Der Mörder ist immer der Gärtner


Als Kommissar Kalissa gerade seinen Regenschirm nimmt, um in den wohlverdienten, dienstäglichen Feierabend zu gehen, kommt seine Sekretärin ins Büro gestürmt.

"Herr Kommissar! Herr Kommissar!"

‚Das kann nichts gutes sein,’ denkt sich der Kommissar und erstarrt in der Bewegung.

"Was?"

"Sie können jetzt nicht gehen," wirft seine Sekretärin völlig aufgelöst ein. "Das geht nicht!"

"Und warum nicht?"

"Der Präsident..." beginnt sie und fängt dann an zu heulen.

‚...ist ein Arschloch,’ vollendet er den Satz in Gedanken, spricht ihn jedoch nicht aus. Ob er will oder nicht, muss er wohl erst mal seine Sekretärin trösten.

"Was ist denn los, Ivenda?" fragt er mit seiner beruhigendsten Stimme.

"Ich hab es grade erfahren," schluchzt sie. "Der Anruf kam grade rein... Ich habe natürlich sofort gesagt, dass sie sich darum kümmern... Sie sind doch immer so gut... und es war doch der Präsident..."

"Es ist Dienstag nachmittag," wendet er ein, während er sie beruhigend streichelt.

"Aber es ist der Präsident ..."

"Ja? Und?" Langsam wird der Kommissar ungeduldig. Sie weiß doch genau, wie wichtig ihm die Dienstag Nachmittage mit seiner Frau sind. Schade das seine Azubine Reini nicht da ist, die hätte das sofort verstanden und ihn um diese Zeit nicht mehr behelligt. Selbst bei dem Banküberfall letztes Jahr...

"Er wurde ermordet," platzt es aus seiner Sekretärin raus. "Natürlich kümmern sie sich darum, habe ich gesagt, als sie gefragt haben, ob Sie den Fall übernehmen. Er war doch so toll."

"Da kümmer’ ich mich morgen drum," versucht er seinen Abend zu retten, wohl wissend, das er eigentlich schon verloren hat.

"Ich habe gleich für sie ein Zugticket gebucht. In zwanzig Minuten geht ihr Zug."

"Aber... der Dienstag Abend... Meine Frau..." stammelt der Kommissar.

"Aber der Präsident wurde ermordet! Wie können sie da an ihre Frau denken... Außerdem hat der Justizminister persönlich gefragt, ob sie den Fall übernehmen..."

Mit einem Mal wird dem Kommissar klar, das er diesen Dienstag Nachmittag komplett vergessen kann. Und den nächsten wahrscheinlich auch... Und wahrscheinlich alle weiteren. Wer ist schon so blöd, den Präsidenten umzubringen und sich dabei erwischen zu lassen?

"Am Bahnhof treffen sie Sarah, die wird sie begleiten..."

Auch das noch, fährt es dem Kommissar durch den Kopf. Die neue Azubine, erst drei Wochen arbeitet sie im Kommissariat und schon soll sie ihn bei so einem Fall unterstützen.

"Bringen sie mich zum Bahnhof," fügt er sich schließlich in sein Schicksal.

In der Tiefgarage steht der Dienstwagen des Kommissars, der nicht ganz so neue Takuro Spirit.

Ein dicker Regentropfen fällt dem Kommissar auf die Nase.

"Warum hat noch niemand das Dach repariert," flucht er, als er zur Beifahrertür des Wagens geht. Ein Blick in den Wagen zeigt ihm, das auch das Wageninnere nass ist. Das kaputte Dach wurde auch noch nicht repariert. Warum bloß, fragt er sich, doch dann fällt ihm ein, wieviel Papierkram so ein Antrage ist, und ihm wird klar, das der Wagen in diesem Leben wohl auch nicht mehr repariert werden wird.

Seine Sekretärin will die Tür aufschließen, doch anstatt das sich die Tür öffnet, gibt es ein lautes Knacken und einen spitzen Schrei, der alle Ratten im Keller der Komissariats aufweckt.

"Der Shclüssel ist abgebrochen. Ich hol den Ersatzschlüssel."

Als die Sekretärin ihn mit den nun in den Ecken herumwuselnden Ratten allein lassen will, hält der Kommissar sie zurück.

"Lassen Sie nur, ich nehm mein Rad, zum Bahnhof ists nicht weit." Zu lebhaft erinnert er sich noch an seinen letzten Fall, als sein Dienstwagen im Sumpf versunken ist und von einem Kram herausgehoben werden musste. Was das für ein Papierkram war.

Kaum hat er die Tiefgarage verlassen, bereut er seinen Entschlußauch shcon, den heftiger Wind weht ihm ins Gesicht und ein vorbeifahrenden Lastwagen schleudet ihm Schlamm von der Straße entgegen, der häßliche braune Felcken auf der weißen Haut seines Gesichts hinterläßt. Der Versuch, während der Fahrt mit der Hand den Shcmutz aufzuwischen, endet damit, das sein ganzes Gesicht und eine Hand von einem braunen Schleier überzogen sind und seine Fahrt fast in den grünen Zweigen eines Gebüschs am Straßenrand endet. Nach einem Schlenker stößt er fast noch mit einem Telegraphenmast zusamen, bevor er sich wieder in den Straßenverkehr einfädeln kann.

Als weiter Schlammspritzer sein Gesicht überziehen, macht er sich nicht die Mühe, diese abzuwischen. Er biegt in die Bahnhofstraße ein und flucht erneut. Warum konnte seine Sekretärin keinen Zug von Südbahnhof aus Buchen, der liegt im Tal. Nein, sie mußte natürlich den Hauptbahnhof nehmen, der ganz oben auf dem Berg liegt, der die Stadt um viele Meter überragt. Überhaupt wüßte er unterhaltsameres als an einem regnerischen Herbsttag durch die Stadt zu radeln um zum Bahnhof zu fahren, nur damit ein jemanden sucht und verhaftet, dem er eigentlich dankbar ist.

Eigentlich sollten doch alle froh sein, das dieser unselige Präsident endlich weg ist. Er hätte den Job niemals bekommen dürfen, wie kann so ein machtbesessenes Arschloch nur gewählt werden? Und dann erläßt er auch noch ein Gesetz, das er nicht abgewählt werden darf. Eigentlich sollte der Mörder viel Geld dafür bekommen. Aber nein, so Leute wie seine Sekretärin wählen diesen Betschinelli nicht nur einmal sondern bei jeder Wahl wieder. Und das, wo der Kommissar doch eigentlich nur einen ruhigen Tag mit seiner Frau verbringen wollte.

Völlig durchnäßt am Bahnhof angekommen, läßt er sich von einem Bahnmitarbeiter neue Kleidung, leider die Dienstkleidung eines Bahnmitarbeiters, geben, damit er etwas trockenes anzuziehen hat. Zu allem Überfluss ist der Anzug auch noch eigentlich zu klein für ihn.

Während der Kommissar aus dem Fenster starrt und überlegt, was er seiner Frau erzählt, warum er nicht zu ihr kommen kann, erklärt ihm Sarah, was bisher über den Fall bekannt ist.

"Der Präsident wurde vor drei Stunden tot in der Eingangshalle seines Schlosses gefunden. Zum Tatzeitpunkt war niemand weiter im Haus. Die Sicherheitsleute hätten auch neimanden reingelassen. Und überhaupt hätte ja jemand unbeteiligtes gar nicht zum Shcloss gefunden, denn auf den Straßen um das Schloss herum hat der Präsident ja Linksverkehr einführen lassen."

Seine Frau wird bestimmt sauer sein, auf ihn, auf seine Sekretärin, auf den Präsidenten, dass er sich ermorden lässt und auch auf den Mörder, der dafür ausgerechnet einen Dienstag Nachmittag wählt.

Als der Kommissar drei Stunden später in Descales eintrifft, wird er von der dortigen Polizei bereits erwartet. Die Beamten erkennen ihn jedoch nicht, so daß er erstmal das Bahnhofsgebäude verläßt und orientierungslos vor dem Eingang steht. Schließlich kommt einer der wartenden Poliziesten auf die Idee, ihn zu fragen, ob ein Polizist in Sel’oh’Burg eingestiegen ist.

"Das wüßte ich, wenn einer meiner Mitarbeiter mitgefahren wär," erwiedert der Kommissar ganz selbstverständlich.

"Dann sind sie Kommissar Kalissa?"

"Ja, genau. Können wir wo hingehen, wo es nicht so stürmt? Und haben sie eventuell was anderes zum anziehen für mich? Dieser Anzug zwickt und drückt überall."

Eine halbe Stunde später ist der Kommissar in eine rote Polizeiuniform gekleidet und steht vor dem Schloß des Präsidenten, oder zumindest vor dem Zugang. Hinter der hohen Mauer erstreckt sich ein riesiger Park, der das Schloss meilenweit auf allen Seiten umgibt.

"Wer pflegt eigentlich das Gelände hier?"

"Das macht ein Gärtner..." antwortet ihm einer der Beamten. Da es noch immer regnet, beachten sie den Park nicht weiter und machen sich schnell auf den Weg ins Innere des Schlosses. In der Eingangshalle wurde der Umriß des Präsidenten auf den Boden gezeichnet, wie er gefunden wurde. Der Kommissar schaut sich in dem Raum um. Eine große, uralte Küchenuhr steht neben der breiten Eingangstür. Daneben steht ein Koffer. Der Kommissar wird neugierig, und geht hin. Vorsichtig legt er den Koffer auf die Seite und öffnet ihn. Eine weiche Frauenstimme ertönt: "Bombe gezündet... Präsident tot! Hahaha! Bombe gezündet... Präsident tot! Hahaha... Bombe gezündet..." Im Hintergrund der Stimme ist ein seltsames Knarren zu hören.

"Können Sie alle Mitarbeiter auf dem Gelände hier herbringen," fordert der Kommissar die Beamten auf, die von dem Bombenkoffer irritiert sind.

"Was ist mit der Bombe?"

"Ach was, Bombe! Da ist keine Bombe drin, das ist nur symbolisch," antwortet der Kommissar mit einer wegwerfenden Handbewegung. "Der Präsident ist doch schon längst tot."

"Aber..."

"Kein aber, ich leite schließlich die Ermittlungen hier, oder? Oder soll ich wieder nach Hause fahren?"

"Nein, Herr Kommissar..."

"Außerdem würde ich gerne wissen, wer die letzten 1000 Präsidentenmörder waren."

"Es gab hier noch keine 1000 Präsidenten..."

"Aber anderswo gibt es welche. Ich will alles über die wissen."

Während die Beamten einer nach dem anderen ihren Aufgabe nachgehen, sucht sich der Kommissar aus einem der angrenzenden Räume einen Sessel und stellt ihn genau an die Stelle, an der der tote Präsident gefunden wurde. Die blöden Farbstriche sehen Scheiße auf dem schicken Marmorfußboden aus.

Ein halbe Stunde später sind alle Mitarbeiter des Präsidenten in der Eingangshalle versammelt, insgesamt 156 Personen. Der Kommissar läßt einen nach dem anderen vortreten und seinen Namen nennen und was er für den Präsidenten gemacht hat,

Als alle sich vorgestellt haben, blättert der Kommissar in den Berichten, die er über vergangene Präsidentenmörder bekommen hat. Die Angestellten des Präsidenten warten derweil im großen Konferenzraum.

"Bringen sie mir die Frau Deralagi hierher. Mit der muss ich nochmal reden."

Zwei Minuten später steht eine junge Frau vor dem Kommissar. Als alle anderen Personen mit Aufträgen des Kommissars unterwegs sind, spricht er sie an.

"Sagen sie, Frau Degalari, sie sind doch Gärtnerin hier, oder?"

"Ja genau."

"Die einzige Gärtnerin?"

"Richtig."

"Gut, dann sind sie die Mörderin, ganz klar. Denn Sie wissen ja, die Mörderin ist immer der Gärtner."

"Aber, ich..."

"Genau, Sie. Vielen Dank übrigens, sie haben unserem Land eine großen Dienst erwiesen."

"Ähm..."

"Aber sie hatten auch einen Vorgänger, oder?"

"Der Bilagoni, genau."

"Und der lebt wohl nicht mehr?"

"Woher wissen sie das?"

"Wir brauchen ihn, um ihm diesen blöden Mord in die Schuhe zu schieben. Der ist tot, dem machts nichts. Und für alle anderen ist das toll und sie brauchen schließlich eine Belohnung für das, was sie gemacht haben, einverstanden?"

"Ähm... Wenn sie es so sagen..."

"Natürlich. So, und damit ist der Fall ja gelöst und ich kann nach Hause."


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