Totes Gras

Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn

Die Sonne dörrte die Köpfe der Wanderer, wie sie den Boden gedörrt hatte. Jedes Gespräch, jedes Wort vertrocknete, noch bevor einer den Mund öffnete, und die Gedanken verdunsteten noch halb geformt. Was blieb, war der Drang zu gehen, vorwärts zu kommen, auch nachdem die Hoffnung weg zu kommen mit der letzten Wegmarke außer Sicht geraten war. Der Horizont war ein Strich.

Vielleicht gingen sie schon lange im Kreis. Alle dachten das, aber keiner wollte es aussprechen.

Die letzte Siedlung hatten sie schon seit langem hinter sich gelassen. Die Häuser waren leer gewesen, wie alle Häuser, an denen sie in den letzten Monden vorbeigekommen waren; die Bewohner tot oder geflohen. Sie hatten ihre Vorräte mit allem, was sie gefunden hatten, aufgestockt, doch die Felder waren verbrannt und würden nie mehr Früchte tragen, und die Geister der Bewohner hatten sie bald wieder fortgetrieben.

Nun war der kleine Mond wieder voll, und sie hatten keine weiteren Anzeichen menschlicher Besiedlung entdeckt. Seit Tagen war alles nur noch diese eintönige Ebene, bar jeden Lebens und jeder Zukunft. Je weiter sie kamen, desto trostloser wurde das Land. Inzwischen sahen sie nicht einmal mehr die Zeichen, dass hier einst, vor der Katastrophe, fruchtbarer Ackerboden gewesen war. Nur Wüste, glasharter trockener Boden, bedeckt von feinem rotem Staub, den ihre Schritte aufwirbelten. Sie selbst waren die letzten lebenden Wesen in dieser Ödnis, und sie wussten, auch das wäre bald zu Ende.

Plötzlich blieb Rao stehen. Jenna, die hinter ihm gegangen war, den Kopf gesenkt, prallte gegen ihn.

"Autsch! Hey, was soll das?"

Sarai hielt neben ihr an und drehte ihnen den Kopf zu. "Was ist los?", wisperte sie unsicher.

Rao ignorierte sie. "Da vorne. Jenna, du hast scharfe Augen. Was siehst du?"

"Was soll ich schon sehen? Wüste und Staub", erwiderte die hochgewachsene Frau, ohne zu schauen, wohin Raos ausgestreckter Arm deutete.

"Ich mein's ernst, Jenna. Was siehst du?"

"Was ist denn?", fragte Sarai wieder und drehte das Seil, das sie mit Jenna verband, nervös zwischen den Fingern hin und her.

Jenna seufzte und zog das Tuch, das ihren Kopf schützte, zur Seite, um einen besseren Blick zu haben. "Da ist nichts... warte, doch! Meinst du das?" Sie kniff die Augen zusammen. "Ich bin nicht sicher... es könnte was sein. Berge? Hügel? Vielleicht auch einfach nur ein Sandsturm." Sie versuchte gleichgültig zu klingen, aber es gelang ihr nicht ganz.

"Wir gehen hin", entschied Rao. Die Frauen schwiegen. Sie setzten sich wieder in Bewegung, Rao voraus, den Punkt am Horizont fest im Blick. Den Rest des Tages sprach keiner mehr ein Wort, doch der Klang ihrer Schritte hatte sich verändert.

Als die Sonne untergegangen war und mit der Nacht die Kälte kam, machten sie Halt und teilten ein wenig Wasser und Nahrung. Sie wären gerne weitergegangen, gerade jetzt, aber in der sternlosen Finsternis war es aussichtslos, eine Richtung beibehalten zu wollen. Auch brauchten sie das bisschen Wärme und Ruhe, das sie einander geben konnten. Allein zu bleiben – und im Gehen war ja doch ein jeder für sich – hätte ihre wenige Energie in der Kälte der Nacht verdunsten lassen wie Wasser in der Hitze des Tages.

Sie kauerten sich so eng zusammen wie Liebende, und wenn auch wenig Liebe zwischen ihnen war, so war da doch das Wissen zu brauchen und gebraucht zu werden, warmblütige Tiere in lebensfeindlicher Kälte.

Sarai lag in der Mitte, wie meistens. Jenna drehte ihnen den Rücken zu und schloss die Augen. Ein paar Minuten bewegte sich keiner. Dann spürte Rao tastende Hände in seinem Gesicht. Zarte Fingerkuppen fuhren über die Krater und Furchen, die ihn wie das lebende Gegenstück zu dieser glatten, toten Ebene aussehen ließen.

"Lass das", knurrte er und schlug Sarais Hände weg. Sie zuckte zurück. Nach einer unsicheren Pause tastete sie noch einmal nach ihm, suchte Wärme, bot Zärtlichkeit, doch er stieß sie wieder von sich. Dieses Mal versuchte sie es nicht wieder.

Ein Lächeln schlich in Jennas Mundwinkel.

Das Licht der Sonne, millionenfach gespiegelt und gebrochen im Staub, weckte sie. Das Frühstück nahm ihnen mehr Hoffnung, als es Kraft geben konnte, doch als sie den Blick wieder auf den Fleck am Horizont richteten, reichte es, um den Hunger zu verdrängen und loszugehen. Diesmal ging Jenna voraus, Sarai wie immer am Seil.

Rao musterte ihre Rücken. Dünn waren sie beide, zum Gotterbarmen dürr, und der Hunger hatte ihre Knochen aus der Haut gemeißelt. Doch wo Jenna hart und kantig war, war Sarai zart und weich; eine Klinge und eine Feder. Aber was nützte das eine wie das andere in der Wüste? Was er brauchte, war Wasser und Nahrung. Für alles andere hatte er keine Kraft mehr.

Sie schleppten sich weiter, zwischen dem Brand der Sonne und der dumpfen Glut des Bodens. Das Licht war ebenso tödlich wie die Hitze, und die Tücher, die sie um den Kopf gewickelt hatten, hielten nur wenig davon ab. Die meiste Zeit blickten sie zu Boden. Nur ab und zu hob Jenna den Kopf, um zu sehen, ob sie noch in die richtige Richtung gingen.

Rao schloss zu ihr auf.

"Wie lange wollen wir sie eigentlich noch mitschleppen?", fragte er mit kaum geöffneten Lippen. Jenna sah ihn nicht an.

"Warum haben wir sie überhaupt dabei?", hakte Rao nach. Jetzt wandte Jenna sich ihm zu.

"Du wolltet sie mitnehmen."

"Aber du schleppst sie noch immer mit. Warum lassen wir sie nicht stehen? Sie trinkt unser Wasser, isst unser Essen. Und was gibt sie uns dafür? Was kann sie geben? Der Krüppel."

"Ich dachte, sie gibt dir genug." Es war nur ein Hauch von Gift in Jennas Stimme, aber Rao hörte ihn.

"Du bist eifersüchtig", stellte er fest.

"Schon lange nicht mehr."

"Ich bin blind, wisst ihr? Nicht taub", murmelte Sarai.

"Was hast du dann gegen sie?", Rao sprach einfach weiter, als hätte er sie nicht gehört.

"Du willst sie zurücklassen", stellte Jenna klar.

"Warum willst du sie dann mitnehmen?"

"Halt den Mund, Rao. Halt einfach den Mund." Jenna wandte sich wieder ab. Rao musterte sie. Dann ließ er sich wieder ein Stück zurückfallen.

Irgendwann ließ die Grellheit ein wenig nach oder hatte ihre Augen so betäubt, dass sie den Schmerz nicht mehr spürten, und sie konnten wieder mehr erkennen. Der Punkt war tatsächlich größer geworden, war nun eine Beule in der endlosen Linie des Horizonts. Sie hatten schon lange keine Kraft mehr, doch die Gewissheit, ein Ziel zu haben, trieb sie immer weiter vorwärts.

In dem rötlichen Dunst, den der Staub über die Landschaft warf, wuchs es an und färbte sich dunkel. Auch der Boden veränderte sich, wurde dunkel und rissig, und der Staub war mit jedem Schritt schwerer. Sarai klammerte sich an das Seil. Sie war an die überraschungslose Glätte der Wüste gewöhnt. Hier jedoch konnte ein Schritt auf einmal fehlgehen, und sie stolperte immer wieder. Sie tastete nach Jennas Arm, doch die zog ihn weg und ließ sich nicht berühren.

Als der Hügel vor ihnen aufragte und Jenna und Rao seine erdbraunen Flanken bestaunten, fiel Sarai. Ihr Fuß war in einer Rinne hängen geblieben, und sie verlor das Gleichgewicht. Das Seil glitt aus Jennas Hand. Sarai riss die Hände nach vorne, doch der Boden traf sie hart. Sie stieß einen leisen Schrei aus. Ungeschickt versuchte sie sich wieder aufzurappeln und tastete nach Halt.

"Was ist das?"

"Komm schon hoch", knurrte Rao und packte sie, doch Sarai blieb in der Hocke.

"Was ist das?" wiederholte sie und hob eine Hand. Zwischen ihren Fingern steckten ein paar dünne Halme, mehr grau als grün, aber doch – Gras.

Pflanzen.

Leben.

Jenna riss ihr die Halme aus der Hand.

"Gras. Hier muss Wasser sein."

Endlich stand Sarai auf, langsam, schwankend.

"Wasser? Wo? Seht ihr es?"

Sie zog das Seil hoch, hielt das lose Ende ins Leere. Niemand griff danach.

"Jenna? Rao?"

Niemand antwortete. Sie tastete sich einen Schritt nach vorne, in die undurchdringliche Leere.

"Wo seid ihr?"

Sie lauschte. Waren das Schritte? Weit, weit weg. Sie stolperte in die Richtung, aus der sie das Geräusch zu hören glaubte. Dann hielt sie wieder inne.

Nichts.

"Jenna. Rao! Das... ist nicht witzig, hört ihr?"

Niemand lachte.

Sie lauschte wieder. Da war ein Geräusch, zu ihrer Linken. Waren sie das? Sie machte ein paar Schritte darauf zu, fiel wieder hin, krabbelte weiter. Hielt inne, um zu lauschen.

Das Geräusch war noch immer da, näher jetzt, aber es waren keine Schritte. Sarai lauschte angestrengt. Von fern vermeinte sie, Stimmen zu hören.

"Gut, dass sie jetzt weg ist."

"Eine Last weniger."

"Wo ist das Wasser?"

"Es gibt keines. Vielleicht gab es mal welches, aber es ist ausgetrocknet. Sieh dir den Boden an: So staubtrocken wie alles. Wir haben uns geirrt. Lass uns gehen."

Sarai grub die Hände in die lockere Erde. Eine einzelne Träne rann aus ihrem Auge und verdunstete, ehe sie ihr Kinn erreichte. Sie senkte den Kopf. Sie war allein.

Dann rappelte sie sich wieder auf. Sie musste sie einholen, musste sie erreichen. In ihrem Bemühen wühlte sie den Boden auf.

Und dann erkannte sie, was das andere Geräusch gewesen war.

Ihre Hände brachen die dünne, trockene Erdschicht auf, und darunter sprudelte frisches Wasser. Sie tauchte die Hände darin ein, führte sie zum Mund, schaufelte es hoch, spritzte es sich über das Gesicht, trank und trank und trank. Dann sprang sie auf.

"Wasser! Ich habe Wasser gefunden!" Ihre Stimme klang dünn und leise. Sie holte tief Luft und rief, so laut sie konnte: "Jenna! Rao! Hier ist Wasser!" Dann lauschte sie auf eine Antwort.

"Hast du was gehört?"

"Sie ruft uns."

"Was ruft sie?"

"Zu zweit reichen die Vorräte noch ein, zwei Tage."

"Für eine doppelt so lange."

"Was meinst du damit?"

"Ich lerne von dir, Rao."

"Was...?"

Etwas Schweres fiel zu Boden. Dann, endlich, hörte Sarai wieder Schritte.

Sie entfernten sich.


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* Prosa * Science Fiction *


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