Das Glas Wasser #14 – im Wald


Leichter Wind bewegt die Wipfel der Bäume. Ein Specht klopft irgendwo in der Ferne. Lisa sitzt auf dem moosbewachsenen Waldboden, ihren Rucksack hat sie neben sich gelegt.

Obwohl es ein sehr warmer Sommertag ist, ist es im Schatten doch angenehm kühl. Sie will einen Kumpel besuchen, der eben mitten im Wald wohnt. Heute ist sie zu Fuß unterwegs, wie immer bei schönem Wetter. Im Moment macht sie im Schatten uralter, knorriger Eichen Pause, ißt etwas Schokolade und trinkt Wasser.

Nachdenklich betrachtet sie den Becher mit Wasser. Auf der ruhigen Oberfläche spiegelt sich der Wald und der blaue Himmel, der an manchen Stelle zwischen den Blättern der Bäume zu erkennen ist.

Etwas Kohlensäure steigt auf und konzentrische Wellen breiten sich im Becher aus, werden am Rand reflektiert und überlagern sich mit sich selber. Kurzzeitig flimmert das Spiegelbild des Waldes, wird dann jedoch wieder klar.

Das Wasser, überlegt sie sich, ist wie die menschliche Gesellschaft. Manchmal gibt es kleine Störungen, doch die verschwinden schnell wieder und danach sieht alles wieder so aus wie vorher. Und doch hat sich etwas verändert. Die gemütliche Ruhe wird zu einer abwartenden, eher nervösen Ruhe. Eine Spannung, die sich nur langsam wieder beruhigt. Und dann steigt ein anderes Kohlensäurebläschen an einer anderen Stelle auf, vielleicht näher am Rand und die Wellen überlagern sich anders. Und so beginnt das ganze Spiel erneut von vorne. Immer aufs Neue und immer wieder und wieder. Ähnlich und doch jedes Mal anders. Mal auf die eine Weise und mal auf die andere, gelegentlich sogar zwei gleichzeitig. Doch am Ende kehrt immer wieder Ruhe und Normalität ein.

Ein bißchen ist es wie ein Rad, sowohl das Wasserglas als auch das Leben. Es dreht sich immer alles im Kreis, aber irgendwie kommt es doch voran. Aber am Ende hat sich dann doch wieder nichts verändert.

Lisa freut sich über diese philosophischen Gedanken, die sie sich immer macht, wenn sie allein im Wald unterwegs ist. Mal sind es die Blätter und die vielen Grüntöne, mal sind es Regentropfen oder Tiere, heute ist mal ein Glas voll Wasser dran.

Sie nimmt das Glas in die Hand und betrachtet den Wald, der sich auf der Oberfläche spiegelt. Er ist etwas unscharf, da sie die Hand nicht perfekt ruhig hält und daher immer kleine Wellen auf der Oberfläche unterwegs sind. Vielleicht, überlegt sie, ist das ein viel besseres Bild für die Welt, ständig von kleinen Störungen der Ruhe heimgesucht, versucht sie zu einem unerreichbaren Gleichgewicht der Ruhe zu finden. Vielleicht eine Ruhe, in der jeder genau das hat, was er gerne hätte und glücklich ist. Doch das geht mit lebenden Menschen wohl einfach nicht, was ja auch mit dem Wasserglas nicht geht, wenn sie es in der Hand hält.

Sie nimmt das Glas und trinkt es in einem Zug aus. Dann betrachtet sie es erneut. Jetzt ist wieder Ruhe im Glas. Wahrscheinlich ist das auch die einzige Möglichkeit, dass auf der Welt wirklich Ruhe einkehrt. Wenn alles weg ist und es nichts mehr gibt.

Sie steckt ihre Vorräte und das leere Glas wieder in den Rucksack und macht sich wieder auf den Weg.


hoch

------------------------------------------------------


Weitere bei dieser Schreibübung entstandene Texte gibt es hier


Genres:
* Prosa * Science Fiction *


------------------------------------------------------

Hier könnt Ihr dem Autor Feedback zukommen lassen.

Eure Emailadresse für Rückfragen (optional):

Euer Name

Hier ist ganz viel Platz für Eure Anmerkungen: