Der Anfang vom Ende

Tamara lehnte an der Mauer des Raubtiergeheges und warf den Löwen Kirschen zu. Die Großkatzen ignorierten sie, aber das war kein Grund aufzugeben – irgendwann würden sie merken, was für Leckerbissen sie ihnen da schenkte, und dann hätte sie den ersten Schritt ihres Plans geschafft. Hoffentlich rechtzeitig...

"He! Lassen Sie das! Sie da, mit der grünen Bluse!"

Tamara sah an sich herunter und dann auf. "Meinen Sie mich?"

"Nee, ich mein den Weihnachtsmann. Natürlich mein ich Sie! Hören Sie auf, die Tiere zu bewerfen!"

Tamara bedachte den Wärter, der offenbar von seiner Mittagspause hierher geeilt war – er hatte noch eine Tüte Pommes rot-weiß in der Hand – mit einem herablassenden Blick.

"Ich bewerfe die Löwen nicht, ich bekehre sie."

"Is mir wurst, wie Sie das nennen. Lassen Sie die Tiere in Frieden, oder ich schmeiß Sie hier raus."

Tamara seufzte und zog ihr Smartphone hervor. "Warten Sie, ich zeig‘s Ihnen. Hier ist unsere Webseite, da sehen Sie, wie wir..."

Der Wärter fuchtelte so heftig mit seiner Pommestüte nach ihr, dass ihr vor Schreck das Handy aus der Hand und in seine Mayonnaise fiel. "Ihre Webseite geht mir am Allerwertesten vorbei. Geben Sie mir das", und er riss ihr die Packung mit den Kirschen aus der Hand.

"Mein Handy! – Meine Kirschen! Sie ruinieren meine Mission!" Tamara war entsetzt. "Sie verstehen gar nicht, was auf dem Spiel steht!"

In diesem Augenblick fielen plötzlich alle Blätter von dem alten Kastanienbaum neben ihnen. Der Wärter schaute verblüfft, aber Tamara zeigte nur anklagend auf die Baumruine.

"Sehen Sie? Es fängt schon an! Bald verwandelt sich ein Drittel aller Seen und Flüsse in Blut, und dann werden Menschen sterben, und Sie sind schuld daran! Geben Sie mir die Kirschen wieder! – Und mein Handy", sie fischte es mit spitzen Fingern aus der Pommessoße.

"Was?", war alles, was dem Zoowärter einfiel.

"Die Offenbarung, Mann!" Tamara schüttelte den Kopf. "Haben Sie die Zeichen nicht gesehen? Wir leben in den Letzten Tagen. Der Antichrist wurde schon geboren und hat den Thron eines wichtigen Landes an sich gerissen..."

"Oh nee. Sind Sie etwa auch einer von diesen Freaks? Ihr seid doch alle bloß Rassisten."

"Rassisten?" Jetzt war Tamara ehrlich verwirrt. Man hatte sie auf vieles vorbereitet, aber mit einem solchen Vorwurf hatte ihr Anführer nicht gerechnet.

"Nur weil Obama schwarz ist, ist er noch lange kein Antichrist", erklärte der Wächter verächtlich. "Mir reicht‘s jetzt. Raus hier." Er nahm sie am Arm und begann, sie aus dem Raubtierhaus zu ziehen.

"Obama?", fragte sie verblüfft, "wer hat denn von Obama geredet? Ich meine natürlich Fürst Albert von Monaco!" Doch der Wärter hörte nicht zu. Sie versuchte noch, ihm auf ihrem mayonnaisigen Smartphone die Webseite zu zeigen, auf der ihre Gruppe die Prophezeihungen des Johannes aufgeschlüsselt und mit modernen Grafiken dargestellt hatte, doch er schob sie unnnachgiebig Richtung Ausgang. Als sie auf der Straße stand, drehte sie sich noch einmal um und rief: "Und was ist mit meinen Kirschen?", doch der Wärter hatte sich schon umgedreht und ging weg.

Entmutigt machte sie sich Richtung Straßenbahn auf den Weg. Wie sollte sie das der Gruppe erklären? Ein schreiender Mann im Bademantel kam ihr entgegen, doch sie seufzte nur. Auch das war zu erwarten gewesen, schließlich würde sie auch schreien, wenn ihre Kleidung lichterloh in Flammen stünde. Natürlich tat ihr der Mann leid, aber auch wenn ihre Mission erfolgreich gewesen wäre, hätte man sein Schicksal vermutlich nicht verhindern können – wohl aber ähnliches Grauen, das nun Abertausenden bevorstand. Was sollte sie nur tun?

Inzwischen hatte sie die Straßenbahnhaltestelle erreicht, und es fuhr auch gerade ein Zug ein. Ob das ein gutes Omen war? Immerhin hellte es ihre Stimmung ein wenig auf. Sie würde zurück zum Hauptquartier fahren und ihren Anführer fragen. Vielleicht war noch nichts alles verloren.

Eine halbe Stunde später betrat sie das Kellerlokal, in dem sie sich eingerichtet hatten, und ließ sich auf das abgewetzte Sofa fallen. Jesus ließ sich ihr gegenüber auf einem Klappstuhl nieder und schob eine Wasserflasche in ihre Richtung.

"Nun, Schwester, wie ist es gelaufen?"

Tamara goss sich ein Glas Wein ein. "Nicht gut", gab sie zu, "ein Wärter hat mich erwischt und rausgeschmissen, bevor die Löwen die Kirschen auch nur probieren konnten." Sie drehte das Glas in ihren Händen und starrte niedergeschlagen auf den Boden. Jesus legte ihr eine Hand auf den Arm.

"Nur Mut, Schwester. Noch ist es nicht zu spät. Immerhin hast du ihnen die Kirschen gegeben – nun liegt es in Gottes Hand, ob sie davon kosten und bekehrt werden."

"Ja, schon, aber wie..."

Ein Poltern und Blöken von der Treppe her unterbrach sie. Sie schaute auf. Benny und Antoinette waren hereingekommen. Zwischen ihnen zerrte ein Lamm an einer Leine und blökte panisch.

"Wir haben eines!", rief Benny strahlend. "Oh, hallo Tamara. Wo ist der Löwe?"

Tamara ließ den Kopf hängen. "Es gibt keinen Löwen", murmelte sie, "ich wurde aus dem Tierpark geworfen."

"Shit", meinte Antoinette und warf den Brautstrauß, der an dem Halsband des Lammes befestigt war, über die Schulter nach hinten. Das Lamm drehte sich danach um und begann, die halb vertrockneten Blumen anzuknabbern. Sie schienen zu schmecken, oder vielleicht waren es pharmakologisch wirksame Pflanzen, jedenfalls beruhigte es sich rasch. Antoinette schlang die Leine um ein Tischbein und setzte sich neben Tamara, die ihr die Wasserflasche reichte. "Wie viel Zeit haben wir noch?", fragte Benny an Jesus gewandt. Der zuckte mit den Schultern.

"Kommt drauf an. Hat jemand von euch weitere Zeichen gesehen?"

"Ein Baum hat sein Laub verloren", berichtete Tamara, "und ich habe einen brennenden Mann gesehen."

"Ich bin nicht sicher, aber die Spree sah ziemlich rot aus", sagte Antoinette. "Das könnte aber auch die Abendsonne gewesen sein."

"Mierda." Wenn Jesus fluchte, verfiel er immer in seine Muttersprache. "Okay. Heute Nacht holen wir den Löwen. Das mit dem Vegetarismus kriegen wir schon hin."

"Vielleicht können wir ihn auch betäuben?", schlug Benny vor "Karlas letzter One-Night-Stand war, glaube ich, Dealer. Und es hieß nur was von ‚liegt neben dem Lamm‘, nichts von ‚liegt wach neben dem Lamm‘, oder?"

Alle schauten zu Jesus, der wieder mit den Schultern zuckte. "Ich schätze, darauf müssen wir es ankommen lassen. Also gut", er stand auf, "bei Einbruch der Dunkelhheit geht es los. Benny, du besorgst Betäubungsmittel. Antoinette, steht dein Kombi bereit? Tamara, du sagst Karla und Heinz Bescheid. Wir treffen uns am Lieferanteneingang des Tierparks."

Sie nickten, und eine Minute später hatte sie sich in alle Winde zerstreut. Nur das Lamm blieb einsam zurück. Es knabberte noch ein wenig an seinem Brautstrauß, blökte leise und ließ sich dann auf dem Teppich zu einem Nickerchen nieder. Es hatte noch ein bisschen Zeit.

Eine knappe Stunde später wachte es auf der Rückbank von Antoinettes Kombi auf. Draußen war es dunkel, aber der Geruch nach Mist und Raubtieratem machte ihm schnell klar, dass sie am Tierpark angekommen waren. Es schüttelte den Kopf, um ganz wach zu werden. Dann entriegelte es die Tür und trabte nach draußen.

Leise Stimmen und das Quietschen protestierender Räder drangen aus dem Tierpark.

"Vorsichtig! Nicht, dass er runterfällt!"

"Oder aufwacht..."

"Ich glaube nicht. Der ist weg."

"Hoffentlich haben wir das arme Tier nicht vergiftet."

"Ach was, dem geht‘s gut! Besser als uns."

Jetzt wurden die Schemen der sechs Weltuntergangsverhinderer sichtbar. Sie zogen und schoben einen Wagen, auf dem wohl eigentlich Futter transportiert werden sollte, doch jetzt lag darauf ein schnarchender Löwe. Als ihm sein Geruch in die Nüstern stieg, rümpfte das Lamm die Nase.

Es wandte sich um. Die vier Wesen traten hinter dem Kombi hervor, gefolgt von einem Engel mit einem dicken Buch unter dem Arm. Er legte es vor dem Lamm nieder.

Jetzt kamen die Sechs aus dem Lieferanteneingang. Antoinette war die erste, die aufsah.

"Hey! Was machen Sie an meinem Auto?"

In diesem Moment öffnete das Lamm das erste Siegel.

hoch

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