Die Literarische Weltformel


Damals, als die Welt noch voller Schwung war, gab es weit im Süden eine heute unbekannte Zivilisation. Diese war sehr weit fortgeschritten, auch wenn sie völlig komplett anders war als jene, die wir heute die unsere nennen.

Millionen von Wesen gehörten jeweils zu den Ballungsräumen, die den ganzen, schneebedeckten Kontinent bevölkerten. Bei ihnen war alles ganz anders, denn die Konzepte von Häusern und Technik waren ihnen fremd. Und auch das Feuer war ihnen unbekannt, da es in ihrem Land keinerlei Brennmaterial gab.

Und doch war ihre Kultur sehr ausgeprägt, denn jede Form von Unterhaltung war hoch angesehen. Insbesondere Schauspiel, Musik und Geschichten erzählen erfreuten sich zu jeder Zeit großer Beliebtheit.

Lemohr war ebenfalls ein Geschichtenerzähler, wenn auch ein junger, unbedeutender, der dieses Frühjahr in der Nähe des Randes verbringen mußte. Aber irgendwer muß eben auch dort leben.

Immerhin waren seine Geschichten mittlerweile so gut, daß er nicht ganz außen in der Gesellschaft war. Doch der Weg bis in die Mitte ist weit und nur die wenigsten schaffen es. Vielleicht, eines Tages...

Viele der klassischen Geschichten, die sich seit Generationen erzählt werden, kennt er bereits. Geschichten um Liebe und Verrat, Beleidigungen und epische Kämpfe, Helden und Feinde. Alles, was ein gelangweiltes Publikum faszinieren kann. Doch er kennt auch die Neueren, Werke voll von Gefühl und Sensibilität.

Irgendwann, so ist seine Hoffnung, wird auch von ihm eine Erzählung vom Nachwuchs gelernt werden, um so zu erfahren, wie man andere fasziniert.

Seine ersten Versuche letztes Jahr waren kläglich, kaum erfolgreich, doch er bessert sich, was auch seine Position deutlich macht. Manchmal bekommt er sogar Zeichen der Aufheiterung und Freude von seinen Zuhörern.

Als er noch ganz klein war, fand er es toll, Tag für Tag Geschichten zu hören und selber zu erzählen. Mittlerweile weiß er, was für harte Arbeit das ist. Viele andere, die mit ihm zusammen angefangen und erste Ausbildungsstunden genommen haben, haben es mittlerweile aufgegeben. Lediglich zwei der vierzig, die mit ihm zusammen in der ersten Klasse waren, haben die Winterprüfung überstanden. Die anderen zwanzig in seiner Lerngruppe waren in anderen ersten Klassen.

Wenigstens haben sie diesmal einen richtigen Lehrer, einen alten, der weit in der Mitte ihrer Gesellschaft war und ein hervorragender Erzähler ist. Und jetzt, wo er alt ist, unterrichtet er weiter randwärts den Nachwuchs. Sehr bewundernswert. Lemohr jedenfalls bewundert ihn aus ganzen Herzen.

An diesem Nachmittag ist Lemohr dran mit erzählen. Er fängt ganz einfach an, mit einem Setting vom Rand, überraschender Liebe beim Schwimmen und Tauchen. Über komplizierte Verstrickungen und amüsante Anekdoten bahnt sich das Pärchen einen Weg bis ganz in das Innere der Kolonie, wo sie ein grandioses, aber tragisches Ende finden.

Seine Zuhörer sind begeistert. Sie sind gar nicht zu bremsen in ihren Beifallsbekundungen. Sie versuchen ihn zu überreden, daß er die Geschichte außerhalb ihrer Schule vorträgt. Eigentlich will er das nicht. Die Geschichte sei noch nicht ausgereift, beteuert er. Und daß entscheidende Punkte noch fehlen würden. Doch es hilft nichts, sein Lehrer und seine Mitschüler beknieen ihn förmlich, die Erzählung zu wiederholen.

"Nun mach schon", sagen sie. Und auch: "Du schaffst das!" Als sie ihm schließlich von dem Platz in der Mitte vorschwärmen, den er bekommen könnte mit dieser Geschichte, willigt er schließlich ein, die Geschichte vor weiterem Publikum erneut vorzutragen.

Das unkundige Publikum ist nicht weniger begeistert wie seine Schulkameraden. Schnell wird er ein Stück nach Innen weitergereicht, weitere wollen seine Geschichte hören. Immer wieder muß er seine Geschichte erzählen. Erneut und erneut wird er dabei immer weiter in die Mitte gereicht. Sein Aufstieg ist noch schneller als der des Pärchens in seiner Erzählung.

Bereits nach kurzer Zeit spricht sich die Geschichte überall rum, verdrängt alle anderen Geschichten, macht erst die übrigen Erzähler, dann auch die Schauspieler und Musiker überflüssig, bis die Lemohren, wie sich seine Anhänger nennen, die ganze Gesellschaft dominieren. Keine andere Geschichte hat mehr eine Chance, keine kann wie diese die ganze Welt erklären.

Doch die Einseitige Unterhaltung hat auch negative Folgen, denn in kurzer Zeit wird ein großer Teil des nun nicht mehr nötigen Wortschatzes vergessen. Nur noch die Ältesten der Alten können bald darauf noch sprechen und bereits nach drei Generationen ist die gesamte Zivilisation der Pinguine in Vergessenheit geraten.


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Genres:
* Prosa * Fantasy * Märchen *


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