Ratten


Ich bin nicht aufgewacht, als die Ratten meinen Zeh fraßen. Rattenspeichel enthält ein Anästhetikum, alles, was ich spürte, auch als ich wach war, war ein unangenehmes Jucken. Nein, was mich geweckt hat, war Hensons Schrei.

Es war ein furchtbarer Schrei. Ich hatte auch damals schon einiges gehört – Schreie von Soldaten im Krieg, von Müttern, die ihre Kinder, und von Kindern, die ihre Mütter sterben sahen, von Sterbenden und Überlebenden. Aber einen solchen Schrei hatte ich noch nie gehört. Zuerst war da nur der Schreck, der Ekel, und dann, als er erkannte, was mit ihm passiert war, war es die nackte Panik. Er hörte gar nicht mehr auf zu schreien, er kreischte wie ein Wahnsinniger, immer und immer wieder, und er unterbrach sich zwischendrin nur kurz, um Luft zu holen.

Dort unten im Tunnel hallte es schrecklich. Manchmal, wenn gerade ganz in der Nähe feindliche Truppen waren, haben wir nicht einmal zu atmen gewagt und sind vor unseren eigenen Schritten erschrocken, so laut scheint das Echo in diesen engen Röhren, und das Wasser trägt den Schall noch weiter. Zum Glück waren wir in jener Nacht relativ sicher. Damals war niemand sonst da, nur Henson, Jones und ich. Wenn der Feind in der Nähe gewesen wäre... Aber dann wäre ich wohl nicht mehr hier, um dir das zu erzählen.

Henson jedenfalls dachte sicher nicht an so etwas. Und Jones und ich zuerst auch nicht. Stell dir vor, wie das ist: Du schläfst friedlich – na ja, so friedlich, wie du eben schläfst, im Krieg, in einer Kanalisation mitten im besetzten Gebiet – und dann weckt dich dein Kamerad, der schreit, als ob er bei lebendigem Leibe aufgefressen werde.

Und genau das war es ja auch. Zuerst waren wir völlig verwirrt, Jones und ich. Alles, was wir hörten, war dieser grauenvolle Schrei und das Echo, das ihn verzerrte und verstärkte. Wir hörten nicht einmal das Quieken, so laut war er. Ich tastete nach meiner Taschenlampe und stieß dabei ständig gegen irgendetwas Feuchtes, Pelziges. Als ich sie endlich gefunden hatte und in Hensons Richtung leuchtete, hätte ich auch fast losgeschrieen. Da waren die Ratten – hunderte, tausende. Ein ganzes Meer aus fetten, zappelnden, quiekenden, krabbelnden Ratten. Der ganze Boden war bedeckt von ihnen, sie waren überall. Und mitten in diesem Rattenmeer stand Henson und schrie und versuchte sie abzuschütteln. Sie waren auch auf ihm, überall. Auf seinem Kopf. In diesem Augenblick dankte ich Gott, dass ich immer mit Helm schlief, um schneller bereit zu sein, wenn ich aufwachte. Alle lachten über meine Paranoia, aber weißt du was? Manchmal kann Paranoia Leben retten. Damals zum Beispiel.

Henson hatte seinen Helm zum Schlafen abgelegt, und jetzt war er davon aufgewacht, dass die Ratten seine Augen gefressen hatten. Spätestens als sie bis zum Sehnerv vorgedrungen waren, hatte die betäubende Wirkung des Speichels wohl nachgelassen. Und dann – so haben Jones und ich uns das später zusammengereimt – hat der Schmerz ihn geweckt. Das war sein erster Schrei. Dann wollte er sich wohl an die Augen fassen, um zu sehen was los war, und das muss der Punkt gewesen sein, an dem er gemerkt hat, dass seine Finger weg waren.

Bis dann waren wir auch wach, und ich suchte nach meiner Lampe, während Henson herumsprang und schrie und versuchte, die Biester abzuschütteln und Jones durch das Wasser geplatscht kam, um zu sehen, was los war. Jones hatte nämlich Wache halten sollen, ein Stück weiter vorne, wo sich der Tunnel gabelte. Das hat ihn wohl gerettet. Die Ratten müssen aus der anderen Richtung gekommen sein, sonst hätten sie ihn wohl als erstes verspeist. Aber er war eingepennt. Und bis er da war und ich die Lampe an hatte und wir kapiert hatten, was los war, war Henson schon halb aufgefressen.

Er hat sich gewehrt, natürlich, aber es waren zu viele, und wenn eine Ratte sich erst mal in ein Opfer verbissen hat, lässt sie so schnell nicht los. Das merkte ich dann auch. Beziehungsweise, Jones merkte es. Ich saß da und starrte wie ein Idiot auf Henson, als Jones mit seiner Lampe um die Ecke kam.

"Oh shit, Henson!", waren seine ersten Worte, und dann kam er rein und zog seine MP und fing an, auf die Biester zu schießen, aber in einem engen Abwassertunnel mit drei Leuten ist das keine gute Idee, mit einer MP rumzuballern, das kann ich dir sagen. Ich weiß nicht, ob er Henson getroffen hat, der war sowieso schon voller Blut und merkte gar nichts mehr, aber ich hätte fast eine Kugel abbekommen.

"Jones! Lass den Scheiß, oder willst du uns umbringen?", motzte ich ihn an, aber wenigstens war ich jetzt endlich wach und fing auch an, die Biester zu killen, nur ich versuchte es mit meinem Messer, das war nicht so gefährlich, aber auch nicht so effektiv. In diesem Augenblick merkte er es.

"Do- Donovan! Dein Fuß", stammelte er und machte große Augen. Ich dachte erst, was für ein Trottel, Henson wird gerade von Ratten aufgefressen, und er hat nichts Besseres zu tun, als mich anzuglotzen, aber dann sah ich, wie entsetzt er guckte, also schaute ich auf meinen Fuß.

Und dann schrie ich auch erst mal. Eines von diesen Biestern, so eine richtig fette, widerliche Ratte, hatte meinen Stiefel durchgenagt und war bis zu meinen Zehen gekommen. Der große war schon weg, und sie hatte gerade am zweiten gefressen, als ich aufgesprungen war, um Henson zu helfen.

Ich schrie wie am Spieß und versuchte das Vieh abzuschütteln, aber wie gesagt, wenn sie sich einmal festgebissen haben, lassen Ratten nicht mehr los. Ich war so in Panik, dass ich mich nicht mal fragte, warum ich nichts gespürt hatte. Ich sprang und hüpfte und trat. Und das Biest war schwer! Und es ließ nicht los. Jones zielte abwechselnd darauf und auf Henson, aber dann sah er ein, dass er mir eher das Bein abschießen würde als die Ratte.

Henson hatte inzwischen aufgehört zu schreien. Jones, der mehr Überblick hatte als ich, erzählte mir hinterher, dass ein paar von den Biestern ihm an die Kehle gegangen waren. Jones hatte inzwischen auch sein Messer draußen und hat die Biester massakriert. So langsam muss das dann auch Wirkung gezeigt haben, oder sie haben gemerkt, dass wir ernstzunehmende Gegner waren und haben sich verzogen, jedenfalls waren ein paar Minuten später die meisten Ratten weg, bis auf die toten, und das fette Biest an meinem Fuß. Ich hatte es ein paar mal gegen die Wand geschlagen, und es war schon ganz groggy, aber es hat nicht losgelassen.

Irgendwann hat es mir dann gereicht. Ich blieb stehen, auf dem Fuß mit der Ratte, und trat ihr mit dem anderen auf den Kopf, aber so richtig. Das Blut und das Rattenhirn sind nur so gespritzt, und was noch an Knochen in meinem Zeh war, hatte ich mir damit gebrochen. Kein schöner Anblick... Der Zeh war völlig zerfetzt, und jetzt auch noch zerquetscht, und der zermatschte Rattenkopf hing noch daran. Ich hab dann die Zähne aus der Wunde gepult, und ich sage dir, fast hätte ich auch noch draufgekotzt.

Dann bin ich zu Henson gehumpelt. Der lag am Boden und blutete, aber er atmete immer noch. Sein Hals war völlig zerfetzt, und bei jedem Atemzug spritzte das Blut aus der Wunde. Sein rechtes Auge war angefressen und blutete, aber das linke war komplett aus der Höhle genagt. Da war nur noch ein Loch in seinem Schädel, aus dem Blut und eine eklige gelbe Flüssigkeit flossen. Seine Nase und die Wangen hatten sie auch angefressen. Sie hatten richtige Furchen ins Fleisch gebissen. Und seine Hände und Arme waren angebissen. Die Arme sahen nicht so schlimm aus, die Mistviecher hatte Probleme mit dem Kevlar in der Jacke – nicht dass sie es nicht versucht hätten, aber das hat wohl nicht mal ihnen geschmeckt – aber seine Finger waren fast ganz abgenagt. An einigen war noch genug Gewebe übrig, um die Knochen zusammenzuhalten, die ohne Haut und Fleisch von seinen Händen baumelten. Wie bei so einem Anatomieskelett, nur ohne die Drähte. Dafür mit Blut. Seine Beine waren seltsamerweise OK. Er hatte nicht mal Bissspuren an den Stiefeln. Ich weiß bis heute nicht, warum die Ratten bei ihm nur oben hingegangen waren und bei mir nur unten. Meine Hände waren ja auch nicht besser geschützt gewesen als seine.

Und er atmete immer noch. Röchelte. Ich schaute Jones an, und Jones schaute mich an.

"Was machen wir mit ihm?", fragte ich. Das war ne echt beschissene Situation, da unten. Wir waren, wie gesagt, mitten im besetzten Gebiet. Unsere nächste Einheit war zwei Tagesmärsche durch die Kanalisation entfernt, und wir konnten ja auch nicht gut mal eben ans Tageslicht und beim nächsten Hospital anklopfen. Und während wir nachdachten, lag unser Kamerad da und verblutete.

"Wir können nichts mehr für ihn tun", Jones zuckte mit den Achseln. Ich starrte ihn an. "Was willst du damit sagen?", fragte ich, obwohl ich es genau wusste. "Willst du ihn hier einfach krepieren lassen?" Ich weigerte mich, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen.

Jones schüttelte den Kopf. "Was willst du sonst machen, Donovan? Wir können ihn nicht mitschleppen. Und auf dem Weg würde er sowieso abkratzen. Ich sage, lass uns ihn von seiner Qual erlösen." Er hob das Messer.

"Du willst ihn umbringen?" Ich war entsetzt. Natürlich hatte er Recht, und es war da humanste, was wir tun konnten. Aber damals dachte ich noch anders: "Du willst das Blut eines Kameraden vergießen?"

Jones ließ die Hand mit dem Messer sinken und verdrehte die Augen. "Donovan, bitte. Findest du es etwa kameradschaftlich, ihn hier langsam und unter Schmerzen krepieren zu lassen? Wir tun ihm einen Gefallen. Außerdem sollten wir uns beeilen, wir wissen nicht, ob die Biester wiederkommen, und unser Lärm hat bestimmt die halbe Stadt geweckt."

Ich zögerte noch immer. Ich sah ja ein, dass er Recht hatte, aber es widersprach all meinen Prinzipien, einen Kameraden zu töten. Jones sah, was in mir vorging, und beschloss, dass ich meine Lektion jetzt oder nie lernen musste. Er hielt mir sein Messer hin. "Töte ihn." Ich muss geguckt haben wie ein Auto, denn trotz dieser Situation hatte er plötzlich so ein Zucken in den Mundwinkeln. "Na los, Donovan. Töte ihn. Tu deinem Kameraden einen letzten Gefallen. Das ist ein Befehl", setzte er hinzu. Er war nicht nur älter, sondern hatte auch von uns dreien den höchsten Rang, also blieb mir nicht mehr viel übrig. Ich nahm sein Messer – du siehst, wie daneben ich war, schließlich hatte ich mein eigenes immer noch in der Hand, ich hab es extra dafür abgelegt – und nach einer Sekunde des Zögerns schnitt ich ihm die Kehle endgültig durch. Richtig tief, bis zur Wirbelsäule, um sicher zu gehen. Es blutete noch kurz sehr heftig, dann war es vorbei. Ich wischte das Messer an Hensons Jacke ab und gab es zurück.

Jones klopfte mir auf die Schulter. "Manchmal muss man harte Entscheidungen treffen, Donovan. Wir haben das Richtige getan." Ich nickte, aber ich schaute ihn nicht an. Das war nicht der erste Mensch, den ich getötet hatte, aber der erste Kamerad. Das ist schon was anderes. Zumindest dachte ich das damals.

Wir packten schweigend zusammen und schauten, dass wir wegkamen. Auf dem ganzen Rückweg verbrachten wir keine ruhige Nacht mehr, wir sahen überall Ratten. Ich träume immer noch davon...Unterwegs fing dann mein Zeh an zu eitern, und wir sind einige Male nur ganz knapp der Entdeckung entkommen, aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls schafften wir es zurück ins Camp, wir hatten die Infos, und mein Fuß hat auch überlebt. Nur zwei Zehen fehlen eben...

hoch

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* Prosa * Abenteuer * Horror *


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