Das Glas Wasser #13 – bei den Römern


Isi ist neu. Und sie arbeitet auf dem Nordfeld und hat Durst, doch da sie arbeitet, kann sie momentan nichts trinken, der Weg zum Haus wäre zu weit.

Anfangs war hier wohl Wald, doch vor zwei Jahren wurde er abgeholzt. Und jetzt ist Isi zusammen mit drei anderen dafür zuständig, wieder Bäume anzupflanzen. Toms Regel ist dabei folgendermaßen: Einen fällen und drei anpflanzen. Sie pflanzt die Bäume in schönen, regelmäßigen Abständen.

Diese Bäume, hat Tom erklärt, sind für sie am besten. Sie wachsen schnell und brennen heiß und lange. Den Ostwald, den sie im Moment ernten, hat Tom erst im letzten Jahr dazu gekauft, ein einen Kilometer großes Waldstück. Die Bäume, die sie kleinhacken, werden im Keller in einen riesigen Ofen gesteckt.

Isi hat großen Durst. Eigentlich hat sie immer, wenn sie arbeiten geht, Essen und Trinken dabei, doch heute hat sie es schlichtweg vergessen. Eigentlich sollte sie im Haus helfen, doch Ilka ist krank, und so musste sie spontan für sie einspringen. Sie hat zwar ihre Tasche noch packen können, hat die dann aber auf dem Küchentisch stehen lassen. Und so hat sie nun nichts zu Essen und zu Trinken.

Reihe für Reihe pflanzt sie die Stecklinge, die sie im Garten gezogen haben, in die Erde. Vierhundert Stück soll sie heute schaffen, die ersten zweihundert vormittags und dann nach dem Essen noch mal soviele. In den letzten zwei Wochen haben sie das ganze Landstück, das sie nun bepflanzt, mit einem Zaun umgeben, damit nicht irgendwelche Tiere die Bäume fressen, da Tiere junge Bäume sehr gerne mögen. Leider gibt es hier keinen Bach, aus dem sie etwas trinken könnte. Der Ostwald ist da viel besser, denn dort gibt es einen kleinen, murmelnden Bergbach, aus dem sie nun Wasser trinken könnte.

Im Haus ist das viel besser, da haben sie an mehreren Stellen Leitungen, die man öffnen kann und aus denen dann Wasser kommt. Das ist ein Luxus, wie ihn sonst nur der Kaiser in Rom oder vielleicht einer seiner Statthalter hat. Doch hier lebt sie gut. Zugegeben, sie ist eine Sklavin, aber dafür lebt sie im Luxus. Und übermäßig arbeiten muss sie auch nicht, insgesamt also ein sehr angenehmes Leben. Wenn sie bloß nicht ihre Tasche mit dem Wasser vergessen hätte.

"Isi," tönt eine Stimme vom unteren Ende des Feldes. Es ist Agrippina. Sie bringt ihr weitere Stecklinge zum Pflanzen. Jeweils fünfzig auf einmal.

"Hallo Agrippina," antwortet Isi ihr, ohne von ihrer Arbeit aufzuschauen.

"Ich hab dir was mitgebracht!"

Jetzt schaut Isi doch auf. "Oh, meine Tasche! Mit meinem Wasser!"

Sie springt auf und läuft den Hang hinab. Stürmisch öffnet sie ihre Tasche, holt ein altes Glas sowie die Wasserflasche raus und gießt sich ein. "Du bist ein Schatz", sagt sie zu ihrer Freundin und trinkt das Glas Wasser in einem Zug leer.


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Genres:
* Prosa * Science Fiction *


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