Der Fall Salzstange


Das Telefon klingelt.

Rrring! Kommissar Kalissa wacht auf und betrachtet es an. Es ist Freitag nachmittag und er versucht sich im Büro etwas zu entspannen, bevor er ins wohlverdiente Wochenende geht. Das Telefon klingelt erneut. Rrring! Wer ruft ihn den Freitags um nach Mittag noch an? Anrufe Freitag nachmittags bringen nie gute Nachrichten, das ist Kalissas Gesetz.

Rrring!

Rrring!

Rrring!

Jemand ist hartnäckig. Hoffentlich muß er nicht am Ende doch noch ans Telefon gehen. Und dann ist es auch noch immer das uralte Telefon, bei dem man nicht einmal sieht wer anruft. Seine Sekretärin hat ein schönes neues Telefon, auch wenn sie damit meistens nicht umgehen kann. was waren das noch für Zeiten, als seine hübsche Ivenda noch für ihn gearbeitet hat?

Rrring!

Da war immer jemand im Büro, entweder sie oder Reini, die bei ihm im Büro ihre Ausbildung gemacht hat oder Daniela, die Reinis Nachfolgerin war, als die ihren eigenen Kommissarsanwärterposten bekommen hat. Und nun ist Reini mittlerweile Oberkommissarin in Picipbeck. Er kann es nicht verstehen, daß sie Sel'Oh'Burg verlassen hat, aber nun gut, das muß sie selber entscheiden.

Rrring!

Und jetzt ruft jemand an und versucht krampfhaft ihn zu erreichen. Mit der Welt geht es auch immer weiter den Bach runter. Erst der Banküberfall, dann die Sache in den Pyrenäen, wo fast seine Tochter getötet worden wäre und dann der Fall in Bergensen. Und jetzt klingelt das Telefon schon wieder.

Rrring!

"Herr Kommissar! Ihr Telefon klingelt."

Auch das noch, denkt er sich. Jetzt hat meine Sekretärin auch noch mitbekommen, das mein Telefon klingelt.

"Ich weiß! Ich kann aber nichts dafür," antwortet er ihr patzig. Dann fügt er noch hinzu: "Ich bin es nicht, der anruft!"

"Aber..."

Jetzt will sie ihm auch noch widersprechen. Also muß er wohl oder übel seine Autorität herauskramen.

"Es ist Freitag nachmittag und ich ..."

Rrring! Unterbricht das Telefon ihn.

"... und ich weiß viel besser als du, wie man mit solchen Problemen umgehen muß."

Daraufhin sagt sie nichts mehr.

Doch das Telefon stört ihn weiterhin. Scheint echt wichtig zu sein.

Rrring!

Rrring!

Rrring!

Rrring!

Rrring!

Wahrscheinlich werde ich wohl doch rangehen müssen, denkt er sich schließlich und nimmt den Hörer ab.

"Wer stört?"

"Oh Herr Kommissar, ich wollte grade aufgeben."

"Scheiße," entfährt es dem Kommissar.

"Was?"

"Nichts! Was gibt’s?"

"Oh, ähm, ja, es wurde, wissen sie ..."

"WAAAS?"

"Die Salzstange wurde geklaut!"

"Die Salzstange wurde geklaut," fragt der Kommissar ungläubig zurück.

Die Salzstange ist ein monolithischer Felsen am Rande der Stadt. Man erzählt sich, daß er vor Jahrtausenden von Menschen dort aufgestellt wurde zur Verteidigung gegen die Menschen aus Popetdjxesb, auf wenn er keine Ahnung hat, wie man mit einem Tonnenschweren Felsen sich gegen Menschen verteidigen will.

Und jetzt wird er angerufen, weil der Klotz weg ist.

"Richtig, sie ist einfach weg!"

"Wohin?"

"Ähm, das weiß niemand."

"Sind sie grade zuhause? Von wo aus rufen Sie an?"

"Ich stehen grade auf dem Monopopeplatz."

"Also direkt am Ort des Diebstahls. Bleiben Sie dort. Ich glaube, in diesem Fall muß ich wohl persönlich zu Ort des Verbrechens."

"Jawohl!"

"Rühren sie sich nicht vom Fleck! Sie könnten Spuren verwischen oder in ihnen ertrinken, bei dem Pißwetter!"

"Ähm, äh, ja, Herr Kommissar."

Wahrscheinlich wird das ein ganz einfacher Fall, überlegt er sich. Einen Felsen von schätzungsweise 120 Tonnen Gewicht kann man nicht so einfach klauen. Zumal er mitten im einem Sumpfgelände steht. Wahrscheinlich führen Metertiefe Spuren durch den Sumpf. Und bei dem Regen der letzten Tage sind die bestimmt voller Wasser, so daß er quasi dem Verbrecher hinterher schwimmen könnte, wenn er wollte.

"Henriette, kommen Sie mit, ich werde sie brauchen!"

Wenigstens hat er diesmal eine Sekretärin, die Auto fahren kann, so daß sie mit dem kaputten Getriebe ihres mittlerweile wahrscheinlich historischen Takuro Spirits kämpfen muß.

Beim verlassen des Vorzimmers schnappt er sich noch schnell den nagelneuen, blauen Polizei-dein-Freund-und-Helfer-Regenschirm.

Kaum sitzt er in ihrem Dienstwagen, da merkt er schon, daß seine Hose naß wird. Ein dicker Regentropfen tropft ihm auf die Stirn. Er blickt nach oben um zu sehen, wo der Tropfen herkam. Weitere Tropfen fallen von dem Wagendach, direkt in sein Gesicht. Scheint, daß der Wagen ein leckes Dach hat. Irgendwie wird er das Gefühl nicht los, daß er nächste Woche mal einen neuen Dienstwagen beantragen sollte. Oder nächsten Monat. Oder besser noch nächstes Jahr, wenn er an die ganzen Formulare denkt, die er dabei ausfüllen muß.

Da das Blaulicht des Wagens nicht funktioniert, gibt ihm Henriette eines zum auf das Dach stellen, das mit Batterie betrieben wird.

"Stellen sie es an und aufs Dach", fordert sie ihn auf, während sie den Wagen startet und losfährt. Der Kommissar betrachtet das Blaulicht von allen Seiten und sucht den an-Knopf. Er findet an der Unterseite einen roten Knopf, den er drückt. Es macht Plop und die Glaskuppel, die das Licht schützt, fällt ab. Als er sie wieder draufsetzen will, kommt er an einen der Kontakte und bekommt einen Schlag.

"Verdammtes Scheißteil!"

Er überlegt kurz, ob er es einfach aus dem Fenster werfen soll, entscheidet sich dann aber dagegen. Wahrscheinlich muß er dann einen Bericht schreiben, wie die Warnleuchte verloren gegangen ist, und wenn er heute eines nicht brauchen kann, dann sind das zusätzliche Berichte. Er muß schließlich pünktlich Schluß machen, da er und seine Frau heute zu ihrer Tochter und ihrer Enkelin fahren wollten. Hoffentlich ist der Fall schnell gelöst...

Mittlerweile ist er völlig durchnäßt und ihm wird auch langsam kalt. Überall an den Seiten zischt der Fahrtwind in das Auto.

Plötzlich scheint er den richtigen Knopf gefunden zu haben, den die Sirene setzt gellend laut ein und das Licht blendet ihn.

Vorsichtig beginnt er das Fenster herunter zu kurbeln, doch nach zwei Umdrehungen geht es nicht mehr weiter. Er versucht es mit der Hand, woraufhin die Scheibe mit einem Flupp bis ganz nach unten rutscht und in der Tür verschwindet.

Er stellt das Licht auf das Dach. Wenigstens blendet es ihn so nicht mehr und die Sirene ist auch nicht mehr so laut. Dafür kann er das Fenster nicht mehr schließen, denn die Scheibe ist weg.

Henriette flucht. Die Scheibenwische bewegen sich nicht. Durch den dichten Vorhang aus Wasser kann sie wahrscheinlich kaum erkennen, wo sie hinfahren.

Schließlich bremst sie scharf und biegt in einen Feldweg ein. Der Weg zur Salzstange ist nicht befestigt, es ist einfach eine Sandpiste, die normalerweise relativ gut befahrbar ist. Doch bei diesem Wetter haben sie keine Chance. Der Tagelange Dauerregen hat den Weg so aufgeweicht, daß sie bereits nach vierzig Metern mit einem schmatzenden Geräusch zum Stillstand kommen.

Der Kommissar versucht die Tür zu öffnen, doch er bekommt sie nicht auf.

"Öffnen Sie ihre Tür, ich werde bei Ihnen aussteigen," fordert er seine Sekretärin auf. Doch auch diese kann die Tür nicht öffnen. Der Wagen steckt zu tief im Schlamm und versinkt immer weiter. Auch das noch, dann müssen sie wohl zu Fuß weiter.

Er lehnt sich über seinen Sitz und versucht die Hintertür zu öffnen, doch auch diese Steckt im Schlamm. Mittlerweile tropft der Schlamm schon unter der Tür hindurch in den Fußraum und umspült langsam aber sicher die Füße des Kommissars. Vielleicht, denkt er sich, hätte ich doch ein neues Auto beantragen sollen. Aber dann überlegt er sich, wieviel Papierkram das ist und stellt fest, daß Schlamm um die Füße das kleinere Übel ist.

Seine Sekretärin fängt an zu schreien.

"Hiiilfeeee! Wir ertrinken im Schlamm!"

"Schreien Sie nicht so, sie verschrecken noch die Verbrecher und dann hauen die ab und wir müssen sie zu Fuß verfolgen, nur weil sie unseren fast nagelneuen Wagen hier im Schlamm versenkt haben."

"Aber... Wie kommen wir raus?"

"Das ist doch klar," antwortet er ihr und öffnet das Dachfenster. Sofort kommt ein Schwall Wasser von oben und durchnäßt ihn erneut. Doch das Dachfenster läßt sich öffnen. Er klettert raus und sitzt auf dem Dach des versinkenden Polizeiwagens.

"Geben Sie mir den Schirm und kommen Sie auch raus," fordert er seine Sekretärin auf.

Sie reicht ihm den Schirm, Griff voraus und der Kommissar spannt ihn auf. Ein erneuter Schwall Wasser durchnäßt ihn. Richtig, denkt er sich, ich habe damit das von der Decke tropfende Wasser aufgefangen.

Er hilft seiner Sekretärin aufs Dach und macht sich dann vorsichtig an den Abstieg über den Kofferraum.

Ein reißendes, knackendes Geräusch ertönt und einer seiner Füße versinkt im Kofferraum. Er ist einfach durch den Deckel gebrochen und steckt nun mit dem Fuß in etwas weichem. Auch das noch.

Vorsichtig zieht er den Fuß raus und stellt fest, daß es eine eklige Mischung aus irgendwas Pulverigem mit Schlamm ist.

Vorsichtiger geworden klettert er vom Auto runter und stapft am Rande des Fahrwegs durch den ihm bis zum Knöchel reichenden Schlamm. Neidisch betrachtet er die Hochhackigen Schuhe seiner Sekretärin. Wenigsten bekommt sie nur schlammige Zehen, auch wenn ihr Gang alles andere als grazil aussieht.

Nach zwanzig Minuten Fußmarsch erreichen sie schließlich den Platz, auf dem die Salzstange mal gestanden hat. Ein älterer Mann steht unter einem Baum auf einem Stück trockenem Boden und winkt sie zu sich.

"Sind sie der Dieb?"

"Nein," antwortet der Mann, "ich bin der, der den Diebstahl bemerkt hat."

"Befragen Sie diesen Menschen, " fordert er seine Sekretärin auf, "während ich nach Spuren suche. Irgendwie müssen sie das Ding ja transportiert haben..."

Ohne auf eine Antwort zu warten, macht der Kommissar sich auf den Weg um den fehlenden Felsen herum. Nachdem er einmal herumgewandert ist und nichts gefunden hat, dreht er eine zweite Runde und schaut diesmal gründlicher nach, ob er irgendwelche Spuren entdecken kann. Als das nichts bringt, begibt er sich zu Henriette und dem einzigen Zeugen des Verbrechens.

"Was ist geschehen?"

"Ich wohne nicht weit von hier. Ich habe am Fenster gesessen und rausgeschaut. Dann war da plötzlich so ein heller Lichtstrahl, von aus dem Himmel kam der, aber viel grader und leuchtende als ein Sonnenstrahl, fast wie ein Blitz, nur leuchtend blau und nicht weiß. Und dauerhaft und ohne Donner. Nach zwanzig Sekunden war der wieder weg. Dann bin ich hierher und habe gesehen, daß die Salzstange weg ist. Es waren wohl Außerirdische mit einer Laserkanone oder sowas. Mehr habe ich nicht gesehen."

"Hmm," überlegt der Kommissar. Und wo sind sie hin damit?"

"Der Strahl war weg, keine Ahnung, wo sie dann hin sind. Wahrscheinlich zurück zum Pluto oder wo auch immer die herkamen."

"Hm, OK, das erklärt das natürlich. Wahrscheinlich haben sie das Ding bei ihrem letzten Besuch hier vergessen gehabt. Schreiben Sie auf, Henriette, außerirdische haben ein Stück aus ihrem Besitz wieder abgeholt und sind dann verschwunden. Und lassen sie den Wagen aus dem Schlamm ziehen und reinigen. Ich werde gleich von hier aus nach Hause gehen und die Berichte am Montag fertig machen. Schönes Wochenende ihnen beiden."

Mit einem freudigen Lächeln auf den Lippen macht sich dem Kommissar auf den Heimweg und freut sich, wie schnell er diesen Fall gelöst hat.


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