Frühling und ein neuer Job

Die Sonne blinzelte zum Fenster herein und kitzelte Susanne an der Nase, bis sie mit einem Niesen erwachte. Sie setzte sich auf und schaute hinaus. Warum war es schon so hell? Oh nein, hatte sie ihren Wecker etwa überhört? Wie spät war es?

Sie griff nach der Uhr auf dem Nachtschränkchen. Vier Uhr? Unmöglich. Oder... sie hielt den Wecker ans Ohr. Nichts. Verdammt, warum war ausgerechnet heute Nacht die Batterie ausgefallen?

Susanne sprang aus dem Bett und rannte ins Bad, rannte wieder zurück und kramte ihr Handy aus der Tasche der Hose, die sie gestern angehabt hatte, und rannte wieder ins Bad, während sie auf die Handyuhr schaute. Verdammtverdammtverdammt, schon nach neun Uhr. Kein Wunder, dass die Sonne so hoch stand. Wie sollte sie es jetzt noch rechtzeitig zu ihrem neuen Job schaffen?

Sie rammte sich die Zahnbürste in den Mund und begann zu schrubben. Dann zog sie sie noch einmal heraus und schmierte Zahnpasta darauf.

Okay, ganz ruhig, befahl sie sich. Sie sollte um neun Uhr dreißig am Empfang sein. Es war noch nicht neun Uhr dreißig, also war es noch nicht völlig unmöglich, pünktlich zu kommen. Zumindest theoretisch. Also, eins nach dem anderen.

Beziehungsweise, alles gleichzeitig, denn für mehr war keine Zeit. Sie schlüpfte aus dem Nachthemd, ohne das Zähneputzen zu unterbrechen, und stellte die Dusche an. Ein Glück, dass sie erst gestern beim Friseur war, kurze Haare waren einfach pflegeleichter. Während sie mit rechts die Backenzähne schrubbte, spritzte sie sich mit der linken Hand schon einmal Shampoo ins Haar und verteilte den Schaum, so gut das eben ging.

Sie beschloss, dass ihre Zähne jetzt sauber genug waren, hielt die Zahnbürste kurz unters Wasser und deponierte sie in der Seifenschale. Nun konnte sie beide Hände benutzen, um das Shampoo wieder auszuwaschen; dafür hatte sie den Mund voller Schaum. Na gut, den konnte sie immer noch ausspülen, während sie sich einseifte. Natürlich geriet ihr dabei Seife in den Mund, aber dafür hatte sie damit bestimmt eine halbe Minute eingespart.

Sie spülte den letzten Seifenrest von ihrem Körper und trocknete sich auf dem Weg zum Schlafzimmer ab. Wenigstens hatte sie gestern schon Klamotten bereitgelegt. Ein erneuter Blick auf die Uhr. Vier? Ach so, der Wecker war stehengeblieben. Und ihr Handy lag jetzt im Bad. Sie knöpfte die Bluse zu und holte es. Viertel nach neun! Verdammt, zum frühstücken hatte sie jetzt keine Zeit mehr, obwohl ihr Magen schon vernehmlich knurrte. Musste sie halt unterwegs was finden.

Sie warf eine Jacke über, steckte eine Bürste ein – schließlich musste sie noch ihre Haare machen – und rannte los.

Draußen kam sie an Frau Meiers Fenster vorbei. Auf dem Fensterbrett stand ein Kasten mit Küchenkräutern, und als Susannes Magen in genau diesem Augenblick wieder grummelte, griff sie kühn hinein, pflückte ein paar Blätter Basilikum und schob sie sich in den Mund. Besser als nichts, aber so richtig magenfüllend waren sie auch nicht...

Egal. Sie hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Mit dem Bus würde sie es nicht mehr schaffen, aber der Verkehr sah nicht allzu schlimm aus, und da kam gerade ein Taxi... Ohne weiter nachzudenken, sprang sie vor einem ausparkenden Auto auf die Fahrbahn, ignorierte das wütende Hupen und winkte dem Taxi. Noch bevor es komplett gebremst hatte, riss sie schon die Tür zur Rückbank auf und sprang hinein.

"Fahren Sie, fahren Sie!", schrie sie den Fahrer an, der ihr einen amüsierten Blick zuwarf.

"Sicher, junge Frau, wohin denn?"

Susanne merkte, wie sie rot wurde. Verdammt, wie lautete die Adresse? Sie kramte den Zettel aus ihrer Handtasche und las ihn vor. Der Taxifahrer nickte und gab Gas.

Susanne seufzte. Endlich ein bisschen Ruhe. Sie zog die Bürste hervor und versuchte sich im Rückspiegel zu sehen. Oje, ihre Haare waren noch ganz nass, wie sollte sie das nur hinkriegen? Verzweifelt bearbeitete sie ihre Frisur mit Bürste und Fingern. Der Taxifahrer grinste. Was wusste der denn auch? Dieser Job war ihre große Chance, wenn sie hier einen schlechten ersten Eindruck machte, würde sie wahrscheinlich nie wieder einen Fuß in die Tür bekommen. Aber ein Taxifahrer verstand das natürlich nicht.

Plötzlich bremste er scharf. Susannes Bürste flog ihr aus der Hand und in hohem Bogen gegen die Windschutzscheibe, dann auf den Boden.

"Ah! Was tun Sie?" Susanne krallte sich an der Lehne des vorderen Sitzes fest.

Der Fahrer zuckte mit den Schultern. "Sorry, aber ich kann die Alte ja schlecht überfahren, oder?"

Susanne schaute nach vorn. Vor ihnen stand eine alte Frau mitten auf der Straße und schlug abwechselnd mit ihrem Gehstock und ihrer Handtasche auf einen jungen Mann ein, der stolpernd vor ihr zurückwich.

Endlich hatten die beiden die Gegenfahrbahn erreicht, und das Taxi fuhr wieder los. Susanne schüttelte den Kopf. Warum musste das ausgerechnet heute, ausgerechnet hier passieren? Sie lehnte sich zwischen den Sitzen nach vorn und angelte nach ihrer Bürste.

"Was machen Sie da?", fragte der Fahrer halb amüsiert, halb verärgert. "Bitte nicht auf die Gangschaltung lehnen."

"Meine Haarbürste...", erklärte Susanne, "ich muss mir doch noch die Haare machen!"

Der Fahrer warf ihr einen raschen Blick zu. "Das passt schon", verfügte er, "außerdem sind wir gleich da. Dann können Sie vorne rein und Ihre Bürste holen."

"Echt?" Susanne schaute auf. Tatsächlich, hier ganz in der Nähe war ihre neue Arbeitsstelle. Sie fischte das Handy heraus und schaute auf die Uhr. Neun Uhr siebenundzwanzig. Wenn jetzt nichts Schlimmes mehr passierte, schaffte sie es tatsächlich noch rechtzeitig.

Das Taxi bremste vor dem Eingang. "Neun sechzig, bitte."

"Ja, sofort, einen Moment..." Sie kramte in ihrer Handtasche. Oh nein, hatte sie jetzt auch noch ihren Geldbeutel vergessen? Verdammtverdammtverdammt, das konnte doch nicht wahr sein.

Halt, nein, hier war ein Geldschein. Zehn Dollar. Wunderbar. Sie reichte ihn dem Fahrer.

"Der Rest ist für Sie", fügte sie großzügig hinzu und öffnete die Tür.

"Einen Augenblick, die Dame", der Taxifahrer griff nach hinten und hielt sie an der Schulter fest. "Neun Euro sechzig, bitte. Monopoly-Dollar kann ich nicht annehmen."

"Oh! Oh nein, bitte entschuldigen Sie..." Susanne wurde schon wieder rot. Verdammt, wo hatte sie nur ihren Kopf? Und noch wichtiger, wo war ihr Geldbeutel?

Ein Omnibus mit Blaulicht und Martinshorn bog um die Ecke. Susanne zuckte zusammen, aber der Polizeibus – oder was auch immer das war – fuhr an ihnen vorbei. Auch der Taxifahrer war erschrocken, und in der entscheidenden halben Sekunde, die er länger brauchte, um sich zu fassen, riss sie sich los und rannte auf das Gebäude zu. "Ich komm gleich wieder", rief sie und hoffte inständig, dass der Taxifahrer ihr glaubte und nicht einfach kurzerhand die Polizei rief.

Sie schaute noch einmal auf die Uhr. Neun Uhr achtundzwanzig. Hoffentlich würde ihr die Empfangsdame glauben und ihr zehn Euro leihen.

Die Empfangsdame entpuppte sich als älterer Herr, aber das war auch egal.

"Bitte, können Sie mir schnell Geld leihen?", keuchte Susanne, "draußen wartet mein Taxi!"

Der Mann schaute sie erst verblüfft, dann feindselig an. "Wir sind hier doch keen Wohltätigkeitsverein", blaffte er.

"Nein, Sie verstehen nicht..." Susanne atmete tief durch. "Bitte lassen Sie mich erklären. Ich bin Susanne Becker. Ich fange heute eine neue Arbeitsstelle hier an. Aber ich habe meinen Geldbeutel zu Hause vergessen, und jetzt steht da mein Taxi, und ich kann es nicht bezahlen... Bitte, können Sie mir zehn Euro leihen? Nur bis morgen, ich verspreche es."

Der Mann runzelte die Stirn. "Frau Becker, wa? Mit Ä?"

"Mit E", korrigierte sie. Er nickte und suchte dann ungeheuer bedächtig in einem großen Kalender. Susannes Magen verknotete sich vor Nervosität.

"Ah ja, da stehen Sie ja. Susanne Becker, mit E. Neun Uhr dreißig." Er blickte auf die große Wanduhr. "Da sind Sie aber janz schön knapp dran, wa?"

"Ich weiß", schluchzte Susanne, "bitte, ich muss mein Taxi bezahlen, und dann können Sie..." In diesem Augenblick hatte ihr Magen genug von der Aufregung, und sie übergab sich in hohem Bogen auf den Tresen. Es kam nicht viel heraus, ein paar halbzerkaute Basilikumblätter und etwas Zahnpasta, aber es machte trotzdem eine erstaunlich große Sauerei.

"Oh nein, das tut mir leid!" Susanne kamen die Tränen. Was für ein schrecklicher erster Tag! Sie konnte von Glück sagen, wenn sie heute Abend nicht wieder arbeitslos wäre. Hastig kramte sie ein Taschentuch aus der Handtasche und wischte an dem schleimigen Erbrochenen herum.

Der Empfangsmann runzelte die Stirn und rümpfte die Nase, eins nach dem anderen und weiterhin in aller Gemütsruhe. "Na, ick gloob, Sie haben noch janz andere Probleme als ein Taxi", bemerkte er.

"Oh Gott, das Taxi! Bitte, können Sie mir das Geld leihen? Der fährt bestimmt gleich weg, und dann holt er die Polizei!"

Der Mann schaute zur Seite, als könne er durch die Wand auf die Straße schauen. "Dat wär natürlich blöd", stimmte er ihr zu. "Na jut, will ick mal nicht so sein. Willkommen an Ihrem neuen Arbeitsplatz! Ick meld Sie schon mal an, wa?" Er kramte langsam einen zerfledderten Gedbeutel hervor, suchte umständlich einen Zehn-Euro-Schein heraus und reichte ihn ihr.

"Danke! Tausend Dank!", Susanne heulte schon wieder. "Ich zahl Ihnen das zurück, ich versprech‘s!" Sie rannte nach draußen, wo das Taxi gerade losfuhr.

"Halt! Warten Sie!", schrie sie aus Leibeskräften und wedelte mit dem Geldschein. "Ich habe Ihr Geld!"

Das Taxi bremste. Susanne rannte die paar Meter, die es geschafft hatte, und klammerte sich an der Beifahrertür fest. "Ihr Geld", keuchte sie, "ich habe Ihr Geld. Zehn Euro. Echtes Geld."

Der Taxifahrer kurbelte das Fenster herunter, griff nach dem Schein und prüfte ihn gründlich.

"Danke", sagte er schließlich, ohne sonderlich dankbar zu klingen. "Sie haben da was am Kinn. Was grünes."

Er fuhr weg, und Susanne betastete ihr Kinn. Verdammt, da klebte Basilikum. Sie holte ein frisches Taschentuch aus der Handtasche – wenigstens davon hatte sie genug eingesteckt – und wischte sich den Mund großräumig ab, während sie wieder zurücklief. Dabei übersah sie prompt die Pfütze am Straßenrand und trat mitten hinein.

"Ah!"

Das schmutzige Wasser spritzte bis zu ihren Knien, und ihre Schuhe liefen komplett voll. Sie hüpfte auf den Bordstein und schüttelte die Füße, doch das half nicht wirklich. Selbst nachdem sie die Schuhe einen nach dem anderen ausgezogen und über der Pfütze ausgekippt hatte, fühlten sich ihre Füße noch immer patschnass an, und als sie hinter sich schaute, sah sie die feuchten Spuren, die sie auf dem Gehweg hinterließ.

Egal. Jetzt war sie immerhin da, und angemeldet, und höchstens zwei Minuten zu spät. Sie unterdrückte die Tränen und humpelte wieder zum Empfang.

Die Sonne lachte noch immer, und in einem Baum zwitscherten die Vögel, aber für Susanne fühlte es sich so an, als lachten sie über sie. Ihr war zum Heulen zumute.

Drinnen war der Empfangsmann nicht mehr allein. Eine schlanke Dame mit strenger Frisur, strenger Bluse und strengem Blick stand nebem dem Tresen und betrachtete pikiert die grün-weiße Pfütze. Susanne erkannte in ihr die Personalchefin und wäre am liebsten an Ort und Stelle im Boden versunken. Wie sollte sie das nur erklären?

"Frau Becker", sagte diese nun und betrachtete sie von den nassen Haaren bis zu den ebenso nassen Schuhen. Susanne zwang sich zu lächeln und überlegte fieberhaft, wie die Frau hieß.

"Guten Morgen", brachte sie hervor.

"Morgen ist gerade noch", antwortete die Personalchefin mit einem Blick auf die Uhr, die gerade von neun Uhr zweiunddreißig auf neun Uhr dreiunddreißig sprang. "Ob er gut ist, wird sich zeigen. Sie sind nicht besonders pünktlich."

Susanne ließ den Kopf hängen. "Es tut mir leid", sagte sie, "ich hatte ein bisschen Pech auf dem Hinweg."

"Das ist keine Entschuldigung", erwiderte die Personalchefin streng. Susanne schloss kurz die Augen und stellte sich vor, mit dem nächsten Schritt einfach in einem offenen Gully zu versinken. Selbst in der Kanalisation musste es angenehmer sein als unter dem Blick von dieser Furie... Engel, genau, so hieß sie. Der inkongruenteste Name, den Susanne sich vorstellen konnte.

"Es tut mir leid", wiederholte sie.

"Das ist alles, was Sie zu sagen haben?", schnappte Frau Engel. Susanne war nicht ganz klar, warum ausgerechnet das der Tropfen war, der das Fass zum Überlaufen brachte, aber auf einmal war ihr nicht mehr nach Weinen, sondern nach Schreien.

"Nein", zischte sie wütend, "nein, natürlich nicht. Eigentlich wollte ich eine magische Formel aufsagen, die die Zeit rückwärts laufen lässt, damit ich doch noch pünktlich bin, denn anders kann ich daran wohl nichts mehr ändern. Aber da Sie mich ständig unterbrechen, wird das wohl nichts, und wir müssen alle damit leben. Zu schade. Ich hätte diesen Morgen wirklich gern damit verbracht, Sie und nur Sie glücklich zu machen." Sie atmete tief durch. "Nachdem wir das geklärt haben, können Sie mich jetzt an meinen Arbeitsplatz bringen? Ich möchte heute gern noch etwas Sinnvolles tun."

Frau Engel blähte die Nase. "Sie... was fällt Ihnen ein?", schnaubte sie. Susanne ignorierte sie und wandte sich stattdessen an den Empfangsmann, der sein Grinsen nur mit Mühe wieder unter Kontrolle brachte.

"Nachdem Frau Engel sich nicht mehr zu erinnern scheint, weshalb ich hier bin, könnten Sie mir bitte sagen, wie ich in die Zentralredaktion komme?"

Er richtete sich auf und bemühte sich, ein professionelles Gesicht zu machen. "Zweite Etage, wenn Sie aus dem Aufzug treten rechts."

"Vielen Dank", Susanne schenkte ihm ihr schönstes Lächeln und wischte die Reste ihres Erbrochenen mit dem Taschentuch in ihrer Hand zusammen. Der arme Mann war nur nett gewesen, und sie wollte ihm den weiteren Anblick ersparen. Und wenn die Engel sie jetzt hasste, war ihr das auch egal. Sie konnte nichts mehr ungeschehen machen, aber immerhin hatte sie jetzt auch nichts mehr zu verlieren. Entweder, der Chefredakteur war am Ende dieses Tages so beeindruckt von ihr, dass er Frau Engels Meinung in den Wind schlug, oder sie hatte hier sowieso keine Chance mehr. Sie hatte alles kaputtgemacht, was kaputtzumachen war. Jetzt ging es nur noch vorwärts.

Sie trat in den Aufzug. "Wiedersehen, Frau Engel", rief sie, während die Tür sich schloss. Das letzte, was sie sah, war die Mappe, die die Personalchefin wutentbrannt gegen das Regal hinter dem Empfangstresen warf, und der schwere Aktenordner, der ihr daraufhin vor die Füße fiel.

Susanne zuckte mit den Schultern und bemühte sich ein letztes Mal, ihre Haare zu richten. Der erste Eindruck, auf den es ankam, lag noch vor ihr.

hoch

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