Bus fahren

Giovanni sah auf die Uhr. Wo blieb denn der verdammte Bus? Er stand jetzt schon seit über zehn Minuten an der Haltestelle. Wenn nicht bald einer kam, würde er zu spät kommen, und dann wäre die Anmeldung geschlossen, und dann konnte er den Preis vergessen.

Ganz ruhig, befahl er sich, nicht in Panik geraten, nachher würde der Druck noch hoch genug sein. Er musste dann gelassen genug sein, um sich trotzdem zu konzentrieren. Natürlich hatte er seine Mnemotechniken geübt bis zum Umfallen, aber wenn er fahrig wurde, würde er trotzdem Fehler machen, und Fehler bei diesem Wettbewerb hießen, dass er verlieren würde.

Dabei war es seinem Vater so wichtig, dass er diesen Preis holte! Er hatte jahrelang seine Wochenenden geopfert, um Giovanni beim Üben zu helfen, hatte ihn durch Schulwettbewerbe und Regionalligen gebracht, und diese, die Deutschlandmeisterschaft der Erinnerungskünstler, war der vorläufige Höhepunkt seiner Ambitionen und von Giovannis Karriere.

Wenn er darüber nachdachte – sein Vater sorgte zwar dafür, dass er wenig Zeit zum Grübeln hatte, aber der verspätete Bus gab seinem Geist allzu viel Platz, sich zu verlaufen – dann musste Giovanni zugeben, dass ihm die Sache schon seit einiger Zeit keinen rechten Spaß mehr machte. Natürlich fand er es toll zu gewinnen, und es erfüllte ihn mit Freude, den Stolz seines Vaters zu sehen und sein Lob zu hören. Auch, dass sein Vater sich so viel Zeit für ihn nahm, war schön. Dennoch, in mancher stillen Stunde bereute er es, damals, als sie in der Dritten den klasseninternen Wettbewerb gemacht hatten, so gut abgeschnitten zu haben.

Vorher hatte sein Vater ihn zwar für einen Versager gehalten – seine Schulnoten waren passabel, aber nicht herausragend, und im Sport, besonders in dem von seinem Vater so geliebten Fußball, war und blieb er eine Niete. Als er dann mit stolzgeschwellter Brust die von ihrem Klassenlehrer selbstgebastelte Urkunde heimgebracht hatte, war er glücklich gewesen, endlich in irgendetwas so richtig gut zu sein, ja sogar der Beste.

Sein Vater hatte sich sofort darauf gestürzt wie eine Krähe auf Aas. Wenn sein einziger Sohn schon kein Profisportler werden konnte und es mit der prestigeträchtigen Karriere als Arzt oder hochbezahlter Promianwalt auch eher mau aussah, dann musste er eben Deutschlands bester Gedächtniskünstler werden – oder noch besser, der weltbeste. Sofort hatte er alle möglichen Bücher über Mnemotechniken und Gedächtnistraining besorgt und einen rigorosen Trainingsplan aufgestellt. Und Giovanni, froh, von seinem Vater nicht mehr als genetisches Missgeschick, sondern endlich als geliebtes Kind behandelt zu werden, hatte sich mit Feuereifer in die gemeinsamen Übungen gestürzt. Als angenehmer Nebeneffekt hatte das auch seine Noten zumindest in einigen Fächern verbessert – in Deutsch und Mathe half ihm das Auswendiglernen nur wenig, aber immerhin bestand er jetzt jeden Vokabeltest und konnte die Unterrichtsmitschriften in Sachkunde nahezu wortgetreu wiedergeben, was seinem Lehrer in diesem Fach zu gefallen schien. So hatte es doch noch mit dem Gymnasium geklappt, und sein Vater sah wieder eine glanzvolle Karriere in seiner Zukunft.

Und nun? Pustekuchen. Wenn der verdammte Bus nicht innerhalb von – Giovanni sah wieder auf die Uhr – zwei Minuten kam (und ihn dann ohne Verzögerung zum Rathausplatz brachte), konnte er den Wettbewerb vergessen. Sein Vater würde ihn umbringen.

Giovanni begann zu schwitzen. Er nestelte ein Taschentuch aus der Hosentasche und wischte sich Stirn und Nacken ab, aber das half nur kurzzeitig. Verdammt, wenn es doch wenigstens etwas gäbe, was er tun könnte! Aber der Bus war nun einmal der schnellste Weg, zumindest, wenn er denn mal fuhr.

Wenn er ehrlich war, war er fast ein bisschen erleichtert. Der Wettbewerb hatte ihn seit Wochen nicht mehr richtig schlafen lassen, und dass sein Vater ihn zum bisher wichtigsten Tag seines Lebens ernannt hatte, milderte den Druck nicht wirklich. Die Konkurrenz war schon in den Vorrunden verdammt hart gewesen, und nur die Angst vor der Enttäuschung und dem erneuten Abwenden seines Vaters hatten ihn so lange auf den Beinen und auf den Bestenlisten gehalten. Eigentlich hatte er schon lange genug davon. Spaß, wie am Anfang, machte es ihm keinen mehr. Die Mnemotechniken waren kein Spiel mehr, sondern knallharter Leistungssport. Vielleicht würde sein Vater ihm eher verzeihen, dass er wegen des Busses – für dessen Verspätung er ja nun wirklich nichts konnte – den Wettbewerb verpasste, als wenn er es rechtzeitig schaffte und dann verlor?

In diesem Augenblick bog der Bus endlich um die Ecke. Giovanni schaute auf die Uhr und wischte sich noch einmal den Schweiß ab. Er konnte es gerade noch schaffen. Eine Mischung aus Erleichterung und Enttäuschung breitete sich in ihm aus und geronn in seinem Magen zu einem unangenehmen Klumpen.

Der Bus hielt, und Giovanni stieg ein. Wahrscheinlich war es besser so. Wenn er es nicht zum Wettbewerb geschafft hätte, hätte er den ganzen Stress nächstes Jahr wieder durchstehen müssen, all die Vorrunden, die er für dieses Jahr wenigstens schon einmal hinter sich hatte. Er ging ganz nach hinten und setzte sich auf einen Fensterplatz. Zeit, sich in Stimmung zu bringen. Er begann mit einer Atemübung.

Noch bevor der Bus die nächste Station erreicht hatte, brach Giovanni jedoch wieder ab und starrte aus dem Fenster. Er hatte keine Lust, in Stimmung zu kommen. Er hatte keine Lust auf den verdammten Wettbewerb. Und er hatte vor allem keine Lust, von seinem Vater als Prestigeobjekt betrachtet zu werden, dessen Wert allein von der Anzahl seiner Urkunden abhing.

Schaufenster und Fassaden zogen vor seinen Augen vorbei. Friseur Uppercut. Fashion Nail Design. Bäckerei Brotkorb. Apotheke Müllerstraße. Noch ein Bäcker, dann ein Ein-Euro-Laden. Giovanni seufzte. Der Bus passierte Haltestelle um Haltestelle, nur selten hielt er an, weil Leute ein- oder ausstiegen. Bei diesem Tempo würde er sicher noch rechtzeitig kommen.

Die Geschäfte vor dem Fenster wurden teurer, die Häuser schicker, die Straßen sauberer. Café Paris. Apotheke am Opernplatz. Buchhandlung Goethe. Adam und Sohn Juweliere. Ob Herr Adam wohl darauf bestanden hatte, dass sein Sohn auch Juwelier wurde? Oder hatte der das freiwillig gemacht, aus echter Freude am Beruf?

Vielleicht wäre das etwas für ihn. Ein Handwerk. Etwas, wofür man nicht besonders klug sein musste und nicht besonders sportlich, sondern nur fleißig und nicht allzu ungeschickt. Ein Beruf, in dem man etwas Greifbares herstellte, nicht Ruhm und Ehre, sondern Dinge, schöne Dinge, nützliche Dinge. Eine Laufbahn, in der sein Wert nicht in Urkunden bemessen wurde, sondern in der Freude, die er daran hatte und die er anderen damit machte.

Nächster Halt Rathausplatz, sagte die Leuchtschriftanzeige. Giovanni hob die Hand, um auf den Halteknopf zu drücken, und ließ sie wieder sinken.

Der Bus fuhr an der Haltestelle vorbei. Niemand stieg aus.

hoch

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* Prosa * Alltagsgeschichten *


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