Ende einer Affäre


Er starrte den Lauf der Pistole an, die auf seinen Kopf gerichtet war, und begriff sofort. Als hätte jemand endlich das Bild scharf gestellt, nahm er alles plötzlich sehr viel klarer wahr, die Gerüche des benutzten Bettes, den Verkehrslärm, der durch das gekippte Fenster hereindrang, die Farben in dem dämmrigen Raum, die Kälte in ihren Augen.

"Ich dachte, du liebst mich?"

Sie musterte ihn mit zusammengekniffenen Augen, doch die Überraschung in seinen großen, braunen Augen schien echt zu sein. Wenigstens die Überraschung.

"Halt’s Maul", knurrte sie. Sie hatte keine Lust, sich auf ein Gespräch einzulassen. Sie hatte einen Job zu erledigen, und dann wollte sie nur noch duschen, sich anziehen und abhauen. Es fiel ihr nicht schwer, dieses Spiel zu spielen, aber sie hasste es, und sie wollte das Ende nicht länger hinauszögern als nötig. Sie entsicherte ihre Waffe.

Unwillkürlich zuckte er bei dem Geräusch zusammen. Er hatte gewusst, dass es so weit kommen würde, aber er hatte es nicht erwartet, nicht jetzt, nicht so. Und nicht von ihr. Er dachte zurück an ihre ersten Tage, an ihr erstes Gespräch, damals, als sie ganz neu im Labor gewesen war. Sie war ihm gleich aufgefallen – kein Wunder, mit ihren mohnroten Haaren und dem umwerfenden Lächeln. Aber es war mehr als nur Neugier gewesen, und er hatte ihr mehr Aufmerksamkeit gewidmet als dem übrigen Wachpersonal. Eigentlich interessierte es ihn nicht; er hatte sich darauf verlassen, dass ihre Vorgesetzten nur die Besten und Vertrauenswürdigsten auswählten, und so hatte er sich immer sicher gefühlt. Doch zu ihr hatte er sich sofort hingezogen gefühlt. Und bis jetzt hatte er geglaubt, dass es ihr genauso gegangen wäre...

"Ich dachte wirklich...", seine Stimme klang traurig, aber sie fiel ihm ins Wort: "Ich sagte, halt’s Maul. Stirb wie ein Mann, wenn du einer bist."

Er lächelte schief. "Das müsstest du doch wissen."

Gegen ihren Willen musste sie grinsen. Dass er ein wissenschaftliches Genie war, hatte sie gewusst – dafür war er schließlich von den Projektleitern angeworben worden. Aber sie hatte feststellen dürfen, dass auch sein Körper nicht zu verachten war. "Wohl wahr. Aber wenn du hoffst, dass dich das rettet, muss ich dich enttäuschen. So toll war’s nun auch wieder nicht."

"Komisch... ich hatte den Eindruck, es hätte dir Spaß gemacht."

"Du hattest ja scheinbar auch den Eindruck, ich würde dich lieben", ein Hauch von Verachtung kroch in ihren Ton. Für einen Augenblick tauchten ein Paar blaue Augen an die Oberfläche ihrer Erinnerung, ein spöttisches Lächeln... dann hatte sie sich wieder unter Kontrolle. "Egal. Das war jedenfalls dein letzter Irrtum." Sie hob die Pistole. Schade um einen gutaussehenden und intelligenten Mann, aber als er mit ihr – und den Unterlagen – geflohen war, hatte er sein Todesurteil unterschrieben. Genau genommen hatte er das schon in dem Augenblick, da er Interesse für sie zeigte, aber das hatte er nicht wissen können. Ihre Auftraggeber hatten sich alle Mühe gegeben, ihre Spuren zu verwischen und ihren Lebenslauf makellos zu machen. Andernfalls wäre sie ja auch nie auf das Forschungsgelände gekommen.

"Hättest du nicht schon längst abgedrückt, wenn du mich wirklich töten wolltest?"

"Mach dir keine Hoffnungen." Wieder tauchte dieses unerwünschte, längst verdrängte Bild vor ihrem inneren Auge auf. Mit ihm konnte dieser Verräter sich nicht messen... oder konnte er sich nur nicht mit dem Bild messen, das sie in seiner Abwesenheit von ihm gemalt hatte? Die Erinnerung war ein trügerischer Freund, der das Schöne hervorhob und den Schmerz vergessen ließ. Bis man wieder dieselben dummen Fehler machte.

Aber diesmal nicht. Diesmal würde sie keinen Fehler machen. Dieses Mal konnten ihr keine Gefühle in den Weg kommen, denn die hatte sie schon lange vorher getötet. Nicht sie... er, dachte sie kurz, aber dann schaffte sie es endlich, die bittersüßen Bilder aus ihrer Vergangenheit aus ihrem Bewusstsein zu verbannen und in die Gegenwart zurückzukehren.

"...deine Idee", sagte er anklagend. Er hatte wohl gerade etwas gesagt. Sie zuckte innerlich mit den Schultern. Was kümmerte es sie. Nichts, was er sagte, konnte ihn noch retten. Er hatte sein Land verraten, hatte hochgeheime Forschungsdaten aus dem Labor gestohlen und war mit einer Agentin des Feindes durchgebrannt. Sein Leben war verwirkt. Und dass sie es zu Ende brachte, war nur passend. Sie war es schließlich auch gewesen, die ihm den Kopf verdreht hatte und ihn schließlich dazu überredete zu fliehen. Weil eine Beziehung zwischen einem Wissenschaftler und einer vom Wachpersonal keine Chance hatte auf einem Hochsicherheitsgelände, das immer und überall überwacht wurde. Weil sie ihm die Freiheit zeigen konnte. Weil sie ihn beschützen würde. Mit den Daten im Gepäck, denn sie kannte Leute, an die man sie verkaufen konnte, um sich davon eine neue Zukunft leisten zu können, ein neues Leben, zu zweit. Und er hatte ihr alles geglaubt. Zu dumm, dass in diesen Zeiten die einzige Strafe für Dummheit der Tod war. Sie drückte ab.

Der schallgedämpfte Schuss ging im Verkehrslärm von draußen unter. Ja, sie wusste, wie man sich versteckte. Sie hatte ihn beschützt vor der Verfolgung, vor der Entdeckung. Nur vor seiner eigenen Dummheit hatte sie ihn nicht beschützen können, vor dem Vertrauen, das er in sie gesetzt hatte. Es war so leicht gewesen... beinahe zu leicht. Für einen Augenblick zögerte sie. Hatte er sie etwa tatsächlich geliebt?

Dann stand sie auf und sammelte ihre Kleidungsstücke ein. So ein Unsinn, sagte sie sich, während sie in die Dusche stieg. Liebe. Als ob es das wirklich gäbe.

hoch

------------------------------------------------------


Genres:
* Prosa * Krimi * Liebe *


------------------------------------------------------

Hier könnt Ihr dem Autor Feedback zukommen lassen.

Eure Emailadresse für Rückfragen (optional):

Euer Name

Hier ist ganz viel Platz für Eure Anmerkungen: