Das Glas Wasser #5 - in der Wüste


"Dort hinten, siehst du es? Dort ist eine Oase," sagt Mirko zu Sabrina. Sabrina schaut in die von Mirko angezeigt Richtung, kann jedoch nichts außergewöhnliches Erkennen.

Es ist erstaunlich, wie viel Energie Mirko noch aufbringt, obwohl er seit Tagen durch die Wüste irrt und nach einem Glas Wasser sucht. Und jetzt, wo er plötzlich das Ziel vor Augen hat, ist er wieder voller Energie. Seit Tagen schon hat er nicht mehr so viel Hoffnung gehabt, die Wüste verlassen zu können.

Dabei hatte ihr Ausflug so hoffnungsvoll angefangen. Sie waren am Rand der Wüste, in einer großen Stadt, vielleicht hieß sie Tull, vielleicht auch anders. Als Mirko und Andi in dieser Stadt am Rande der Wüste angekommen waren, hat ihnen ein Einheimischer erklärt, daß es üblich ist, wenn man mit dem Auto die Wüste durchquert, weitere Leute mit zu nehmen. So oft fährt schließlich nicht jemand durch die endlosen, sandigen Weiten.

Andi hat Mirko durchdringend angeschaut, und dann haben sie sich bereit erklärt, Fahrgäste mit zu nehmen. Und so ist es gekommen, das sie dann zusammen mit Sabrina aufgebrochen sind in die sandige und schier unendliche Wüste.

Und jetzt kämpft sich Mirko Meter für Meter mit letzter Kraft durch die Wüste, in der Hoffnung, bald eine Oase und das Gals Wasser, das ihm das Leben retten wird, zu erreichen. Die Überreste seines T-Shirts hat er sich als Turban um den Kopf gewickelt, auf Schultern, Armen und Rücken hat er den schlimmsten Sonnenbrand, den er je gehabt hat.

Noch immer begleitet Sabrina ihn. Mirko hat keine Ahnung, wie es ihr gelingt, so leichtfüßig durch den Sand zu stapfen, fast darüber zu schweben. Sie sieht immer noch so frisch wie an ihrem ersten Tag in der Wüste aus. Immer, wenn Mirko denkt, daß er keinen Schritt mehr weiter kann, ermutigt sie ihn, motiviert ihn, noch ein paar Meter weiter zu gehen. Vor Tagen schon hat er es aufgegeben, sich über Sabrinas Kräfte zu wundern. Die heiße, knallharte Wüstensonne hat sämtliche Gedanken aus seinem Gehirn gebrannt, einzig der vor ihm liegende Weg erfüllt sein Denken. Und manchmal Erinnerungsfetzen an längst vergangene Ereignisse.

Seit sie die Stadt, deren Name Tull gewesen sein könnte, verlassen haben, ist so viel passiert. Er hat Sabrina damals am Stadtrand das erste Mal gesehen und sich sofort unsterblich in sie verliebt. Ihr ging es genauso. Die meiste Zeit in den folgenden Tagen mußte Andi das Auto fahren, während Mirko und Sabrina auf der Ladefläche gelegen und sich geliebt haben. Das war für die beiden Freunde kein Problem, denn als sie vor zwei Jahren segeln waren, da war Andis Freundin dabei und Mirko mußte die ganze Arbeit machen. Diesmal ist es eben umgekehrt.

Doch dann hatten sie diese gottverdammte Panne, aus dem Motor stieg plötzlich schwarzer Rauch auf. Sie sind alle ausgestiegen, mitten in der Wüste. Andi und Sabrina haben sich den Motor angesehen, Mirko hatte von sowas keine Ahnung. Ziemlich lange haben die beiden ihre Köpfe in den Motor gesteckt und manchmal ein oder zwei Worte gesagt. Schließlich sind sie zu dem Schluß gekommen, daß es hoffnungslos ist, daß der Motor hinüber ist. Also müssen sie zu Fuß los, um Hilfe zu holen.

Sie haben lange diskutiert, ob sie alleine oder zusammen gehen und sich dann entschieden, zusammen durch die Wüste zu wandern. Schon nach kurzer Zeit jedoch hat Andi sich den Fuß verletzt und wollte zurück zum Auto. Nach heftiger Diskussion hat sich Sabrina entschieden, mit ihm zum Auto zurück zu gehen. Mirko ist noch zwei Stunden weiter gelaufen und hat dann auch umgedreht.

Schließlich ist Mirko wieder bei ihrem Landrover angekommen. Andi und Sabrina lagen auf der Ladefläche, die Sonne war mittlerweile bereits untergegangen. Mirko und die anderen murmeln ein paar müde Worte und dann schlafen sie alle drei ein.


Als sie am nächsten Morgen wieder aufwachen beschließen sie, daß einer von ihnen einen neuen Versuch unternehmen muß, Hilfe zu finden, auch wenn die Wüste endlos zu sein scheint und die Sonne gnadenlos jeden verbrennt, der versucht, sie zu durchqueren.

Nach langem Hin und Her überzeugen Andi und Sabrina Mirko schließlich, noch einmal in die Wüste hinaus zu wandern.


Mirko geht erneut, mit einem Rucksack mit Wasser und Lebensmitteln sowie einem Kompaß ausgestattet, in die Wüste hinein. Gegen Mittag überkommt ihn eine starkes Gefühl, als müsse er dringend zu Andi und Sabrina zurück. Vielleicht ein wildes Tier, das die beiden bedrohen könnte.

Nach kurzer Diskussion mit sich selber kehrt Mirko schließlich um und folgt seinen eigenen Spuren zurück zum Landrover. Als er die letzte Düne überquert, erwartet ihn eine schreckliche Überraschung. Nicht ein wildes Tier liegt auf der Ladefläche des Landrovers sondern Andi und Sabrina, die sich unter der gnadenlosen Wüstensonne lieben, wie es zwei Tage zuvor noch Mirko und Sabrina gemacht haben.

Schockiert, enttäuscht und wütend läuft Mirko schreiend auf den Landrover zu. Erst sehr spät merken Andi und Sabrina, daß Mirko wieder da ist, doch da fällt er auch schon über die beiden her.

Im laufe der Wilden Prügelei fällt Sabrina über den Rand der Ladefläche des Landrovers. Andi bekommt einen großen Schraubenschlüssel zu fassen und schlägt damit auf Mirkos linke Schulter, das es nur so knackt. Irgendwie gelingt es Mirko trotzdem, Andi den Schraubenschlüssel zu entwinden. Kaum hat Mirko den Schlüssel in der Hand, schlägt er zu, immer wieder, auf die Arme, in den Bauch und auf den Kopf. Bis Andi sich nicht mehr rührt.

Keuchend läßt sich Mirko niedersinken. Als seine Wut langsam abklingt, fällt ihm ein, daß Sabrina irgendwie verschwunden ist. Einfach weg, und er weiß nicht einmal, wann genau. Dann wird ihm klar, daß er so eben Andi umgebracht hat, den besten und längsten Freund, der er hat, seit ihrer gemeinsamen Zeit im Kindergarten waren sie befreundet. Um nun hat er ihn erschlagen!

Plötzlich will Mirko nur noch kotzen, kotzen, kotzen. Mühsam beugt er sich über den Rand der Ladefläche und übergibt sich in den feinen Wüstensand. Doch sieht er, er trifft überhaupt nicht diese endlose Wüste sondern Sabrina, die reglos neben dem Landrover liegt. Ihr Kopf steht in seltsamen Winkel ab, eine große, getrocknete Blutlache hat den Wüstenboden um ihren Kopf herum rot gefärbt.

Schrecklich langsam klettert Mirko aus dem Landrover und kniet sich neben Sabrina nieder, um sie zu untersuchen. Sie ist mittlerweile so tot wie die unbarmherzige Wüste, die genau an der Stelle einen Stein liegen hat, an der Sabrina aus dem Auto gestürzt ist. Scheißpech!

Vor Trauer und Wut und Schock benebelt läuft Mirko los in die Wüste, ohne Vorräte, ohne Kompaß, nur in den vom Kampf zerrissenen Klamotten.

Nach einiger Zeit, Stunden, oder Tage, Mirko hat keine Ahnung, war Sabrina plötzlich wieder bei ihm. Erst hat er sich kurz gewundert, doch die heiße Wüstensonne hat schnell jeden Gedanken aus seinem müden Gehirn gebrannt. Seit dem begleitet sie ihn, macht ihn Mut, überredet ihn, immer wieder aufzustehen, wenn er hin fällt.


Mirko überquert eine weitere Düne und sieht endlich vor sich, was er sucht: Eine Oase, direkt am Fuß der Düne.

Keuchend läuft er los, zur Rettenden Quelle hin. Auf halber Strecke fällt er hin, rafft sich jedoch mühevoll wieder auf. Er dreht sich nach Sabrina um, doch sie ist weg, einfach verschwunden. Und als er wieder zur Oase schaut, ist auch diese weg. Statt dessen ist plötzlich ein Ungeheuer da, ein schreckliches, grausammes Ungeheuer, so schrecklich anzusehen, daß Mirko merkt, wie in seinem Verstand irgend etwas reißt, vielleicht seine geistig Gesundheit. Ein schreckliches Monster, das hungrig ist. Das Hunger hat auf Leute, die auf der Suche nach Wasser durch die Wüste stolpern.


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