sei hier zum Lesen, zum Lernen, zum Forschen, Konzentration...

"Ach was, lesen", tönt der Anzugträger. Das sei für Loser, er wisse, wie man es zu was bringt im Leben, die Streber hier könnte er alle in der Pfeife rauchen, an denen fahre er täglich in seinem Lamborghini vorbei, während sie anderen Leuten Cappuccino andrehten. Zum Glück wolle er mit seiner Maus auch nicht zu den Büchern – er sagt es, als wäre das Wort zu staubig für seinen frischen Mund, mit frischer, forscher Stimme, ohne der beschwichtigenden Gesten des Bibliothekärchens zu achten – nein, sie seien nur hier für das kostenlose Internet.

"Bitte, das Internet ist im Keller", flüstert der dünne Jüngling, "aber seien Sie doch leise! Andere arbeiten hier."

"Ach was, Arbeit! Wer’s draufhat, lässt andere arbeiten, nicht wahr, Maus?"

"Sch-h-h..."

Die Maus kichert wieder. "Ja, du hast es drauf, Süßer", bestätigt sie. "Lernen ist wirklich für Dumme, wer schlägt denn noch in Büchern nach, wenn doch alles im Internet steht?"

Der geballte Hass der Bibliothek juckt die beiden nicht, aber der Bibliothekar spürt ihn, zuckt mit den Fingern, tritt von einem Bein aufs andere.

"Bitte, wenn Sie nicht leise sind, muss ich Sie bitten, zu gehen", haucht er. Der Mafioso schaut ihn an, halb amüsiert, halb verärgert.

"Sag mal, willst du uns rausschmeißen? Kleiner, ich kann den ganzen Laden hier kaufen und dich feuern lassen, wenn du unverschämt wirst!"

Der Bibliothekar bezweifelt das schüchtern, weist darauf hin, dass die Bibliothek nicht zum Verkauf steht und er im Übrigen von der Uni bezahlt wird und ob die Herrschaften nun bitte gehen würden.

"Ich glaub’s ja nicht", ruft der Macker. "Kleiner, verpiss dich", und er schiebt ihn so grob zur Seite, dass der dürre junge Mann gegen die Schließfächer stolpert. "Komm, Schnecke, lass uns schnell eine Seminararbeit für dich runterladen, und dann hauen wir aus diesem Loser-Laden ab."

"Ich hatte Sie gebeten zu gehen", der Bibliothekar hat sich wieder aufgerappelt, noch immer leise, noch immer höflich, aber eisern. Das Paar wendet sich um.

"Komm, Süßer, hau ihm eine rein, damit er die Klappe hält", fordert die Schnecke, "er langweilt mich." Der Mafioso grinst, hebt eine Faust. Es macht leise Plopp.

Der Macker sackt zusammen. Plopp. Die Blondine fällt neben ihn.

Der Bibliothekar haucht auf den Schalldämpfer seiner Pistole und poliert ihn mit dem Ärmel. Dann steckt er die Waffe wieder in den Hosenbund, unter den weiten Pulli, und geht hinter die Theke.

"Hallo, Putzdienst?", flüstert er ins Telefon, "wir haben hier ein bisschen eine Sauerei am Eingang der Bibliothek..." Er tritt von einem Bein aufs andere und lauscht in den Hörer. "Zwei", haucht er, und: "Danke."

Dann kehrt wieder Stille ein.

hoch

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* Prosa * Humor *


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