Der Kommissar


Das Telefon klingelt und eine aufgeregt Stimme meldete sich.

"Kommissar Kalissa, ein Banküberfall in der Wergoldstraße. Kommen sie sofort dorthin!"

Ongir Kalissa springt auf. Seit sieben Jahren ist er nun schon der einzige Kommissar in diesem verschlafenen Nest namens Sel’Oh‘Burg. Das größte Verbrechen, mit dem sich der Kommissar während seines Dienstes in diesem Ort befassen mußte, war eine Gruppe Jugendlicher, die im Bahnhof der Stadt unter drogeneinfluß randaliert haben.

Wenn es nach dem Kommissar gegangen wäre, so hätte es ruhig bis zu seiner Pensionierung in fünf Jahren so weitergehen können.

Und jetzt das, ein Bankübefall in Sel’Oh’Burg. Ärgerlich nimmt der Kommissar seinen schwarzen Hut, wirft sich das lange, schwarz-glänzende Regencape über und verläßt sein Büro, um durch den Hinterausgang direkt auf den Parkplatz zu gelangen, auf dem sein Dienstwagen, ein nagelneuer Takuro Spirit, auf ihn wartet.

Reini Woisbi, seine Assistentin, sitzt bereits auf dem Beifahrersitz und wartet auf ihn. Auch das noch, denkt sich der Kommissar. Da passiert einmal während meiner Dienstzeit ein Verbrechen in Sel’Oh’Burg, bei dem ich benötigt werde, und dann ist die einzige Hilfskraft, die mir im Moment zur Verfügung steht, ein freches, junges Mädchen, das vor zwei Monaten erst ihre Ausbildung begonnen hat. Noch nicht einmal alt genug zum Autofahren ist sie, so daß ich, ganz unkommissarmäßig, den Wagen selber fahren muß.

Der Kommissar setzt sich ans Steuer, sucht ausgiebig in den Taschen seines Regencapes nach den Schlüsseln, stellt dann fest, daß seine Assistentin dieser bereits ins Zündschloß gesteckt hat.

Ärgerlich startet der Kommissar den Wagen, während er die Assistentin unfreundlich anfährt, sie möge doch das mobile Blaulicht aufs Dach stellen.

Noch bevor das Blaulicht auf dem Dach und der Wagen auf der Hauptstraße ist, aktiviert er die Sirene. Ein greller Pfeifton ertönt, der sich immer weiter steigert und schließlich so hoch wird, daß er den Bereich des hörbaren verläßt. Wild zuckende blaue Reflexe tanzen über den Regenschleier, der seit Tagen die ganze Stadt verhüllt. Die Fehlfunktion der Sirene und das ständige Kratsch-Platsch-Kratsch-Platsch der langsam vermodernden Scheibenwischer tragen nicht gerade dazu bei, die schlechte Laune des Kommissars aufzubessern. Und außerdem ist auch noch Dienstag, der einzige Tag in der Woche, an dem Abends seine beiden Kinder nicht im Haus sind und er es sich mit Inga, seiner Frau, bequem machen kann.

Hoffentlich, überlegt er, ist dieser bescheuerte Banküberfall bald vorbei. Je schneller, desto besser. Hätte ich Aufregung haben wollen, hätte ich mir eine Job in der Stadt, vielleicht in Cashhosm oder Bdeegilnet, gesucht.

Die ruhigen Jahre haben nicht dazu beigetragen, daß der Kommissar sich über Aufregung freut, ganz im Gegenteil, die vielen Stunden in seinem Büro haben dafür gesorgt, daß er einige überschüssige Pfunde im Bauchbereich angelegt hat. Von dem sportlichen Menschen, der vor Jahren seinen Akademieabschluß in Krimminalistik gemacht und für Recht und Gerechtigkeit kämpfen wollte, ist heute kaum noch etwas übrig. Und jetzt auch noch dieser dämliche Dienstag-Nachmittag-Banküberfall!

Über Funk versucht er, eine Verbindung mit der Polizeizentrale herzustellen, doch wieder einmal scheint der Empfang gestört zu sein. Nur statisches Rauschen dringt aus dem Lautsprecher. Muß er eben darauf hoffen, daß die Beamten vor Ort ihm irgendwelche Einzelheiten sagen können.

Von seiner Assistentin erfährt er, daß sie die wichtigen Ein-Verbrechen-Wir-Brauchen-Ein-Protokoll-Zettel vergessen hat. Dann muß er also nach dem Banküberfall alles noch einmal abschreiben, wenn er wieder in seinem Büro sitzt. Wütend schimpft er mit der Assistentin, die noch nie auch nur Ansatzweise ein Verbrechen erlebt hat und auch nichts dafür kann, daß ihr bei der Einweisung durch ihre Kolleginnen nicht erklärt wurde, daß man ein Ein-Verbrechen-Wir-Brauchen-Ein-Protokoll-Zettel benötigt, wenn ein Verbrechen geschehen ist. Ihr wurden nur so weltbewegende die erklärt wie, was man sagt, wenn der Kommissar in seinem Büro sitzt und schläft, wenn jemand anruft. In Gedanken macht sich der Kommissar einen Notiz, seinen beiden seit langem für ihn arbeitenden Assistentinnen eine Mahnung zu erteilen.

Und überhaupt, warum mußten die beiden sich auch ausgerechnet heute frei nehmen. Seine hübsche Ivenda hätte ja auch zwei Wochen eher ans Meer fahren können, dann müßte er jetzt nicht den in Wirklichkeit nicht mehr ganz nagelneuen Takuro zu einem Banküberfall fahren, den er nicht gewollt hat. Und warum muß die Mutter von Bea, seiner anderen Assistentin, auch ausgerechnet heute ihren siebzigsten Geburtstag feiern? Fragen über fragen, die den Kommissar auf dem Weg zum Ort des Verbrechens beschäftigen.

Nur mit einer Vollbremsung auf regennasser Fahrbahn gelingt es ihm, nachdem es in die Wergoldstraße eingebogen ist, einen Zusammenstoß mit der Straßensperre der Polizei zu verhindern. Wer hat den Polizisten überhaupt erlaubt, so hinter einer Straßenecke versteckt eine Sperre aufzubauen. Nur weil drei Häuser weiter ein Banküberfall stattfindet. So etwas geht doch nicht.

Nach kurzer Diskussion, während der es dem Kommissar nicht gelingt, die Erlaubnis zu bekommen, weiterzufahren. Steigt er entnervt aus und macht sich, unter einem Regenschirm, den seine Assistentin trägt, auf den Weg zum Lagedienstleiter der Polizei.

Wie um ihn zu ärgern, steht sein einstmals nagelneuer Takuro natürlich mitten in einer riesigen Pfütze, so daß nicht nur die Schuhe des Kommissars sondern auch seine Socken völlig durchnäßt werden. Doch zu mehr Komemntar als einem kurzen, resignierenden "Mist!" läßt er sich nicht herab. Was kann heute schon noch schlimmer werden. Ein Dienstag-Nachmittag-Banküberfall mit nassen Socken!

"Herr Kommissar," ruft eine älterer Polizist, der hinter einem gepanzerten Fahrzeug sitzt, "kommen sie vorsichtig herüber."

Oberwachtmeister Abbe, ich wußte doch, daß es noch schlimmer werden kann, fährt es dem Kommissar durch den Kopf.

Die einzige peinlich Aktion, die der Kommissar in Sel’Oh’Burg bisher erlebt hat, hat mit Oberwachtmeister Abbe zu tun, der auf einer Party versucht hat, mit der Frau des Kommissaren anzubändeln. Nach einer handfesten Schlägerei und zwei Tagen im selben Krankenzimmer ist Abbe zu einzigen Person auf der Welt geworden, die der Kommissar ohne zu zögen an menschenfressende Außerirdische übergeben würde.

Nun gut, reißt er sich zusammen. Dienst ist Dienst und menschenfressende Außerirdische sind menschenfressende Außerirdische. Und im Moment ist der Dienst, insbesondere diese Dienstag-Nachmittag-Banküberfall mit Abbe das schlimmere Schicksal.

Sehnsüchtig stellt der Kommissar sich vor, daß der Bankräuber ein menschenfressender Außerirdischer ist, der gleich mit seinem schleimigen Maul und den scharfen Zähnen heraus kommen wird, um Oberwachtmeister Abbe zu verspeisen und dann diese Welt für immer zu verlassen.

"Der Alarm wurde ausgelöst, doch trotz des gräßlichen Klanges der Sirenen hat niemand bisher das Gebäude verlassen. Wahrscheinlich Geiselnahme. Vor acht Minuten und siebenundzwanzig Sekunden ist die Sirene ausgefallen. Seitdem ist es ruhig hier. Kommen sie endlich in Deckung," fügt der Oberwachtmeister noch hinzu, als der Kommissar keine Anstalten macht, sich hinter dem gepanzerten Polizeifahrzeug zu Abbe zu gesellen.

"Haben sie hier die Aufsicht, Oberwachtmeister Abbe," fragt der Kommissar, wobei nicht klar zu unterscheiden ist, ob er nicht vielleicht doch Oberwaldmeister gesagt hat.

"Jawohl, seit der Alarm von siebenundzwanzig Minuten und dreiunddreißig..."

"Dann sind sie auch für diese gemeingefährliche Straßensperre verantwortlich, oder?"

Sichtlich überrascht antwortet Oberwachtmeister Abbe mit kaum zitternder Stimme.

"Natürlich Herr Kommissar. Alle siebenundzwanzig in Dienst befindlichen Beamten..."

"...sind hier," vollendet der Kommissar den Satz des Oberwachtmeisters, um einem neuerliche Vortag zu entgehen. "Die Polizeistation, nehme ich an, ist im Moment geschlossen, oder wie?"

"Natürlich, wie sollten wir uns sonst mit allen unseren Beamten auf dieses abscheuliche Verbrechen konzentrieren?"

"Und wenn in der Zwischenzeit weitere Verbrechen geschehen? Wenn zum Beispiel menschenfressende Außerirdische die Erde überfallen? Dann bekommt die Polizei von Sel’Oh’Burg nichts mit," erklärt der Kommissar seelenruhig, völlig den Regen und den Banküberfall im Hintergrund mißachtend.

Weiter erklärt er: "Ab sofort übernehme ich hier das Kommando, dies ist nämlich ein Notfall."

"Jawohl Herr Kommissar," antwortet Oberwachtmeister Abbe kleinlaut.

"Sehr schön, und da ich hier nun das Kommando habe, lege ich als erstes fest, daß wir für diesen Banküberfall nicht mehr als zehn Polizisten hier benötigen. Drei an jeder Straßensperre und vier, die mich hier im Notfall unterstützen. Sie sowie die siebzehn anderen Polizisten werden sofort mit diesem albernen Fahrzeug wieder zur Wache fahren, unser Panzerfahrzeug gründlich abwaschen und es wieder in der hintersten Ecke der Tiefgarage verstauen. Sie verschwenden hier bloß wertvolle Steuergelder."

Befriedigt will sich der Kommissar nun dem Problem seiner nassen Socken zuwenden, doch Abbe unterbricht ihn erneut.

"Aber Herr Kommissar, der Bankräuber..."

"Der Bankräuber, der Bankräuber," donnert der Kommissar den mittlerweile völlig verstörten Oberwachtmeister an. "Wer ist den hier der Chef der Aktion? Ich oder irgend so ein bescheuerter, völlig verblödeter Bankräuber, der nichts besseres zu tun hat, als unsere Steuergelder mit so einer Aktion zu verschwenden. Und jetzt ab Marsch!"

Die Schultern hängen lassend marschiert der Oberwachtmeister zu der Straßensperre, an der das Auto des Kommissars mitten auf der Straße in einer größer werdenden Pfütze steht.

"Und sorgen sie dafür, daß die Straßensperre hundert Meter weiter hierher verlegt wird," ruft der Kommissar dem Oberwachtmeister nach. "Ehe noch jemand durch ein um die Ecke geschossen kommendes Auto verletzt wird." Erst will der Oberwachtmeister zu einem Einwand ansetzen, doch als der den Kommissar ruhig unter seinem pink-neongrün-gestreiften Regenschirm stehen sieht, überlegt er es sich anders.

"Reini," wendet er sich an seine Assistentin. Hol das Auto her und sag denen an der Straßensperre, die sollen ein paar trockene Socken für mich besorgen, bevor sie hierher kommen. Und für dich auch welche, wenn du genauso nasse Füße hast wie ich."

Nachdem der Kommissar nun sowohl den Oberwachtmeister als auch seine noch nicht richtig ausgebildete Assistentin losgeworden ist, mit ihr leider auch den Regenschirm, und die übrigen Polizisten den Panzerwagen startklar machen, kann sich der Kommissar endlich auf diesen unmöglichen Dienstag-Nachmittag-Banküberfall konzentrieren.

Was muß man bei einem Banküberfall als Kommissar machen, überlegt er sich. Nun, man muß mit den Geiselnehmern verhandeln. Also wird irgendwer in die Bank gehen müssen. Aber wer? Abbe und die anderen dummen Polizisten hat er zur Wache zurück geschickt. Und bei den restlichen Polizisten sind die Frauen mit seiner Frau befreundet. Oder ihre Kinder sind befreundet. Da wäre es überhaupt nicht gut, wenn davon jemand wegen ihm von einem Bankräuber gefangen wird.

Vielleicht, überlegt er sich, sollte ich selber reingehen zum Verhandeln. Da drinne gibt es sicherlich eine Heizung an der ich mich aufwärmen kann. In Banken ist es immer angenehm warm. Und außerdem muß ich mich dann nicht mit den ganzen Leuten hier draußen rumärgern.

Reini kommt mittlerweile mit dem Regenschirm zu ihm zurück.

"Herr Kommissar, sie werden neue Socken besorgen."

"Das ist gut. Ich werde jetzt in die Bank gehen, um mit dem Bankräuber zu verhandeln. Da er sich nicht bei uns melde, muß wohl früher oder später jemand von uns zu ihm. Komm mit."

Von Reini mit dem Regenschirm begleitet nähert sich der Kommissar der Bank. Ohne auch nur darüber nachzudenken, fordert er Reini auf, ihn in der Bank bei den Verhandlungen zu unterstützen. Ohne seine Assistentin ist er schließlich kein richtiger Kommissar.

Mit einem leisen Wusch öffnet sich die automatische Tür der Bank und der Kommissar tritt ein. Während Reini noch ordentlich den Regenschirm ausschüttelt, schaut sich der Kommissar in der Bank um.

Vor dem Schalter sitzen einige Leute, die gefesselt und geknebelt zu sein scheinen. Im hinteren Bereich sieht der Kommissar, daß jemand mit Handschellen an Wasserrohre gefesselt wurde. Von dem Bankräuber ist nichts zu sehen.

"Hallo! Herr Bankräuber! Wo sind sie? Ich möchte mit ihnen verhandeln!"

Da keine Antwort erfolgt, betritt der Kommissar die Bank, während Reini den Schirm und das nasse Regencape des Kommissars an den Schirmständer an der Tür hängt.

"Reini, siehst du hier einen Bankräuber?"

Reini shcaut sich um, kann jedoch nichts entdecken.

"Nun gut, dann befrei‘ du mal die Gefangenen, während ich nach dem Bankräuber such."

Während der Kommissar die ganze Bank nach dem Dienstag-Nachmittag-Bankräuber absucht, befreit Reini nach für nach die Gefangenen.

"Der Bankräuber ist weg," konstatiert der Kommissar, nachdem er sogar hinter der künstlichen Palme nachgesehen hat. "Oder er hat sich zumindest sehr gut versteckt."

"Die Person ist verschwunden, schon seit Stunden," erklärt einer der Zeugen.

"Und hat das ganze Geld geklaut," erklärt der immer noch an die Heizungsrohre gefesselte Bankangestellte, den Reini mittlerweile von seinem Knebel befreit hat.

"Herr Kommissar," erklärt Reini, "ich kann die Schlüssel für die Handschellen nicht finden."

"Ruf den Schlüsseldienst an, die kennen sich mit so etwas aus. So, und nun zu den Zeugenaussagen."

Er schaut sich um. "Reini! Reinihiii! Wenn du soweit bist, brauche ich deine Hilfe hier. Wie will ich denn Fragen und Schreiben gleichzeitig, möchte ich mal wissen. Warum ist nie eine Assistentin da, wenn man mal eine braucht?"

Er schaut die befreiten Zeugen an. "Niemand verläßt das Haus, bevor ich ihn oder sie nicht gründlich befragt habe. Außerdem will ich einen Platz an der Heizung, um die Leute zu befragen. Schließlich hab ich ewig lange draußen im Regen gestanden."

Während der Kommissar einen Stuhl an die Heizung stellt und sich falsch herum drauf setzt, so daß sein Rücken an der Heizung liegt, bringen ihm zwei der Zeugen einen Tisch, während anderen Stühle für die übrigen Zeugen bringen.

Kurze Zeit später hat Reini dem Schlüsseldienst erklärt um was es geht und setzt sich neben dem Kommissar.

"So, und nun mal schön einer nach dem anderen, was ist hier geschehen?"

"Schwer zu sagen."

"Wir wurden gefesselt."

"Ich hab nichts mitbekommen."

"Das ging alles so schnell."

"Ich weiß es nicht."

"Hm," überlegt der Kommissar. "Reini, schreib auf, die Zeugenaussagen sind diffus und widersprüchlich."

Während Reini schreibt, stellt der Kommissar die nächste Frage.

"Wie sah der Bankräuber aus. Und zwar bitte einer nach dem anderen."

"Ungefähr einsachtzig groß."

"Braune Haare, kurz geschnitten."

"Keinen Bart."

"Lange Jeans hatte er an. Und ein kariertes Holzfällerhemd."

"Außerdem heißt er Jelono Sioptopf und ist aus Nimsaj-Liop."

"Reini, haben sie das alles notiert?"

"Jawohl, Herr Kommissar," antwortet Reini, ohne mit dem Schreiben aufzuhören.

"Nun gut, wir haben eine Beschreibung des Verbrechers sowie diffuse Aussagen über den Tathergang. Wie hat der Täter denn die Bank verlassen?"

"Er war einfach weg."

"Hat sich in Luft ausgelöst."

"Ist verschwunden."

"Genau so war es."

Der Kommissar überlegt kurz, wie er die Frage präzisieren kann.

"Ich er durch den Haupteingang oder durch die Hintertür geflohen." Irgendwo muß er ja schließlich anfangen, den Fall aufzuklären.

"Werder noch. Er war einfach weg. Keine der Tür wurde nach dem Alarm bewegt, bis sie die Bank betreten haben."

"Hm, nicht durch die Tür geflohen, schreiben sie das auf, Reini. Ist er also durch eines der Fenster entfleucht?"

"Nein, er hat sich einfach so in Luft aufgelöst."

"Gibt es igendwelche Fenster hier, die sie von ihren Positionen aus nicht sehen konnten?"

"Nein, wir konnten den gesamten Raum überblicken. Er hat sich vor unseren Augen in Luft aufgelöst."

"Reini, notieren sie, daß er auch nicht durch die Fenster entflohen ist. Sagen sie Reini, wie kann jemand einen Raum wie diesen verlassen, ohne Fenster oder Türen dafür zu nutzen?"

"Vielleicht ist er durch eine der Wände gegangen," schlägt Reini skeptisch vor.

"Nun gut, hat der Bankräuber ein Loch in eine der Wände gebrochen, ist hindurch spaziert und hat es anschließend wieder zu gemauert, damit man ihm nicht folgen kann?

Nein, ich sehe ihnen an, das war nicht der Weg, den er genommen hat. Ist er einfach so durch eine Wand verschwunden?"

"Nein, er hat sich einfach so mit samt dem ganzen Geld in Luft aufgelöst."

"Reini, notieren sie, im Bezug auf die Flucht des Bankräuber sind die Aussagen der Zeugen zu undeutlich, um zu einem definitiven Schluß zu gelangen. Notieren sie weiter, daß alle Zeugen übereinstimmend behaupten, der Verbrecher habe sich in Luft aufgelöst."

Der Kommissar betrachtet gründlich seine Zeugen.

"Wo bleibt denn nur der verdammte Schlüsseldienst. Es macht mich nervös, daß ich einen der Zeugen nicht beobachten kann.

Egal, machen wir weiter, ich hab meiner Frau versprochen, vor dem Essen noch Nudeln und Milch einzukaufen.

Wie hat der Verbrecher sie bedroht? Welche Waffe hatte er bei sich?"

"Welche Waffe? Soweit wir das feststellen konnten, überhaupt keine."

"Stimmt."

"Genau."

"Reini, notieren sie: Der Täter war laut Zeugenaussagen unbewaffnet.

Aber dann interessiert es mich doch, wie es dem Täter gelungen ist, sie zu fesseln."

"Eben standen wir noch in der Schlange an, im nächsten Moment spüren wir einen gewaltigen Ruck und sitzen gefesselt und geknebelt auf dem Fußboden."

"Von einem Moment auf den anderen."

"Ohne daß wir es bemerkt hätten."

Der Kommissar betrachtet die Zeugen erneut, ob er bei irgend einem von ihnen auch nur den kleinsten Zweifel entdeckt. Doch alle glauben sie fest an das, was sie erzählen.

Er wendet sich an den Angestellten, der immer noch an die Heizung gefesselt ist.

"Könnte es sein, daß irgendwelche stimmungsverändernden Drogen oder Betäubungsmittel in die Klimaanlage dieser Filiale geraten sind?"

"Das kann auf jedem Fall ausgeschlossen werden, da es hier überhaupt keine Klimaanlage gibt."

"Hm, sehr rätselhaft dieser Fall. Ein unbewaffneter Bankräuber, der sich plötzlich in Nichts auslöst mit samt der Beute und ein Haufen Zeugen, die plötzlich gefesselt sein wollen. Wo bleibt den dieser beschissene Schlüsseldienst? Reine, geht mal raus und seh nach! Ich werde in der Zeit über den Fall nachdenken."

Hm, überlegt der Kommissar, ein sehr rätselhafter Fall. Eigentlich sollte man sich so schwere Gedanken nicht nach dem Mittagessen machen müssen. Dafür sollte es ein Gesetzt geben. Man sollte die Gewerkschaft einschalten, daß so etwas verboten wird.

Ein lautes, metallisches Pling sowie ein spitzer Schrei von Reini reißen den Kommissar aus seinen Überlegungen.

"Was ist das los," brüllt der Kommissar, ärgerlich über die neuerliche Ablenkung an diesem verfluchten Dienstag Nachmittag.

"Ein Monster, eine Riesenschlange mit silberner Haut. Und sie hat mich angegriffen."

Sollten es die menschenfressenden Aliens sein, die diesen katastrophalen Dienstag Nachmittag nutzen, um Oberwachtmeister Abbe endlich zum Hauptgang zu wählen? Das wäre ein gelungener Abschluß dieses Tages.

Der Kommissar steht auf und geht zur Tür. Kaum ist er in der Nähe der immer noch geöffneten Tür, das bereut er bereits, den warmen Platz an der Heizung gegen die feuchte Luft, die ihm hier entgegen schlägt, getauscht zu haben.

Mutig tritt er in die Tür, um den Aliens zu erklären, wo sie Oberwachtmeister Abbe finden. Hoffentlich, denkt er sich, können Aliens rechts und links unterscheiden, sonst wird es schwer, ihnen den Weg zur Wache zu erklären.

Er erblickt jedoch erst einmal Panzer vom Militär, die an beiden Seiten der Straße Stellung bezogenhaben. Eine Reihe Soldaten, die sich mit Metallschilder schützen, hat vor der Bank Stellung bezogen und die Waffen auf ihn gerichtet.

"Wo bleibt der Schlüsseldienst," ruft er so laut er kann. "Eine der Geiseln konnte noch nicht befreit werden, da sie mit Handschellen an Heizungsrohe gekettet wurde. Die restlichen Geiseln sind wohlauf, zumindest körperlich. Sie scheinen nur ein wenig verwirrt zu sein."

"Herr Kommissar, wie geht es ihnen," ruft jemand von hinter einem der Panzer hervor. Diese Stimme würde der Kommissar überall erkennen. Oberwaldmeister Abbe!

"Wie soll es mir schon gehen," antwortet der Kommissar genervt. "Meine Socken sind noch immer naß, den Dienstag Abend mit meiner Frau kann ich vergessen, ich regne naß, sie gehen mir schon wieder auf die nerven und alle fähigen Assistentinnen von mit haben heute Urlaub. Was verlange sie noch?"

"Aber, der Bankräuber? Was ist.."

"Der Bankräuber ist schon seit Stunden weg. Und sie verschwenden hier schon wieder Steuergelder. Schicken sie endlich den Schlüsseldienst hier her und das Militär und alle anderen Polizisten nach Hause. So, ich gehe jetzt wieder rein, und wenn sich noch einmal irgendwer erdreistet, auf meine reizende Assistentin zu schießen, dann zerre ich denjenigen vor den Obersten Gerichtshof. Und wenn es sein muß, sorge ich dafür, daß extra deswegen die Todesstrafe wieder eingeführt wird," entgegnet der Kommissar patzig, dreht sich um und geht wieder in die Bank.


Zweieinhalb Stunden später sitzt der Kommissar wieder in seinem warmen, behaglichen Büro und macht zum ersten Mal, seit er die Stelle in Sel’Oh’Burg hat, Überstunden. Und das auch noch Dienstag Abends.

Das Video der überwachungskamera hat er sich schätzungsweise eintausend Mal angesehen und ist doch nicht schlau daraus geworden. Da taucht plötzlich ein Mann aus dem nichts auf, während die gesamten Leute in der Bank plötzlich gefesselt sind, öffnet den Tresor, holt alles Geld raus und bestiehlt auch noch die Passanten. Und dann verschwindet er plötzlich wieder.

Außerdem hat er den Leute nie ihr ganzes Vermögen geraubt, nur alles an Bargeld, was mehr als 100 Levi (Ca. 50 €) betrug. Wertsachen wollte er überhaupt nicht haben.

Vor eineinhalb Stunden hat er den Oberwachtmeister, den er in Gedanken immer Oberwaldmeister nennt, beauftragt, die Identität des Bankräuber zu überprüfen anhand der Bilder der Überwachungskamera. Außerdem hat er dem Oberwachtmeister die Information mitgeteilt, daß eine Zeuginbehauptet, bei dem Bankräuber handele es sich um Jelono Sioptopf aus Nimsaj-Liop."

Vor einer halben Stunde hat der Oberwachtmeister ihn angerufen und die Identität bestätigt. Da hat der Kommissar natürlich sofort angeordnet, daß diese Person festzunehmen sei.

Vor zehn Minuten dann klingelte erneut das Telefon im Büro des Kommissars. Ein Polizist aus Nimsaj-Liop hat ihm erklärt, daß sie den Bankräuber in seiner Wohnung gefunden haben und er auch eine größere Menge Bargeld bei sich hatte.

Allerdings, erklärt ihm der Polizist weiter, hat der Verdächtig zur Zeit des Banküberfalles in Sel’Oh’Burg auf einer Konferenz von Gewerkschaftern gesprochen und hat mindestens 120 Zeugen, die seine Anwesenheit dort bestätigen. Wäre auch zu schön, denkt sich der Kommissar, wenn der Fall schon erledigt wäre.

Und jetzt klingelt erneut das Telefon. Reini meldet sich: "Herr Kommissar, ein Kommissar aus Jummeifisop möchte sie sprechen. Es geht wohl um ihren Bankräuber."

"Jummeifisop? Das ist doch in Cmupf an der Nordküste, oder nicht? Und der Wohnort des Bankräuber liegt im Südmeer. Das hört sich sehr nach weiteren Schwierigkeiten an," murmelt der Kommissar, mehr zu sich selber als zu Reini. "Na gut, stell ihn durch."

Es tutet kurz in der Leitung und dann meldet sich ein anderer Kommissar, der sich als Kommissar Umonia aus Jummeifisop vorstellt.

"Es geht um ein Verbrechen, das heute Nachmittag hier im Jummeifisop stattgefunden hat."

"Ein Banküberfall?"

"Nein, mehrere Autodiebstähle."

"Autodiebstähle? In Jummeifisop?"

"Unter rätselhaften Umständen wurden hier mehrere Autos entwendet, die kurze Zeit später an anderen Orten wieder aufgetaucht sind."

"Und was habe ich mit verschwundenen Autos in Jummeifisop zu tun?"

"Als Täter wird ein gewisser – Moment, ich sehe mal kurz nach – Jelono Sioptopf aus Nimsaj-Liop verdächtig. Als ich seine Identität überprüfen wollte, habe ich von den Kollegen aus der südlichen Inselwelt erfahren, daß sie diesen Mann bereits wegen eines Bankraubes haben festnehmen lassen."

"Das ist richtig. Allerdings weiß ich nicht, wie eine Person gleichzeitig hier in Sel’Oh’Burg eine Bank überfallen und in Jummeifisop autos klauen kann, und trotzdem vor 120 Zeugen auf einer Gewerkschaftsversammlung eine Rede halten kann."

"Was für eine Gewerkschaftsversammlung?"

"Die Polizei in Nimsaj-Liop," erklärt der Kommissar herablassend, "hat ihn festgenommen und sein Alibi überprüft. Zu der fraglichen Zeit hat er auf einer Versammlung von Gewerkschaftern über irgendwelche Arbeitsgesetze in Compf referiert. Wie also erklären sie sich, daß dieser Mensch zur fraglichen Zeit Autos bei ihnen geklaut haben soll?"

"Wir haben eine Videoaufnahme, auf der er ganz deutlich zu sehen ist."

"Sie auch? Auf den Bildern der Überwachungskamera der ausgeraubten Bank kann man die fragliche Person auch ganz deutlich identifizieren. Eigentlich war ja meine Vermutung, daß es sich um einen Doppelgänger handelt, aber zwei Doppelgänger, die am selben Tag Verbrechen begehen? Und noch nie vorher auffällig gewesen sind? Das halte ich für sehr unwahrscheinlich."

"Das ganze Verbrechen ist unwahrscheinlich. Den Zeugen zufolge hat er mindestens sieben Fahrzeuge gestohlen, und zwar an unterschiedlichen Orten und innerhalb von höchstens zehn Minuten. An irgendwelchen Kreuzungen dann hat er die Autos einfach mitten auf der Straße stehen gelassen und ein anderes Auto geklaut."

Ein kurzes Tuten ertönt in der Leitung, das Signal, daß ein weiteres Gespräch eingeht.

"Warten sie mal kurz," entschuldigt sich der Kommissar.

Er schaltet auf die andere Leitung um und erfährt von Reini, daß ein Polizist aus Cohmiles mit ihm sprechen will.

"Noch einer," stöhnt der Kommissar. "Fragen sie ihn, ob es auch bei ihm um unsere Bankräuber geht. Wenn ja, dann soll er mich in einer halben Stunde noch mal anrufen."

Innerhalb der nächsten zwei Stunden rufen ständig weitere Leute an, bei denen Jelono Sioptopf aus Nimsaj-Liop irgendwelche Verbrechen verübt hat. Und mittlerweile ist auch die Presse darauf aufmerksam geworden und belästigt den Kommissar.

Während als der Kommissar sich mit der Presse rumärgert, stellt Reini eine Zusammenfassung der Verbrechen zusammen, die ihrem Bankräuber vorgeworfen werden, Es scheint, als wären alle Verbrechen dabei, die man überhaupt begehen kann: Mord, Autodiebstahl, Einbruch, Vergewaltigung, Fahrerflucht, Geiselnahme, Banküberfälle, Unterschriften-Fälschung, Raub, Waffenbesitz, Kreditkartenmißbrauch, Brandstiftung sowie unzählige weitere Verbrechen. Und alle innerhalb von einer halben Stunde überall auf dem Planeten. Scheinbar gleichzeitig.

Und überall hat er seinen Namen hinterlassen, so daß es ein leichtes für die Polizei ist, ihn aufzuspüren. Ganz so, als wolle er gefunden werden. Der Kommissar liest sich den Bericht von Reini durch. Er hat sich mittlerweile wieder etwas beruhigt. Eben grade hat er mit seiner Frau telefoniert. Sie hat ihm erzählt, daß er im Fernsehen wie ein Held aussieht, wie er da so alleine in die belagerte Bank geht, um mit dem Bankräuber zu verhandeln. Sie ist sehr stolz auf ihn und hat viel Verständnis dafür gezeigt, daß er heute nun wirklich nicht pünktlich nach Hause kommen kann.

"Hm," meint er, als er mit dem Bericht fertig ist. Zwei weitere Polizisten helfen Reini mittlerweile, die ganzen anderen Ermittler abzufertigen, die anrufen.

"Irgendwie," erklärt der Kommissar Reini, "müssen wir in dieses ganze Chaos Ordnung bringen. Packen sie ihre Sachen, Reini. In einer halben stunde nehmen sie den Zug nach Vepkevoll. Und von dort aus fahren sie weiter nach Nimsaj-Liop. Ich brauche jemanden dort vor Ort, dem ich vertrauen kann. Nicht so einen Spinner der Jassländischen Polizei. Dort finden sie dann raus, was der Bankräuber so macht, wenn er nicht gerade auf dem ganzen Planeten Verbrechen verübt."

"Jawohl Herr Kommissar," erklärt Reini und freut sich über das Vertrauen, das der Kommissar in sie steckt, nimmt ihre Jacke und geht nach Hause, um ihre Sachen zu packen..

Kaum hat sie das Büro verlassen, stellt der Kommissar fest, daß er nun ganz alleine ist. Und daß er morgen früh die Berichte über den Banküberfall abgeben muß und diese daher selber schreiben muß. Und das, wo doch Dienstag Abend ist und er eigentlich viel lieber bei seiner Frau wäre. Doch das kann er wohl vergessen.

Resignierend wendet er sich seinen Protokollen zu und fängt an zu tippen.


hoch

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Genres:
* Prosa * Krimi *


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