Die Kunst, eine Zombieapokalypse zu überleben


Als die Toten aus den Gräbern stiegen und als Zombies zurückkamen und nach kurzer Zeit klar war, welche Fluchtorte geeignet waren (alle anderen wurden nach kürzester Zeit zum Zombie-All-you-can-eat-Buffet), versuchten wir erst einmal, alle zu retten, die uns von Nutzen sein würden: Ärzte, Bauern, Chemiker... all die, die Fertigkeiten oder Wissen hatten, das wir brauchen konnten, um eine neue Gesellschaft aufzubauen.

Auf die Idee, Künstler zu retten, kamen wir nie.

Wozu auch? Musik würde uns nur davon ablenken, auf nahende Zombies zu lauschen. Mode war unnütz; es ging nur darum, sich warm zu halten und beweglich zu bleiben. Darstellende Künste? Wer hatte Zeit dafür? Wir mussten uns verteidigen und am Leben halten. Malerei? Bildhauerei? Ebensolche Zeitverschwendung.

Doch irgendwann kamen keine neuen Ärzte mehr, irgendwann waren alle, die wussten, wie man ein Feld bestellt oder eine Sickergrube anlegt oder ein Haus baut oder Zombies tötet, entweder schon in unserer Siedlung angekommen oder hatten ihre eigene Siedlung gegründet, von uns getrennt durch eine Landschaft voll hungriger Untoter. Oder vielleicht waren alle anderen schon tot oder zombifiziert; wir hatten keine Möglichkeit, das herauszufinden. Wir konnten uns nur, so gut es ging, in unserer Siedlung einrichten, unsere Verteidigung ausbauen und hoffen, dass es irgendwann besser würde.

Dann, eines Tages, tauchte die erste Neue seit Monaten auf.

Erst dachte ich, sie sei eine neue Art von Zombie, als ich sie von meinem Wachposten aus auf unsere Siedlung zutaumeln sah. Sie bewegte sich merkwürdig, nicht zielstrebig, sondern in Schleifen und Sprüngen. Erst, als sie näherkam, erkannte ich, dass sie tanzte.

"Ist es ein Zombie?", fragte Mark ungeduldig und richtete sein Gewehr auf die Gestalt aus, die jetzt eine mehrfache Pirouette drehte. "Soll ich ihn abknallen?"

"Sie", korrigierte ich, "und nein, ich glaube, das ist kein Zombie. Schau", ich gab das Fernrohr frei und winkte ihn heran.

Mark starrte lange Zeit auf die Tänzerin. Schließlich pfiff er durch die Zähne und gab das Fernrohr frei. "Nee, ein Zombie ist das nicht. Viel zu gut erhalten. Aber ganz richtig in der Birne ist die auch nicht mehr."

Ich zuckte mit den Schultern. "Wer ist das schon?" Dann nahm ich wieder das Fernrohr und schaute der Fremden zu. Ich musste zugeben, was sie da tat, war zwar völlig verrückt, aber es sah gut aus.

Mark riss mich aus meinen Gedanken. "Oh, Scheiße!" Ich zuckte zusammen und sah hoch. Er zielte mit dem Gewehr auf den Waldrand, aus dem jetzt eine Gruppe weiterer Gestalten kam. Hastig schwenkte ich das Fernrohr herum und schaute ebenfalls auf die Gruppe. Zombies! "Verdammt", murmelte ich. Die Tänzerin tat mir leid, aber sie war noch viel zu weit weg, als dass wir sie hätten retten können. Ich wollte nicht zuschauen, wie die Zombies sie zerfleischten, aber ich konnte auch nicht wegsehen.

Es knallte dicht neben mir, und einer der Zombieköpfe explodierte in einem Sprühnebel aus fauligem Blut. Sein Körper brach zusammen, doch seine Kameraden taumelten unbeirrt weiter auf die Tänzerin zu. Mark fluchte, zielte erneut, schoss den zweiten ab. Die anderen schlurften weiter. Mark zielte wieder, doch ich legte ihm eine Hand auf die Schulter.

"Lass es. Das ist fast ein Dutzend, und sie ist noch viel zu weit entfernt. Du kannst sie nicht retten. Spar deine Munition auf, für den Fall, dass sie sich der Siedlung nähern." Die Worte schmeckten bitter in meinem Mund, aber das war die Realität, in der wir nun lebten. Die Tänzerin war nicht die erste, die wir sterben sähen, und sie würde nicht die letzte sein. Manchmal musste man Einzelne aufgeben, um die Gruppe zu schützen.

Dennoch hielt ich das Fernrohr auf die Zombies gerichtet. Wenn ich die Fremde schon dem Tod preisgab, so redete ich mir ein, durfte ich zumindest nicht wegsehen. Also zwang ich mich zuzuschauen, wie die Zombies sich der Frau näherten. Schon streckten sie ihre Arme nach ihr aus, richteten die kurzsichtigen Augen auf ihre Beute – da blieben sie plötzlich stehen, als hätte man sie abgeschaltet. Die hinteren Zombies drängten sich an den ersten vorbei, hatten die Tänzerin fast erreicht, doch sobald sie in den Fokus ihrer Augen kam, anstatt sie nur durch ihren Geruch anzuziehen, hielten auch sie inne, bis schließlich ein ganzer Haufen von Zombie-Statuen auf ihre Vorstellung starrte. Ich schwenkte das Fernrohr ein bisschen. Hatte sie eine neue Art von Waffe dabei? Eine, mit der man Zombies lähmen konnte? Das würde erklären, wie sie es allein so weit geschafft hatte. Doch sie tat nichts als weiter zu tanzen.

Jetzt machte sie einen Sprung von den Zombies weg – deren Blicke folgten ihr wie hypnotisiert – und auf unsere Siedlung zu. Dann drehte sie sich wieder, beugte sich, vollführte ein paar Figuren und näherte sich immer mehr unserem Tor.

Ich ließ das Fernrohr sinken. "Hast du das gesehen?", fragte ich Mark. Der schüttelte den Kopf. "Ja, schon, aber... wie hat sie das gemacht?"

"Ich habe keine Ahnung. Aber wir müssen sie reinlassen. Bleib in Stellung, und wenn die Zombies näherkommen, schlag Alarm! Ich geh zum Tor."

Weder Mark noch ich ahnten, dass das erst der Anfang war.

Nach und nach trafen andere ein. Erst weitere Tänzer, denn für sie war es am einfachsten, sich mit ihrer Kunst fortzubewegen. Dann kam eine Gruppe Maler, mit Farbeimer und Pinseln bewaffnet; schließlich eine Bildhauerin, die eine Spur beschnitzter Bäume hinterließ. Bei allen war es dasselbe: Ihre Kunst lenkte die Zombies ab, versetzte sie in eine Trance, die es den Menschen leicht machte, ihnen zu entkommen. Wir erfuhren von den Reisenden, dass es andernorts ganze Künstlerkolonien gab, Siedlungen wie unsere, in denen statt Bauern und Ärzten und Zimmerleuten Maler und Schauspieler, Sängerinnen und Tänzerinnen lebten.

Sie hatten von den Zombies nichts zu befürchten, doch was ihnen langsam ausging, waren die Vorräte. Ein paar Jahre konnten sie von Dosensuppen und Wildkräutern leben, doch das Talent, schöne Dinge zu schaffen, ließ sich nicht unbedingt in Nahrhaftes übersetzen, und so machten sie sich, erst einzeln, dann in Gruppen, auf den Weg zu Siedlungen wie unserer.

Die Zombies leben noch immer, dort draußen, jenseits der Kunst. Sie können nicht sterben, wenn niemand ihr Gehirn zertrümmert, und wer das Pech hat, draußen zu sterben, wird bald zu einem von ihnen. Wer in der Siedlung stirbt, bekommt ein schönes Begräbnis und, vor allen Dingen, ein kunstvoll verziertes Grab, damit er nicht zurückkommt.

In unserer neuen Gesellschaft fragt niemand nach dem Nutzen der Kunst. Wir müssen nur auf einen Friedhof gehen, um ihn zu begreifen.

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