Die Legende von der Jaguarfrau

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Kapitel 1: Gefunden

Manche Menschen werden an besonderen Tagen geboren. An Tagen, an denen sich der Mond vor die Sonne schiebt und den Mittag verdunkelt; in Nächten, in denen Kometen erscheinen oder geheimnisvolle Lichter das Firmament erhellen; vielleicht auch während einer großen Naturkatastrophe, während eines Erdbebens, Vulkanausbruchs oder Monsunregens.

Vielleicht wurde auch das kleine Mädchen an einem solchen Tag geboren, das auf der Müllkippe lag und schrie. Erst ein paar Tage zuvor hatte es einen passenden Sturm gegeben, einen Orkan, der Bäume entwurzelt und Autos in Häuser geschleudert hatte. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht, und man würde es nie herausfinden, denn es war niemand in der Nähe, der es hätte wissen können. Es war überhaupt niemand in der Nähe, und so schrie das Mädchen ungehört, schrie vor Hunger, Einsamkeit, Angst, bis es schließlich keine Kraft mehr hatte und vor Erschöpfung einschlief.

So, in einem großen blauen Müllsack schlafend, fand Aureliana Buendía, lateinamerikanische Emigrantin der dritten Generation, es einen halben Tag später vor. Sie war gerade dabei, den Müllplatz nach verwertbaren Resten zu durchsuchen – Altmetall oder Textilien, die sie verkaufen konnte; Essensreste, um die leeren Mägen ihrer Familie zu füllen; oder vielleicht, wenn sie Glück hatte, noch funktionstüchtige Elektrogeräte, die ihr Mann Gabriel reparieren konnte. Er hatte geschickte Hände, und Elektrogeräte, selbst gebrauchte, brachten das meiste Geld. An diesem Tag hatte sie noch kein Glück gehabt. Die Konkurrenz war hart, es gab viele, die arm genug waren, um sich nicht vom Gestank und dem schlechten Ruf des Müllsammelns abschrecken zu lassen, und so hatte sie sich, mit ihrem Jüngsten auf dem Rücken, immer weiter von dem ausgeweideten Trailer entfernt, in dem sie mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen wohnte. Hoffentlich finde ich bald etwas, dachte sie, oder vielleicht haben wenigstens Gabriel und Marco Glück...

In diesem Augenblick entdeckte sie die blaue Tüte. Sie lag zwischen einem Stapel alter Autoreifen und einer verfaulenden Matratze. Obwohl es eine große Tüte war, wie sie oft in öffentlichen Mülleimern hingen, war nur ein kleines Bündel darin. Nur reiche Leute warfen fast leere Müllsäcke weg, und der Müll reicher Leute war meist der ergiebigste. Aureliana sah sich hastig um, ob jemand anders ihr diesen Fund streitig machen wollte, und lief dann zu dem kleinen Schatz. Was wohl darin war? Hoffentlich nicht nur Plastikdosen, betete sie, vielleicht ein paar teure Klamotten oder wenigstens was zu essen... Sie bückte sich. Da ragte etwas heraus, etwas schwarzes, wolliges – also doch Klamotten? Aureliana riss die Tüte auf.

Der heftige Ruck weckte das Baby auf. Es öffnete seine Augen und blickte die Müllsammlerin überrascht, aber ruhig an. Wusste es instinktiv, wem es vertrauen konnte? Oder war es einfach zu schwach, um zu weinen? Aureliana jedenfalls erschrak vor diesem Blick. Dann aber nahm sie sich zusammen und hob das Kind auf. Es war nackt, und so sah sie sofort, dass es ein Mädchen war. Wie lange hatte es hier wohl schon gelegen? Die Mülltüte war innen feucht von seinem Urin, und der Körper war kühl und mager, nicht warm und weich und rund wie ein Babykörper sein sollte. Bei diesem Anblick erfüllte Mitleid ihr Herz, und sie beschloss, das Mädchen aufzunehmen und alles zu tun, um es zu retten. Das Baby schien ihren Entschluss zu spüren, denn plötzlich lächelte es, und als sie es in ihren Schal wickelte und an die Brust drückte, schlief es sofort ein.

Sie eilte nach Hause, um ihrem Mann und dem fünfjährigen Marco ihren Fund zu zeigen. Wie alt das Baby wohl war? Es war so winzig, es konnte kaum mehr als ein paar Tage alt sein... Andererseits war es so unterernährt, dass sie nicht sicher sein konnte. Wer warf nur ein Kind auf den Müll? Welche Mutter war zu so etwas fähig? Sie selbst war ja auch nicht begeistert gewesen, als sie vor eineinhalb Jahren festgestellt hatte, dass sie wieder schwanger war. Doch als sie den kleinen Mateo in den Armen hatte, hatte sie ihn vom ersten Augenblick an geliebt. Sie würde ihn nie weggeben, auch wenn sie sich den letzten Bissen vom Munde absparen müsste, um ihn zu versorgen.

Als sie den Trailer erreicht, standen Marco und ihr Mann schon vor der Tür. Auch ihre Ausbeute war mager, aber sie empfingen Aureliana trotzdem liebevoll. Gabriel gab ihr einen Kuss.

"Hola, corazón! Hallo, mein Herz, was hast du heute gefunden?" Er zog das Bündel an ihrer Brust auseinander. Als er das Baby entdeckte, starrte er sie überrascht an. Sie lächelte entschuldigend.

"Sie lag da in einer Mülltüte. Jemand hat sie weggeworfen... Ich konnte sie doch nicht liegen lassen..."

Er wickelte das schlafende Mädchen ganz aus und betrachtete es genauer.

"Was hat es denn da an der Hand? Mira, schau, der ganze Arm ist voller Flecken. Das Kind ist gezeichnet... Vielleicht ist es verflucht. Vielleicht wurde es deshalb ausgesetzt? Schau, wie klein und schwach es ist!"

"Nicht verflucht. Vielleicht ist sie gesegnet – hätte ich sie sonst gefunden? Außerdem ist es eine gute Tat, einem schutzlosen Kind zu helfen. Das bringt uns sicher Glück."

"Und wovon willst du sie ernähren?" Gabriel zweifelte noch immer, doch Aureliana spürte, wie er schwankte.

"Schau, wie klein sie ist. Sie braucht noch Milch, und ich habe mehr, als Mateo will. Ich kann sie mit ihm säugen."

Gabriel wog das Mädchen vorsichtig in den Händen.

"Eres de verdad bendita", murmelte er, "du bist wirklich gesegnet, dass diese großherzige Frau dich gefunden hat."

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* Prosa * Fantasy *


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