Hahnenscheiß

Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich's Wetter oder's bleibt wie's ist!


Epvié schreckt hoch. Ein seltsames Geräusch hat sie geweckt. Es klang wie... wie... wie ein Hahnenschrei, wie Kikeriki, genau. Doch wie kann das sein? Wo soll der herkommen? Sie versucht, den Schlaf abzuschütteln.

Da ist es wieder, ein ganz deutliches Kikeriki. Sie legt ihre Decke weg, schlüpft in ihre Pantoffeln und macht sich, unbekleidet wie sie ist, auf den Weg durch ihre kleine Station. Sie ist alleine an Bord, noch weitere drei Monate, bis sie abgelöst wird. Sie ist Wissenschaftlerin und beobachtet die auf diesem Planeten ansässige Spezies. Da die meisten Aufzeichnungen automatisch durchgeführt werden, hat sie nicht besonders viel zu tun. Gelegentlich schaut sie sich die eine oder andere Übertragung von dem Planeten unter ihr an. Alle zwei Tage sendet sie einen Routinebericht an die wissenschaftliche Akademie der Afa, für die sie tätig ist.

Auf dem Planeten, den sie beobachtet, gibt es noch keine nennenswerte Raumfahrt, lediglich bis zu dem Trabanten ihres Planeten haben sie es bisher geschafft. Und auch Kontakt haben sie bisher nicht aufgenommen. Bevor ihnen dies erlaubt wird, müssen sie erst zeigen, dass sie in der Lage sind, ihre eigenen Probleme zu lösen.

Kikeriki!

Da ist es wieder. Epvié gelingt es nicht, die Richtung festzulegen, aus der das Geräusch kam. Da die Station nur acht Räume hat, einen Schlafraum, einen Wohnraum, ein Bad, eine Küche, das Steuerungszentrum und den Maschinenraum sowie zwei Räume mit wissenschaftlichen Geräten, beschließt sie, die Station zu durchsuchen.

Die Küche ist sehr klein, auf der einen Seite sind die Wasser- und Aufbereitungsanlagen sowie ein Synthetisator und eine Möglichkeit, Nahrung warm zu machen. Auf der anderen Seite gibt es einen Tisch und einen Stuhl sowie einen Schrank, in dem allerlei Utensilien stehen, Teller und Schüsseln, Gläser und Besteck. Sie kennt das alles mittlerweile sehr gut, nach sieben Monaten kennt sie jeden Teil der Ausrüstung in- und auswendig. Hier ist auf jeden Fall kein Tier gewesen.

Sie geht weiter, in das Bad, das noch kleiner als die Küche ist. Eine kleine Dusche und die Toilette sowie ein Multirator, der sich um alle anderen hygienischen Belange kümmert. Weder in der Dusche noch im Klo ist ein Hahn zu finden. Also weiter.

Und überhaupt, fragt sie sich, warum ausgerechnet ein Hahn? Auf Futoria, dem Planeten, wo sie herkommt, gibt es keine. Soweit Epvié weiß, gibt es sie nur auf dem Planeten, den sie beobachtet. Und jetzt auf Station Epsilon Rho Drei Delta Epsilon. Aber da diese in einer Umlaufbahn um besagten Planeten ist, zählt sie nicht richtig.

Sie schaut weiter, im Cockpit sind jedoch nur haufenweise Terminals mit vielen blinkenden Lichtern und Bildschirmen, über die haufenweise Informationen laufen. Alles so wie immer und auch hier keine Spur von dem Tier. Während sie sucht, kann sie immer wieder leise das Kikeriki hören. Auch in den Aufzeichenräumen ist er nicht zu sehen. Und im Wohnzimmer wird sie auch nicht fündig, weder unter dem Tisch noch zwischen den Topfblumen versteckt noch auf dem künstlichen Kamin. Bleibt also noch der Maschinenraum, der verwinkeltste und vollgestopfteste Raum der ganzen Raumstation. Doch auch hier findet sie nichts.

Hoffentlich bilde ich mir das nicht bloß ein, denkt sie sich. Sie wäre nicht der erste Fall von Raumkoller, der bei einer solchen Mission auftritt. Wissenschaftler, die die Einsamkeit des Alls nicht vertragen, die Phantome hören, Personen sehen oder sogar aggressiv werden. In solch einem Fall, wenn einem Wissenschaftler bei sich selber so etwas auffällt, muss man sofort Maßnahmen ergreifen, die Kontrollstation anrufen, wenn es noch geht, und sich abholen lassen. Dann wird man in Zukunft für Missionen auf Planeten oder in großen Raumstationen ausgewählt, wo es keine Einsamkeit gibt.

Doch bevor sie ihre Beobachtung der Kontrollstation meldet, wird sie erstmal prüfen, ob sie sich das Geräusch wirklich einbildet. Sie geht ins Cockpit und befragt den Computer: "Computer, wurden in den letzten Stunden Geräusche in der Station aufgezeichnet, die nicht von mir sind."

"Jawohl, Frau Epvié, das Brummen des Reinigungssystems, das Surren der Aufnahmespulen, ein Gluckern in der Abwasserleitung..."

"Computer," unterbricht sie die Aufzählung, "wurden Geräusche aufgenommen, die ungewöhnlich sind?"

"Ja, Frau Epvié. Neben den Geräuschen, die von Ihnen verursacht wurden, wie zum Beispiel mehrmaliges Schranktüren öffnen und schließen, wurde auch ein unbekanntes Geräusch detektiert."

"Dieses Geräusch," fragt sie weiter, "wo kam es her?"

"Herkunft unbekannt, es war im ganzen Schiff zu hören. Mehrfach."

"Computer, vergleiche das Geräusch mit dem Geräusch eines Hahn auf dem Planeten."

"Es ist nicht identisch... Übereinstimmung jedoch 94 Prozent. Wahrscheinlich handelt es sich um das Geräusch eines Hahnes."

"Aber... wie... und wo..." murmelt Epvié, mehr zu sich selber. Dann überlegt sie erneut, wo sich der Hahn versteckt haben könnte, falls wirklich einer an Bord ist. Sobald sie ihn gefunden hat, wird sie die Zentrale verständigen und jemanden kommen lassen, der herausfindet, was hier los ist.

Erneut durchsucht sie das ganze Schiff. Warum eigentlich konnte sie ihn in allen Räumen gleichermaßen hören? Dann fällt ihr ein, dass die Ver- und Entsorgungssysteme für Luft und Wasser im Außenbereich der Station angebracht sind. Die Station selber ist ringförmig und rotiert, damit man stehen kann und sich nicht die ganze Zeit in der Schwerelosigkeit aufhalten muss. Vor der Küche ist eine Klappe im Boden, durch die man in den Versorgungsbereich gelangt. In mehreren Fässern ganz am Boden, die die hier herrschende höhere Schwerkraft benötigen, wird das Abwasser aufbereitet. Und auf einem dieser Fässer ist etwas Weißes. Jetzt heb es den Kopf und ruft "kikeriki".

Epvié läßt die Bodenklappe offen. Sie weiß nicht, ob Hähne fliegen können, aber wenn ja, dann kann er jetzt rauskommen. Sie geht ins Cockpit und ruft ihre Kontrollstation. Zehn Minuten später meldet diese sich: "Hier Kontrollstation."

"Hier Station Epsilon Rho Drei Delta Epsilon! Auf meiner Station hat sich ein Zwischenfall ereignet. Irgendwie ist ein Tier vom Planeten auf die Station gelangt, ein Hahn."

"Oh, und der sitzt bestimmt in der Abwasseraufbereitung, oder?"

"Woher..."

Die Person am anderen Ende lacht. "Erst letzte Woche dieses seltsame Sprichwort von ihrem Planeten, und jetzt taucht plötzlich einer auf... Gelungen!"

"Welches Sprichwort," will Epvié wissen, doch dann fällt es ihr ein. Letzte Woche hat sie eine Reihe seltsamer sprachlicher Ausdrücke gesendet, unter anderem eines über einen Hahn. Wie war es noch gleich? Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich's Wetter, oder's bleibt wie's ist!

"Und was soll ich jetzt machen?"

"Halten Sie sich an ihr Sprichwort. Dann werden Sie schon sehen, was passiert!“


hoch

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Genres:
* Prosa * Fantasy * Science Fiction *


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