Der Mafioso und der Bibliothekar


Vor gar nicht allzu langer Zeit gab es in einer kleinen Stadt jenseits der Berge einen Mann. Dieser Mann ist natürlich die zentrale Figur in unser heutigen Geschichte, denn sonst würde er ja nicht im ersten Satz vorkommen. Bevor wir uns diesen Mann jedoch näher anschauen, werfen wir erstmal einen Blick auf die Stadt, in der er lebt. Die Stadt ist klein und liegt im Wald. Hügel umgeben sie auf allen Seiten, kein anderer Ort ist im der Nähe.

In dieser abgeschiedenen Stadt lebt nun unser Mann, der Karlheinz mit Namen heißt. Seine Freunde finden, das dieser Name gut zu ihm passt, doch er selber würde viel lieber Felipe oder Rodriguez heißen, um so etwas weniger bürgerlich zu wirken. Ein verrufenes Image passt jedoch so wenig zu ihm wie eine Papagei zu Eisbären. Doch seht selbst:

Karlheinz sitzt im Büro. Er ist der örtliche Bibliothekar. Man könnte denken, das es ein verantwortungsvolle und wichtige Arbeit ist, weswegen er auch Beamter ist. Es könnte zum Beispiel sein, das er in einer großen Bibliothek voller historischer und alter Bücher arbeitet und den ganzen Tag den Staub der Jahrhunderte von wertvollen Folianten wischt und oft auf großen Konferenzen spricht. Oder es könnte sein, das er in einer wichtigen Klinik die Bibliothek verwaltet und den Ärzten Bücher empfiehl, wenn sie bei einer Diagnose nicht mehr weiter wissen. Es könnte auch sein, das er in einer großen Universitätssbibliothek arbeitet und dort den Studenten bei der Auswahl ihrer Bücher helfen muss. Vielleicht könnte er auch in einer Geheimbibliothek oder in der Spezialbibliothek eines großen Unternehmens arbeiten. Oder wenigstens in einer Bücherei arbeiten, wo lesehungrige Leute vorbeikommen und er ihnen die Abendlektüre empfehlen kann.

Doch all dies ist nicht der Fall. Die Bibliothek von Sankt Kleinsstadt hat weder eine große Universität, oder eine kleine, was das betrifft. Sie hat auch keine großen Unternehmen mit eigenen Büchern. In der ganzen Stadt gibt es nicht ein einziges wertvolles Buch, wie es scheint. Manchmal fragt sich Karlheinz, wenn er so dasitzt, ob in dieser Stadt außer ihm überhaupt jemand wohnt, der schon mal ein Buch gelesen hat.

Warum genau sich der Ort die Bibliothek leistet und warum sie einen Mitarbeiter hat, ist ihm bis heute nicht ganz klargeworden. Doch wenigstens wird er bezahlt, die Arbeit ist nicht sehr anstrengend und er kann seine Familie ernähren.

Während er so dasitzt und auf den Feierabend wartet, klingelt es an der Pforte. Karlheinz stemmt sich aus seinem Sessel und geht die breite Treppe hinab, um den Eingang zu öffnen. Als die schwere, gußeiserne Tür aufschwingt, steht ein junger Mann vor ihm, schick in einem teuren Anzug gekleidet, gepflegte Haare, Brille, teure Aktentasche in der Hand.

"Guten Tag, ich bin Dr. Brechmann aus Berlin."

Karlheinz ist erst verwirrt und dann erfreut. Ein Fremder, vielleicht möchte der ein Buch ausleihen. "Kommen Sie rein."

"Ja, danke," erwidert der Neuankömmling. Als sie die Treppe hinaufsteigen, fragt Karlheinz, was er für den Besucher tun kann.

"Ich komme vom Bundesamt für das Bibliothekswesen und bin Buchbestandsprüfermeister."

Karlheinz ist enttäuscht. "Oh, und ich dachte, sie kämen, um vielleicht ein Buch auszuleihen."

"Nein, um ganz ehrlich zu ein, wollte ich mir persönlich ein Bild von ihrer außergewöhnlichen Einrichtung machen. Wissen Sie, so erfolgreich wie sie sollte jede Bibliothek sein."

Nun versteht kh gar nichts mehr. Doch der Mann redet einfach weiter. "Als wir die Zahlen der letzten Jahre gesehen haben, sind wir aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen. Wie machen Sie das? Einfach phänomenal! Und das als einziger Mitarbeiter. Sicher haben Sie eine Heerschar an ehrenamtlichen Helfern..."

"Nein," entgegnet kh vorsichtig. "Ich schmeiße hier ganz allein den Laden, Tag für Tag. Auch wenn es kaum sinnvoll ist."

"Bei den Zahlen? Die ganzen Bücher und Kunden und die Pflege der Bestände? Sie müssen ein wahrer Zauberkünstler sein."

Mittlerweile sind sie im Büro. Karlheinz bietet dem Mann einen Tee an - er verabscheut Kaffee und hat deswegen auch keinen da – und gibt ihm den zweiten Stuhl.

"Und wie schaffen Sie es nur, das es hie so ordentlich ist? Heute ist wohl einer der seltenen Tage, an denen hier nicht so viel los ist?"

"Nein, eigentlich nicht. Hier ist es immer relativ ruhig."

"Sie haben wohl einen ausgeprägten Hang zur Untertreibung, nicht wahr?"

Während Karlheinz und Dr. Brechmann Tee trinken, müssen wir uns etwas näher mit dem Mann aus Berlin befassen. Er ist noch recht jung, schätzungsweise zwanzig Jahre jünger als unser Karlheinz, also Anfang dreißig. Sportlich, aber nicht übermäßig, ebenmäßige Züge, jedoch nicht ausgesprochen hübsch. Sein Chef hat ihn auf diese Mission durch die Bibliotheken des Landes geschickt. Doch diese Bibliothek übertrifft alles, was er bisher erlebt hat auf dieser Reise.

Er kommt aus einem kleinen Dorf an der Ostsee. Doch ich sehe grade, die beiden sind mit Teetrinken fertig, so dass wir uns nun wieder ihnen zuwenden.

"Aber die Statistiken sprechen eine ganz andere Sprache" wendet Dr. Brechmann grade ein. "Und wer sollte es besser wissen als ich, bei dem alle Bibliotheksstatistiken des Landes zusammenlaufen. Selbst im europäischen Rahmen hat ihre Bibliothek eine Spitzenposition. Nirgendwo sonst werden so viele Bücher verliehen, keine andere Einrichtung hat mehr Einnahmen aus Leihgebühren."

"Aber," versucht Karlheinz den Redeschwall seines Gegenüber zu unterbrechen, doch der Schwärmt weiter. "Und die geringen Ausfallkosten. Quasi nie müssen sie auch nur Mahngebühren fordern. Und das alles, wo es doch vor fünfzehn Jahren so aussah, als müsse ihre Einrichtung geschlossen werden. Und seit dem haben sie jährlich zweistellige Zuwachsrate. Unglaublich. Anfangs dachte mein Vorgänger, es wäre ein Mitleideffekt, doch dafür ist es mittlerweile zu viel. Letztes Jahr durchschnittlich achttausend verliehene Bücher am Tag..."

"Halt, halt, halt..." unterbricht Karlheinz den Mann, als er aufspringt und sein Stuhl nach hinten kippt. "So viele Bücher wurden hier ganz sicher nicht verliehen. Ich habe ja normalerweise nicht mal einen Kunden am Tag. Irgendwer hat ihnen Mist erzählt."

Der Mann antwortet beruhigend: "Ganz sicher nicht. Wir haben die Unterlagen mehrfach geprüft, haben vor zwei Jahren sogar ein Sachverständigenbüro eingeschaltet, weil es und komisch vorkam, doch aus dem Gutachten geht eindeutig hervor, dass sie so viele

Bücher verleihen. Wir haben da gar keine Zweifel. Knapp zweihundertfünfzigtausend Bücher im letzten Kalenderjahr. Selbst beim Bürgermeister haben wir nachgefragt. Und der hat es uns bestätigt und berichtet, das die Einnahmen aus ihrer Bibliothek zum großen Teil in eine Stiftung zu Förderung der Entwicklung europäischer Sprachen fließen und die Stadt nur einen kleinen Anteil davon behält."

"So einen Mist habe ich ja noch nie gehört. Sehen sie die achttausend verliehenen Bücher? Wir haben nicht einmal so viele Bücher, geschweige denn verleihen wir mehrere am Tag!"

Karlheinz gestikuliert wild mit der Hand. "Hier sind nicht so viele Bücher!"

Der Besucher bekommt langsam seine Zweifel, ob das alles so stimmt, wie er sagt.

"Hier nicht, aber in ihren unterirdischen Räumen vielleicht..."

"Es gibt hier keine tausende Bücher nicht? Es gibt hier nicht mal genug Bücher, das sie für mich während der Arbeit auch nur ein Jahr reichen!"

"Aber..." stottert der Prüfer. "Die Statistiken, die Gutachten, ..."

"Alles Humbug."

Der Prüfer klappt seinen Koffer auf. "Schauen sie selber..."

Er legt Karlheinz einen Stapel Kopien hin. Abrechnungen des Bürgermeisters über die jährlichen Umsätze seiner Bibliothek. Karlheinz schaut sich die Sachen an. Sie sehen echt aus. Nur das es mit dem, was er hier macht, nichts zu tun hat.

"Sie sehen ja selber," wendet Karlheinz ein, als er die Papiere kopfschüttelnd durchgesehen hat, "das hier nie jemand vorbeikommt und Bücher ausleiht. Sie sollten das wirklich nachprüfen, was da passiert ist."

Der Mann bedankt sicht bei Karlheinz und geht dann wieder zu seinem Auto zurück. Karlheinz schließt kopfschüttend die Tür und geht in sein Büro zurück. So ist er unser Karlheinz.

Wer jetzt noch wissen möchte, wie die ganze Geschichte ausgegangen ist, dem sein folgender Artikel aus der Sankt Kleinstädter Waldzeitung empfohlen:

Mafiöse Strukturen im Sankt Kleinstädter Rathaus

Gestern Abend wurden das Sankt Kleinstädter Rathaus sowie mehrere Privathäuser, unter anderem das von Bürgermeister Piranelli von einer Hundertschaft der Landespolizei durchsucht.

Sankt Kleinstadt Scheinwerfer beleuchten den Marktplatz und das Rathaus. Große Teile der Stadt wurden von der Polizei gestern in der früh abgeriegelt, das Rathaus wurde umstellt und mehrere Mitarbeiter wurden verhaftet. Der Bürgermeister wurde in seiner Wohnung überrascht und wird zur Stunde in einem Polizeirevier in einer andere Stadt vernommen. Auch seine engsten Mitarbeiter wurden verhaftet und werden zur Stunde noch von auswärtigen Beamten vernommen. Die öffentlichen Einrichtungen der Stadt bleiben bis morgen geschlossen.

Mehrere Million Euro Schwarzgeld

Ersten Berichten zufolge soll der Bürgermeister über die Städtische Bibliothek in den letzten Jahren bis zu 230 Millionen Euro Schwarzgeld umgesetzt haben. Das Geld, das größtenteils an eine schweizerische Stiftung geflossen ist, so aus Geschäft der Mafia stammen. Gefälschte Abrechnungen der Bibliothek sind jahrelang nicht aufgeflogen. Erst kürzlich wurde unsere Stadtbibliothek für den Preis der erfolgreichen Bibliothek des Landes nominiert. Im Rahmen der Preisverleihung schließlich fielen auch die Ungereimtheiten in unser Stadt auf.

Familie aus Süditalien

Gleichzeitig mit Sankt Kleinstadt wurden auch in mehreren anderen Ländern Büros, und Geschäfts- und Privaträume durchsucht. In wiefern die Familie des Bürgermeisters, die aus Süditalien stammt , in die Geschäfte verwickelt ist, lässt sich bisher noch nicht sagen. Erste Forderungen rechter Gruppierungen nach einem Politikverbot für Kinder aus Einwandererfamilien wurden zurückgewiesen. Der Bundesgeschäftsführer der Regierungspartei ließ am Rande einer Pressekonferenz verlauten, das erst die Ergebnisse der Ermittlungen abgewartet werden müssten.


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