Rotkäppchen - die Geschichte einer Entführung


Das Mädchen läuft die Straße entlang in Richtung Wald, denn sie will ihre Großmuter besuchen. Ihre Mutter hat sie geschickt, um der kranken Großmutter einen Korb mit Esen zu bringen.

Sie hat sich ein rotes Tuch um den Kopf gewickelt, damit ihre frisch gefärbten Haare nicht in der Sonne ausbleichen. In einer Hand trägt sie den Korb, mit der anderen hält sie ihre Handtasche von Van Dudelroy fest.

Es ist ein strahlender, sonniger Tag, bestes Wetter, so dass sie ihre Jacke zu Hause gelassen hat. Mit dem knappen Spaghettiträgertop kann sie wenigstens etwas braun werden. Alle paarhundert Meter verschiebt sie die Träger ein wenig, damit keine weißen Streifen entstehen. Wie gerne würde sie jetzt shoppen gehen, doch da ihr Taschengeld schon für das Parfüm von Pilaotti drauf gegangen ist, muss sie diesen Gang unternehmen, um von ihrer Mutter neues zu bekommen. Und so hat sie extra ihre Sandalettenpumps angezogen, damit sie auf den unebenen Wegen ihre guten Schuhe nicht ruiniert.

Als sie den Wald erreicht, wünscht sie sich noch mehr in die Stadt zurück, denn nicht nur dass sie Steinchen und Hölzer in ihren Schuhen hat, nein, die Steinchen verkratzen ihr auch noch den Lack ihrer Zehennägel.

Sie erreicht die Lichtung und beschließt, dort eine Pause zu machen. Gerne würde sie sich ausruhen und setzen, doch das Gras wird bestimmt auf ihrem blassvioletten Minirock Flecken hinterlassen. Und auf den umgekippten Baumstamm, kommt sicherlich nicht in Frage, denn wer weiß, welche Insekten darin wohnen.

Während sie so dasteht und die Blumen auf der Wiese betrachtet, kommt ein Mann auf die Lichtung. Es ist der Metzgergeselle der Stadt, Andre Tobias Wolf, den alle nur den Wolf nennen.

"Hallo du, Rotkäppchen," sagt er zu ihr und bleibt stehen. "Was machst’n du hier im Wald?"

Sie schaut ihn abschätzend an und entgegnet dann ehrablassend: "Ich gehe zu meiner Großmutter. Die ist krank und ich bringe ihr Essen." Der Typ ist echt total unter ihrem Niveau und sie will sich abwenden und weitergehen, doch er redet weiter: "Oh, zur Oma! Wie lieb von dir. Dann grüß sie schön von mir und wünsch ihr Gute Besserung."

Sie schaut ihn entnervt an. Als er weiterreden will, bemerkt er ihren Blick. "Ich will ihr doch nur helfen, wenn sie krank ist. Vielleicht solltest du ihr noch ein paar Blumen pflücken. So alte Schachteln stehen doch total auf sowas."

Noch während sie überlegt, dreht er um und geht den Weg, den sie auch gehen muss, Nicht dass er sie noch mehr zulabert, da macht sie lieber noch eine Weile Pause, ehe sie weitergeht, damit er genug Vorsprung hat.

Wenn sie schon warten muss, kann sie ja auch die Gelegenheit nutzen, und ein paar Blumen pflücken. Wie schade nur, das am Wegesrand nur weiße und gelbe wachsen und die schönen blauen und roten auf der Wiese stehen. Aber sie wird ganz sicher nicht ihre Schuhe ruinieren bei der Idee, der Großmutter ein paar Blumen zu pflücken. Als sie der Meinung ist, das der Wolf nun genug Vorsprung hat, macht sie sich wieder auf den Weg.

Sie hat ihre Großmutter schon ein paar Jahre nicht mehr gesehen, doch da sie im einzigen Haus im Wald wohnt, ihr Mann war schließlich der Förster, ist sie nicht schwer zu erkennen.

Sie erreicht das alte Blockhaus zur Mittagszeit. Sie geht rein und ins Schlafzimmer ihrer Großmutter. Die liegt im Bett unter Decken versteckt. Auf dem Kopf hat sie eine Schlafhaube und vor dem Gesicht ein feuchtes Tuch, wohl um ihr das Atmen zu erleichtern.

"Hallo Großmutter," begrüßt sie die alte Frau.

"Hallo Rotkäppchen," flüstert die Kranke, die wohl wegen ihrer Krankheit keine Stimme hat als Antwort.

"Ich habe dir Essen von meiner Mutter mitgebracht."

"Bring es am Besten in den Keller, da bleibt es länger frisch."

Rotkäppchen will um alles in der Welt vermeiden, in den Keller zu müssen, denn dort sind bestimmt Spinnen. Also versucht sie, ihre Großmutter in ein Gespräch zu verwickelt.

"Sag mal," wendet sie ein, "warum hast du eigentlich die Schlafhaube auf?"

"Das ist, damit niemand meine großen Ohren sieht."

Das scheint Rotkäppchen eine etwas seltsame Antwort zu sein. Wahrscheinlich ist ihre Oma halb im Delirium. Doch der Keller bedroht sie noch immer, und so fragt sie weiter: "Und warum hast du ein Handtuch im Gesicht?"

"Das ist, damit niemand meine großen Augen sehen kann."

Sie scheint wirklich sehr verwirrt zu sein, die Großmutter. Rotkäppchen wird so ein bisschen unheimlich zu mute, hoffentlich ist die Krankheit nicht ansteckend...

"Und warum," unternimmt Rotkäppchen einen letzten Versuch, "liegst du so ganz versteckt unter den Decken?"

"Damit ich dich besser verführen kann," flüstert die Großmutter zu Antwort.

Diese Aussage gibt Rotkäppchen den Rest, da ist ja der Keller das kleinere Übel und so macht sie sich auf den Weg nach unten, damit sie ihre kranke Großmutter möglichst schnell wieder verlassen kann.

Die steile, in den Fels gehauene Treppe ist unebene und die Wände fühlen sich ein wenig feucht an. Es ist dunkel im Keller, das Licht kann den Raum kaum ausreichend erleuchten.

Sie kreischt spitz auf. Eine Spinne rennt über den Kellerboden. Dann ertönt ein dumpfer Schlag und die Kellertür fällt zu. Von oben ist lautes Lachen zu hören und dann die Stimme des Metzgergesellen: "Hier findet euch niemand, bis ich die Million Lösegeld habe!"

Rotkäppchen schaut sich um. In der Ecke sitzt ihre Großmutter. Sie setzt sich daneben, was soll sie auch sonst machen? Wenigstens die Spinne ist weg, das ist das Wichtigste.

Einige Zeit später ist von draußen Rufen zu hören, dann Schläge wie von Schüssen. Die schmutzige Fensterscheibe, unter der Rotkäppchen sitzt, zerbricht und tageslicht fällt in den dunstigen Raum. Eine Scherbe streift Rotkäppchen und verkratzt den Lack auf einem ihrer Fingernägel. Wenige Minuten später kommt ein Polizist in den Keller und bringt sie und ihre Großmutter nach draußen.

"Sehen Sie," meint der Polizist zu ihnen, "wir haben Sie doch schnell gerettet."

"Und dabei," keift Rotkäppchen ihn an, "den Lack auf meinem Fingernagel verkratzt. Das ist ja wohl unter aller Sau, konnten sie nicht besser aufpassen?" Mit diesem Worten dreht sie sich um und verschwindet Richtung Stadt im Wald.


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