Ohne Titel


Den frischen Almond-Latteccino in der Hand, ließ Malte-Henrik sich in die Polster des szenigen Coffeeshops sinken und starrte missmutig auf den Bildschirm seines crèmeweißen MacBook ultra. Es war gar nicht so leicht, ein berühmter Schriftsteller zu werden. Ja, die vielen Millionen, die er mit den Filmrechten an seinem Bestseller verdienen würde, waren mit viel Schweiß und Arbeit bezahlt. Er nickte gedankenverloren und nippte an seinem Getränk. Eigentlich hasste er Mandelgeschmack, und von Milchprodukten bekam er ziemlich üblen Durchfall, aber in diesem Laden trank jeder Almond-Latteccino, und wie würde das aussehen, wenn er, der angehende Star-Autor, etwas so plebejisches wie einen einfachen Kaffee oder gar – Horrorvorstellung! – einen Früchtetee konsumierte? Das würde ihn automatisch als Spießer deklassieren und seinen Künstlernimbus schwer beschädigen.

Malte-Henrik verzog das Gesicht und zwang einen weiteren Schluck hinunter. Dann nahm er das Starren auf den Bildschirm wieder auf. Wie sollte er einen Bestseller schreiben, wenn ihm das Wichtigste nicht einfiel – der Titel?

Ein Brummen lenkte ihn von seiner kreativen Kontemplation ab. Malte-Henrik sah auf. War das ein ferngesteuertes Flugzeug? Es hatte jedenfalls Flügel, aber es wurde von einer Art Mini-Rakete angetrieben, und es hatte Arme und Beine... Ein Spielzeug schien es jedenfalls zu sein, auch wenn Malte-Henrik sich nicht vorstellen konnte, welche unverantwortlichen Eltern ihrem Gör einen Raketenantrieb geben würden. Aber wie kam es in ein Café – äh, einen Coffeeshop? Malte-Henrik schaute sich um. Der Raketenmann zog einen weiten Bogen über seinen Tisch, kollidierte mit der Deckenlampe und stürzte kopfüber in den Luftbefeuchter an der Heizung.

"Mamaaaaaaaaa! Mein Buzz Lightyear Limited Edition mit Real Rocket Power ist abgestürzt!", plärrte es vom Nachbartisch. Malte-Henrik drehte sich um. Tatsächlich, da saß so ein Blag mit einer Fernbedienung in der Hand, die schokotriefende Pfote in Richtung Luftbefeuchter ausgestreckt, das von Wut und Chocolate-Babyccino rot-weiß-braun gefleckte Gesicht seiner Übermutti zugewandt, die mit links ihr One-Woman-Startup via iPad managte, während sie mit rechts ihren Facebook-Status updatete und gleichzeitig geschickt den Ellbogen zum Umrühren des – natürlich – Almond-Latteccino nutzte und nun, um das greinende Wesen an ihrer Seite zu beruhigen, ohne mit der Arbeit abzusetzen das Spielzeug mit einem Highheel-beschuhten Fuß aus dem Wasser rettete. Malte-Henrik war nicht sicher, ob er sie ob ihrer Multi-Tasking-Fähigkeit bewundern, ob ihrer erfolgreichen Geschäftstätigkeit (oder vielleicht auch nur derer des Erzeuger ihres Ablegers), von der ihre ausgesucht edle Garderobe zeugte, beneiden oder ob der Stimmlage ihres Sprösslings hassen sollte, und entschloss sich schließlich der Einfachheit halber alles gleichzeitig zu tun.

"Augustus-Friedhelm, mein Schatz, sei doch mal leise, Mutti muss arbeiten", flötete die Überfrau. "Und das ist nicht einfach hier, das neue Polster auf diesem Sofa ist furchtbar unbequem." Sie rutschte mit ihrem pilatesgeformten Hintern hin und her, dass das Kunstleder quietschte. "Fuurchtbar ablenkend."

Malte-Henrik verdrehte die Augen. Warum kam sie dann hierher zum Arbeiten, statt in ihrem sündteuren Loft zu bleiben, das sie bestimmt irgendwo in einem ausgebauten Dachgeschoss im Prenzlauer Berg bewohnte? Er für seinen Teil fand die Sofas sehr bequem – sie waren eigentlich der einzige Grund, warum er zum Schreiben immer hierher kam (nun, sie und die Tatsache, dass alle Künstler hierher kamen. Und dass sein Wohnheimzimmer zum Schreiben denkbar ungeeignet war: Zu klein, zu deprimierend, zu laut). Augustus-Friedhelm wurde nun auch laut. "Maaamaaaa, mein Buzz Lightyear Limited Edition mit Real Rocket Power ist kapuuuutt!"

"Ja, Schätzchen, ist gut", antwortete Übermutti, "spiel doch bitte ein bisschen leiser, ja?"

"Aber er ist kapuu-huuutt!", jaulte Klein-Gustel, "mach ihn wieder heile!" Sie seufzte, und Malte-Henrik tat es ihr nach.

"Dann spiel mit was anderem. Hier", sie schob mit dem freien Fuß eine Toys'r'Us-Tasche unter dem Tisch hervor, "such dir was aus. Das ist von Papa, für den vergessenen Geburtstag."

Für eine Weile herrschte himmlische Ruhe, während Augustus in der Tasche wühlte. Malte-Henrik drehte sich erleichtert wieder um und widmete sich erneut dem noch immer höhnisch-leeren Textdokument auf seinem MacBook.

"Hallo! Ich bin der Zauberhut! Setz mich auf, dann erzähl ich dir ein Märchen!", quäkte es neben ihm, und Malte-Henrik fuhr hoch. Augustus-Friedhelm, noch immer schokobeschmiert, grinste ihn an, doch was Malte-Henriks Blick fesselte, war das riesige violette Monstrum auf dem Kopf der kleinen Heulboje.

Augustus-Friedhelm drückte einen Knopf in seinem Hutband, und das Ding quäkte von Neuem: "Hallo! Ich bin der Zauberhut! Setz mich auf, dann erzähl ich dir ein Märchen!"

"Oh mein Gott", stöhnte Malte-Henrik und legte eine Hand über die Augen. Nach einer Minute zog er sie vorsichtig wieder weg, in der Hoffnung, dass die violette Bedrohung verschwunden wäre.

Augustus-Friedhelm grinste noch immer erwartungsvoll.

"Möchtest du nicht zu deiner Mutti gehen, Kleiner?", schlug Malte-Henrik vor, "die sucht dich bestimmt schon."

"Das ist der Zauberhut", entgegnete Klein-Gustel in unverminderter Lautstärke. "Setz ihn auf und erzähl mir ein Märchen!" Er pflückte das Ding von seinem Kopf und streckte es Malte-Henrik so heftig entgegen, dass er fast den Almond-Latteccino umgestoßen hätte. In letzter Sekunde gelang es Malte-Henrik, das Glas am Kippen zu hindern.

"Nee, du, lieber nicht." Oh Gott, was sollte er tun? Er hatte noch nie mit Kindern gekonnt! Wo war die Mutter der Missgeburt?

"Ach herrje, Augustus-Friedhelm, hör dir das an", flötete sie und tätschelte einen Riesenteddybär, der halb aus der Toys'r'Us-Tüte ragte, "Mandy ist gerade die Kürbis-Karotten-Suppe übergekocht. Tja, mit einem Gasherd kochen will eben gelernt sein, was? Ein Glück, dass deine Mutti das besser im Griff hat!" Sie warf den Kopf zurück und unterbrach das Arbeiten-Schrägstrich-Facebooken für einen Augenblick, um sich über die perfekte Frisur zu streichen und mit einer ausladenen Gebärde das Meer aus mütterlichen Verpflichtungen, das sie vor ihrem inneren Auge sah, souverän zu teilen und zu beherrschen.

Malte-Henrik nutzte die Gunst des Augenblicks, um sie anzusprechen: "Ähm, entschuldigen Sie?"

Sie fuhr herum und musterte ihn mit einem Blick, der ihn bis aufs Mark durchleuchtete, einschätzte und seinen Marktwert und potenziellen Klout-Score errechnete. Der Schluss, den sie daraus zog, war wenig schmeichelhaft: "Tut mir leid, ich arbeite. Keine Zeit." Schon wandte sie den Röntgenblick ab und wieder ihrem iPad zu, auf dem ein Icon heftig blinkend ihre Aufmerksamkeit verlangte. Malte-Henrik musste schnell sein.

"Es geht um Augustus-Friedhelm", stieß er hervor, und sogleich richteten sich die Augen mit neuem Misstrauen auf ihn. "Woher kennen Sie den Namen meines Sohnes? Stalken Sie mich?"

"Was? Nein! Aber, äh, Sie haben ihn so genannt. Mehrfach. Und er ist, äh, nein, lass das!", Malte-Henrik riss Klein-Gustel den Almond-Latteccino aus der Hand, bevor der Fratz damit sein MacBook ultra in Wetware verwandeln konnte.

"Was fällt Ihnen ein!", jetzt hatte er die volle Aufmerksamkeit der Übermutter. "Wie reden Sie denn mit meinem Goldschatz? Komm her, Augustus-Friedhelm, geh weg von dem bösen Mann. Hat er dir was getan?" Sie strich ihm über die Haare, ohne die Augen von Malte-Henrik zu nehmen. "Lassen Sie bloß Ihre schmutzigen Finger von meinem Engel!"

Malte-Henrik hob abwehrend die Hände. "Ich habe ihn überhaupt nicht angefasst", verteidigte er sich, doch Augustus-Friedhelm, der seine Chance gekommen sah, Muttis Aufmerksamkeit endlich einmal nicht teilen zu müssen, brach nun in ohrenbetäubendes Heulen aus. "Wäääääh, der böse Mann hat mich gehauen, aua, aua, Mutti, das tut so weeeeeh!"

Mutti drückte Augustus-Friedhelm so fest an sich, dass das gespielte Schmerzgeheul in echtes überging, und richtete die Kamera ihres iPhones wie eine Waffe auf Malte-Henrik. "Ihnen werd ich's zeigen, ein hilfloses Kind zu schlagen! Sie... Sie... Ich werde Sie fertigmachen, jawohl, Ihr Foto kommt auf meine Pinnwand, ich habe dreihundertvierundsiebzig Facebook-Freunde und über eintausend Follower auf Twitter, ich werde Ihnen das Leben zur Hölle machen, einen solchen Shitstorm haben Sie noch nicht erlebt!"

Der Blitz flammte auf, und Malte-Henriks abwehrend nach vorn gestreckte Handfläche landete vollautomatisch in dreihundertvierundsiebzig Neuigkeitenlisten. Im nächsten Augenblick wäre es sicher sein Gesicht gewesen, und sein Internet-Leben hätte ein unrühmliches Ende gefunden – wäre nicht just in diesem Augenblick etwas noch facebookwerteres geschehen: Ein giftgrüner Toyota Prius schleuderte mit quietschenden Reifen quer über die Straße, schrammte die verglaste Front des Coffeeshops und explodierte.

Alle fuhren herum, die Smartphones gezückt, die Kameras auf das brennende Wrack gerichtet, bereit, das Unglück in dutzenden von Varianten auf Youtube zu laden. Die ganz Cleveren hatten schon die App gestartet, die die Szene mit der passenden Musik unterlegte. Auch Übermutti und Klein-Gustel waren gebannt, und Malte-Henrik nutzte die Gelegenheit, sein MacBook zuzuklappen, einzustecken und so unauffällig er konnte den Tisch zu verlassen. Er war dem Rufmord noch einmal entkommen. Doch wohin sollte er nun? Der einzige Ausgang des Cafés war von einer Horde schaulustiger Hobbyfilmer, einem Streifen zerbrochenen Glases und einem explodierten Toyota Prius, der selbst im Sterben noch nach Prätention roch, versperrt. Und nun raste auch noch ein Polizeiauto heran und legte vor der Unfallstelle eine Vollbremsung hin. Uniformierte Beamte sprangen aus dem Wagen wie Clowns aus einem VW-Käfer.

Malte-Henrik musste hier weg.

Hektisch schaute er sich um. Da, zwischen Theke und Toiletten war eine Tür, die er bisher kaum beachtet hatte. Die Baristas filmten ebenso gebannt wie die Gäste, und so bemerkte niemand, wie er in die Spülküche und von dort in den Hinterhof schlüpfte. Der war eng und leer bis auf zwei überquellende Müllcontainer und einen Hundehaufen, der Malte-Henriks Chucks zur Begrüßung liebevoll umfing.

"Scheiße", erkannte er, doch es war niemand da, der seine treffsichere Beobachtung hätte würdigen können. Resigniert wischte er mit dem Fuß über den Rand einer alten Matratze und konnte so zumindest das Gröbste von der Sohle entfernen. Hoffentlich würde das wieder abgehen, die Schuhe waren erst eine halbe Woche alt... Doch eins nach dem anderen, erst einmal musste Malte-Henrik diesem Hof entkommen, bevor die Übermutter und ihr Balg wieder nach ihm suchten. Es gab noch eine andere Tür, und mit dem Mut der Verzweiflung rüttelte Malte-Henrik an ihrer Klinke. Sie war, wie nicht anders zu erwarten, verschlossen. Er trat einen Schritt zurück und drehte sich um die eigene Achse. Gab es noch einen anderen Weg? Eine dritte Tür, ein Kellerfenster, irgendeine Möglichkeit?

Er war schon dran aufzugeben, da geschah das Wunder. Die Tür, die ihn noch eben so harsch abgewiesen hatte, knackte – bewegte sich – sprang auf, und eine aufgebrachte Schar quoll ihm entgegen, Panik im Blick und Buttons an den Brüsten: Bündnis '90/Die Grünen – da müssen wir ran!

Malte-Henrik begriff nicht, woher sie kamen, was sie hier wollten, aber er begriff, dass dies seine Chance war. Rasch wich er der Menge aus, ehe sie ihn erdrücken oder von der rettenden Tür wegspülen konnte, schob sich die Mauer entlang und in einer Lücke zwischen den Flüchtenden in das evakuierende Gebäude. Zwischen einem Weiß-Altpapier- und einem Bunt-Altpapiereimer kauernd wartete er das Versiegen des Flüchtlingsstromes ab. Endlich war der Gang leer. Malte-Henrik wagte sich zwischen den Recycling-Sammelbehältern hervor und ging den gespenstisch stillen Gang entlang. Offene Bürotüren rechts und links seines Weges gaben ihm keinen weiteren Aufschluss als dass hier eine Menge Leute sehr überstürzt ihre Arbeit verlassen hatten, doch als er in den vorderen Teil des Gebäudes kam, den er als das Bürgerbüro der Partei, für die all die angstbebenden Brüste im Hinterhof so eifrig geworben hatten, erkannte, da begriff er: Dies war das Nachbargebäude des Coffeeshops, und die Katastrophe, die die Büroarbeiter nach hinten getrieben, musste dieselbe sein, die die Latteccinotrinker nach vorn gelockt hatte. Neugierig geworden, trat er an die Front des Bürgerbüros. Der rauchende Kühler des Toyota Prius ragte ein Stück weit in sein Gesichtsfeld, doch wenn das Bürgerbüro das Ziel dieses Anschlags gewesen war (und das klang doch etwas plausibler als eine Attacke auf die Almond-Latteccino-Bohème des Coffeeshops), hatte er sein Ziel knapp, aber eben doch gänzlich verfehlt.

Er trat unbehelligt auf die Straße. Inzwischen bildeten die Beamten eine Absperrmauer aus "Gehen Sie weiter" um die Unglücksstelle. Malte-Henrik trat auf einen von ihnen zu.

"Hier gibt es nichts zu sehen", antwortete der Beamte automatisch, bevor Malte-Henrik seine Frage stellen konnte.

"War das ein Attentat? – Ich habe gesehen, wie das Auto explodiert ist", setzte er hinzu, in der Hoffnung, dass das den Polizisten gespächsbereiter machen würde.

"Zu diesem Zeitpunkt können wir keine Aussage machen. Die Ermittlungen laufen. Bitte gehen Sie weiter."

Malte-Henrik überlegte noch, ob er nachhaken oder aufgeben sollte, als aus der anderen Richtung ein Trupp Maskierter auf die Polizisten zustürmte. "Schluss mit dem Ökoterror! Freie Fahrt für freie Bürger! CO2, was ist dabei? Benzin oder Tod!", skandierten sie, schmissen fäustevoll überreifer Tomaten gegen die Fassade des Bürgerbüros und rannten wieder davon, ehe die Polizisten entscheiden konnten, ob es das wert wäre, ihre Kette zu durchbrechen. Der hinterste der Schwarzvermummten hielt noch kurz an, rief: "Wenn Ihnen diese Protestaktion gefallen hat, besuchen Sie uns auf www.benzin-oder-tod.de oder liken Sie uns auf Facebook!" Dann verschwand auch er um eine Ecke.

Malte-Henrik schüttelte den Kopf. Zu was war dieses Land nur gekommen? Den szenigen Coffeeshop konnte er jedenfalls fürs Erste vergessen. Der wäre sicher noch tagelang abgesperrt für polizeiliche Ermittlungen, und sicher war einiges bei diesem Attentat kaputtgegangen und musste ersetzt werden. Nun gut. Heute würde er sowieso nichts mehr schaffen, da konnte er auch heimgehen. Morgen musste er eben als erstes herausfinden, wo man in Zukunft als Künstler einen Almond-Latteccino trank – oder was auch immer das nächste Trendgetränk würde, denn immerhin war die Zerstörung eines Szenetreffs ein bedeutendes Ereignis, das niemanden unberührt lassen und vieles umwälzen würde.

Und dann würde er sich wieder seinem eigentlichen Problem widmen: Wie er sein Meisterwerk nannte. Den großen abendländischen Roman des einundzwanzigsten Jahrhunderts, der die Literatur neu definieren würde. Das Magnum Opus. Die geschriebene Revolution.

War der Titel erst geklärt, könnte er sich mit frischem Mut daran machen herauszufinden, worüber er eigentlich schreiben wollte.

hoch

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Genres:
* Prosa * Humor * Satire *


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