Das Glas Wasser #9 - die andere Seite


Klaus ist ein Wassertropfen, ein beliebiger Wassertropfen. Eigentlich ist überhaupt nichts besonderes an ihm und er weiß auch nicht, warum ausgerechnet er das Meer verlassen hat und in diese Region geregnet ist. Jetzt ist er kurz vor dem Ende der Wasserleitung und kann es nicht erwarten, endlich diese dunkle, enge Röhre zu verlassen, in der nur weniger Wassertropfen Platz haben.

Endlich, endlich geschieht etwas. Die Wassertropfen sind aufgeregt, keiner weiß, was geschehen wird, wenn sie die Leitung verlassen. Natürlich haben sie von anderen gehört, die erzählen, wie schön das ist, was man dann alles sehen kann, aber Klaus kennt keinen, der wirklich schon einmal so etwas gemacht hat.

Sie bewegen sich, immer schneller, er hört ein lautes Brausen. Und dann, ganz plötzlich, wird es hell um ihn herum. Er befindet sich im freien Fall. Aber nur ganz kurz, dann atucht er in eine Menge Wassertropfen ein, die ihn umgibt.

Alles wirbelt durcheinander, nach oben, im Kreis, auf den Kopf, kurz: es ist dramatisch.

Nach kurzer Zeit haben die Wassertropfen sich wieder beruhigt und Klaus schaut sich um. Er ist fast am Rand ihrer Gruppe, irgend etwas scheint sie jedoch zusammenzuhalten, etwas Durchsichtiges. Jenseits davon ist also die obere Welt, wo es nur wenig Wasser gibt, von der jedoch alle erzählen. Viel sieht Klaus nicht, eigentlich nur eine silbern glitzernde Fläche.

Jetzt bewegen sie sich wieder, alle zusammen, ihr ganzer Behälter, in dem sie sich befinden. Klaus sieht, daß ihr Behälter in einem rechteckigen Becken war, das sie nun verlassen. Sie scheinen sich in irgendwas wie einer Grotte zu befinden, denn er kann keinen Himmel sehen. Im Gegensatz zu der Unterwasserhöhle, in der er vor langer lange Zeit mal gewesen ist, gibt es hier jedoch viele Kanten und Ecken, als würde es hier kein Wasser geben, das die Kanten rund macht. Und wirklich, Wasser scheint es, von ihnen abgesehen, keines zu geben.

Schnell kommen sie in einem anderen Raum, der wesentlich größer ist. Ihr Behälter kippt und viele von Klaus’ Freunden rutschen über den Rand. Doch dann stabilisiert sich ihre Lage wieder. Sie sind jetzt wesentlich weniger. Klaus befindet sich immer noch an dem Rand des Behälters. Er schaut sich um. Er sieht ein flimmerndes Rechteck. In schneller Folge sieht er dort Bilder. „Das zeigt andere Bereiche der oberen Welt,“ erzählt ihm ein anderer Wassertropfen. Es ist zuviel, in seinem ganzen Leben hat er noch nicht so viel gesehen wie in den letzten Tagen. Unglaublich, wie verschieden die Bereiche der oberen Welt doch sind. Es gibt hier fast so viele Unterschiede wie in ihrer unteren Welt. Klaus ist überwältigt.

Ihr Behälter bewegt sich wieder. Er kippt und immer mehr von ihnen rutschen über den Rand, bis schließlich auch Klaus den Behälter verläßt und in eine weitere neue, unbekannte Region der Welt gelangt. Zu viele neue Eindrücke, er will nach Hause, zurück ins Meer.


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Genres:
* Prosa * Fantasy *


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