Das Haus im Wald


Ein regnerischer Tag im Wald. Es ist kalt und das platschende Wasser trifft auf ein Hausdach, das umringt von Sträuchern voll mit reifen Haselnüsschen ist. Buchfinken sitzen auf den Sträuchern und in der Ferne hört man einen Fluss mit einem Wildwasserstrudel. Spinnweben hängen unter dem Dach, kleine Wassertropfen glitzern an ihren Fäden. Die Spinnen haben sich in ihre Höhlen verkrochen, bei dem Wetter werden sie wohl hungern müssen.

Auch die Wespen, deren Nest unter dem Dach des Hauses ist, sind träge und faul heute und gehen nicht auf die Jagd. Kein Wetter für Insekten. Sie bleiben lieber alle gemeinsam in ihrem Nest und warten auf bessere Tage, wenn das Wetter sich aufklart und sie wieder Hoffnung haben, Beute zu finden.

Ein kleiner Ameisenhaufen neben dem überwucherten Weg zum Haus zeigt rege Aktivität. Im Morgengrauen ist ein Haselnusszweig vom Wind abgerissen worden und in den Bau gefallen. Jetzt sind die kleinen Arbeitstiere damit beschäftigt, die Schäden in ihrer Stadt auszubessern. Der Regen vereinfacht die Arbeit nicht grade und immer wieder rutschen die Tiere am Rand der Grube hinab oder werden von Regentropfen getroffen.

Hinter dem Haus unter einem Holzstapel hat sich ein Igel verkrochen. Das feuchte Wetter gefällt ihm, denn dann kommen die Regenwürmer raus und er findet reichlich Nahrung. Für ihn ist dieses Wetter perfekt, keine Feinde, viel Nahrung und ein ruhiger Abend.

Die Buchfinken haben sich in ihr Nest zurückgezogen. Singen und fliegen bei einem solchen Wetter ist nicht sehr angenehm, da kümmern sie sich lieber um den Nachwuchs und verlassen den heimischen Haselnussstrauch nur, wenn jemand Hunger hat. Wie es scheint, wird morgen das Wetter wieder besser, vielleicht kann dann der Nachwuchs erste Flugübungen machen. Es wird ja langsam Zeit, das die kleinen lernen, sich selber zu versorgen.

In der Ferne hört man einen Hund jaulen. Ein schmerzlicher Laut, doch weit weg. Außer dem Haus und dem Hund in der Ferne gibt es keinerlei Hinweise auf Menschen. Das Haus wird wohl schon lange nicht mehr bewohnt, und so verwildert wie der kleine, kaum noch erkennbare Garten ist, war auch schon lange kein Mensch mehr hier.

Auf dem ehemaligen Rasen hat sich am Waldrand ein dichter Teppich Waldmeister breit gemacht, reicht in der Wald hinein und verströmt seinen schwachen Duft. Näher am Haus gibt es stellen, an denen wilde Pfefferminze wächst und fast schon als Strauch bezeichnet werden kann. Auch ein Strauch Rosmarin und etwas Liebstöckel kann man sehen. Im Schatten des Hauses wächst noch ein letzter Rest Petersilie.

An der Stelle, wo früher mal ein Weg zum Haus geführt hat, wachsen nun Kartoffeln, Zwiebeln und Meerrettich einträchtig nebeneinander. Um die Überreste eines alten, umgestürzten Apfelbaumes herum hat sich eine Insel aus meterhohen Brennnesseln gebildet, die ein undurchdringliches Gestrüpp bilden. Aus diesem Biotop ragt ein kleiner Schössling des Apfelbaumes auf, aus dem vielleicht, wenn er Glück hat, später mal ein richtiger Apfelbaum wird.

Hinter dem Brennnessel-Apfelbaum-Gestrüpp war früher mal der Kompost, der sich nun durch eine vielfältige und wild wuchernde Vegetation auszeichnet. Auch leben auf dem ehemaligen Kompost eine Vielzahl unterschiedlicher Insekten und auch der Ameisenbau besteht zu einem beträchtlichen Teil aus Baumaterial, das vom Kompost stammt. Für die Buchfinken ist diese Stelle des Garten eine einmalige Speisekammer, wo sie immer fündig werden. Unter dem Erde lebet neben mehreren Wühlmäusesippen auch ein Maulwurf, der mit besonderer Vorliebe in der Nähe des ehemaligen Mohrrübenbeets nach Nahrung sucht.

An einer Stelle kann man noch die Überreste eines Zaunes erkennen, der früher das Grundstück abgegrenzt hat und nun als Klettergerüst für allerlei Schlingpflanzen dient. Auch für eine Familie Spatzen ist er so zu einer Heimat geworden.

Gegen Mittag ist plötzlich ein dumpfes Grollen zu hören. Kurz darauf beginnt die Erde zu zittern und dann immer heftiger zu beben. Die Buchfinken fliegen in Panik los und auch die Spatzen suchen die Weite des Himmels auf. Wild peitschen die Haselnusssträucher und anderen Gewächse in der Luft, als das Haus mit einem lauten Krachen in sich zusammenfällt. Neben den Spinnennetzen und den Behausungen einer Vielzahl von größeren und kleineren Tieren wird auch der Ameisenhaufen erneut schwer beschädigt, als sich eine Dachziegel tief in die Festung bohrt. Als die Erdstöße nachlassen und die Spatzen und Buchfinken die Schäden an ihren Nestern begutachten, beginnen die Ameisen bereits mit der erneuten Reparatur. Für die Wespen ist das nicht möglich, ihr Nest wurde unter den herabstürzenden Trümmern völlig zerstört und nur wenige haben es überlebt. Der Igel befreit sich mühsam aus seinem plötzlich kleiner gewordenen Versteck unter dem Holzstapel und geht unbeirrt wieder auf die Suche nach Fressen.


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Genres:
* Prosa * Alltagsgeschichten *


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