Ein bisschen Wärme


Es war ein schrecklich kalter Tag in diesem schrecklich kalten Winter. Frau Schmidt wickelte ihren Schal noch ein Stück fester und eilte durch die dunklen Straßen. Der Wind blies ihr ein paar vereinzelte Schneeflocken ins Gesicht, doch auf dem Boden hatte sich die weiße Pracht schon längst in grauen Matsch und dann in tückisch glattes Eis verwandelt. Was für ein Wetter! Bei diesen Temperaturen sollte kein Mensch auf die Straße müssen. Erst Recht nicht ein kleines Mädchen, das nicht einmal einen Mantel hatte...

Frau Schmidt hielt abrupt an. Ein kleines Mädchen ohne Mantel? Sie drehte sich um zu der dunklen Einfahrt, an der sie eben so achtlos vorbeigegangen war. Tatsächlich, da stand die Kleine, drückte sich an die Wand und zitterte erbärmlich. Nicht nur, dass sie keinen Mantel anhatte, sie war auch barfuß, und ihr einziges Kleidungsstück war ein dünner weißer Kittel, ein Nachthemd oder so etwas Ähnliches. Welcher Unmensch ließ seine Tochter so auf die Straße gehen?

Entschlossen ging Frau Schmidt auf das Mädchen zu. Das Kind warf ihr einen ängstlichen Blick zu und wich ein bisschen zurück, bis das Eisentor, das die Einfahrt verschloss, es aufhielt.

"Keine Angst, Kleine, ich will dir doch nur helfen", sagte Frau Schmidt beruhigend. "Was machst du denn so allein auf der Straße? Bei diesem Wetter... Wo sind denn deine Eltern?"

Das Mädchen starrte sie nur mit großen, dunklen Augen an. Frau Schmidt zog den Mantel aus. Ein plötzlicher Windstoß ließ sie erschauern, doch sie konnte die Kleine nicht einfach so stehen lassen. Sie hielt ihr den Mantel hin. Als sie nicht reagierte, machte Frau Schmidt noch einen Schritt auf sie zu und legte ihn ihr um die Schultern. Das Mädchen zuckte bei der Berührung zusammen, wehrte sich aber nicht. Ihre Haut fühlte sich kalt an, viel zu kalt für ein gesundes Kind. Frau Schmidt zog den Mantel fest zu.

"Wo wohnst du denn? Du musst nach Hause gehen, du holst dir noch den Tod! Wohnst du hier?" Ihr Blick wanderte an der Fassade des Hauses nach oben. Schwarze, ausgekohlte Fensterhöhlen starrten zurück und erinnerten sie an die Schlagzeilen der letzten Woche...

Mehrfamilienhaus in Flammen...

Ihr war, als stiege noch immer eine leichte Rauchfahne aus der Ruine des Neubaus, der vor wenigen Tagen erst völlig ausgebrannt war.

"Nein, wohl nicht", beantwortete Frau Schmidt ihre eigene Frage. Aber vielleicht hatte die Kleine hier vorher gewohnt? Und versuchte nun, in ihr zerstörtes Zuhause zurückzukehren?

"Hast du hier gewohnt?", präzisierte sie. Das Kind starrte sie an. Als Frau Schmidt schon glaubte, es würde nicht mehr antworten, nickte es langsam.

"Du Arme... Aber wo sind denn deine Eltern jetzt?" Das Mädchen schaute sie nur weiter stumm an. Sie bemerkte die tiefen Schatten unter seinen Augen. Teile von überflogenen und gleich wieder vergessenen Zeitungsartikeln schwirrten ihr durch den Kopf... Mehrfamilienhaus in Flammen... Fünf Tote...

Waren womöglich die Eltern des Mädchens unter den Toten? Sofort schämte sie sich für ihre Frage. Das arme Kind hatte schon genug leiden müssen. Doch was sollte sie nun tun? Polizei? Krankenwagen? Sie konnte die Kleine jedenfalls unmöglich hier in der Kälte stehen lassen. Andererseits hatte sie keine Ahnung, wohin sie sie bringen sollte... Ihr fiel nur eine Lösung ein: "Du kommst mit zu mir nach Hause. Da kannst du dich erstmal aufwärmen, und dann sehen wir weiter. Ein bisschen Wärme ist das, was du jetzt am dringendsten brauchst." Sie griff nach der Hand des Mädchens. Es wehrte sich nicht, als sie es mit sich zog. Dafür, dass es barfuß über den gefrorenen Schnee lief, waren seine Schritte erstaunlich sicher, doch Frau Schmidt achtete nicht darauf.

In ihrer Wohnung angekommen, setzte Frau Schmidt eine große Kanne Tee auf. Dann erst half sie dem Kind aus dem übergroßen Mantel. Vorsichtig hob sie es hoch und trug es ins Wohnzimmer. Dort wickelte sie es in eine Wolldecke. Das Mädchen ließ alles über sich ergehen, ohne ein Wort zu sagen. Nur seine großen, leeren Augen wichen nicht von Frau Schmidt. Sie wurde ein bisschen unruhig unter diesem Blick. Das war doch nicht normal, dass ein Kind so still war? Sicher stand es noch unter Schock, das arme Ding!

"Keine Sorge, meine Kleine. Gleich gibt es einen schönen heißen Tee für dich, der wärmt dich wieder auf. Möchtest du auch Kekse? Bestimmt. Alle Kinder mögen Süßes", plapperte Frau Schmidt. "Schau hier, ich habe Plätzchen gebacken, das schmeckt dir sicher. Bist du schon ein bisschen aufgewärmt?" Sie zog die Decke zurecht und strich dem Mädchen über die Wange. Seine Haut fühlte sich noch immer schrecklich kalt an, doch es schien nicht zu zittern. Frau Schmidt wusste nicht, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war. Sie warf ihrem Gast einen besorgten Blick zu. Dann ging sie in den Flur, um die Polizei zu informieren, und eilte anschließend in die Küche, wo das Teewasser inzwischen kochte.

Als sie mit der dampfenden Teekanne zurückkehrte, saß das Mädchen noch immer in derselben Haltung auf dem Sofa. Nur seine Augen hatten sich bewegt und waren nun nicht mehr ins Leere gerichtet, sondern auf den Adventskranz, der auf dem Tisch stand.

Frau Schmidt folgte ihrem Blick. "Gefällt er dir? Den hat meine Nichte mir geschenkt. Sie ist Floristin, weißt du." Sie stellte die Kanne ab und ging zum Schrank, um eine Tasse zu holen. "Wir können ihn anzünden, wenn du das möchtest. Ja? Soll ich? Ich hole gleich Streichhölzer, warte..."

Sie wollte dem Mädchen die gefüllte Tasse reichen, doch es rührte sich nicht.

"Na komm schon, du musst dich doch aufwärmen... Willst du keinen Tee?" Sie zog an der Decke, um die Hände des Kindes auszugraben. "Was willst du denn dann?"

"Feuer", flüsterte das Mädchen. Frau Schmidt erschrak so sehr über die unerwartete Antwort, dass ihr die Tasse fast aus der Hand gerutscht wäre. "Du kannst ja doch reden! Was hast du gesagt?"

"Feuer", wiederholte das Mädchen, ohne den Blick von den halb abgebrannten Kerzen zu lösen.

"Feuer? Du meinst den Adventskranz", vermutete Frau Schmidt. "Ich zünde ihn gleich an, aber nimm doch erstmal den Tee. Das ist es, was du jetzt brauchst, du brauchst ein bisschen Wärme."

Endlich schob sich eine bleiche kleine Hand aus der Decke und griff nach der Tasse.

"Na also. Und jetzt suche ich die Streichhölzer, ja?"

"Kalt...", murmelte das Mädchen statt einer Antwort. Frau Schmidt fasste ihm an die Stirn. Wirklich, es fühlte sich noch immer eisig an.

"Mach dir keine Sorgen, Hilfe ist schon unterwegs. Trink erst mal deinen Tee", wies sie es an, während sie die Schublade nach Streichhölzern durchsuchte. "Der ist schön warm."

"Kalt", widersprach das Kind leise.

"Ich habe ihn gerade frisch aufgebrüht", antwortete Frau Schmidt. "Ah, hier sind sie ja." Sie klapperte fröhlich mit der Streichholzschachtel und drehte sich wieder zu ihrem kleinen Gast um. Das Mädchen hatte sich kein bisschen bewegt, die Tasse in seiner Hand war noch immer voll. Doch obwohl Frau Schmidt nur wenige Augenblicke weggeschaut hatte, war der Tee so weit abgekühlt, dass kein Dampf mehr daraus aufstieg. Sie hob verwundert die Augenbrauen. Hatte sie zu lange gebraucht seit das Wasser gekocht hatte? Aber so schnell konnte der Tee doch nicht kalt werden. Andererseits war es wirklich kühl hier im Wohnzimmer. Sie würde gleich die Heizung hochdrehen, die arme Kleine hatte schon genug gefroren heute. Frau Schmidt überprüfte den Regler. Seltsam, er stand bereits auf der höchsten Stufe. Sie würde den Hausmeister anrufen müssen...

"Komm, stell die Tasse ab, ich schenk dir frischen Tee ein. Den musst du dann aber trinken, bevor er kalt ist", mahnte sie. "Und jetzt zünde ich den Adventskranz an. Schau, ist das nicht schön?" Sie riss ein Streichholz an und hielt es an die erste Kerze. Als sie das Funkeln in den Augen des Mädchens sah, musste sie lächeln.

"Ja, Advent ist eine schöne Zeit, nicht wahr? Hat deine Familie auch..." Frau Schmidt brach ab, als ihr wieder einfiel, dass die Familie des Mädchens, wenn sie noch lebte, überhaupt nichts mehr hatte. Sie wandte sich ab und zündete die zweite Kerze an.

"Feuer", flüsterte das Kind. Frau Schmidt drehte sich wieder zu ihm um. Es schien ihren Ausrutscher nicht krumm zu nehmen. Wahrscheinlich hatte es ihn nicht einmal gehört, so gebannt starrte es auf die flackernden Lichter auf dem Tisch.

Frau Schmidt lächelte traurig. Das arme Mädchen, bei ihm zu Hause gab es so was wohl nicht mehr. "Wo wohnst du denn jetzt?", erkundigte sie sich. "Irgendwann muss ich dich nämlich zurückbringen. Sicher suchen sie dich schon und machen sich Sorgen um dich." Sie entzündete auch die dritte Kerze und blies das Streichholz dann aus.

Das Mädchen riss den Kopf hoch. "Feuer", sagte es vorwurfsvoll und zeigte auf die vierte, unberührte Kerze.

"Jetzt doch noch nicht", Frau Schmidt schüttelte den Kopf, "vierter Advent ist erst übermorgen. Vorher dürfen wir die vierte Kerze nicht anzünden. Aber jetzt kriegst du erst mal einen frischen Tee. Den musst du dann aber auch trinken." Das Mädchen starrte an ihr vorbei auf den Adventskranz und schien ihr gar nicht zuzuhören.

Frau Schmidt griff nach der Tasse. Als sie sie in die Hand nahm, erschrak sie so sehr, dass sie ihr aus den Fingern rutschte und auf dem Boden zerschellte. Der Tee, der eben noch dampfend heiß gewesen war, war nun eiskalt. Am Rand der Tasse hatten sich sogar Eiskristalle gebildet, die nun in der Pfütze auf dem Teppich langsam wieder schmolzen.

"Was hast du denn mit dem Tee...?" Sie starrte das Kind entsetzt an. Es schaute zurück.

"Kalt", sagte es mit trauriger Stimme. Langsam stand es auf. Frau Schmidt erschauerte, als ein eiskalter Hauch sie streifte. Er schien von der Kleinen auszugehen, die jetzt die Hand hob und auf den Adventskranz zeigte.

"Feuer", stellte sie fest. Die tiefe Trauer in ihrem Ton hielt Frau Schmidt in ihrem Bann. Sie bewegte sich nicht, als das Kind sich dem Adventskranz näherte. Erst als es in die Kerzenflamme fasste, wachte sie wieder auf.

"Nicht! Du verbrennst dich", schrie sie auf, doch es war zu spät. Die kleine, bleiche Hand hatte Feuer gefangen. Sie brannte, als wäre sie aus Zunder. Das Mädchen fasste nach der vierten Kerze und entzündete sie mit seinen Fingern.

"Feuer", seufzte es wieder. Frau Schmidt wich entsetzt zurück, als es auf sie zuging. Die Flammen breiteten sich über seinen Arm aus, griffen nach der Wolldecke, die auf den Boden gerutscht war, leckten am Sofa.

"Feuer!", jubelte das Mädchen und streckte die Arme nach Frau Schmidt aus, als wolle es sie umarmen. Sie machte hastig einen Schritt zurück. Ein plötzlicher Schmerz an ihrem Hinterkopf erinnerte sie daran, dass hinter ihr die Wand begann. Das Mädchen, das inzwischen lichterloh brannte, kam unbeirrt auf sie zu. Frau Schmidt spürte, wie die Hitze ihre Haut austrocknete. Auch der Teppich hatte nun Feuer gefangen, und von den Möbeln stieg dunkler Rauch auf.

Als das Kind Frau Schmidt in den Arm nahm, schrie sie auf. Doch schon bald füllten die dichter werdenden Schwaden ihre Lungen, brachten sie zum Husten und erstickten jeden Laut. Das letzte, was Frau Schmidt durch den Kopf ging, bevor der Sauerstoffmangel sie gnädig in Ohnmacht fallen ließ, war die vollständige Schlagzeile...

Mehrfamilienhaus in Flammen... Fünf Tote, darunter ein kleines Mädchen...


2007


Geschrieben für die Weihnachtsgeschichtensammlung des Autorenclubs

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Weitere bei dieser Schreibübung entstandene Texte gibt es hier


Genres:
* Prosa * Horror *


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