Die Sieben Schichten der Welt

Die Welt, wie wir sie sehen – so sagen die Weisen, die sich auskennen mit den Dingen und den Gedanken – ist nur die äußerste Schicht.


In den alten Tagen, bevor es das Wasser und den Himmel gab und zwischen ihnen die Menschen, da hatte Marsqa, die Schöpferin, Langeweile. Denn es gab noch nichts auf der Welt als nur die Leere und die Ersten Götter, und das waren Marsqa, die Schöpferin, Orzunnu, der Verbinder, und Sravi’as, das Geheimnisvolle. Und diese drei waren vor allem anderen, vor der Zeit und vor der Welt, und aus ihnen ist alles entstanden, das Wasser und der Himmel und alles dazwischen, auch die Zweiten und die Dritten Götter und zuletzt die Menschen. Doch bevor das alles war, war nur die Leere und die Ersten Drei, und Orzunnu und Sravi’as schliefen noch, und so hatte Marsqa Langeweile, denn sie war die erste, die erwacht war.

Sie sah sich um, doch in der Leere gab es nichts, was sie zu beschäftigen vermochte. Das Einzige, was sie sah, waren die schlafenden Gestalten ihrer Geschwister, denn Orzunnu und Sravi’as waren noch nicht erwacht. Sravi’as lag ihr am nächsten, und sie fasste danach, um es zu wecken, und als sie seine Haare berührte, war sie erstaunt, denn sie waren so weich und zart wie nichts, was sie kannte. Alles, was sie kannte, waren die Leere und die gestaltlosen Träume, die die Ersten Drei vor dem Erwachen hatten. Marsqa strich mit den Fingern durch Sravi’as’ Haar, und es fühlte sich gut an, und so fasste sie danach und nahm eine Strähne in die Hand, und das Haar löste sich von Sravi’as’ Kopf.

Marsqa hob das Gespinst vor ihre Augen. Es schillerte in allen sichtbaren und unsichtbaren Farben der Welt, und es war das Schönste, was sie je gesehen hatte, schöner als jeder Traum und geheimnisvoller, denn es war Haar von Sravi’as’ Kopf, und Sravi’as ist das Geheimnisvolle. Sie begann, es zu formen und zu flechten. Schnell merkte sie, dass sie ihm jede beliebige Form geben konnte, und vertieft in ihr Spiel vergaß sie die Langeweile.

Bilder aus ihren gestaltlosen Träumen kamen ihr zurück, und sie versuchte, sie aus dem Haar Sravi’as’ zu formen. Doch die Träume waren gestaltlos, und sie vermochte sie nicht zu fassen. Da versuchte sie, etwas Neues zu machen, und bald waren ihre Hände angefüllt mit den schönsten Gestalten, und hätte ein Weiser dieses Gespinst gesehen, so hätte er darin schon alles erkennen können, das Wasser und den Himmel und alles dazwischen; doch die Weisen unter den Zweiten und den Dritten Göttern und den Menschen waren noch nicht geschaffen, und so konnte niemand es sehen als nur Marsqa, die Schöpferin. Denn auch Orzunnu, der Verbinder, und Sravi’as, das Geheimnisvolle, schliefen noch und waren noch nicht erwacht.

Marsqa betrachtete, was sie gemacht hatte, und es gefiel ihr, denn es war schön und geheimnisvoll. Und sie sah, wie man alles zusammenfügen könnte, dass es ein Ganzes gäbe, einen Himmel und darunter Wasser und dazwischen Platz für all ihre Gestalten, und sie wollte es gerne verbinden, doch wie sie es auch versuchte, es fiel auseinander. Da setzte sie sich hin und weinte, und ihr Weinen weckte Orzunnu, und er fragte sie: "Schwester, warum weinst du?"

Und Marsqa zeigte ihm die Gestalten, die sie geschaffen hatte aus Sravi’as’ Haar, und erklärte, wie sie zusammengefügt werden müssten, um ein Ganzes zu geben, doch was sie auch tat, alles fiel immer wieder auseinander. Da sah Orzunnu, woran es fehlte, und er gab Marsqa eine Mitte für ihre Schöpfung. Und als sie die Gestalten um die Mitte herum anordneten, da fielen sie nicht mehr auseinander, und das Gebilde war schön.

Doch es fehlte noch immer etwas an Marsqas Schöpfung, und lange dachte sie darüber nach, was das sei, und ihre Gedanken kreisten immer wieder um das, was sie geschaffen hatte und wie alles seinen Platz bekäme. Und auch Orzunnus Gedanken kreisten um die neue Schöpfung, und weil die Ersten Drei Geschwister waren und eng verbunden, begannen auch die Träume, die Sravi’as träumte, Gestalt anzunehmen und um die neue Welt zu kreisen, und die Gedanken und Träume der Drei legten sich um die Mitte und gaben der Welt einen Grund, auf dem sie wachsen konnte. Als Orzunnu sah, wie ihre Gedanken und Träume Gestalt annahmen und um die Mitte kreisten, da verband er sie mit der Mitte und der Welt, damit es nicht auseinander fiele. Und Marsqa sah, was ihrer aller Gedanken vermochten, und es war schön.

Mit Freude betrachtete Marsqa das Gespinst, das sie aus Sravi’as’ Haaren gemacht hatte und das Orzunnu verbunden hatte. Doch bald schon sah sie, dass es zwar schön war und geheimnisvoll, doch ihm fehlte noch immer etwas, und sie überlegte, was das sei. Und bald schon sah sie, dass die Gedanken der Ersten Drei zwar um die Mitte kreisten und mit der Welt verbunden waren, doch die Welt selber war tot und unbeweglich. Das Wasser wogte nicht, der Himmel floss nicht, und alles dazwischen war starr in seiner Schönheit. Und sie setzte sich hin und weinte.

Marsqa setzte sich hin und weinte, und ihr Weinen weckte Sravi’as, und es fragte sie: "Schwester, warum weinst du?"

Und Marsqa zeigte ihm die Welt, die sie aus seinem Haar geschaffen und mit Orzunnus Hilfe zu einem Ganzen gemacht hatte, und sie erklärte, wie viel schöner die Welt wäre, wäre alles so lebendig wie die Gedanken der Ersten Götter, die um die Mitte kreisten. Da sah Sravi’as, woran es fehlte, und es hauchte in das Gespinst, und die Welt füllte sich mit Magie; und wo die Elemente sich verbanden, da entstand Leben, und die Welt bewegte sich. Doch die Elemente fielen rasch wieder auseinander, und sie wollten nicht beieinander bleiben, und das Leben flackerte auf und erlosch wieder, und Marsqa und Sravi’as wurden traurig. Da sah Orzunnu, dass seine Geschwister traurig waren, und er wollte ihnen helfen. Und er gab der Welt Wurzeln, mit denen sie sich ernähren konnte, und die Wurzeln wuchsen in die Tiefe und verbanden die Elemente miteinander und bildeten darunter einen Grund. Nun, da die Elemente verbunden waren und sich überall berührten, entstand wieder Leben, und die Welt bewegte sich. Das Wasser wogte, und der Himmel floss, und Licht und Dunkel gaben der Welt Tage und Nächte. Die Gestalten, die Marsqa geformt hatte, erwachten und wuchsen, und sie lebten und starben und gaben neues Leben, und alles war voller Bewegung und Schönheit, und nun sahen Marsqa, die Schöpferin, Orzunnu, der Verbinder, und Sravi’as, das Geheimnisvolle, dass es gut war, und sie liebten ihre Welt und behüteten sie in der großen Leere, die alles umgibt.

Damit die Welt immer im Gleichgewicht sei, schufen sie die Zweiten Götter, und sie gaben einem jeden ein Element, das er hüten und hegen möge. Damit das Leben immer in Fülle sei, schufen sie die Dritten Götter, die in allem Lebendigen sind; und wenn man einen der Dritten Götter isst, so gibt er einem Leben, und wenn man einen der Dritten Götter sinnlos zerstört, so nimmt er einem Leben, und deshalb muss man vorsichtig sein und die Dritten Götter mit Respekt behandeln.

Und Marsqa, Orzunnu und Sravi’as sahen, dass es gut war, und liebten die Welt sehr, und sie sprachen einander von der Schönheit der Welt. Doch sie waren nur Drei, und sie sehnten sich danach, die Schönheit der Welt zu teilen. Sie sprachen mit den Späteren Göttern davon, doch die Zweiten und Dritten Götter verstanden nicht, was Schönheit war. Und Orzunnu und Sravi’as waren enttäuscht und traurig. Da sah Marsqa, woran es fehlte, und zuletzt von allem schuf sie die Menschen. Und sie unterschieden sich von den Zweiten Göttern, denn sie waren schwächer und ein Teil des Lebens und Sterbens der Welt wie die Dritten Götter. Und sie unterschieden sich von den Dritten Göttern, denn sie hatten Gedanken, aus denen sie selber Neues schaffen können, und manche sagen, sie wären Marsqa am Ähnlichsten. Und die Aufgabe der Menschen war, die Welt in ihrer Schönheit zu sehen und zu lieben, wie die Ersten Drei sie liebten, und sie schufen Lieder zu Ehren der Welt und aller Götter.

Und mit der Bewegung der Welt entstand auch die Zeit, und während die Zeit verging, wachten die Götter und schliefen die Götter, und ihre Träume wuchsen entlang der Wurzeln und tiefer und tiefer in die Welt, und sie berührten die Gedanken der Ersten Drei. Und als die Menschen geschaffen waren, da wachten auch sie und schliefen auch sie, und ihre Träume wuchsen entlang der Wurzeln, bis sie die Träume der Zweiten und Dritten Götter berührten; und manche sagen, dass die Träume der Weisen noch tiefer gelangen.

Und so wurde die Welt geschaffen von Marsqa, mit allem was darin ist, und alles hält zusammen durch Orzunnu, den Verbinder; die Substanz aber, aus der alles besteht, ist das Geheimnisvolle, denn die Welt wurde gewoben aus dem Haar von Sravi’as.

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Genres:
* Prosa * Märchen *


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