Das Päckchen

"Schneewitchenweg 17, 34323 Schloß Hinterstein" stand auf dem Päckchen, das Anna zur Post brachte. Es war ein unscheinbares Päckchen, aus Pappe, quadratisch und nicht allzu schwer.

Anna war damals Sachbearbeiterin auf dem Amt, ein Beruf, der sie damals völlig ausgefüllt hat. Das war, bevor es passierte. Sie war einfach nur Anna, die Sachbearbeiterin, die in ihrer Freizeit Kinderbücher gesammelt hat.

Eines Abends, nach einem langen Tag im Büro, hat sie in der Auslage eines Antiquariats dieses Buch gefunden: "Wunderbare Märchenwelt – mit vierfarbigen Illustrationen". Das hatte sie noch nicht, also hat sie es mitgenommen.

Zuhause dann hat sie es aufgeschlagen und begonnen zu lesen. Das Buch war spannend und die Illustrationen fesselnd in blau, gelb, violet und schwarz. So fesselnd, das die Figuren fast selber lebendig waren.

"Hilfe Hilfe," rief eine junge Frau. "Nur du kannst mir helfen!" Tja, dachte isch Anna, vielleicht sollte ihr jemand helfen. Und als sie weiterlas, fand sie das Mädchen, das mit einem dicken Seil an einem Baum festgebunden war.

"Was ist passiert," fragt Anna.

"Der böse Wolf hat mich hier festgebunden," heulte die Frau. "Sobald er die Frau Reed verdaut hat, will er kommen und mich fressen!"

"Die muss doch geholfen werden," sagte Anna zu ihr. "Ich hab in der Küche ein scharfes Messer, das hole ich."

Als sie dann in der Küche stand und das Messer in der Hand hielt, fragte sich Anna, warum sie ein Messer holt, um einer Romanfigur zu helfen. Also legte sie es weg und ging ohne zurück ins Wohnzimmer.

"Wo ist dein Messer," fragt die Gefesselte, als Anna weiterlas.

"Du bist nur eine Figur aus einem Buch mit Vierfarbdruck!"

"Na und?" Die Frau war entrüstet. "Das ich vierfarbig b in, ist das ein Grund, mich an den Wolf zu verfüttern?"

"Ähm," antwortete Anna. "Nein, natürlich nicht. Ich gehe nochmal und hole es wirklich."

In der Küche kamen ihr wieder Zweifel, doch da sie wissen wollte, wie das Buch weitergeht, nahm sie das Messer diesmal mit.

"So, diesmal mit Messer," erklärte Anna, als sie das Buch wieder in der Hand hatte.

"Na los, schneid das Seil durch."

Das Mädchen zerrte an dem Seil. "Der Wolf kann jeden Moment wiederkommen."

Anna nahm das Messer und begann zu schneiden, doch das Seil war dick und stabil. Nach einer Weile, das Seil war schon halb durch, hörten sie Schritte.

"Beeil dich, der Wolf kommt zurück!" Das Mädchen war nun der Panik nahe. Anna sägte so schnell sie konnte. Irgendwann war das Seil genug angesägt, das die Frau es mit einem kräftigen Ruck zerreißen konnte. Gerade noch rechtzeitig, denn kaum hatten sie sich hinter einem Gebüsch versteckt, da platzte auch schon der Wolf auf die Lichtung.

"WO IST MEIN MITTAGESSEN?" brüllte er.

"KOMM RAUS DU FEIGER DIEB!" Der Wolf stapfte über die Lichtung und verschwand dann wieder, laut fluchend, im Wald.

"Komm mit zu mir," bat die Frau Anna und gemeinsam gingen sie zu ihrem gemütlichen Haus.

"Schön hast du’s hier," sagte Anna zu ihr. "So idyllisch im Märchenwald."

"Ja, schon," antwortete das Mädchen ihr traurig. "Aber nie schreibt mir jemand einen Brief oder schickt mir ein Päckchen. Jeden Tag kommt der Postbote und bringt mir: nichts!"

"Hast du denn keine Freunde, die dir schreiben?"

"Nein, niemand. Und das, wo ich doch sooo gerne auch mal Post bekommen würde."

"Wie schade."

Danach unterhielten sie sich über andere Themen, bis Anna irgendwann auf die Uhr schaute.

"Oh, schon so spät. Ich muss ins Bett, morgen muss ich wieder früh arbeiten."

"Bleib doch noch bei mir," bettelte das Mädchen. "Sonst bin ich wieder so einsam."

"Aber nur kurz," willigte Anna schließlich ein.

"Was arbeitest du?"

"Ich bin Sachbearbeiterin."

"Was für ne Arbeiterin?"

Anna erklärte ihr, was sie beruflich macht.

"Das klingt total langweilig. Kanst du nicht was spannendes machen," wollte das Mädchen wissen.

"Ich finds spannend genug. So, jetzt muss ich aber wirklich los."

"Kannst du mir nicht mal nen Brief schreiben," bettelte die junge Frau. "Bitteeeee!"

"Ich soll einer Buchfigur einen Brief schreiben?"

"Warum nicht? Der Weihnachtsmann und die Pipi Langstrumpf bekommen doch auch Post."

"Aber, die haben doch auch eine Adresse."

"Ich hab ja auch eine. Ich wohne hier!"

"Ja, schon, aber..."

"Och bitteeeee!"

"Aber welche Adresse?"

"Na, Schneewittchenweg 17, unterhalb von Schloß Hinterstein."

"Und die Postleitzahl?"

"Hm, ich weiß nicht, oder... doch, klar, das ist bestimmt die selbe wie von dem Schloß, da wo meine Steuer hin muss. Das ist 34323."

"Und dein Name?"

"Mein Name? Frau oder Mädchen, ganz wie du magst."

"Also, Frau, Schneewittchenweg 17, 34323 Schloß Hinterstein."

"Ja, genau," freute sie sich.

"Na ich weiß nicht... Ich finde das immer noch komisch."

"Och bitte, bitte, du bist meine einzige Hoffnung."

"Na gut," meinte Anna schließlich, hauptsächlich um Ruhe zu haben.

"Versprichst du’s?"

"OK," erklärte Anna resignierend. "Ich verspreche ’s."

"Wirklich?"

"Ja."

"Wirklich wirklich? Wenn nicht, hetze ich sämtliche Romanfiguren auf dich! Dann kannst du nie wieder in Ruhe ein Buch lesen."

"Ja, ich schreib dir, wirklich versprochen."

"Ohhh, wie schön!"

Nachdem sie sich so geeinigt hatten, konnte Anna endlich ins Bett gehen.


Am nächsten Tag in der Mittagspause ging sie in einen Kiosk neben ihrem Amt und kaufte einen ganzen Staple Zeitschriften mit Anzeigen für Brieffreundschaften. Sie packte sie in ein Päckchen und legte folgenden Brief dazu.

"Liebes Mädchen,

hier ist das versprochene Päckchen. Damit du in Zukunft öfter Post bekommst, lege ich dir Zeitschriften mit den Brieffreundschaftsannoncen bei. Schreib doch ein paar von den Leute an.

Alles Liebe,

deine Anna."

Das Päckchen brachte sie dann am Abend zur Post.

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* Prosa * Märchen *


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