Meine Tochter...


Aus den Schatten trat ein kleines Mädchen. Sie hielt den Kopf gesenkt, so dass Líra ihr Gesicht nicht sehen konnte, doch sie wusste, dass das ihre Tochter sein musste. Sie hatte dieselben weißen Haare.

Líra sank auf die Knie und streckte die Arme aus. "Meine Tochter", flüsterte sie.

Die Kleine, die vielleicht fünf oder sechs Jahre alt sein mochte, hob den Kopf. Ihre großen violetten Augen – Asaels Augen, durchfuhr es Líra – starrten sie ausdruckslos an. Jetzt bemerkte Líra das Messer, das sie in der rechten Hand hielt.

"Meine Tochter", flüsterte sie noch einmal, mit einer Stimme voll Schmerz und Zärtlichkeit.

"Meine Mutter", flüsterte das Kind zurück, mit einer Stimme so süß wie Honig und so ätzend wie Gift. Líra krümmte sich unter dem Hohn, der ihr von dem kleinen Wesen entgegenschlug.

"Meine geliebte Mutter", säuselte die Erscheinung, "die mich nie wollte... Warum sollte ich jetzt zu dir kommen? Weil du sonst niemanden mehr hast? Weil dein geliebter Asael tot ist und du von allen verlassen wurdest? Jetzt bin ich endlich gut genug für dich... Aber warum sollte ich dich lieben? Wer sollte mich Liebe gelehrt haben? Ich kenne nur Hass... den Hass, den du mir beigebracht hast, Mutter..."

Líra schluchzte. Was sagte das Mädchen da? Sie sollte sie gehasst haben? Eine Tochter von Asael?

"Aber ich hasse dich doch nicht... Ich liebe dich doch... Mein eigenes Kind!"

Das Mädchen lachte, ein herrlicher Ton wie silberne Glöckchen.

"Ja, dein eigenes Kind, das bin ich... Aber das habe ich nicht dir zu verdanken. Wenn es nach dir gegangen wäre, hätte ich nie existiert. Du wolltest mich nie empfangen, und nachdem es zu spät war, wolltest du verhindern, dass ich zur Welt komme. Aber jetzt bin ich hier, Mutter... Ich komme, um mir das zu holen, was du mir nicht geben wolltest..."

Líra verstand gar nichts mehr. Wie konnte das sein? Wenn sie eine Tochter von Asael empfangen hatte, wie hätte sie sie hassen können? "Du... du musst dich irren", stammelte sie. Ihre Stimme klang rau.

"Irren? Nein, geliebte Mutter, ich irre mich nicht. Die Toten wissen mehr als die Lebenden..."

Tränen rannen Líras Wangen hinab. Wie war das möglich? Das Kind sagte, es sei tot? Aber hier stand es doch... Aber es konnte ja noch gar nicht leben, sie hatte ja noch gar kein Kind zur Welt gebracht... Nein, das hier war eine Vision, das war ihr klar. Aber warum sagte ihre Tochter, sie habe sie gehasst? Und warum glaubte sie, Asael sei tot? Hieß das... dass er sterben würde?

Das Geisterkind vor ihr lächelte. "Siehst du? Du tust es schon wieder... Dein eigenes Kind steht vor dir, und alles woran du denkst, ist dein geliebter Asael... Asael und du, das ist alles, woran du denkst, du und dein ehebrecherischer Liebhaber..."

Líra erstarrte. Konnte die Erscheinung ihre Gedanken lesen?

"Ja, geliebte Mutter, ich weiß alles, was du denkst... Schon vor meiner Geburt konnte ich deine Gefühle lesen, deine Liebe zu Asael und deinen Hass auf mich... Du Ehebrecherin... Du Mörderin..."

In Líras Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander. Wenn das hier eine Vision der Zukunft war... Dann hatten sie und Asael ein Kind gezeugt... im Ehebruch, noch vor Zurvans Tod. Und sie... hatte das Kind nicht gewollt? Würde es nicht wollen – das lag ja alles noch in der Zukunft... Und dann? War das Kind gestorben?

"Ja, geliebte Mutter, ich bin gestorben", antwortete das Wesen auf ihre unausgesprochene Frage, "durch deine eigene Hand... Oh, wie hast du geweint, als ich blutig und tot vor dir lag... Aber nicht um mich hast du geweint, nein, dir selber galten deine Tränen... der Zukunft, auf die du gehofft hattest, der Angst, die du ausstehen musstest, dem Blut, das nun an deinen Händen klebte..."

"Aber... wenn du tot bist... Wieso bist du dann hier?", flüsterte Líra.

"Ja, wieso wohl? Geliebte Mutter... du wolltest mich nicht, aber andere haben mich aufgenommen... haben mich großgezogen... haben mich genährt mit Hass und Wut... und jetzt bin ich hier, um mir von dir das zurückzuholen, was du mir vorenthalten hast!"

Das zuvor so ausdruckslose Gesicht mit den riesigen Augen verzerrte sich nun zu einer Grimasse des Zorns.

"Gib es mir!", kreischte die Kleine und hob das Messer. "Gib es mir, du Mörderin!"

Líra keuchte überrascht, während sie dem ersten, schlecht gezielten Hieb auswich. "Was? Was soll ich dir geben?"

"Gib es mir!", heulte das Mädchen und stach wieder und wieder auf ihre Mutter ein, die zu Boden gefallen war und nur noch mit Mühe ausweichen konnte. "Gib mir mein Leben!" Der nächste Hieb traf Líras Wange. Ein heißer Schmerz durchfuhr sie, und Blut lief ihr übers Gesicht. Sie hob instinktiv die Hand an die Wunde, doch das war ein Fehler, denn der nächste Stich durchbohrte ihren Handrücken. Sie schrie auf, als das Kind die Klinge mit erstaunlicher Leichtigkeit wieder aus ihrem Fleisch zog. Jetzt zielte sie auf ihren Bauch. Líra krümmte sich, doch das Wesen beachtete sie gar nicht mehr, sondern hackte weiter in blinder Wut. Sie versuchte es weg zu schieben, doch es ignorierte ihre Bemühungen. Wie stark es sein musste! Ihr Kind...

Endlich schien es gefunden zu haben, wonach es gesucht hatte. Líras Arme waren schon so von Stichen und Schnitten übersät, dass sie sie kaum mehr benutzen konnte. Das Mädchen kniete sich vor sie und schnitt ihren Bauch auf. Ihr wurde schwarz vor Augen. Doch das Kind kümmerte sich nicht mehr um sie. Es ging unbeirrt seiner blutigen Tätigkeit nach, fachmännisch wie ein Chirurg, nur mit weniger Präzision. Schließlich zog es etwas aus ihrer offenen Bauchhöhle. Durch die Schleier vor ihren Augen versuchte Líra zu erkennen, was das war.

Es sah aus wie... Ihr Heiligen, konnte das denn sein? Wieso hatte sie nichts davon bemerkt? Es sah aus, als hätte das Kind aus ihrem Bauch... einen Fötus gezogen, ein winziges, kaum als Mensch erkennbares Ding... Ihr Kind? Von Asael? Mit dem Blut floss ihre Lebenskraft immer schneller aus ihrem Körper, doch einen letzten Gedanken konnte sie noch fassen, während das Wesen mit dem Messer in der Hand den Fötus hochhob und in seinem zarten Mädchenmund verschwinden ließ: "Meine Tochter..."

hoch

------------------------------------------------------


Genres:
* Prosa * Fantasy * Horror *


------------------------------------------------------

Hier könnt Ihr dem Autor Feedback zukommen lassen.

Eure Emailadresse für Rückfragen (optional):

Euer Name

Hier ist ganz viel Platz für Eure Anmerkungen: