Weihnachten


Es ist Heiligabend. Draußen ist es schon dunkel. Der spärliche Schnee glitzert im Licht der Straßenlaternen. Blinkende Fensterdekorationen werfen Muster auf den matschigen Vorgarten, rot, grün, gelb, blau, und wieder rot.

Andreas sitzt im Wohnzimmer vor dem Weihnachtsbaum. In beiden Händen hält er ein Päckchen. Es ist sorgfältig verpackt, in rotem Papier mit goldenen Sternen. Das Päckchen ist klein, und in seinen großen Händen sieht es noch kleiner aus. Er betrachtet es genau, als versuche er, durch die Verpackung hindurchzuschauen. Dabei weiß er ganz genau, was darin ist; er hat es selbst eingepackt.

Andreas runzelt die Stirn und fährt sich mit einer Hand durch die kurzen Haare. Sie sind grau an den Schläfen, er weiß nicht genau seit wann. Durch die geschlossenen Fenster dringt ein Martinshorn in seine Wohnung, biegt gedämpft um die Ecke und verschwindet wieder. Andreas steht auf und legt das Päckchen unter den Baum. Das Rot leuchtet unter dem dunklen Grün der ungeschmückten Zweige.

Die Dekoration liegt in der Ecke, sorgfältig in graue Pappkartons verpackt; so, wie sie im Jahr zuvor in den Keller geräumt wurde. Auf dem Tisch, auf dem der erloschene Adventskranz steht, liegen drei Kerzenschachteln.

Der leere Stuhl steht jetzt einsam inmitten des Raumes, dem Weihnachtsbaum zugewandt. Andreas betrachtet ihn und runzelt wieder die Stirn. Dann geht er aus dem Zimmer und löscht das Licht.

In der Küche schaltet er es gar nicht erst an. Stattdessen öffnet er den Kühlschrank. Der kalte Schein fällt auf sein Gesicht, während er den Inhalt betrachtet, ohne ihn wirklich zu sehen. Nach einer Weile nimmt er einen gebratenen Hühnerschenkel heraus. Das Fleisch liegt dort seit gestern Abend, seit er eingesehen hat, dass niemand es essen würde.

Jetzt beißt er in den kalten Schenkel und schließt den Kühlschrank. Er kaut und schluckt im Dunkeln, zwei Bissen, drei, nach einer Pause einen vierten. Dann wirft er den restlichen Schenkel in den Abfall und geht langsam ins Schlafzimmer hinüber.

Auch hier macht er das Licht nicht an, aber er lässt die Türe offen, und der Schein der Flurlampe fällt an ihm vorbei aufs Bett.

Sein Schatten liegt auf der einen Seite. Die andere ist leer. An der Stelle, an der Mareikes Kopf lag, ist nicht einmal mehr ein Abdruck im Kissen. Ihre Decke ist sorgfältig glattgestrichen. Das Bett sieht aus, als warte es auf sie.

Oder als sei es seit Tagen nicht benutzt worden.

Letzte Nacht ist Andreas aufgewacht, als er nach ihr greifen wollte und sie nicht da war. Danach konnte er lang nicht mehr einschlafen. Das war um Viertel vor fünf. Ihr Handy war ausgeschaltet.

Es ist den ganzen Tag ausgeschaltet. Am Abend versucht er es nicht mehr. Er tritt ans Bett und streicht über das leere Kopfkissen. Nach eineinhalb Tagen ist nicht einmal ihr Duft übrig. Es ist fast, als wäre sie nie dagewesen. Sie hat achtundzwanzig Jahre in zwei Koffer gepackt und nur die Erinnerung an einen Abdruck auf einem Kissen zurückgelassen.

Andreas fragt sich, warum es so weit gekommen ist.

"Warum?" Seine Stimme klingt rau und seltsam laut in der stillen Wohnung.

Er geht wieder aus dem Schlafzimmer und zieht leise die Tür zu. Das Flurlicht ist hell. Er blinzelt. Langsam hebt er die Hand und schaltet es aus. Eine alte Geste; er hat jeden Abend das Licht ausgemacht. Mareike hat es angelassen. Auch gestern. Es war ihr immer zu dunkel im Winter.

Andreas lauscht, aber die Wohnungstür rührt sich nicht, und das Telefon bleibt stumm. Mareike kommt nicht zurück.

Er geht ins Wohnzimmer, im Dunkeln. Er braucht kein Licht, um sich zu orientieren. Nach so vielen Jahren weiß er, wo alles ist.

Er setzt sich auf den Stuhl, gegenüber dem Weihnachtsbaum. Im Dunkeln sieht man nicht, dass er schmucklos ist. Durch das Fenster blinkt die Dekoration im Haus gegenüber, rot, grün, gelb, blau, und wieder rot.

Es ist Heiligabend.


2007


Geschrieben für die Weihnachtsgeschichtensammlung des Autorenclubs


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Genres:
* Prosa * Alltagsgeschichten *


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