Julia

Die Luft flimmerte in der Hitze und ließ den Horizont mit dem Himmel verschmelzen. Der Junge beugte sich tiefer über sein Motorrad. Goldener Staub wirbelte hinter ihm auf, verstärkte die Illusion, durch ein dimensionsloses Nichts zu fahren. Er wusste nicht mehr, wie lange er schon unterwegs war, ebenso wenig, wie lange er noch brauchen würde – nur lange, so lange – aber er wusste, was ihn am Ende dieser Straße erwartete, und das allein zählte, das allein gab ihm die Kraft.

Julia, dachte er. Ich komme.

Julia.

Und das Motorrad trug ihn vorwärts.

Und der Staub verschluckte, was hinter ihm lag.

Und die Sonne verschmolz den Horizont mit dem Himmel und löste alle Formen auf, wolkenloses Blau und baumloses Braun und die Gestalt einer jungen Frau zu Fuß auf der Autobahn.

Er bremste abrupt. Die schwere Maschine geriet ins Schleudern, drohte zu kippen und ihn unter sich zu begraben. Endlich brachte er sie sicher zum Stehen. Er klappte das Visier seines Schutzhelmes hoch. Langsam legte sich der aufgewirbelte Staub. Aus dem glitzernden Schimmer löste sich die dunkle Gestalt, kam ruhig auf ihn zu, als sei nichts geschehen. Er hustete. Sie lächelte.

Sie hatte ihn erreicht und blieb stehen. Er musterte sie. Ihre milchkaffeefarbene Haut war staubbedeckt. An den Schläfen hatte der Schweiß feine Streifen in die Kruste gezeichnet. Ihre Kleider und der Rucksack, der halb unter ihrem langen schwarzen Haar verborgen war, sahen alt und zerlumpt aus, aber sie trug sie mit einer Würde, als wären es die Roben einer Hohepriesterin. Dann trafen seine blauen Augen den Blick aus ihren grünen, und sein Mund öffnete sich, und er hörte seine Stimme...

"Soll ich dich ein Stück mitnehmen?"

Sie lächelte immer noch, aber nicht mehr so herausfordernd, sondern dankbar, beinahe überrascht. Dann nickte sie leicht.

"Gerne." Ihre Stimme war rau, als wäre sie zu lange nicht benutzt worden.

"Wohin willst du denn?", erkundigte er sich, während er das Motorrad wieder in Position brachte.

"Nach NeoTokyo."

Er drehte sich verblüfft zu ihr um. "Nach NeoTokyo? Zu Fuß? Dann wärst du ja noch wochenlang unterwegs!"

Sie zuckte mit den Schultern und schwang sich hinter ihm auf den Sitz. "Das bin ich schon."

Er wollte noch etwas fragen, aber dann legte sie ihre Arme um seine Taille und lehnte sich an seinen Rücken, und zu seinem Erstaunen merkte er, wie er den Motor startete und losfuhr.

Die lange, leere Straße beruhigte ihn, und nachdem sie eine Weile durch die Unendlichkeit gefahren waren, glätteten sich seine aufgewühlten Gedanken, und das Beunruhigende, das ihre Augen in ihm aufgestört hatten, sank wieder nach unten und war nur noch ein kleiner, dunkler Stein in seinem Magen. Er konzentrierte sich auf die Straße, auf das immer gleiche graue Band, auf dem sie vorwärts glitten, ohne eine sichtbare Entfernung zu überwinden.

Ihr Schatten eilte ihnen voraus, länger und immer länger, und schließlich spürte er, wie die Müdigkeit seine Konzentration auffraß, und er hielt an, langsamer diesmal und vorsichtiger.

Sie stieg als erste ab und sah ihn an. Er versuchte ihren Blick zu lesen, aber die Dämmerung hüllte ihr Gesicht in eine schwarze Maske. Nur das Grün ihrer Augen schimmerte. Er schluckte trocken. Dann nahm er den Helm ab.

"Wir müssen Pause machen... Morgen nehme ich dich gerne noch ein Stück mit." Sie schwieg, und er fühlte sich genötigt hinzuzusetzen: "Ich fahre auch nach NeoTokyo." Er glaubte sie lächeln zu sehen, aber er war nicht sicher. Sie nickte kaum merklich und setzte den Rucksack ab.

Er beobachtete sie. Sie war dünner als Julia, beinahe mager... kein Wunder, wenn sie schon seit Tagen durch diese Einöde wanderte. Hier gab es nichts, keine Städte, keine Dörfer, nicht einmal eine einsame Raststätte auf Meilen hinaus. Mit dem Motorrad war er zuletzt am frühen Morgen aus einem winzigen Kaff gestartet. Dort musste sie vor einer Woche vorbeigekommen sein... wenn sie denselben Weg gegangen war.

"Woher kommst du eigentlich?"

Sie sah ihn unergründlich an. Als er schon dachte, sie würde nicht mehr antworten, sagte sie langsam: "Aus einer anderen Welt." Er blickte zu Boden. Es war leicht, ihr das zu glauben, mit diesen feengrünen Augen und der Aura von Abwesenheit. Er hatte sich schon unterwegs gefragt, ob sie nur Einbildung war, eine Fata Morgana der Autobahn. Doch dann hatte er nach unten geblickt und ihre schmalen Hände an seinem Bauch gesehen, die schmutzigen Nägel und die seltsamen Pigmentflecken an ihrer Linken.

Und jetzt, da er ihr gegenüber stand, erschien sie ihm beinahe realer als seine Julia.

Die Erinnerung hatte alle Ecken und Kanten abgeschliffen, merkte er nun. Julia hatte keine Schweißflecken unter den Armen, keine durchgelaufenen Turnschuhe, keinen Schorf auf der fadenscheinigen Jeans. In seiner Sehnsucht hatte er sie zu einer perfekten Frau stilisiert, und zum ersten Mal fragte er sich, ob das überirdische Bild, das er so liebte, noch etwas mit der Frau aus Fleisch und Blut zu tun hatte, die er in NeoTokyo einzuholen hoffte.

Und die Fremde, die ihm gegenüber stand, war so nah, so anfassbar, dass er erst jetzt merkte, wie einsam ihn seine Liebe gemacht hatte.

Er legte den Helm ab, den er die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte, und wandte sich von ihr ab.

"Hast du Durst?" Er zog eine Plastikflasche aus der Satteltasche. Sie griff ein wenig zu hastig danach. Noch in der Bewegung schien sie es zu merken und bremste sich. Er musste grinsen. Ja, sie war menschlich. "Trink ruhig", forderte er sie auf. Wie lange war sie wohl schon in dieser Hitze unterwegs?

Nachdem sie die Flasche mit einem Zug zur Hälfte geleert hatte, reichte sie sie mit einem verlegenen Lächeln zurück. "Tut mir leid", entschuldigte sie sich. "Ich... war durstig."

"Kein Problem." Er nahm auch einen Schluck. Der Flaschenrand schmeckte nach ihren Lippen. "Ich hab noch mehr dabei, und morgen müssten wir an einer Raststätte vorbeikommen." Er trank noch einmal und gab ihr die Flasche ein zweites Mal. "Mach ruhig leer. Sag mal, wie heißt du eigentlich?"

Diesmal trank sie langsamer. Er konnte sehen, dass sie ihn dabei nicht aus den Augen ließ.

Endlich setzte sie die Flasche ab. "Ix B’alam", antwortete sie und sah ihn dabei seltsam herausfordernd an. "Ich heiße Ix B’alam."

"Ungewöhnlicher Name", er musterte sie, doch schließlich zuckte er mit den Schultern. "Ich bin Marek." Sie hob eine Augenbraue, sagte aber nichts.

"Und was suchst du in NeoTokyo?", fragte er nach einer ungemütlichen Pause, um das Gespräch in Gang zu halten. Sie lächelte – traurig? zynisch? spöttisch?

"Eine Zukunft", antwortete sie schließlich. "Und du?"

"Eine Vergangenheit", gab er zu. Die Sonne hatte sich inzwischen auf dem Horizont niedergelassen und tauchte alles in ein letztes, blutiges Licht. Ix B’alam setzte sich auf den Boden. Marek ließ sich ebenfalls nieder und lehnte sich an sein Motorrad. Der Boden war hart und staubig, aber er hatte sich inzwischen daran gewöhnt. Er erinnerte sich kaum mehr daran, wie sich ein Bett anfühlte.

"Eine Vergangenheit... was für ein Mensch fährt tagelang durchs Nichts auf der Suche nach einer Vergangenheit?" Machte sie sich lustig über ihn, oder interessierte sie das wirklich?

"Ich... suche jemanden... ich möchte jemanden wiederfinden", erklärte er. Die Sonne stand genau hinter ihr und machte ihr Gesicht unlesbar. Er redete weiter. Die Worte stolperten aus seinem Mund, als wären sie auf der Flucht. "Sie war... ist... meine große Liebe. Ich... wir kennen uns schon seit wir Kinder sind... sie ist die schönste Frau der Welt. Sie hat genau solche grünen Augen wie du..." Er wusste, dass er sich gerade um Kopf und Kragen redete, aber er konnte nicht aufhören. "Ich denke Tag und Nacht an sie. Ich vermisse sie... Komisch, oder? Sie ist vor drei Jahren weggegangen. Ich dachte, ich müsste darüber hinwegkommen... aber es ist nicht besser geworden. Im Gegenteil. Ich weiß jetzt, dass sie die einzige Liebe meines Lebens ist. Und deshalb bin ich jetzt unterwegs", schloss er. "Um sie zurückzuholen."

Ix B’alam musterte ihn lange schweigend.

"Was lässt dich glauben, dass sie zurückgeholt werden will?"

"Ich... liebe sie", antwortete er. "Und sie liebt mich... zumindest damals liebte sie mich. Wir haben uns jeder den Namen des anderen eintätowiert. Damit wir uns immer am Herzen tragen..." Er öffnete sein Hemd, und im ersten Licht des Mondes las sie die verschlungenen Buchstaben: Julia.

"Warum ist sie dann gegangen?"

"Ich... weiß nicht... sie... sah keine Zukunft für sich", brachte er stockend hervor. "Sie wollte nach NeoTokyo, um dort Karriere zu machen. Sie ist Sängerin", erklärte er, und sie hörte den Stolz und die Zärtlichkeit in seiner Stimme. "Wir kommen aus einer Kleinstadt... mitten im Nirgendwo... sie hatte keine Chance. Aber in NeoTokyo wollte sie entdeckt werden."

"Und dann willst du sie zurückholen?"

"Naja... ich... kann ja auch bei ihr bleiben."

"Ist sie denn schon... entdeckt worden?"

"Ich weiß es nicht", gab er zu.

"Hast du sie nicht gefragt?"

"Ich... wir haben keinen Kontakt mehr. Ich habe ihr geschrieben... aber irgendwann kamen die Briefe alle zurück. Unbekannt verzogen, hieß es. Ich habe immer gehofft, sie würde mir von ihrer neuen Adresse zurückschreiben... Aber es kam nie etwas. Jetzt will ich sie selber suchen."

"Vielleicht will sie nicht gefunden werden."

Er starrte sie an. Ihre grünen Augen, Julias Augen, spiegelten das Mondlicht. Ihre Worte, so leicht gesprochen, trafen ihn wie Schläge. Hatte sie Recht? Wollte Julia nichts mehr von ihm wissen? Hatte er all die Jahre auf seine große Liebe gewartet, während die ihn längst vergessen hatte? Vielleicht hatte sie es schon längst geschafft, hatte erreicht, was sie immer haben wollte, und er war für sie nur eine abgelegte Kindheitserinnerung. Sicher umgab sie sich lieber mit reichen und berühmten Männern, nicht mit einem Loser aus einer Kleinstadt... aber...

"Sie trägt mich doch an ihrem Herzen... Ich muss mit ihr sprechen. Wenn sie mich nicht mehr sehen will, dann kann sie es mir sagen, und ich verschwinde aus ihrem Leben. Aber ich muss sie wenigstens noch einmal sehen. Wenigstens noch einmal", wiederholte er.

Ix B’alam schnaubte leise. "Ihr seid alle gleich... ihr könnt nicht loslassen", flüsterte sie. Marek schaute sie an. "Wie meinst du das?"

"Oh, vergiss es. Ich bin müde, ich möchte schlafen." Sie legte sich auf den Boden und drehte ihm demonstrativ den Rücken zu.

"Ja, natürlich... Entschuldige bitte", murmelte er und stand noch einmal auf. "Ich habe eine Decke, möchtest du...?"

Sie antwortete nicht. Er stand über ihr, die Decke in den Händen, und betrachtete sie. Was hatte er getan, dass sie so verletzt reagiert hatte? Hatte er etwas Falsches gesagt? Langsam faltete er die Decke auf. Sie tat ihm leid, wie sie so dalag, zusammengerollt auf dem harten Boden. Wann hatte sie wohl das letzte Mal in einem richtigen Bett geschlafen? Wann eine warme Mahlzeit gehabt? Sie sah schrecklich mager aus. Er breitete die Decke über sie. Ihm würde eine unbequeme Nacht weniger ausmachen als ihr.

Als sie spürte, wie Marek sich ein Stück neben ihr hinlegte, öffnete Ix B’alam die Augen. Sie tastete nach der Decke.

"Danke", flüsterte sie. Sie drehte sich zu ihm um. Er hatte die Augen geschlossen, aber sie sah, dass er lächelte.

Am nächsten Morgen weckte die Sonne sie auf. Ix B’alam streckte sich. Dann setzte sie sich auf und warf die Decke ab. Ein Hauch von Tau lag über dem Staub und ließ den Boden verheißungsvoll glitzern.

Jetzt setzte sich auch Marek auf. Er blinzelte in die Sonne. Dann stand er mit steifen Beinen auf. "Guten Morgen, Ixb...", seine Zunge stolperte über den ungewohnten Namen. "Guten Morgen", meinte er schließlich mit einem verlegenen Lächeln.

"Guten Morgen, Marek", antwortete sie und stand ebenfalls auf. "Vielen Dank für die Decke... das wäre nicht nötig gewesen. Aber es war nett."

Er zuckte mit den Achseln. "Kein Problem. Willst du noch was trinken oder dich irgendwie frisch machen? Hier ist noch ne Flasche Wasser. Ich werd mich mal etwas erleichtern", er errötete tatsächlich, wie sie amüsiert feststellte, "und dann können wir weiterfahren."

Sie nickte. Er ging ein paar Schritte weg, schaute sich unsicher zu ihr um, und als sie ihm den Rücken zuwandte, verrichtete er hastig sein Geschäft. Als er zurückkam, hatte sie bereits getrunken und sich mit einer Handvoll Wasser das Gesicht gewaschen. In ihren Augenwinkeln und am Haaransatz klebte noch immer eine dunkelgraue Kruste, aber an ihr fand er das nicht abstoßend.

"Musst du auch...? Ich kann mich wegdrehen..."

"Danke... aber nein."

"Gut... dann wollen wir mal wieder."

Den ganzen Vormittag über schien ihnen die Sonne ins Gesicht. Ix B’alam war froh, sich einfach an Mareks Rücken lehnen zu können. Sie schloss die Augen. Der Fahrtwind zerrte an ihren Haaren und peitschte auf ihre bloßen Arme ein, doch sie genoss die Kühle nach dem erhitzten Wandern der letzten Tage. Ob Marek sie wohl bis zum Stadtrand mitnehmen würde?

Um die Mittagszeit tauchten die ersten Schilder am Straßenrand auf, und wenig später bog Marek in eine Ausfahrt. Er brachte das Motorrad neben einer Tanksäule zum Stehen.

"Willst du schon mal rein, dir was zu Essen holen?", erkundigte er sich, nachdem sie abgestiegen waren. Ix B’alam schüttelte den Kopf.

"Ich habe kein Geld", erklärte sie.

"Oh", machte Marek. Dann kramte er in seiner Hosentasche. "Hier, ich lad dich ein. Bestell mir auch was, ich hab tierischen Hunger." Als sie das Geld entgegennahm, berührten sich ihre Finger für einen Augenblick. Marek hätte gern ihre Hand genommen. Wann hatte er das letzte Mal jemandes Hand gehalten? Vor drei Jahren, die Hände von Julias Mutter. Er war bei ihr gewesen, um ihr Julias ersten Brief aus NeoTokyo zu zeigen. Sie hatte geweint, und ihre Finger waren rund und weich gewesen wie roher Teig.

Ix B’alam sah nicht aus, als ob sie jemals weinen würde, und ihre Finger waren schlank und fest, nicht so gepflegt wie Julias, aber sie fühlten sich an, als könnten sie jemanden festhalten, der einsam war. Sie nahm das Geld und betrat die Raststätte.

Erst als sie schon in der Tür stand, fiel ihr ein, dass sie hätte fragen sollen, was er wollte. Doch es gab sowieso nur ein Gericht, einen Eintopf, der so farb- und formlos wie die Landschaft draußen war und ihr von einem gelangweilt blickenden Mann im Unterhemd über die Theke geschoben wurde. Er pickte die verlangten Münzen von ihrer Handfläche. Sie wechselten kein Wort.

Kurz nachdem sie sich mit den beiden Tellern an einen der hässlichen Plastiktische gesetzt hatte, erschien auch Marek. Er fand sie sofort zwischen den leeren Tischen und setzte sich zu ihr.

"Danke", sagten sie gleichzeitig und mussten dann lachen.

Ix B’alam aß gierig. Marek musterte sie immer wieder. Sie schien tatsächlich seit Tagen nichts mehr zu sich genommen zu haben. Nun stürzte sie sich auf das geschmacklose Essen wie eine Raubkatze auf ihre Beute. Er selbst aß langsamer, mit weniger Appetit. Nach einem halben Teller der undefinierbaren Pampe war er satt. Er schob den Rest von sich weg. Ix B’alam sah hungrig auf den halbvollen Teller. Er nickte ihr zu, und schon verschwand auch das letzte Essen in ihrem Mund.

Anschließend legte sie verlegen den Kopf schief. "Es tut mir leid, dass ich so gierig war." Ihre Stimme war weicher geworden. Satt schnurrte sie beinahe.

"Kein Problem", lächelte er. "Du warst wohl sehr hungrig?"

Sie nickte, und er legte eine Hand auf ihre Hand, die noch auf dem Tisch ruhte. Sie zuckte ein wenig zusammen, zog den Arm aber nicht weg. Eine Weile saßen sie so da und sahen sich stumm in die Augen. Dann stand er langsam auf.

"Wir sollten die Wasserflaschen nachfüllen und uns wieder auf den Weg machen", meinte er. Sie nickte nur und folgte ihm.

Abends hielten sie wieder irgendwo am Straßenrand. Diesmal breitete er die Decke unter ihnen beiden aus. Als Ix B’alam sich neben ihn setzte, legte er ihr einen Arm um die Hüfte. Sie sah ihn nicht an, aber sie wehrte sich auch nicht. Er reichte ihr die Wasserflasche. Sie trank langsam, bedächtig. Dann reichte sie ihm die Flasche zurück.

Er nahm sie, trank aber nicht. "Du erinnerst mich an sie", gab er leise zu. Das hatte er eigentlich nicht sagen wollen, aber nun war es zu spät. Er warf ihr einen Blick zu.

Sie sah ihn immer noch nicht an. Seine eine Hand spielte mit dem Flaschendeckel, schraubte ihn fest, lockerte ihn wieder. Die andere begann zaghaft, ihre Hüfte zu streicheln. Ix B’alam spannte sich an, entspannte dann. Er setzte die Wasserflasche ab und fasste mit der anderen Hand nach ihrem Gesicht. Sanft drehte er es zur Seite. Sie wehrte sich nicht.

"Du bist schön", flüsterte er. Dann küsste er sie behutsam. Sie schmeckte nach Salz und Staub.

"Was ist mit Julia?", fragte sie, als er sich von ihr löste.

"Was ist mit dir?", fragte er zurück. Sie lächelte müde, mit halbgeschlossenen Lidern, und neigte sich wieder ihm zu. Ihre Lippen öffneten sich seinen. Der kleine dunkle Stein in seinem Magen löste sich in etwas Warmem auf.

Er streichelte ihre Wange, ihren Hals. Sie legte einen Arm um ihn. Ihre Finger schlichen unter sein Hemd, in seine Hose. Während die Sonne und der Mond ihre Plätze in einer uralten Choreographie tauschten, tanzten die beiden Menschen ihren eigenen Tanz, jünger als der der Gestirne, weniger elegant, aber doch genauso selbstverständlich.

Sie lösten sich für einen Moment voneinander, um sich ihrer Kleider zu entledigen. Er ließ seine Hände über ihren Körper wandern, spürte die Weichheit ihrer Brüste, die harten Rippen, die durch ihre Haut stachen, ihren festen Bauch. Sie fuhr mit einer Fingerspitze sein Tattoo nach. Dann küsste er sie wieder, und sie schlang die Arme um ihn und ließ sich auf den Rücken sinken.

Er folgte ihrer Bewegung. Sie öffnete die Schenkel und hieß ihn willkommen, und unter den gleichgültigen Blicken der Sterne versuchten sie, ihre Einsamkeit im ältesten aller Rituale zu überwinden.

Danach lagen sie Seite an Seite in der warmen Nacht. Sie sahen einander nicht an.

Marek öffnete den Mund, doch bevor er etwas sagen konnte, spürte er ihre Hand auf seinen Lippen. "Nicht", flüsterte sie. "Du wolltest es doch."

Er drehte ihr den Kopf zu. "Wolltest du es nicht?", murmelte er durch ihre Finger. Sie sah ihm nicht in die Augen. Als er wieder zu sprechen ansetzte, fühlte er ihre Hand zwischen seinen Beinen. Sie kniete sich über ihn, und als er in Julias Augen blickte, wusste er nicht mehr, was er hatte sagen wollen, sagen können. Alles war Augenblick.

Ix B’alam ritt ihn noch einmal, bis er kam, mit geschlossenen Augen, ohne den Dolch in ihrer Hand zu sehen. Dann stieß sie zu. Seine Schreie mischten sich und stiegen in den unbeeindruckten Nachthimmel. Nur der Vollmond wandte sich ein bisschen ab, beschämt vielleicht oder auch nur peinlich berührt, oder es war eine Wolke.

Ein letztes Mal öffnete Marek die Augen, und Ix B’alam las die drei Fragen darin, die einzigen, die ihm noch wichtig waren.

"Weil du auch nur ein Mann bist und ich keine Wahl habe", antwortete sie. "Weil ich dir etwas schuldig war. Und... ich weiß nicht, ob sie an dich denkt, und du wirst es nicht mehr erfahren." Dann riss sie ihm das Herz heraus.

Schade, dachte sie am nächsten Morgen. Jetzt muss ich wieder zu Fuß gehen.

Wenige Tage später hielt ein Auto in einem der zwielichtigeren Viertel von NeoTokyo.

"Und du bist sicher, dass du hierhin willst, Kleine?"

Ix B’alam zuckte mit den Schultern und stieg aus. "Hier ist ein Anfang", meinte sie leichthin. "Kein Ende."

"Na, du musst es wissen", brummte der Fahrer, als sie die Tür zuschlug und ein paar Schritte vom Straßenrand weg machte. Er warf ihr noch einen letzten Blick zu, während sie sich zu orientieren versuchte, und gab dann Gas.

Ix B’alam betrachtete das Haus, vor dem der Mann sie abgesetzt hatte. Jetzt, am Tag, waren die roten Lampen in den Fenstern ausgeschaltet, aber die kleine Bar im Erdgeschoss war offen. Sie schulterte ihren Rucksack und trat ein. Die Stühle waren auf die kleinen Tische gestellt, und der Raum war leer bis auf eine blondgefärbte junge Frau, die am Tresen lehnte und mit einem Strohhalm in ihrem Drink stocherte. Ix B’alam ging auf sie zu, und die Frau sah auf.

"Willkommen, Fremde. Wir haben nicht geöffnet... und ich bezweifle auch, dass wir hier haben, was du suchst."

"Ich suche Arbeit", stellte Ix B’alam klar.

"Welche Art von Arbeit? Wir brauchen keine Kellnerinnen mehr."

"Ich will nicht kellnern." Sie schaute die andere herausfordernd an. "Ich will oben arbeiten."

Die Blondine musterte sie aus kühlen grünen Augen. Dann verzog sie das Gesicht zu einem Lächeln. "Du bist die erste, die hierher kommt, weil sie das will", stellte sie nicht unfreundlich fest. "Ich werde dich nicht fragen warum... manche Geschichten werden besser nicht erzählt. Willkommen, Kollegin."

"Ist das hier dein Laden?", erkundigte sich Ix B’alam überrascht.

"Nein... aber gestern ist ein Mädchen... unpässlich geworden, deshalb bin ich sicher, dass die Chefin dich nicht wegschickt. Aber du kannst sie selbst fragen, sie müsste", sie warf einen Blick auf die verkratzte Uhr über dem Eingang, "in ner halben Stunde zurück sein. Erschrick nicht, sie ist n ziemlicher Drachen, aber sie ist fair. Und sie hat mir das Leben gerettet, als ich so am Ende war, dass ich mich nicht mal traute, die Liebe meines Lebens um Hilfe zu bitten... Aber das interessiert dich sicher nicht. Ich bin nur froh, dass er mich heute nicht so sehen kann..." Ihr Blick verdüsterte sich, und sie zerknickte den Strohhalm in ihren Fingern, ohne es recht zu bemerken.

Dann riss sie den Kopf wieder hoch, dass die blonden Strähnen nach hinten flogen, und strahlte Ix B’alam an. "Aber das ist Vergangenheit, und wen interessiert schon die Vergangenheit? Ups", der Strohhalm rutschte aus ihren Fingern und fiel zu Boden. "Sag mal, wie heißt du eigentlich?"

"Ich..." Ix B’alam stockte. Sie fand die geschwätzige Blondine nicht unsympathisch, aber das hieß nicht, dass sie ihr vertrauen konnte. Sie brauchte einen neuen Namen... passend zu einem neuen Leben. Eine nackte Brust tauchte vor ihrem inneren Auge auf, bleich und blutüberströmt, und darauf die schwarzen Lettern...

"Julia", antwortete sie. "Ich heiße Julia."

"Das ist ja lustig", meinte das andere Mädchen. "Ich heiße auch Julia." Sie bückte sich, um ihren Strohhalm aufzuheben, und Ix B’alam sah auf ihrer halbentblößten Brust ein großes, verschlungenes M aufblitzen.

hoch

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