Über die (Schaden)Freude

"Freu dich doch", so hört man immer wieder, "dass es dir so gut geht! Andere Leute haben nicht mal genug zu essen, und du beschwerst dich über ein paar Pfund zu viel? Anderswo herrscht Krieg, es sterben Kinder, und du beklagst dich, weil du gerade ‚nicht so gut drauf‘ bist?"

Eine entwaffnende Entgegnung. Ein kaum zu entkräftendes Argument.

Oder?

Manchmal mag es durchaus angebracht sein, das eigene (vermeintliche) Leid in einen größeren Kontext zu setzen und seine Perspektive wieder geradezurücken. Die Welt geht nicht unter, wenn ich den Bus verpasse – im Gegenteil, sie dreht sich weiter, ohne mich auch nur zu bemerken. Es gibt tatsächlich Leute – eine Menge Leute – denen es schlechter geht als mir, und wenn die es schaffen, die Zähne zusammenzubeißen und ihr Leben zu meistern, dann sollte ich das auch fertigbringen.

Doch eine Frage bleibt:

Warum sollte es mir automatisch besser gehen, nur weil ich höre, dass es anderen schlechter geht?

Es gibt einen Namen für dieses Gefühl: Schadenfreude. Die Freude am Schaden anderer. Die Freude – und das ist es, was von mir verlangt wird: "Freu dich!" –, dass es Menschen gibt, denen es schlechter geht als mir. Es ist nicht die Aufforderung, das eigene, subjektiv empfundene Leid zurückzustellen, um das Los dieser Leute zu verbessern. Es ist nicht einmal die Aufforderung, das eigene, subjektiv empfundene Leid im Vergleich zu anderer Leute Leid zu sehen und von ihnen zu lernen, dass es weitergeht, auch wenn es schwierig ist. Es ist, ganz unverhohlen, die Aufforderung, sich am Leid anderer Leute zu erfreuen. Darin drückt sich – neben einem eventuell, aber auch nicht immer berechtigten Überdruss am Jammern des Angesprochenen – die Überzeugung aus, dass das Wissen um anderer Leute Leid zu positiven Gefühlen führt, zu Freude. Nicht zu Mitleid, nicht zu dem Wunsch, diesen fremden Leidenden zu helfen, sondern zu Freude – Schadenfreude.

Ob es so gemeint ist oder nicht: Aus dieser Aufforderung klingt eine Glorifizierung der Schadenfreude und eine Herablassung gegenüber denen, die leiden: Gegenüber dem Angesprochenen, dessen Leid klein gemacht wird (und wer diesen Satz verwendet, der muss zugeben, dass darin meist ein "Ich glaube dir nicht, dass es dir schlecht geht" mitschwingt), und gegenüber den anonymen Menschen, die es "viel schlimmer" haben. Der Sprecher erkennt an, dass diese Leute leiden, aber das ruft in ihm weder das Verlangen, ihr Leid zu mindern, noch auch nur passives Mitleid hervor. Sie sind für ihn nur ein Instrument zur Maßregelung des Angesprochenen. Ja, der Sprecher möchte noch nicht einmal im Angesprochenen Mitleid hervorrufen: Es heißt nicht "Hab doch Mitleid, anderen geht es viel schlechter als dir", es heißt "Freu dich". Freu dich, dass es dir gut geht – im Vergleich zu Menschen, denen es objektiv schlecht geht.

Kurz gefasst: Freu dich, dass es anderen Menschen schlecht geht.

Wie konnten wir als menschliche Gesellschaft es zulassen, dass ein Satz von solcher Verachtung, solcher Kälte, zu einer Standardfloskel wurde? "Freu dich, dass es dir so gut geht – anderen geht es noch viel schlechter" ist ein Satz, den ich – in dieser oder irgendeiner anderen Formulierung – nur schwer ertrage. Er hilft niemandem, er entmenschlicht fremde Leidende, und er fordert auf, Schadenfreude über Mitleid zu setzen.

Lasst uns, die wir menschlich sein wollen, diesen Satz aus unserem Repertoire streichen.

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Genres:
* Sachtext *


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