Dschungelabenteuer


Der Boden zittert. Rauchwolken verdunkeln die Sonne. Die Bäume wackeln und knacken und verbiegen sich, ein heftiges Zittern durchläuft das eigentlich unerschütterliche Grundgestein. Ein großer, alter Baum stürzt in sich zusammen, reißt Lianen und Farne und allerlei andere Gewächse, die auf ihm wuchern, mit sich in den dunklen Untergrund des Dschungels. Krachend stürzt der Riese in das Unterholz und zermalmt die dort wachsenden Pflanzen. Nach einer halben Minute hört das Zittern auf und der Boden ist wieder ruhig. Wo der riesige Baum stand, klafft nun ein Loch im Blätterdach des Urwaldes.

Der Dschungel kommt zur Ruhe. Die Tiere, die ihn sonst mit einem lautstarken Hintergrund füllen, verstummen über dem Schreck eines zitternden Untergrundes. Ein gellender Schrei zerreißt die Stille, dann weitere Schreie und knallende Geräusche - Schüsse. Knatterndes Maschinengewehrfeuer; eine Detonation. Durch das dichte Unterholz kann man nicht erkennen, was geschieht. Die Ranken und Dornengewächse haben den Raum zwischen den Bäumen fest im Griff. Nichts und niemand kann den Wald so einfach durchschauen oder gar durchqueren. Alle Tiere, die sich hier fortbewegen, nutzen entweder die Äste der Bäume und bewegen sich durch die Kronen oder können fliegen.

Der Dschungel stört sich nicht um die Menschen, von denen jetzt wieder wildes Rufen und Befehlen zu hören ist. Ein einzelner Kolibri fliegt über die neu entstandene Lichtung; er scheint verwirrt, als hätten ihn die zitternde Erde, der umstürzende Baum oder auch die untypische Dunkelheit durch die sich ausbreitenden Rauchwolken völlig aus dem Konzept gebracht. An einem Rand der Lichtung flattern ein paar Schmetterlinge umeinander herum. Auf sie hat das alles wenig Wirkung gezeigt. Eine Python windet sich am Boden zwischen den Ästen und Pflanzen des umgestürzten Riesen hindurch.

Das stetige Tropfen von Wasser ist zu hören, fast zu leise, um es zu erkennen. Eine Pflanze, die in ihren großen Blättern das Wasser des gestrigen Regens gespeichert hatte, ist mit ihrem Wirtsbaum zusammen umgestürzt. Ein großer Teil ihres Wasservorrates hat sich sofort über den pilzbewachsenen Waldboden ergossen, doch eines der Blätter ist annähernd waagerecht geblieben, so dass nun langsam durch ein Loch in der Unterseite, das ein Zweig während des Sturzes gerissen hat, ein stetiger Strom Tropfen aus dem kleinen Teich rinnt. Wasserflöhe, die seit Generationen auf dieser Pflanze wohnen, sehen sich plötzlich ihrer Lebensgrundlage beraubt. Schicksale, die die Welt nicht interessiert.

Im Gegenzug interessieren sich die Tiere und Pflanzen dieses Waldes nicht für die Menschen, die sich auf die entstandene Lichtung zu bewegen. Ihre Geräusche kann man mittlerweile deutlicher hören, sie sind ein gutes Stück näher gekommen.

"Lauft! Lauft!"

"Scheiß Unterholz!"

"Es verfolgt uns! Beeilt euch, um Gottes Willen!"

Dann sind wieder Schüsse zu hören, diesmal erheblich lauter. Außerdem hört man etwas, das sich mit roher Gewalt einen Weg durch den Urwald bahnt, ohne auf Hindernisse zu achten. Die Bäume entlang des so entstehenden Weges ächzen und knarren unter der neuerlichen Gewalteinwirkung. Eine Horde Affen, die sich gerade von dem Schreck des Erdbebens erholt hat, wird jäh aus ihrer Angststarre gerissen und flüchtet kreischend vor diesem neuen Unheil.

Von den Menschen sind wieder Schüsse zu hören. Peng - Peng - Peng - Peng - Pengpengpeng - Peng - Klickklickklick.

"Schon wieder leer!"

"Lauf weiter beim Nachladen!"

"Was denkst du was ich mache? Scheißer, du!"

Die flüchtende Affenbande taucht am Rande der Lichtung auf, stellt fest, dass sie in dieser Richtung in den Baumwipfeln nicht weiterkommt und weicht zeternd und kreischend nach Osten hin aus.

"Diese Scheiß Indios! Die und ihre Scheißfallen! Ein Vulkan! Und dann auch noch dieses biestige Monster!"

"Was musstest du Idiot auch die Tür mit Gewalt knacken? Der Granatwerfer..."

"Der hat uns immerhin ein paar Meter Vorsprung gesichert..."

"Scheiß, ey, das ist völlig für'n Arsch in diesem Gewirr!"

"Wenn du mit der Machete nicht klarkommst, lass mich!"

Der einsame Kolibri flüchtet in die andere Richtung, weg von den kreischenden Affen. Die Gruppe Schmetterlinge flattert weiter auf der Stelle umeinander herum. Auf sie machen auch kreischende Affen keinen Eindruck, sie scheinen die Ruhe selbst zu sein in diesen abenteuerlichen Zeiten.

Das Knacken und Brechen des Unterholzes kommt der Lichtung näher, ebenso wie die Menschen. Plötzlich sind wieder Schüsse zu hören. Ein Mann flucht lautstark. Eine der Kugeln trifft einen Baum, prallt als Querschläger ab und pfeift über die Lichtung. Sie trifft einen der Schmetterlinge, der von der Kugel mitgerissen wird, als hätte er kein eigenes Gewicht. Auf halber Strecke über die Lichtung trifft die Kugel einen Ast des umgestürzten Baumes und bleibt mitsamt dem Schmetterling in der Rinde stecken. Die übrigen Schmetterlinge verteilen sich in alle Richtungen. Der überraschende Tod ihres Kameraden bringt sie nun doch aus ihrer Ruhe. Einzeln flattern sie in wildem Zickzack ziellos über die Lichtung.

"Scheißteil, ich find schon noch ne schwache Stelle an dir", flucht einer der Menschen, die jetzt ganz in der Nähe der Lichtung sind. Von einem anderen ist ein Schmerzensschrei zu hören: "Aaaahrrrrrghhh, pass doch mit der Scheiß Machete auf! Das war mein Bein, du Idiot!"

"Lauft weiter! Das Biest kommt näher."

"Schneller geht es bei dem Gestrüpp hier nicht!"

Das säbelnde Geräusch der Machete ist mittlerweile deutlich zu hören. Jedoch scheint es so, dass die drei Männer nicht direkt auf die Lichtung zusteuern, sondern eher etwas östlich an ihr vorbeilaufen. Relativ nah hinter ihnen folgt das Etwas, vor dem sie flüchten. Es durchbricht das Unterholz, als wäre es Butter oder weicher Schlamm.

Die Erschütterungen, die es mit seinen schweren Schritten hervorruft, sind auf der Lichtung nun deutlich zu spüren. Mit jeder werden die Wellen in dem Wasser des Pflanzenteiches, in dem die Wasserflöhe leben, höher, das Blatt schwankt bereits bedenklich. Bei einer besonders schweren Erschütterung schließlich kippt der ganze Teich zur Seite und ergießt sich mit einem lauten Platsch über den Boden.

Schließlich entfernen sich sowohl die Rufe der Menschen als auch das Krachen ihres Verfolgers von der kleinen Lichtung. Eine Weile hört man noch die dröhnenden Schritte des Ungeheuers, dann steigen drei Schreie in den Blätterhimmel. Schließlich kehrt im Dschungel wieder Ruhe ein.


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