Lebkuchenkrokodile

"Spinnst du? Lebkuchenkrokodile? Das ist ja wohl die bescheuertste Idee, die du je hattest." Michaela stemmte die Hände in die Hüften und schüttelte den Kopf.

Ihr Lehrling Andreas schaute von ihr zu dem Backblech mit seinen kleinen essbaren Kunstwerken. Zuckergussaugen funkelten ihn an, und er musste lächeln. Dann sah er wieder auf und Michaela ins Gesicht. "Aber warum denn? Krokodile sind doch super."

"Aber nicht weihnachtlich! Die Leute kaufen Lebkuchen nun mal zu Weihnachten. Und da wollen sie Sterne und Herzen und-"

"Was ist an Herzen denn bitte weihnachtlich?"

"Ähm...", Michaela stutzte. Dann wischte sie seinen Einwand mit einer Handbewegung fort. "Keine Ahnung. Fest der Liebe, oder so. Jedenfalls will niemand zu Weihnachten Krokodile haben. – Und zu anderen Jahreszeiten auch nicht", schnitt sie ihm das Wort ab, kaum dass er den Mund geöffnet hatte.

"Versteh ich nicht", brummte er enttäuscht. "Dieses doofe Krokodillied war doch auch voll der Hit. Warum nicht meine Krokodillebkuchen? – Können wir es nicht wenigtens versuchen?", fragte er hoffnungsvoll, "nur eine Saison lang. Als Sonderaktion oder so. Limitierte Auflage. Holen Sie sich Ihr Lebkuchenkrokodil, bevor es weg ist." Er sah die Ablehnung in ihren Augen. "Nicht?"

"Kommt gar nicht in die Tüte", schnauzte Michaela, "schlimm genug, dass du eine ganze Ofenladung dafür verschwendet hast. Jetzt schmeiß die Dinger weg oder schenk sie meinetwegen der Tafel, und dann mach wieder die Arbeit, für die ich dich bezahle." Damit drehte sie sich um und verließ die Küche.

Andreas sah ihr enttäuscht nach. Dann schaute er wieder auf seine Lebkuchenkrokodile. Sie waren ihm so gut gelungen! Das fand er zumindest. Und sie waren auf jeden Fall nicht so langweilig wie Lebkuchenherzen und -sterne und -vierecke und -kreise. Die machte schließlich jede Lebkuchenbäckerei! Mit den Krokodilen hätten sie sich von ihren Konkurrenten abheben können – vielleicht hätte er das sagen sollen. Er überlegte, ob er Michaela hinterherlaufen sollte, um ihr das zu erzählen, aber dafür war es wohl schon zu spät. Verdammt. Warum fiel ihm in solchen Situationen nie das Richtige ein?

Langsam, ein Krokodil nach dem anderen, klaubte er sie vom Blech und packte sie in einen Karton. Zum Wegwerfen waren sie ihm zu schade. Vielleicht sollte er sie wirklich der Tafel schenken? Dort würde man sich über eine Essensspende freuen, auch wenn sie die Form von Krokodilen hatte.

Aber jetzt natürlich noch nicht. Gute Lebkuchen mussten mindestens einen Monat lang liegen. Er stellte den Karton in eine Ecke seines Spindes, wo Michaela ihn nicht sehen und kein Ungeziefer drankommen konnte, und nahm sich vor, die Lebkuchenkrokodile gleich nächsten Monat zur Tafel zu bringen.

Dann machte er sich wieder an die Arbeit und vergaß den Karton.

Ein Vierteljahr später, es war inzwischen Winter, musste er das erste Mal in diesem Jahr seinen Mantel anziehen. Er war spät dran und pfefferte ihn eilig in seinen Spind. Mit der gleichen Bewegung riss er seine Schürze daraus hervor, zog sie über und schob die Spindtür zu. Sie schwang wieder auf. Er fluchte leise und drückte sie noch einmal fester zu, doch der Mantel klemmte in der Tür und ließ sich auch nicht weiter hineindrücken – irgendetwas blockierte ihn. Andreas schaute unter den dicken Stoff. Da stand ein Lebkuchenkarton... Natürlich, die Lebkuchenkrokodile! Er hatte sie völlig vergessen. Nun ja, jetzt sollten sie wirklich lecker schmecken. Er warf einen Blick hinein. Die Krokodile grinsten ihn mit ihren Zuckergusszähnen an. Andreas klappte den Karton wieder zu, verstaute ihn und den Mantel im Spind und ging mit einem Lächeln auf den Lippen in die Bäckerei

Gleich nach der Arbeit machte er einen Abstecher zur Tafel, den Karton mit den Lebkuchenkrokodilen unter dem Arm. Er betrat den Raum der Essensausgabe und schaute sich um. Es war recht leer hier um diese Zeit, nur eine junge Frau war da, die gerade hinter der Theke den Boden fegte.

"Entschuldigung?", sprach er sie an. Sie blickte auf, ohne den Besen abzusetzen. "Ja? Kann ich was für Sie tun?"

"Ja, äh, ich weiß nicht... Ich habe eine Spende." Er hob den Karton hoch, auf dem das Emblem seiner Lebkuchenbäckerei prangte. "Lebkuchen."

"Oh, super!", freute sie sich. "Aber – tut mir leid, ich muss das fragen: Sind die abgelaufen?"

Andreas schüttelte den Kopf. "Ganz frisch aus der Bäckerei. Das sind nur... äh... die falschen Formen." Er merkte, wie er rot wurde. Auf einmal waren ihm seine Krokodile peinlich. "Ich bin Lehrling dort, und es gab ein, äh, Missverständnis." Er räusperte sich. "Kann ich sie hier abstellen?"

"Klar. Vielen Dank!" Jetzt lehnte die junge Frau ihren Besen doch noch an die Wand und öffnete den Karton. Andreas überlegte fieberhaft, ob er einfach abhauen konnte, bevor sie die albernen Krokodile entdeckte, oder ob das noch peinlicher wäre, doch bevor er zu einem Schluss kam, hatte sie schon den Deckel aufgeklappt und das schützende Seidenpapier auseinandergeschlagen.

"Krokodile?"

"Äh, ja", murmelte Andreas.

Die junge Frau blickte auf. "Wie cool! Das ist ja super. Lebkuchenkrokodile! Das hab ich noch nie gesehen. Habt ihr die auch im Sortiment?"

Andreas traute seinen Ohren kaum. "Nein, leider nicht. Wie gesagt, das war ein, äh, Missverständnis."

"Oh, wie schade", die Frau machte ein trauriges Gesicht. "Krokodile sind echt mal was Originelles. Sie sollten da wirklich mal drüber nachdenken. Also, ich zumindest würde Lebkuchenkrokodile kaufen."

"Ich werd's meiner Chefin erzählen", versprach Andreas, und dann verabschiedete er sich in dem sicheren Gefühl, gerade eben drei Zentimeter gewachsen zu sein.

Die Lebkuchenbäckerei nahm die Krokodile nicht in ihr Sortiment auf, aber Andreas, der im darauffolgenden Frühjahr als Festangestellter übernommen wurde, durfte einmal im Jahr eine Ladung backen, die die Firma an die Tafel spendete. Er machte es zur Ehrensache, sie persönlich abzuliefern – auch wegen der jungen Frau, die noch immer als Freiwillige dort arbeitete und ihn binnen kürzester Zeit dazu überredet hatte, auch einen Teil seiner Freizeit dort zu verbringen...

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Genres:
* Prosa *


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