Vielleicht

Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn ich ein bisschen Mut gehabt hätte.


Vielleicht wäre ich aufgesprungen, hätte heldenhaft eingegriffen und diesen halbwüchsigen Schlägern den Hintern versohlt, zack, bumm, kapow, und dann hätten sie die Schwänze eingezogen und sich aus dem Staub gemacht, und ich hätte in Siegerpose dagestanden und ihnen hinterhergerufen: „Das habt ihr davon!“, oder „Die Gerechtigkeit siegt immer!“, oder irgendwas anderes, Passenderes, was Helden eben so sagen. Und alle Anwesenden hätten mich bewundert und gelobt.

Wahrscheinlich hätte ich das nicht hingekriegt. Wahrscheinlich hätten sie vielmehr mir den Hintern versohlt, und ich hätte weinend am Boden gelegen, während sie auf mich eintreten, und dann hätten sie weitergemacht wie vorher, nur dass sie auch noch über mich gelacht hätten und gesagt hätten: „Das hast du davon“, oder „Misch dich halt nicht in anderer Leute Angelegenheiten ein“, oder irgendwas anderes, Passendes, was Schläger eben so sagen. Und alle Anwesenden hätten den Kopf geschüttelt und weggeschaut.


Vielleicht hätte es gar nicht einer solchen Heldentat bedurft – und hätte ich mich damit nicht auf eine Ebene mit den Schlägern begeben? Vielleicht hätte ich einfach nur ein paar wohlformulierte Sätze an sie gerichtet, geschliffene Rhetorik, die ihnen die eigene Schändlichkeit vor Augen geführt hätte, und dann hätten sie beschämt die Köpfe hängenlassen, sich bei ihrem Opfer entschuldigt und gelobt, bessere Menschen zu werden, und ich hätte weise gelächelt und genickt. Und alle Anwesenden hätten mir applaudiert und mich bewundert.

Wahrscheinlich wäre mir gar nichts Gutes eingefallen. Wahrscheinlich hätte ich ein paar halbgare Sätze gestammelt, und die Schläger hätten mich ausgelacht, bis ich beschämt und mit roten Ohren den Kopf hätte hängenlassen und mir auf die Zunge gebissen, und dann hätten sie überlegen gegrinst und mit den Schultern gezuckt. Und alle Anwesenden hätten den Kopf geschüttelt und weggeschaut.


Vielleicht wäre das nicht einmal nötig gewesen. Vielleicht hätte es gereicht, den Schlägern zu zeigen, dass ihr Verhalten nicht in Ordnung war, und dem Opfer zu zeigen, dass jemand auf seiner Seite stand, nicht mal jemand besonders starkes oder weises, kein Held, kein geschliffener Rhetoriker; aber ein Mitmensch, jemand, der hinschaut und mitfühlt und etwas sagt, einfach irgendetwas, jemand, der nicht schweigt, wenn Unrecht geschieht. Und einige der Anwesenden – sicher nicht alle, aber vielleicht genug – hätten mir zugestimmt und auch etwas gesagt, und zusammen wären wir mehr gewesen als die Schläger, selbst wenn nicht alle mitgemacht hätten, und sie wären abgehauen. Und wir alle gemeinsam hätten ein Unrecht verhindert.

Aber in Wahrheit habe ich nicht einmal das getan. Ich habe mir vorgestellt, was jemand tun sollte, wie jemand eingreifen sollte, und nur eine Sekunde lang habe ich darüber nachgedacht, ob ich nicht der jemand sein sollte. Und alle Anwesenden müssen das Gleiche gedacht haben. Denn niemand hat eingegriffen, niemand hat die Schläger zurechtgewiesen, niemand hat ihnen gesagt, dass das nicht in Ordnung ist. Sie haben geschlagen. Und wir alle haben den Kopf geschüttelt und weggeschaut.

Und geschwiegen.

hoch

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Genres:
* Prosa * Alltagsgeschichten *


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