Die Fabel vom Holzwurm und vom Schmetterling

Es war einmal ein kleiner Holzwurm, der wollte hoch hinaus.

"Wenn ich groß bin", sagte er, "werde ich ein Schmetterling!"

Seine Kameraden lachten ihn aus: "Was willst du, dummer Holzwurm? Du wirst immer ein Wurm bleiben. Schmetterling werden ist nichts für solche wie uns!"

Da wurde der kleine Holzwurm traurig und kroch heim zu seiner Mutter. "Ach, Mama", seufzte er, "die anderen lachen mich alle aus. Und nur, weil ich ein Schmetterling werden will!"

Seine Mutter schüttelte nur den Kopf. "Was du wieder für Ideen hast. Hast du Hunger? Hier ist noch ein Stück Lamperie."

Doch der kleine Holzwurm wollte nichts essen. Er wollte verstanden werden, doch nicht einmal seine eigene Mutter nahm seine Träume ernst! Traurig schlich er sich nach draußen, setzte sich auf einen Ast und beobachtete die Schmetterlinge, die durch den Wald flatterten.

"So wie ihr möchte ich sein", rief er ihnen zu, "bunt und frei, so schön und süß wie ein Regenbogenlolli und ohne eine Sorge auf der Welt!"

Da ließ sich ein Schmetterling neben ihm nieder. "Warum willst du wie wir werden, kleiner Holzwurm? Du hast doch so ein schönes Leben. Du wohnst sicher und geborgen unter der Rinde deines Baumes. Kein Vogel jagt nach dir, kein Regen macht dich nass, und du lebst lang und sicher."

"Ach, Schmetterling", antwortete der Holzwurm, "das Leben unter der Borke ist langweilig. Immerzu ist es dunkel, und alle Holzwürmer reden immer nur über das Gleiche: Holz, Holz und wieder Holz. Ihr dagegen genießt das Sonnenlicht, ihr seid wunderschön, und ihr fliegt von Blume zu Blume. Euer Leben muss das schönste auf der ganzen Welt sein!"

"Oh, Holzwurm", der Schmetterling schüttelte den Kopf, "wenn du einen Tag in meiner Haut stecken würdest, dann würdest du schon merken, dass du das bessere Los gezogen hast", und so diskutierten sie hin und her und konnten sich nicht einigen, bis plötzlich ein Vogel über ihren Ast flog und – haps, haps – sie alle beide verschluckte.

Als sie wiedergeboren wurden, da begab es sich, dass der Schmetterling ein Buchhalter wurde, mit einem sicheren, aber langweiligen Job. Jeden Morgen zog er die gleiche Krawatte an, und jeden Abend aß er das gleiche Abendbrot. Er lebte in einer dunklen Stadt, in der die Leute immer nur über das Gleiche redeten: Arbeit, Arbeit und wieder Arbeit.

Eines Tages kam der Zirkus in die Stadt, und er ging hin. Die bunte, glitzernde Show verzauberte ihn. Begeistert beklatschte er die mutigen Akrobaten und die lustigen Clowns, und er wünschte sich, er könnte einer von ihnen sein. Doch unter den Akrobaten war einer, der ein besonders buntes Kostüm trug, so schön und süß wie ein Regenbogenlolli, und es begab sich, dass dieser Akrobat der wiedergeborene Holzwurm war. Der ging nach der Vorstellung zurück in seinen Wohnwagen, der kühl war und zugig, und seufzte. Er wünschte, er könnte sein wie sein Publikum, langweilig und in Sicherheit, mit einer festen Wohnung, die sie vor dem Wetter schützte, und einem Beruf, bei dem sie nicht jeden Abend ihre Gesundheit riskierten.

Ach, könnten die beiden sich doch an ihre vorigen Leben erinnern! Sicher gäbe es dann eine Lehre, die sie aus dieser Geschichte ziehen könnten. Doch ach, mit dem Tod und der Wiedergeburt kam die Vergesslichkeit. Und so machen wir in jedem neuen Leben die alten Dummheiten, denn wer seine Fehler vergisst, der kann aus ihnen auch nicht lernen.

hoch

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* Prosa * Märchen *


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