Erwachen

A Tribute to Yridion’s Way

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Als sie das erste Mal erwachte, war alles Schmerz. Ihr ganzer Körper brannte so, dass sie nicht mehr wusste, woher der Schmerz kam und wo sich welches Glied befand. Sie versuchte, die Augen zu öffnen, doch ihre Lider waren vom Blut verklebt, und sie war zu schwach.

Also lag sie einfach da und wartete, dass der Schmerz ginge und die Erinnerung käme. Langsam gewöhnte sich ihr Geist wieder an ihren Körper. Noch immer sandte jeder Herzschlag heiße Wellen der Pein durch ihren Leib, doch nach einer Zeit, die ihr wie eine Ewigkeit erschien, konnte sie ihre Sinneseindrücke ordnen. Sie spürte die spitzen, harten Grashalme, die sich in ihr Fleisch zu bohren schienen. Sie spürte den Wind, der über ihre Haut strich und Staub in ihre offenen Wunden trug. Sie spürte die gebrochenen Rippen, die ihr jeden Atemzug zur Qual machten. Und sie spürte den größten Schmerz von allen, der seine Quelle weiter unten hatte; ein Schmerz, der sich zusammensetzte aus aufgerissenem, aufgeriebenem Fleisch und aus dem Wissen um eine Schande, die größer war als ihre Kraft.

Als sie begriff, was dieser Schmerz war und woher er kam, bäumte sie sich mit einem heiseren Schrei hoch und riss die Augen auf. Dann wurde es wieder dunkel.


Als sie das zweite Mal erwachte, war alles Erinnerung. Szenen fluteten in ihr Gehirn und rissen sie unbarmherzig aus der Bewusstlosigkeit, Szenen von einem Fest – ihrer Verlobungsfeier, es fiel ihr wieder ein – Szenen mit tanzenden Menschen, lachenden Menschen. Ihre Familie, sie erkannte sie. Namen tauchten auf, auch ihr eigener, aber sie drängte sie alle beiseite. Zu schmerzhaft war die Schande, die sie über diesen Namen gebracht hatte, indem sie überlebt hatte.

Denn auch andere Erinnerungen kamen, Erinnerungen an das Ende des Festes: An die Männer, die plötzlich den Platz gestürmt hatten, blitzende Schwerter und Äxte in den Händen. An ihren Verlobten, der versucht hatte, sie zu verteidigen, und an die Klinge, die plötzlich aus seinem Rücken ragte. An das Blut, das viele Blut, und an die Schreie ihrer Verwandten und Freunde und das raue Gelächter der Angreifer. An das Schlachtfest, zu dem ihre Verlobungsfeier geworden war. An den Tod, der überall um sie herum war. Und an das, was geschah, nachdem alle Männer am Boden lagen, an das, was schlimmer als der Tod war und was sie nie hätte überleben dürfen.

Sie lag im Gras, den Erinnerungen hilflos ausgeliefert, und ihre Tränen wuschen das Blut aus ihren Augen. Als sie die Bilder in ihrem Kopf nicht mehr aushielt, schlug sie die Lider auf. Doch auch die vage Hoffnung, sich ablenken zu können, war nur von kurzer Dauer, denn es war Nacht und sie sah nichts. Mit letzter Kraft drehte sie sich auf den Rücken, um die Sterne zu sehen, doch der Himmel war von Wolken bedeckt. Nichts gab ihr Halt in dieser Finsternis, nichts vermochte ihren Blick von den grausamen Bildern in ihr abzuhalten. Ob sie die Augen schloss oder öffnete, war einerlei.

Dennoch riss sie sie auf und starrte ins Nichts, bis Tränen ihr die Sicht versperrten und ein Schluchzen ihre gebrochenen Rippen erzittern ließ. Noch lange lag sie so da und weinte. Erst kurz bevor die Sonne ihren ersten Schimmer über den Horizont warf, schlief sie vor Erschöpfung ein.

Der eine, der sie beobachtete, erlaubte nun endlich auch seinen Tränen, zu fließen.

Der andere verharrte weiter im Schatten, reglos, emotionslos, wartend.


Als sie das dritte Mal erwachte, war alles Verzweiflung. Dieses Mal war es ein langsames Erwachen, ein Heraufdämmern aus dem traumlosen Schlaf, in dem sie Zuflucht gefunden hatte. Sie spürte Licht durch ihre Lider hindurch, doch sie wollte sie nicht mehr öffnen. Wozu sollte sie ihr zerstörtes Dorf sehen wollen? Warum schien die Sonne noch immer, obwohl ihre Welt doch untergegangen war? Und warum war sie überhaupt noch am Leben? Sie hätte sterben sollen wie all die anderen. Am glücklichsten waren die Männer, denn die hatte man getötet, bevor die Frauen geschändet wurden.

Sie war so tief in ihre Verzweiflung versunken, dass sie erst nach einer ganzen Weile bemerkte, dass sie nicht mehr auf der Wiese lag. Unter ihr waren keine harten Grashalme mehr, sondern eine weiche Decke, und jemand hatte ihre Wunden gewaschen und verbunden. Ihr Körper schmerzte noch immer, aber sie spürte die lindernde Wirkung von Heilsalben. Wer konnte das getan haben? Sie beschloss, die Augen zu öffnen.

Die Sonne stand genau über ihr und blendete sie. Sie drehte den Kopf weg und blinzelte. Man hatte sie nicht weggebracht, sie lag noch immer zwischen den schwelenden Ruinen ihres geplünderten und abgebrannten Dorfes, und der Anblick ließ ihr wieder die Tränen in die Augen steigen. Wäre sie doch nur...

"Ich sehe, du bist wach. Kannst du sprechen?" Die freundliche Stimme holte sie in die Gegenwart zurück. Sie drehte den Kopf in die andere Richtung und versuchte, die Person zu erkennen, die da hockte. Es war ein Mann mittleren Alters, und das Erste, was ihr durch den Kopf ging, war die Erinnerung an jene anderen Männer, die ihr das angetan hatten. Doch dann bemerkte sie den freundlichen Ausdruck in seinem Gesicht, seine gepflegte Erscheinung, so anders als die der Plünderer, und seine Kleidung, die ihn als wandernden Mönch auswies, und sie entspannte sich wieder. Sie wollte etwas sagen, doch die Stimme versagte ihr den Dienst, und so schüttelte sie nur langsam den Kopf, um seine Frage zu beantworten.

Der Mönch lächelte. "Das ist kein Problem. Ich habe zwar viele Fragen, und du sicher auch, aber das kann warten. Hier", er hielt ihr eine Schale an die aufgesprungenen Lippen, "trink."

Gierig schluckte sie die kühle Flüssigkeit. Trotz allem schien etwas in ihr noch immer leben zu wollen. Sie wusste nicht, ob das gut oder schlecht war, sie konzentrierte sich nur auf das Wasser in ihrem Mund. Der Mönch lächelte wieder, und auf einmal merkte sie, dass auch ihre Mundwinkel sich nach oben zogen.


Als sie das vierte Mal erwachte, war alles Hoffnung. Sie fühlte sich jetzt sehr viel kräftiger, und obwohl ihr Körper noch immer zerschlagen war und die gebrochenen Rippen ihr noch lange Probleme bereiten würden, keimte doch der Gedanke in ihr, dass vielleicht alles wieder gut werden könnte. Sie setzte sich vorsichtig auf und suchte den Mönch mit Blicken.

Doch dann sah sie die verbrannten Ruinen ihres Dorfes, und alles kam wieder zurück, mit derselben Intensität wie zuvor, und sie wusste, dass nichts jemals wieder gut würde. Sie schloss die Augen und wünschte sich zu sterben, hier und jetzt.

"Geht es dir heute besser?", die Stimme des Mönches ließ sie die Augen wieder öffnen. Sie blickte auf, sagte aber nichts.

"Du erholst dich schnell, in Anbetracht deiner Verletzungen", er redete einfach weiter. "Ich bin Bruder Arion. Du hast Glück gehabt, dass ich gerade vorbeigekommen bin, nachdem die Banditen abgezogen sind. Ich sah, wie du ums Überleben kämpftest. Du bist erstaunlich stark, die anderen Frauen..." Er verstummte hastig, doch sie schaute ihn nur mit leeren Augen an.

Zögernd fuhr er fort: "Ich weiß, es fällt dir sicher schwer, darüber zu sprechen... aber... Kannst du dich daran erinnern, was... vorgefallen ist?"

Erinnern... Natürlich konnte sie sich erinnern, an jedes Detail, jeden Blutstropfen, der geflosen war, jeden Todesschrei, den sie gehört hatte, als erstes den ihres Verlobten...

"Es war meine Verlobungsfeier", flüsterte sie. "Alle waren so fröhlich... so glücklich... Es war ein schönes Fest." Ihre Augen brannten. Sie spürte, wie ihr eine Träne die Wange hinablief.

Bruder Arion sah sie traurig an. "Du musst nicht weiter sprechen, wenn es dir weh tut", beruhigte er sie. "Nimm dir alle Zeit, die du brauchst." Doch sie schüttelte den Kopf: "Was soll es bringen, wenn ich damit warte? Es wird nie weniger weh tun..."

Trotzdem verstummte sie. Wie sollte sie das aussprechen, was dann geschehen war?

"Sie waren ganz plötzlich da", setzte sie an, "niemand hat sie kommen gehört", doch dann brach sie wieder ab. Sie konnte das nicht in Worte fassen, was geschehen war. Worte waren zu schwach für die Gewalt, die in ihr Leben eingebrochen war und alles, alles zerstört hatte. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Sie krümmte sich trotz der Schmerzen in ihrem Brustkorb zusammen. Ihre Tränen flossen jetzt ungehemmt.

"Warum?", schluchzte sie, "warum wir? Was haben wir getan? Keiner in unserem Dorf hat jemals einem anderen etwas Böses getan... Wir waren fromm, wir haben nicht mehr gesündigt als andere... Warum mussten sie sterben? Warum musste ich überleben? Was habe ich getan?"

Arion legte ihr eine Hand auf die Schulter. Obwohl sie wusste, dass die Geste liebevoll gemeint war, zuckte sie instinktiv zurück.

"Gottes Wege sind unergründlich... Freu dich, dass du verschont wurdest, und quäle dich nicht mit solchen Fragen."

Freuen? Wie sollte sie sich freuen, dass sie mit dieser Schande weiterleben musste? Vielleicht... vielleicht wusste der Mönch nicht, was ihr geschehen war? Aber er hatte sie versorgt. Er musste die Spuren gesehen haben. Er musste wissen, dass sie unrein war. Und trotzdem kümmerte er sich um sie, tröstete sie... Verdammte sie nicht... Sie verstand ihn nicht. Doch seine Freundlichkeit tat ihr gut. Vielleicht gab es doch noch Hoffnung, sogar für jemanden wie sie...

"Wie heißt du eigentlich?" Arions sanfte Stimme drang durch ihre Gedanken. Sie zog die Schultern hoch. "Ich habe... keinen Namen mehr. Er ist mit meiner Familie gestorben. Ich will keine Schande über ihr Gedächtnis bringen."

"Wie kann ich dich dann nennen, wenn ich für dich bete?"

"Nenn mich, wie du willst. Deine Gebete kommen zu spät... eine wie mich will kein Gott mehr ansehen."

"Gott sieht uns immer, egal, was passiert. Ich werde für dich beten. Er wird wissen, wen ich meine."

Sie blickte auf. Was wollte er ihr damit sagen? Gott sieht uns immer... Sie konnte doch niemandem mehr unter die Augen treten, nachdem das geschehen war. Wollte er andeuten, dass sie ihre Schande nicht verstecken konnte? Aber warum versuchte er sie dann zu trösten? Sie musterte ihn ängstlich. Er sah sie noch immer mit einem freundlichen Lächeln an. Doch nun war sie nicht mehr sicher, welche Gedanken dahinter lauerten. Er wusste um ihre Schande. Hatte er Mitleid? Oder verachtete er sie insgeheim? Warf er ihr ebenso wie sie selbst vor, dass sie überlebt hatte? Er musste sie verabscheuen. Er zeigte es nicht, doch sie war sicher, dass er sie insgeheim für das erkannt hatte, was sie nun war, dass er die Schande sah, die an ihr haftete, und sie dafür verdammte. Doch warum zeigte er das nicht?

Die Gedanken schwirrten in ihrem Kopf. Sie presste die Hände auf ihre Schläfen. Es war zu viel für sie, zu viele Gedanken, zu viele Sorgen... Sie schloss die Augen und ließ sich wieder zu Boden sinken. Schlafen, sie wollte wieder schlafen und alles vergessen. Vielleicht wäre die Welt wenigstens in ihren Träumen wieder in Ordnung...


Als sie das fünfte Mal erwachte, war alles Nebel. Sie öffnete die Augen, doch sie konnte nichts sehen. Ihre ganze Umgebung war verschwommen, und es war dunkel, denn nicht einmal das Sonnenlicht schien die dichten Schwaden durchdringen zu können. Oder war Nacht? Sie war sich nicht sicher.

Sie war überhaupt nicht mehr sicher. Sie wusste nicht, was sie denken, was sie tun sollte, sie wusste nicht, ob Tag oder Nacht war, ob sie wach war oder träumte. Alles wirkte so surreal. Dieser Nebel... Der diffuse Schimmer, der die Umgebung gerade genug erhellte, dass sie ihre Hand erkennen konnte, wenn sie sie vors Gesicht hob... Die unwirkliche Stille... Sogar ihre Erinnerungen schienen ein Traum zu sein in diesem Moment, und dafür war sie dankbar.

War sie vielleicht endlich gestorben? War nicht die Welt um sie verschwunden, sondern sie aus der Welt? Dann käme nun sicher bald das Gericht, das sie verurteilen würde für die Schande, die sie über sich, über ihre Familie, über ihr Geschlecht gebracht hatte.

Aber das war doch gar nicht sie gewesen! Sie wollte nicht verurteilt werden für etwas, das andere ihr angetan hatten. Es war nicht ihre Schuld! Sie hatte nichts tun können! Sie hatte sich nicht wehren können! Sie hatte... Aber... sie war jetzt unrein, und für die Unreinen gab es keinen Platz im Paradies... Tränen rannen ihr die Wangen herab. Endlich hatte sie die Welt hinter sich gelassen, nur um festzustellen, dass ihre Schande mit ihr gekommen war.

Und die Schmerzen ihres Körpers... Warum spürte sie noch immer Schmerzen, wenn sie doch tot war?

"Du bist nicht tot."

Sie schreckte hoch. Wer war da? Sie konnte niemanden erkennen in diesem Nebel. Und woher wusste er, was sie dachte?

"Dein Geist liegt wie ein offenes Buch vor mir. Ich weiß alles über dich." Jemand kam durch den Nebel auf sie zu. Seine Stimme klang gleichgültig, kalt. Ein Schauder lief ihr über den Rücken.

"Ich weiß, was dir geschehen ist. Und ich weiß, was du jetzt willst", fuhr der Fremde fort, noch immer ohne irgendeine Gefühlsregung zu zeigen. Er stand jetzt dicht vor ihr. Er strahlte eine Kälte aus, die sie zittern ließ. Sie versuchte, sein Gesicht zu erkennen, doch die Kapuze der schwarzen Kutte, die er trug, verbarg es in tiefem Schatten.

"Und ich kann dir geben, was du dafür brauchst." Seine Augen glühten weiß auf bei diesen Worten. Sie zuckte instinktiv zurück, versuchte, von ihm weg zu kriechen, doch diese Augen hielten sie in ihrem Bann, und sie vermochte sich nicht zu rühren. Sie wollte etwas sagen, doch ihre Stimme versagte.

"Du wurdest verletzt, so schwer verletzt... und die Schande, die sie dir zugefügt haben – du kannst sie nicht vergessen. Du arme Frau", sagte der Fremde, doch statt Mitleid hörte sie in seiner Stimme nur Hohn. Sie hatte Angst. Was wollte er von ihr?

"Ich will dir etwas anbieten." Wieder erschrak sie, als er ganz einfach auf ihre Gedanken antwortete. Wer war er? ?i?Was?/i? war er?

"Dir wurde Unrecht zugefügt. Und nun willst du Rache", behauptete er. Sie starrte ihn an. Rache? Daran hatte sie noch gar nicht gedacht... Aber... ja, sie wollte Rache, ja, ja, sie wollte Vergeltung für das Unsagbare, das man ihr angetan hatte! Gefühle, von denen sie nicht gewusst hatte, dass sie zu ihnen fähig war, wallten in ihr hoch. Sie wollte, dass die, die sie so hatten leiden lassen, auch leiden mussten!

Aber... wie sollte das gehen? Sie war schwach, verletzt, eine einzelne Frau. Und die sie überfallen hatten, waren eine ganze Gruppe von starken, bewaffneten Männern.

"Keine Angst, ich kann dir helfen." Trotz seiner aufmunternden Worte schauderte ihr, als der Fremde weitersprach. "Du selbst bist schwach, ja, aber ich kann dir Macht geben, ich kann dich stark genug machen, sie alle auszulöschen, sie spüren zu lassen, wie das ist, wenn man hilflos ausgeliefert ist. Lass sie all deinen Hass spüren, deine Wut..."

Sie spürte neue Energie in sich. Wärme breitete sich in ihrem Körper aus. Etwas Heißes brodelte in ihrem Herzen. Das war keines der Gefühle, die sie bis jetzt verspürt hatte, es war etwas neues, unendlich stärkeres, etwas, das ihr endlich den Willen zu leben zurückgab.

"Ja, spüre ihn! Spüre deinen Hass! Lass ihn Besitz von dir ergreifen! Fühlst du, wie er dich stärker macht? Wie er deine Schmerzen lindert und dein Herz verhärtet? Wie er deinen Kopf wieder aufrichtet?", zum ersten Mal hörte sie so etwas wie Gefühl in der Stimme des Fremden. "Im Hass liegt deine Kraft. Lass ihn frei. Und wenn du bereit bist, deine Rache zu üben, dann bin ich an deiner Seite. Hier, nimm diesen Dolch...", er zog eine seltsame Waffe unter seiner Kutte hervor und hielt sie ihr hin, "er ist keine gewöhnliche Klinge. Mit ihm in der Hand und Hass in deinem Herzen bist du unbesiegbar, denn er macht dich schneller als einen Gedanken und stärker als jeden Mann. Damit kannst du sie alle töten, alle, die dein Leben zerstört haben!"

Sie griff nach dem Dolch und betrachtete ihn. Er war aus schwarzem Metall, hauchdünn und so scharf, dass er die Luft zu schneiden schien. Seine Klinge war wellenförmig, wie eine Flammenzunge, und sein Griff war mit geheimnisvollen Zeichen bedeckt. Er pulsierte in ihrer Hand, als wäre er lebendig.

Endlich fand sie ihre Stimme wieder. "Ich... aber... warum gibst du mir eine solche Waffe? Wer bist du?", stammelte sie. Fragen schwirrten durch ihren Kopf, so viele Gedanken auf einmal. Es war, als hätte der Dolch in ihrer Hand einen Bann gebrochen, und die neue Energie durchströmte ihren Körper und ihren Geist.

Obwohl sie sein Gesicht nicht sehen konnte, schien der Fremde zu lächeln.

"Es tut nichts zur Sache, wer ich bin. Es genügt, wenn du weißt, dass ich auf deiner Seite bin, wenn du deine Rache übst."

"Aber... dieser Dolch... solche Macht kommt nicht ohne einen Preis. Was ist der Preis, den du verlangst?"

"Du bist eine kluge Frau..." Täuschte sie sich, oder hörte sie tatsächlich Spott in seiner Stimme? "Der Preis ist gering. Bevor du die tötest, die dich geschändet haben, will ich, dass du noch jemanden tötest. Er steht dir sowieso im Weg... Es ist also ein geringer Preis."

Wen?", fragte sie atemlos, "wen soll ich töten?"

"Der Preis für meine Macht ist das Leben von Bruder Arion. Töte ihn, und ich verleihe dir die Macht der Schatten."

Sie starrte ihn an. Bruder Arion? Aber... er war der einzige, der ihr geholfen hatte! Der erste freundliche Mensch, dem sie begegnet war, seit... seit... es geschehen war. Wie konnte sie ihn töten? Er hatte sie gerettet!

"Er ist schwach. Und er wird versuchen, dich schwach zu machen, schwach und mitleidig. Er wird deine Rache verhindern wollen", drängte der Fremde. "Du willst dich doch rächen? Dann musst du ihn aus dem Weg schaffen."

Sie zitterte. Wollte sie sich wirklich so unbedingt rächen, dass sie dafür den Tod eines Unschuldigen in Kauf nähme? Eines Unschuldigen, der ihr als einziger geholfen hatte?

"Ich... weiß nicht, ob ich mich wirklich rächen will...", brachte sie zögernd hervor.

Der Fremde wurde zornig. "Was willst du damit sagen? Willst du diese Verbrecher etwa ungestraft davonkommen lassen, damit sie andere Dörfer überfallen, andere Frauen vergewaltigen? Willst du dich nicht rächen für das, was man dir angetan hat?"

Sie zuckte zusammen, als er aussprach, was man ihr getan hatte. Wollte sie das? Sich rächen? Natürlich wollte sie nicht, dass anderen dasselbe geschah... aber... wenn diese Banditen tot wären, kämen andere. Und würde Rache ihr wirklich Frieden geben? Auf einmal fühlte sie sich einfach nur müde. Die ganze neue Energie schien zusammen mit dem Hass ihren Körper wieder verlassen zu haben. Sie hielt den Dolch hoch.

"Ich weiß nicht, ob ich Rache will. Ich will... einfach nur vergessen. Wenn ich mich räche... was ändert das? Meine Schande wird dadurch nicht geringer. Es ist mir egal, was mit diesen Leuten passiert. Ich möchte einfach nur... vergessen können. Ich möchte schlafen und nie wieder aufwachen. Ich möchte mich nie wieder an diesen Tag erinnern... Was du mir geben willst ist nicht, was ich brauche. Nimm deinen Dolch zuück."

Der Fremde betrachtete sie lange, ohne sich zu rühren. Er machte keinerlei Anstalten, sein Geschenk wieder an sich zu nehmen. Sie senkte den Arm, hielt die geheimnisvolle Waffe aber noch immer in seine Richtung. Schließlich sprach die Gestalt in der Kutte wieder.

"Behalt den Dolch, und denk über mein Angebot nach. Ich sehe, dass du verwirrt bist und nicht weißt, was du wirklich willst. Glaub mir, erst nachdem du Rache geübt hast, wirst du deinen Frieden finden. Ich kann ihn dir geben. Ich kann dir auch Vergessen geben, wenn es das ist, was du willst. Ich kann dir zeigen, wie du deine Schande hinter dir lässt. Doch du kennst meinen Preis. Töte Bruder Arion, und alle Macht, über die ich verfüge, soll dein sein."

Sie wollte noch etwas erwidern, doch er schien wieder einen Bann über sie geworfen zu haben, denn sie war unfähig, sich zu rühren oder zu sprechen. Hilflos sah sie mit an, wie er sich umdrehte und ohne ein weiteres Wort im Nebel verschwand. Die Schwaden wurden immer dichter, so dass er sich regelrecht darin aufzulösen schien... oder löste er sich tatsächlich auf? Sie wollte ihn aufhalten, wollte ihm etwas zurufen, wollte hinterher laufen, doch sie war so müde... so unendlich müde... Sie sank zu Boden. Ihre Augen schlossen sich, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte. Der Fremde, der Nebel, der Dolch in ihrer Hand... alles verschwand in der undruchdringlichen Dunkelheit hinter ihren Lidern.


Als sie das sechste Mal erwachte, war alles Zweifel. Hatte sie die Begegnung mit dem geheimnisvollen Fremden nur geträumt? Die Sonne schien so hell, dass ihr der dunkle Nebel in ihrer Erinnerung noch unwirklicher erschien. Und das Gespräch mit dem Fremden... sein Angebot... das war alles so unglaublich, so irreal... Sie richtete sich mühsam in eine sitzende Lage auf.

Etwas Hartes lag in ihrer Hand. Sie musste es im Schlaf umklammert haben. Was konnte das sein? Sie hob den Arm. Das war... der Dolch, den der Unbekannte ihr gegeben hatte! Also war all das doch kein Traum gewesen? Sie war verwirrt.

"Guten Morgen! Geht es dir heute besser?", Bruder Arions Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Sie blickte auf und ließ den Dolch unter ihrer Decke verschwinden. Der Mönch hatte wohl gerade Wasser am nahen Bach geholt, er trug einen vollen Eimer in den Händen. "Du siehst heute schon sehr viel besser aus", fuhr er fort. "Deine Heilung ist wirklich erstaunlich. Es scheint fast, als hättest du wieder einen Grund zum Leben gefunden?"

Sie antwortete nicht. Er zuckte mit den Achseln und setzte den Eimer neben ihr ab.

"Du bist sicher hungrig. Hier, es ist noch etwas Suppe da. Viel haben wir allerdings nicht mehr... Wir sollten irgendwann in den nächsten Tagen aufbrechen und in einen Ort gehen, wo ich uns etwas zu essen kaufen kann." Sie starrte ihn an. Meinte er das ernst? In einen Ort gehen, wo Menschen waren? Menschen, die sie in ihrer Schande sähen, die mit dem Figner auf sie zeigten...

Arion sah ihre Furcht und fügte eilig an: "Aber wenn du noch nicht reisen kannst, dann können wir auch noch hierbleiben. Im Wald gibt es essbare Pflanzen... Tiere auch, aber ich fürchte, ich bin kein großer Jäger. Aber wir kommen schon über die Runden, bis du stark genug bist."

Stark genug? Dafür wäre sie nie stark genug, um das zu tragen, was sie drückte. Doch sie sagte nichts. Etwas anderes kam ihr in den Sinn: "Sag mal... Arion."

"Ja?", er freute sich sichtlich, dass sie von sich aus etwas sagte.

"Weißt du... hast du mitbekommen, wer... wer das war?", sie machte eine unbestimmte Geste, die alles einschloss – ihr Unglück, die verbrannten Leichen, die Trümmer ihres Dorfes. Arion schüttelte den Kopf. "Nein... ich habe nicht viel gesehen. Als ich kam, waren sie schon dabei, wieder abzuziehen, und ehrlich gesagt, habe ich mich nicht getraut, näher heranzukommen. Erst als sie schon weg waren, habe ich dich gefunden... Aber warum ist das wichtig? Du hast überlebt, das ist die Hauptsache. Versuch, diese... Leute... zu vergessen. Es hilft nichts, über die Vergangenheit zu grübeln. Wende dich der Zukunft zu. Wer weiß, was nach all diesem Schlimmen nun an Gutem für dich bereitliegt?"

Sie sah ihn zweifelnd an. Was sollte in ihrer Zukunft schon Gutes liegen? Ihr Leben war zerstört... von diesen Banditen! Heiße Wut kochte in ihr hoch. Und der Gedanke, dass sie ungestraft davonkommen sollten... Es war unerträglich. Aber was sollte sie tun? Sie war schwach, sie war allein, und sie wusste nicht einmal, wer das gewesen war. Sie fühlte sich so ohnmächtig in ihrem Zorn und ihrer Verzweiflung...

Aber Moment, sie war nicht ohnmächtig. Wenn das alles kein Traum gewesen war – sie tastete unauffällig nach dem Dolch unter ihrer Decke. Da lag er, fest und real und scharf und leicht pulsierend. Ob das Versprechen, das ihr der Fremde gegeben hatte, ebenso real war? Sie ließ die Finger über die Klinge gleiten. Wenn er die Wahrheit gesagt hatte, war sie nicht ohnmächtig. Sie war nicht schwach, und sie war nicht allein. Sie packte den Griff der Waffe.

Doch der Preis... der Preis, den sie für diese Macht zahlen sollte... Bruder Arions Leben. Wie konnte sie den Mann töten, der ihr das Leben gerettet hatte?

Oder konnte sie ihn gerade deshalb töten? Sie hatte nie darum gebeten, zu überleben. Sie hatte sterben wollen, und er hatte sie gehindert. Er hatte sie zurückgeholt in dieses schreckliche Leben. War das Grund genug, ihn zu töten?

Sie zitterte. Was sollte sie denken? Was tun? Der Fremde hatte ihr Frieden versprochen... Vergessen... Das, was sie am sehnsüchtigsten begehrte... War es das wert?

"Bruder... Arion... glaubst du, ich kann jemals Frieden finden?"

Er sah sie überrascht an. "Bei Gott ist Frieden", sagte er dann. "Finde zu Gott, und du wirst Frieden finden."

"Glaubst du, ich kann Frieden finden, solange die ungestraft sind, die mir das angetan haben?"

"Was meinst du damit?", fragte er verwundert. "Wie willst du sie denn strafen? Du weißt ja nicht einmal, wer das getan hat, und selbst wenn du es herausfändest... Es ist hart, das zu sagen, aber niemand würde sich nur auf deine Anklage hin gegen eine ganze Bande von Räubern und Mördern stellen. Und alle anderen Zeugen... sind tot. Und selbst wenn sich jemand fände: Was würde es dir nützen?"

"Ich fände... Frieden", beharrte sie starr.

"Glaubst du das wirklich? Keine Strafe kann das ungeschehen machen, was passiert ist."

"Aber ich wäre gerächt..."

Er schüttelte traurig den Kopf. "Rache bringt dir keinen Frieden. Rache bringt nur immer neues Leid, neue Schuld – das wird ein ewiger Kreislauf. Nein, meine Schwester, suche nicht nach Rache. Versuch zu vergeben... oder wenn dir das nicht gelingt, versuch, sie zu vergessen."

Vergessen... wie gerne würde sie das, aber sie konnte nicht. Sie sah ihm in die Augen und wiederholte, drängender diesmal: "Aber ich wäre gerächt!"

"Schlag dir das aus dem Kopf. Rache hilft dir nicht. Versuch, die Vergangenheit zu vergessen. Konzentrier dich auf deine Zukunft!" Zum ersten Mal bemerkte sie, wie er ungeduldig wurde. Hatte sie es zu weit getrieben mit ihrer Sturheit? Aber... woher wollte er wissen, was ihr Frieden brächte? Er hatte seinen Gott, ja, aber Gott hatte sie schon längst verlassen, von ihm konnte sie keine Hilfe erhoffen. Arion hatte ihr geholfen, doch jetzt stand er ihr im Weg. Der einzige, der noch auf ihrer Seite stand, war der Fremde...

"Ich will endlich meinen Frieden finden!", rief sie, sie heulte es fast. Ihre Hand umklammerte den Dolch.

"Dann lass ihn zu! Lass zu, dass er in dein Herz kommt!", mahnte Arion.

"Er kommt nicht, nicht, solange ich nicht vergessen kann...", weinte sie, "ich will doch nur vergessen... Ich will alle Erinnerung an diesen schrecklichen Tag auslöschen... Alle..." Sie stand schwankend auf. Die Decke fiel von ihr ab und entblößte den Dolch in ihrer Rechten.

Auch Arion stand auf. "Was hast du denn auf einmal?", seine Stimme klang wieder ganz ruhig, besorgt. Er hatte die Klinge noch nicht gesehen, sah nur ihren zerschundenen, zitternden Körper, notdürftig in Tücher gehüllt. "Was quält dich denn so? Lass mich dir helfen. Ich möchte dir doch auch nur helfen, zu vergessen..."

"Alle Erinnerung... auch deine... du hast mich gesehen, du hast meine Schande gesehen... Ich will nicht, dass du dich erinnerst...", flüsterte sie. Sie taumelte ein wenig. Das Blut rauschte in ihren Ohren, bunte Funken tanzten vor ihren Augen.

Arion sah den Wahnsinn in ihnen und wich zurück. "Was ist los mit dir?", wiederholte er.

"Du erinnerst dich... du erinnerst mich... ich will das nicht, ich will vergessen... nur vergessen", jammerte sie leise und folgte ihm. Sie hob den Dolch. "Du stehst mir im Weg, er hatte Recht, du stehst mir im Weg..."

Jetzt hatte auch der Mönch die Waffe gesehen. Er erbleichte. "Was hast du vor?"

"Du... stehst mir im Weg... ich will... nur... vergessen", murmelte sie und schwankte auf ihn zu. Ihr Körper war noch immer schwach, und jeder Schritt schmerzte, doch sie spürte es nicht mehr, sie hatte nur noch einen Gedanken.

Bruder Arion wich entsetzt zurück. Er wollte noch immer nicht glauben, was mit ihr geschah. Fassungslos schaute er zu, wie sie mit hocherhobenem Dolch immer näher kam. Er wollte ihre Hand greifen, sie aufhalten, ihr zureden...

Er öffnete den Mund, doch es kamen keine schönen Worte mehr heraus. Nur Blut quoll über seine Lippen. Er blickte nach unten. Der Dolch steckte bis zum Heft in seinem Bauch. Woher hatte sie die Kraft genommen, ihn so schnell so tief hinein zu rammen? Und woher war diese Wut gekommen, dieser Hass?

Das waren die letzten Fragen, die Bruder Arion sich in diesem Leben stellte. Dann verdrehte er die Augen und sank zu Boden.

Sie brach neben ihm zusammen. Tränen flossen ihr übers Gesicht, vermischten sich mit seinem Blut. Sie schluchzte. Was hatte sie getan? Wie hatte sie das nur tun können? Was war in sie gefahren?


Als sie das siebte Mal erwachte, war alles Dunkelheit. Sie versuchte, die Augen zu öffnen, doch sie waren schon offen. Trotzdem nahm sie nichts wahr außer der undurchdringlichen Schwärze und dem Geruch von Blut.

Blut! Sie schreckte hoch. Waren etwa die letzten Tage nichts als ein Traum gewesen? Lag sie noch immer inmitten der Leichen ihrer Freunde und Verwandten?

Langsam, ganz langsam gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit, und sie erkannte, dass Nacht war. Neben ihr lag ein dunkler Haufen. Sie sah näher hin... und dann fiel ihr alles wieder ein. Es war Bruder Arion, und er war tot. Sie hatte ihn getötet.

Sie sank wieder zu Boden und weinte hemmungslos.

"Das hast du gut gemacht, mein Mädchen", sagte eine Stimme hinter ihr. Sie sah auf. Da stand wieder der Fremde in der schwarzen Kutte. Er ging an ihr vorbei und drehte die Leiche um.

"Ts ts ts", machte er, "wie willst du denn deine Rache ausführen, wenn du mein Geschenk so einfach verlierst?" Er zog den Dolch mit einem Ruck aus Arions Bauch und reichte ihn ihr. Sie zuckte zurück.

"Zimperlich? Das hätte ich von einer Mörderin eigentlich nicht erwartet", spottete er. Er bückte sich und wischte die blutbeschmierte Klinge an Arions Gewand ab. "Besser so?" Er streckte sie ihr erneut hin.

Sie starrte ihn an. Wie sollte sie diesen Dolch jemals wieder berühren können? Auch nachdem er gesäubert war, klebte noch immer Blut daran, Arions Blut – und an ihren eigenen Fingern. Sie hob die Hände vor die Augen. Waren da nicht rote Flecken? Es war schwer, in dieser Dunkelheit etwas zu erkennen. Sie wischte ihre Hände am Gras ab, aber die Flecken waren noch immer darauf, nur etwas verschmierter. Ja, das war Blut, was an ihren Händen klebte. Ein bitterer Geschmack lag auf ihrer Zunge. Ihr Magen krampfte sich zusammen. Sie hatte... hatte einen Menschen getötet... Sie war...

Wieder versuchte sie, ihre Hände abzuwischen, doch die Flecken wollten nicht verschwinden. Sie rieb heftiger. Tränen rannen aus ihren Augen. Sie nahm einen Zipfel der Tücher, mit denen Arion ihre Blöße bedeckt hatte – so hatte sie ihm gedankt! – und wischte damit über ihre Finger. Jetzt war auch der Stoff rötlich verschmiert, doch ihre Finger wurden nicht sauber. Sie rieb und rieb, bis es wehtat. Als ihre Haut aufsprang und sich ihr eigenes Blut mit dem des Toten mischte, gab sie auf und sank wieder weinend zu Boden. Nichts, gar nichts würde diesen Schmutz von ihr abwaschen können!

Der Fremde hatte sie ruhig beobachtet. Nun ging er auf sie zu und stieß sie grob mit dem Fuß an.

"Steh auf! Was hast du denn erwartet, du dummes Mädchen? Dass du ihn töten könntest, ohne das Blut fließt? Ich hätte gedacht, du hast genug Blut gesehen, um damit klar zu kommen... Offenbar habe ich dich überschätzt."

"Ich... ich wollte ihn nicht töten... ich...", schluchzte sie. Sie hob den Kopf und sah ihn durch tränenverschleierte Augen an. "Ich wollte das nicht!"

Der Fremde lachte kalt. "Dafür, dass du ihn nicht umbringen wolltest, ist er aber verdammt tot. Oder hat sich der Dolch etwa von alleine bewegt?" Er hielt ihr die Waffe vors Gesicht und ließ sie los. Der Dolch blieb in der Luft hängen. Sie zuckte zurück und atmete scharf ein.

"Ja, es ist ein Dämonendolch... Ja, er hat besondere Kräfte... Aber er kann sich nicht von alleine bewegen. Er kann nur den Willen seines Trägers ausführen", erklärte er. "Du wolltest ihn töten, egal, ob du dir das selbst eingestehen kannst oder nicht. Wenn du es nicht gewollt hättest, hättest du es auch nicht geschafft. Hör auf, dich selbst zu belügen", herrschte er sie plötzlich an, "es ist Zeit, dass du der Wahrheit ins Gesicht siehst! Du wolltest ihn töten, weil er dir im Weg stand und weil du Rache üben willst. Jetzt ist er weg. Ein nutzloses Leben weniger... Was soll’s? Jetzt raff dich auf! Nimm dich zusammen und bring zu Ende, was du angefangen hast! Du hast den Preis bezahlt, jetzt wird es Zeit, dass ich meinen Teil des Handels einlöse."

"Aber... ich wollte... nicht..." Sie brach ab. Hatte er vielleicht Recht, und sie wollte es sich nur nicht eingestehen? Doch jetzt war es sowieso zu spät. Jetzt war es egal, wie viel Blut an ihren Fingern kleben würde... Aber... "Wie kann ich mich denn an meinen Schändern rächen? Ich weiß nicht einmal, wer es war, geschweige denn, wo sie sind... Und wie soll ich dorthin kommen? Ich bin noch immer nicht stark genug, um weit zu reisen."

"Das lass meine Sorge sein. Ich weiß, wer es war, und ich werde dich zu ihnen bringen. Habe ich nicht versprochen, auf deiner Seite zu sein? Komm", er hob einen Arm, "es ist Zeit zu gehen."

Wie in Trance griff sie nach dem Dolch, der noch immer vor ihrem Gesicht schwebte, stand auf und ging auf den Fremden zu. Er legte ihr den Arm um die Schulter. Sie fröstelte bei seiner kalten Berührung. Dann machte er mit der freien Hand eine Bewegung, und alles um sie herum löste sich auf.

Als sie wieder klar sehen konnte, standen sie am Rand einer Lichtung. Vor ihnen lag ein Zeltlager. Es war noch immer mitten in der Nacht, doch davon war wenig zu merken. In der Mitte des Lagers brannte ein großes Feuer, und darum versammelt saß eine große Gruppe Menschen. Sie hörte sie bis an den Waldrand hin lachen und singen. Es sah aus wie ein Fest.

Der Fremde löste seinen Arm von ihrer Schulter.

"Jetzt kannst du alleine weitermachen. Keine Angst, dein Dolch findet immer sein Ziel – du musst es nur wollen." Er drehte sich um und verschwand, bevor sie noch etwas sagen konnte.

Sie blickte wieder über das Lager. Waren das die Banditen, die ihr Dorf überfallen hatten? Woher wusste sie, ob der Fremde Recht hatte?

Doch viel Zeit zum Überlegen blieb ihr nicht. Einer der Männer kam auf sie zu. Er hatte einen schwankenden Gang, und sie roch den Alkohol schon aus der Entfernung. Sie erschrak. Hatte er sie gesehen? Zitternd packte sie ihre Waffe fester. Würde ein einzelner kleiner Dolch ihr gegen diesen kräftigen Mann helfen? Sie fühlte sich auf einmal sehr schutzlos.

Doch der Mann hatte sie nicht gesehen. Er stellte sich ein Stück neben ihr vor das Gebüsch und öffnete seine Hose. Sie zuckte zusammen, als sein Urin in kräftigem Strahl auf die Blätter spritzte, und zog sich tiefer in den Schatten zurück.

Doch das war ein Fehler. Sie hatte ihre Augen so starr auf den Betrunkenen gerichtet, dass sie nicht darauf achtete, wohin sie trat. Mit lautem Krachen zerbrach ein Ast unter ihren Füßen. Sie zuckte zusammen. Der Mann sah auf, stopfte sein bestes Stück hastig wieder in die Hose und kam auf sie zu.

"Is da jemand?", lallte er, eindeutig betrunken, aber dadurch nicht weniger gefährlich. Sie presste sich an einen Baumstamm, als könne sie damit verschmelzen. Ihr Herz klopfte so laut, dass sie fürchtete, er würde es hören. Der Mann schaute sich verwirrt um. Dann fixierten seine Augen plötzlich ihre. "Halloo, das is ja ne Frau!", wunderte er sich laut. "Was machs’n du hier, Schätzchen? Hassu Lust, auf unsere Party ssu kommen?" Er grinste schief. Sie starrte ihn entsetzt an.

Er kam ganz dicht an sie heran, so dass sie seinen stinkenden Atem und den ungewaschenen Körper riechen konnte. Mit einer Hand stützte er sich an den Baumstamm, an dem sie lehnte, und griff mit der anderen nach ihrer Brust.

"F-finger weg!", stammelte sie. Ihre Stimme klang viel zu ängstlich und leise. Wo war die Wut, mit der sie Arion getötet hatte? Jetzt könnte sie sie brauchen... "H-hast du... habt ihr... Wart ihr es, die mein Dorf überfallen haben?", presste sie hervor.

Der Betrunkene glotzte sie an. Dann lachte er, und kleine Speicheltröpfchen flogen in ihr Gesicht. Ihr wurde fast schlecht. Langsam fühlte sie, wie eine inzwischen vertraute Hitze in ihr hochstieg. Was fiel diesem ekligen Kerl ein? Seine ganze Gegenwart war schon eine Beleidigung, und jetzt lachte er sie auch noch aus! Sie hob langsam den Dolch.

"Keine Ahnung, Süße... Welches war’n dein Dorf? Komm doch raus ans Licht, vielleicht erkenn ich dich dann wieder..."

"Das Dorf, das vor wenigen Tagen überfallen wurde." Sie versuchte, Ruhe zu bewahren. Vielleicht war er ja unschuldig? Trunkenheit und Widerwärtigkeit waren keine Gründe, jemanden umzubringen. Sie durfte den Zorn nicht schon wieder die Oberhand gewinnen lassen... "Ihr seid... Die Banditen sind in eine Verlobungsfeier geplatzt. Sie haben alle Männer getötet... und alle Frauen, nachdem sie sie..."

"Nachdem wir sie erstmal ordentlich durchgenommen haben, was?", grinste der Mann und leckte sich die Lippen. "Hör mal, Süße, meinst du, da wäre dein Dorf ne Ausnahme gewesen? Aber weissu was? Weil du so nett bis, helf ich dir." Er fummelte an seiner Hose. "Hier, guck mal, das war doch bestimmt ein unvergesslicher Tag für dich... Ich steck ihn dir noch mal rein, und dann sags du mir, ob du dich an ihn erinnerst, was hälts du davon?"

Er presste sich an sie. Die raue Rinde in ihrem Rücken drückte sich schmerzhaft durch die dünnen Tücher und Verbände. Sie keuchte. Panik überflutete sie. Nicht schon wieder! Nicht noch einmal! Nicht... Er... Sie...

"Geh weg! Geh weg von mir, oder ich schneid ihn dir ab!", schrie sie.

"Hahaha, du willst es doch auch, Kleine, nu zier dich nich so... Aaaah!"

Entsetzt taumelte der Betrunkene zurück und starrte auf seine rechte Hand, in der er noch immer sein Glied hielt – nur dass es nicht mehr mit seinem Unterleib verbunden war. Sie hob zitternd den Dolch. Blut tropfte von seiner Spitze.

"Ich sagte, geh weg, oder ich schneide ihn dir ab", wiederholte sie mit kalter Stimme. Sie war jetzt ganz ruhig. Trotz der Nachtkühle war ihr warm. Sie kannte dieses Gefühl... Jetzt hatte sie keine Angst mehr. Sie wusste nun, dass sie mit dem Dolch in der Hand alles erreichen konnte, was sie wollte. Alles... ihre Rache... und dann... ihren Frieden.

Sie ging wieder auf den Banditen zu, den Dolch noch immer erhoben. Er hob den Blick. Als er sie sah, die Waffe in ihrer Hand, die kalte Wut in ihren Augen, ließ er das blutige Stück Fleisch, das er noch immer umklammert hielt, fallen. Er schrie, aber nur kurz. Dann verwandelte sich das hohe, fast weibliche Kreischen in ein nasses Gurgeln, als der Dolch seine Lunge traf. Blut spritzte aus der Wunde und floss aus seinem Mund. Sie zog die Klinge wieder heraus und rammte sie ihm ins Auge, so tief sie konnte. Das Blut vermischte sich mit einer gelblichen Flüssigkeit. Der nächste Hieb ging über seinen Kopf hinweg. Er war schon längst tot und lag zu ihren Füßen, ein stinkender Haufen Fleisch, Blut und Exkremente, die sein Körper in seinen letzten Augenblicken freigegeben hatte. Sie stieg achtlos über ihn hinweg und ging in das Lager.

Die Männer am Feuer waren inzwischen auf den Lärm am Waldrand aufmerksam geworden. Ein paar machten sich auf den Weg, um nach dem Rechten zu sehen. Scherzend und lachend taumelten sie zwischen den Zelten an den Rand des Lagers. Sie hörte, wie sie auf sie zu kamen.

"Was meinst du, ob er wohl sein eigenes Spiegelbild in seiner Pisse gesehen hat und darüber erschrocken ist?"

"Würd mich nicht wundern, bei der Hackfresse! ... He, guck mal da, wer ist denn das?"

"Häh? Wer? ... Ach du Scheiße. Ist das ne Frau?" Er blinzelte in die Dunkelheit.

Dann traf der kalte Stahl sein Herz. Noch bevor er den Boden erreicht hatte, zog sie den Dolch wieder heraus und wandte sich seinem Kumpan zu. Sie rammte ihm die Klinge tief in den Bauch und zog sie quer durch seinen Leib. Er schrie vor Schreck und Schmerzen. Hilflos sah er zu, wie seine Därme herausquollen. Dann stach sie auch ihm die Augen aus.

Er fiel zu Boden. Sie packte ihn an den Haaren und zerrte ihn wieder hoch. So einfach sollte er es nicht haben, er sollte leiden, leiden, wie sei gelitten hatte... Wieder und wieder stach und hackte sie auf ihn ein, bis sie merkte, dass er schon längst tot war.

Sie ging weiter auf das Feuer zu. Inzwischen waren alle aufmerksam geworden. Sie rappelten sich hoch, versuchten den Rausch abzuschütteln und griffen nach ihren Waffen. Doch sie nahm es nicht einmal mehr wahr, wie sich die Männer auf sie stürzten. Blind hieb sie um sich, und ihr Hass lenkte den Dolch. Immer wieder gelang es einem der Männer, sie zu treffen und zu verletzen, doch jeder Schmerz steigerte nur ihre Wut. Sie war wie in einem Rausch. Tränen flossen ihre Wangen hinab und machten sie blind, doch sie musste nichts sehen. Der Fremde hatte Recht gehabt, der Dämonendolch fand auch so sein Ziel.

Bald war der Boden glitschig von Blut. Ihre Angreifer rutschten fluchen darauf aus. Nur sie hielt sich noch immer aufrecht. Sie schritt durch den roten Sumpf, und wann immer sich eine hilfesuchende Hand nach oben reckte, hieb sie sie ab. Beine ohne Füße, ohne Körper pflasterten die Gassen zwischen den Zelten. Augenlose Leichen starrten blicklos auf ihre eigenen zerfetzten Innereien. Sinnlos herausgeschnittene Fleischfetzen und Blut spritzten auf das erlöschende Feuer und füllten die Luft erst mit Bratenduft, dann mit dem Gestank von verbrannten Menschen.

Das Massaker dauerte mehrere Stunden. Auch nachdem alle tot waren, stolperte sie zwischen den Leichen umher und hackte wild auf sie ein.

"Ihr... habt... mein Leben... zerstört...", murmelte sie wie im Fieber vor sich hin, "ihr... habt mich... beschmutzt... geschändet... ihr habt sie alle getötet... ich hasse euch!" Inzwischen schrie sie, obwohl keiner mehr da war, der sie hätte hören können. "Ich hasse euch! Ihr seid Abschaum! Abschaum! Sterbt!", heulte sie. Rotz und Tränen flossen über ihr Gesicht und vermischten sich mit dem Blut, das auf sie gespritzt war.

Als die ersten Sonnenstrahlen den östlichen Himmel röteten, wurden ihre Bewegungen langsam ruhiger. Ihr Körper war noch nicht stark genug für eine solche Anstrengung gewesen, und sie spürte, wie bleierne Müdigkeit über ihre Glieder kroch. Der Dolch entfiel ihren Händen. Mitten zwischen den verstümmelten Leichen sank sie zu Boden.

"Was habe ich bloß getan?", dachte sie noch, und: "Werde ich denn jetzt endlich Frieden finden?"

Dann wurde es wieder schwarz vor ihren Augen.


Als sie das letzte Mal erwachte, war alles Leere. Sie hob nicht einmal mehr den Kopf, denn sie wusste, was sie sehen würde.

Sie rollte sich zusammen und schlang die Arme um ihre Knie. Wieder wünschte sie sich, einfach nur zu sterben, in Frieden zu sterben. Doch das Bewusstsein weigerte sich, sie zu verlassen, und die Erinnerung klammerte sich in alle Fasern ihres Gehirns. Der geheimnisvolle Fremde hatte sein Versprechen gebrochen. Sie konnte noch immer nicht vergessen, sie fand noch immer keinen Frieden. Wo war er jetzt? Das einzige, wofür sie jetzt noch Energie aufbringen konnte, wäre, ihm sein verfluchtes Geschenk in das kalte Herz zu stoßen.

Sie biss die Zähne zusammen. Ihr Magen verkrampfte sich bei dem Gedanken an den Heuchler, den Betrüger, der sie dazu gebracht hatte, den einzigen Menschen zu töten, der freundlich zu ihr gewesen war. Sie sah an sich herunter. Sie war immer noch über und über von Blut besudelt. Zwar war sie irgendwann im Halbschlaf aus dem Lager gekrochen, doch nach diesem Massaker hatte sie nicht mehr die Kraft gehabt, sich zu reinigen.

Was hätte das auch gebracht? Der Schmutz saß so tief, dass nichts ihn entfernen konnte, er saß in ihrer Seele. Sie war verloren, endgültig verloren, und an allem war nur dieser Fremde schuld. Er und die Banditen, die sie getötet hatte.

Doch die Rache hatte ihr keinen Frieden gegeben. Ihre Schande war nicht weniger geworden dadurch, und ihr Hass hatte sich nicht beruhigt, im Gegenteil. Er brodelte noch immer in ihr, stärker als zuvor. Sie rollte sich enger zusammen. Woher kam dieser unbändige Zorn? Diese Lust, etwas zu zerstören, jemanden zu töten? Sie bohrte sich die Fingernägel ins Fleisch. Es war wie ein Hunger in ihr, diese neue Gier nach Grausamkeit. Es fiel ihr schwer, das zuzugeben, aber sie hatte das Massaker genossen.

Was waren das für Gefühle? Für Gedanken? Wenn ihr Verlobter sie so sähe, er würde sie nicht wiedererkennen. Ihr Verlobter... aber er war tot, und er würde nie wieder zurückkehren. Und selbst wenn sie stürbe, würde sie ihn nicht sehen, denn für solche wie sie war im Jenseits ein anderer Platz bereitet. Eine Träne rollte ihre Wange herab.

Sie wischte sie mit einer ärgerlichen Handbewegung weg. Sie wollte nicht mehr weinen. Sie hatte für ihr Leben genug geweint in den letzten Tagen. Jetzt war es vorbei mit der Trauer. Jetzt wollte sie Rache. Wenn dieser Fremde hier auftauchte, würde sie...

"Ich muss schon sagen, diesmal hast du es geschafft, mich zu beeindrucken."

Sie fuhr hoch. Da stand er und ließ seine Blicke über das Lager schweifen, als betrachte er eine schöne Landschaft.

"Du..."

"Ich weiß, ich weiß, jetzt möchtest du dich bedanken, nicht wahr? Mit meiner Hilfe hast du endlich Rache nehmen können", er drehte sich zu ihr um. Sie versuchte, seine Miene zu deuten, aber sein Gesicht lag wie immer im Schatten seiner Kapuze. Sie ballte die Fäuste und richtete sich auf. Hastig tastete sie um sich. Wo war der Dolch? Sie wollte ihn würdig zurückgeben... Ihre Lippen verzogen sich zu einem grausamen Grinsen. Ein letztes Mal wollte sie die verfluchte Klinge mit Blut tränken... mit seinem Blut, dem Blut des Betrügers...

"Suchst du den?" Der Fremde hielt den Dolch mit zwei Fingern hoch. "Du hast ihn da drüben fallen gelassen. Ich sagte dir doch, dass du sorgfältiger damit umgehen solltest..." Sie hätte schwören können, dass er unter der Kapuze grinste. "Aber um dich zu bedanken, brauchst du ihn ja nicht. Ich nehme ihn einfach wieder an mich", fuhr er fort.

Sie sprang auf und sank sofort wieder zu Boden. Ohne den Rausch, der sie in der Nacht aufrecht gehalten hatte, war sie sogar zu schwach, um zu stehen.

"Bedanken?", fragte sie bitter, "wofür? Du hast dein Versprechen gebrochen... und jetzt ist alles zu spät."

"Aber, aber, hat der Dolch den nicht sein Ziel gefunden?" Er wies auf das Lager, über dem Aasvögel kreisten. "Es sieht doch aus, als hätte deine Rache Erfolg gehabt."

"Ich wollte keine Rache! Du hast mich dazu überredet! Alles, was ich wollte, war Frieden! Vergessen! Erlösung!"

Er lachte leise. "Oh, es ist herrlich, wie naiv du bist. Wie konntest du nur glauben, dass ein Schattenwesen dir Erlösung bringt? Nein... ich kann dir Rache verschaffen, ich kann dir Macht verschaffen, aber Frieden? Der einzige Friede, den wir kennen, ist die Totenstille nach der Schlacht."

Sie starrte ihn ungläubig an. Er hatte Recht, wie hatte sie so dumm sein können? Sie hatte ihm vertraut, aber das war ihr eigener Fehler gewesen. Dadurch war sie nur noch tiefer in die Verdammnis gerutscht. Sie starrte ihn an, und ihr graute. Ihr schien, als spüre sie erst jetzt die Kälte und den Hass, den er ausstrahlte. Sie kroch zitternd von ihm weg.

Doch dann hielt sie inne. Wohin sollte sie denn nun gehen? Sie hatte nichts mehr, niemanden. Der einzige Mensch, der ihr hätte helfen wollen, war der erste, der ihrem Zorn zum Opfer gefallen war. An wen konnte sie sich nun wenden?

"Wohin gehst du?" Der Fremde wiederholte ihre Gedanken mit spöttischer Stimme. "An wen willst du dich wenden? Es gibt niemanden mehr, der dir helfen kann, außer mir. Komm mit mir ins Reich der Schatten."

Sie sah zu ihm zurück. "Mit dir?" Entsetzen machte sich in ihr breit. Sie wollte nur noch weg von ihm, von allem, wofür er stand. "Mit dir?", wiederholte sie, "ich kann nicht mit dir kommen! Wo du bist, ist der Tod, ist die Verdammnis!"

Wieder lachte er, lauter diesmal. "Aber mein Mädchen, sieh dich doch an! Was unterscheidet uns noch? Wie viel tiefer kannst du denn noch sinken? Du bist schon längst eine von uns, du willst es nur noch nicht wahrhaben. Aber bitte, sieh für dich selbst! Geh zurück in dieses Lager und sieh, was du getan hast! Und dann sag mir noch einmal, dass du nicht mit mir kommen kannst."

Sie blickte zum Lager. Eine Brise wehte zwischen den Zelten entlang und trug den Gestank von Tod und Verwesung zu ihr.

"Du hast diesen Tod gebracht, nicht ich", sagte der Fremde sanft. "Du bist wie ich. Der einzige Unterschied ist der, dass ich das erkannt habe und Macht daraus beziehe. Komm mit mir. Ich werde dich lehren, wie man die Kraft des Hasses nutzt, und wenn du zulässt, dass er dich ausfüllt, dann wird er langsam, aber sicher die Erinnerung in dir verdrängen, auslöschen."

Sie schwieg. Er fuhr mit einer beinahe mitleidigen Stimme fort: "Du willst doch vergessen? Das ist das Einzige, was dir noch bleibt. Komm. Komm mit mir, lerne und vergiss."

Langsam stand sie auf. Ihr Kopf war ganz leer, er fühlte sich leicht an. Alles in ihr war leer. Nur tief, tief in ihrem Herzen loderte eine kleine schwarze Flamme. Sie stolperte auf ihn zu. Er legte einen Arm um sie. Diesmal zuckte sie nicht zusammen. Dann öffnete er ein Portal in die Schattenwelt.

Als sie an seiner Seite hindurch schritt, blickte sie nicht mehr zurück.

hoch

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Genres:
* Prosa * Fantasy * Horror *


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