Das Wunder von Tempelhof


Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.


Überall um ihn herum schneit es. Es ist Winter, seit Tagen friert das ganze Land. Immer wieder weht der Wind ihm um den Kopf, versucht ihm die Haare zu zerzausen, die jedoch dafür zu kurz sind. Seine runden Augen blicken über die Stadt, so eine gute Aussicht hatte er schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Und er hat Glück, denn er friert nicht. Was Abhärtung doch so alles ausmacht.

Dieses Jahr hat er bei der Auslosung der Positionen wirklich Glück gehabt. Es war auch ein wenig riskant, aber das ist es ja letztlich immer. Doch er hat sich unter tausenden von Mitbewerbern durchgesetzt. Dafür konnte er das Risiko schon eingehen, einfach leer auszugehen dies Jahr.

Was er jedoch nicht geahnt hat, waren diese fiesen Bauchschmerzen, die ihn schon die ganze Zeit plagen. Eine Art Bauchschmerzen, die er noch nie hatte, das Gefühl, dass sein Bauch fast unter der eigenen Last zusammenbricht und immer kälter und härter wird.

Er steht auf einer flachen Fläche, die sehr groß ist. Auf einer so großen, ebenen und leeren Fläche hat er noch nie gestanden. In der Ferne kann er die Häuser der Stadt sehen, überall um ihn herum. Es weiß natürlich, was eine Stadt ist, rein intellektuell, auch wenn er in den vielen Jahren noch nie in einer war. Überhaupt scheinen Ausflüge in Städte viel seltener zu sein als auf Wiesen und an Waldränder. Ob das einen tieferen Grund hat, ist ihm nicht klar.

Überhaupt findet er es sehr seltsam, das er immer dann, wenn das Wetter grade besser und wärmer wird, abberufen wird. Eigentlich wäre es doch viel schöner dazubleiben. Es tauchen immer so viele interessante Dinge auf, wenn es wärmer wird.

Aber nun gut, sein Leben besteht sowieso aus vielen seltsamen Dingen und Ritualen. Auch das Werden ist so ein Ritual. Jedes Mal aufs Neue muss er es als erstes durchlaufen. Doch das war diesmal anders. Nicht das ewige im Kreis drehen und verschmelzen und sich noch mal ändern und noch mal, bis schließlich die endgültige Position erreicht ist. Diesmal hat er ganz deutlich gemerkt, wie er von unten nach oben gewachsen ist.

Außerdem ist diesmal alles um ihn herum viel kleiner als bei den letzten Malen. Ob die Menschen in der Zeit seit seinem letzten Ausflug hierher einfach geschrumpft sind? Andererseits, die anderen von seiner Art, die er sieht, sind auch so klein wie die Menschen. Sehr rätselhaft. Dieser Spezialauftrag ist wirklich anders als alle seine bisherigen Erlebnisse.

In einer Nacht plötzlich kam einer von diesen Ameisenmenschen, wie er sie nun für sich nannte, und hat ihm ein Loch in seinen Fuß gemacht und etwas Seltsames hineingesteckt. Das war die erste dieser Merkwürdigkeiten. Eine Person, die ein Loch in ihn hineinbohrt. Drei Tage später kamen noch mehr Leute und haben ein etwas größeres Loch gemacht und sind in ihn hineingeklettert.

Einige Zeit später begann das übliche, jedes Jahr wieder auftauchende Gefühl, wenn es wärmer wird. Das Gefühl, dass bald alles zu Ende ist. Rundherum konnte er beobachten, wie sich die Farbe der Welt geändert hat. Erst wurde alles braun und grau. Dann wurde vieles Grün und er stellte fest, das er auf einer riesigen Wiese stand. Die Wiese wurde von mehreren, schnurrgraden grauen Wegen durchzogen, deren nächster direkt an seinem Fuß vorbei führte. Während es wärmer wurde, wurden auch seine Bauchschmerzen stärker.

Im Laufe der Tage wurde ihm klar, das er langsam kleiner wird. Sein Überblick über die Stadt begann kleiner zu werden, und so erwartete er nun Tag für Tag das Ende. Dabei würde er doch so viel dafür tun, wenigstens einmal zu erleben, was passiert, wenn er wärmer wird. Die Sonne auf sich zu spüren, vielleicht sogar Tiere zu sehen.

Irgendwie war um ihn herum immer eine Pfütze von Wasser, warum das so war, war ihm nicht klar, aber es schien irgendwie mit seinem Schrumpfen zusammenzuhängen.

Als er bereits seit einer Woche am Schrumpfen war und alles Weiße um ihn herum schon lange weg war, kam ihm das erste Mal in den Sinn, das dies vielleicht seine große Chance sei, doch mal die Wärme zu erleben.

Weitere zwei Wochen später wurde es innerhalb von zwei Tagen erheblich wärmer und er begann, wie verrückt zu schwitzen. Die Sonne brannte auf ihn herab und trieb ihm den Schweiß nur so in Strömen den massigen Körper hinab. In seinem Inneren wurde es noch unangenehmer und er begann sich zu fragen, ob das warme Wetter für seinesgleichen vielleicht doch nicht so ideal ist. Je länger er darüber nachdachte und je wärmer es wurde, desto unbehaglicher fühlte er sich, teilweise war ihm sogar richtig schlecht.

Und dann die vielen Vögel und anderen Tiere, die nun auf ihm wohnten oder ihn zumindest oft besuchten. Und dann wurden irgendwann die Pflanzen überall bunt und farbig und ein paar Tage später war er mit so einem seltsamen Staub bedeckt und die ganzen Pflanzenteile schwebten um ihn herum.

Und je länger er lebte, desto mehr änderten sich auch die Menschen, sie wurden dünner und dünner, warfen teilweise Häute von sich ab um sie später wieder umzulegen, lagen um ihn herum und tranken etwas oder sangen und machten Musik. Doch je mehr die Zeit verging und je kleiner er wurde, desto mehr ließ seine ursprünglich so imposante Form nach und er wurde zu dem Haufen, zu dem er unweigerlich immer zum Schluss wurde. Dann dauerte es nur noch wenige Tage, bis der 130-Meter-Schneemann von Tempelhof verschwunden war.

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Genres:
* Prosa * Fantasy *


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