Liebe auf der Landebahn

Die Liebe ist eine seltsame Macht. Hartmut Mehdorn war sicher gewesen, dass niemand ihm noch am Zeug flicken konnte – immerhin war er nach jedem Misserfolg ein Stück weiter nach oben gefallen, und nun durfte er den neuen Berliner Flughafen verwalten. Doch gegen die Liebe war auch er machtlos.

Er stand am Rand der leeren Landebahn und schaute in die untergehende Sonne. Ein Gänseblümchen hatte sich am Rand des jungfräulichen Betons durch eine Ritze geschoben. Die Blätter lagen wie ein Büschel Spinat auf der grauen Decke, und ihre einzige Blüte beobachtete ihn aus einem gelben, weißumrahmten Auge. Er pflückte sie und begann, ihre Blättchen auszuzupfen. "Sie liebt mich, sie liebt mich nicht...", murmelte er.

Alberner Aberglaube, natürlich, und doch hoffte er auf ein Zeichen, das ihn bestärken würde. Seine Liebe war ja auch albern. Wie hatte ihm das nur passieren können?

Er dachte zurück an den Nachmittag, an dem er ihr das erste Mal begegnet war. Es hatte mal wieder Ärger mit dem Flughafen gegeben – irgendwas war ja immer –, und der stellvertretende Chefbuchhalter hatte keine Lust gehabt, ihm schon wieder eine schlechte Nachricht zu überbringen, also hatte er sie geschickt.

Frau Koslowski.

Hartmut seufzte beim Gedanken an sie. Wie sie schon hereingekommen war, ihre stattlichen Beine von einem schlichten grauen Rock umspielt, das hennagefärbte Haar elegant hochgesteckt, der Busen mehr umschmeichelt als bedeckt von einer geblümten Bluse. Sie hatte sich geräuspert und auf das Klemmbrett in ihrer Hand gestarrt, als stünde darauf der Weg in sein Herz beschrieben.

"Herr Mehdorn?", hatte sie ihn begrüßt, und der rauchige Klang ihrer Stimme war das letzte gewesen, das er noch wahrgenommen hatte; dann war sein Bewusstsein in jenem süßen Nebel versunken, den die Dichter seit Anbeginn der Literatur besangen.

"Ja", hatte er noch gehaucht und dann ihre lieblichen Lippen betrachtet, wie sie Worte formten, Worte, die sicher von großer Wichtigkeit waren, voll relevanter Information über fehlende Zahlungseingänge auf dem Buchungskonto, das sie betreute, und Probleme, die den Flughafenbau bedrohten, doch er hatte nichts gehört als das Pochen seines eigenen Herzens und das Flattern ihrer zarten Wimpern, die Augen umrahmten, so blau wie der Himmel über Berlin. Auch ihr Lidschatten hatte jenen Blauton gehabt, und als ihm das auffiel, entschlüpfte ihm ein "wunderbar!".

"Wat?", hatte seine Muse entgegnet und ihn aus der Verzückung gerissen. "Dat is nich wunderbar, Herr Mehdorn, dat is n echtes Problem! Ick gloob fast, Sie hörn mir nich richtich zu." Ihre zarte Stirn hatte sich in Falten gelegt, und der blaue Himmel ihrer Augen bewölkte sich. Hartmut hatte seine ganze Kraft zusammennehmen müssen, um diesem zornigen Blick standzuhalten.

"Ich, ich glaube, ich muss mich da richtig einlesen", hatte er gestammelt, "bitte lassen Sie die Unterlagen da. Können wir morgen noch einmal darüber reden? Vielleicht beim Mittagessen?"

Sie hatte eine Braue hochgezogen, und ihm war ein Seufzer entfahren beim Anblick dieser perfekten Geste.

"Na jut", hatte sie ihm gnädig beschieden und das Klemmbrett auf den Tisch geknallt. Dann war sie gegangen und hatte ihn allein zurückgelassen, mit einem leeren Büro und einem vollen Herzen.

Natürlich hatte er sofort den Mittagessenstermin mit dem Verkehrsminister abgesagt und stattdessen sie in den Kalender schreiben lassen. Seine Sekretärin war nicht glücklich gewesen. Doch wer war sie, sich der Liebe in den Weg zu stellen? Wer war er? Wer war der Verkehrsminister?

Hartmut hatte alle weiteren Termine für diesen und den nächsten Tag absagen lassen und war allein auf das leere Flughafengelände gegangen, um seinen Gedanken nachzuhängen. Er befürchtete, keinen guten Eindruck gemacht zu haben. Wie konnte er das wieder wettmachen? Hatte er noch eine Chance?

"Sie liebt mich, sie liebt mich nicht", flüsterte er und zupfte weiter feine, weiße Blättchen aus. Was würde er tun, wenn die Blume ihm sagte, dass sie ihn nicht liebte? War sie womöglich bereits vergeben? Er hatte keinen Ring an ihren engelsgleichen runden Fingern entdeckt, aber das musste heutzutage ja nichts mehr heißen. Oh, er würde es nicht überleben, sie an einen anderen zu verlieren, des war er gewiss!

"Sie liebt mich, sie liebt mich nicht", wisperte er, und der Abendwind, der um seine nackten Unterschenkel strich und seine kurze Hose blähte, trug seine Worte mit sich fort.

Er musste sie beeindrucken. Morgen war seine große Chance, vielleicht seine letzte. Womit beeindruckte man eine Unterbuchhalterin?

Mit Zahlen! Als Buchhalterin musste sie Zahlen lieben, und er hatte eine Menge davon, vor allem auf seinem Konto. Sollte er vielleicht einfach einen Kontoauszug mitbringen und ihr stillschweigend neben den Teller legen? Nein, das wäre zu plump. Konnte er im Gespräch fallenlassen, mit welch großen Zahlen er täglich umging?

Doch sie würde über das Problem mit dem Buchungskonto sprechen wollen. Vielleicht sollte er sich doch darin einlesen, damit er sie morgen mit seiner Sachkenntnis beeindrucken konnte. Das war etwas ganz Neues für ihn – bisher hatte er die Sachkenntnis immer seinen Untergebenen überlassen und sie notfalls ausgetauscht, wenn sie von den falschen Sachen oder von den richtigen Sachen die falsche Kenntnis hatten. Doch um Frau Koslowskis Herz zu gewinnen, würde er sich sogar mit einem echten Problem auseinandersetzen.

Er warf den Rest des Gänseblümchens fort. Ohnehin war das alberner Aberglaube, beschloss er. Nein, er würde sich in die Sache einarbeiten und das Problem durchdringen, und dann würde er ihr morgen beim Essen die Lösung präsentieren, und sie würde ihre wunderschönen himmelblauen Augen aufreißen und ihn bewundern, und dann würde, dann musste sie ihn ebenso lieben wie er sie.

Immerhin war er einer der erfolgreichsten Manager Deutschlands. Bisher hatte er noch jedes Spiel gewonnen. Warum sollte das in der Liebe anders sein?

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