Drachenjagd

Maurits war auf Drachenjagd. Seit Tagen schon ritt er zusammen mit seinem Knappen in Richtung Berge. Sie überquerten Hügel und Täler, Felder und Wiesen und Wälder, Straßen und Brücken und folgen der Spur des Tieres. Alle anderen Versuche, es zu fangen, waren gescheitert, so dass der König entschied, diesen letzten, verzweifelten Versuch der Drachenjagd zu unternehmen.

Zuerst wollte niemand glauben, dass ein echter Drache in den Ardennen sein Unwesen treibt. Die ersten Berichte wurden nur belächelt, die ersten Bilder wurden für Fälschungen gehalten, doch als das Tier über Antwerpen flog und auf dem Marktplatz landete, konnte niemand mehr seine Existenz leugnen. Seit dem rätseln die Wissenschaftler der ganzen Welt, wie es sein kann, dass ein ausgewachsener Drache mitten in Belgien auftaucht.

Sofort sind natürlich Heerscharen von Neugierigen ins Land gereist, so dass schon ein Gerücht umging, dass ein kluger Hotelier den Drachen hat bauen lassen und ihn nun fliegt. Doch diese Theorie mußte aufgegeben werden, da es kein Fluggerät auf der Welt gab, das solche Manöver durchführen könnte, wie der Drache es vermochte.

In den Meldungen überschlugen sich die Spekulationen, um was es sich bei dem Tier wohl handeln möge. Zu dieser Zeit ist auch Maurits darauf aufmerksam geworden.

"Ein Drachen", meinte er zu seiner Freundin Christine, "und sie diskutieren darüber, ob Drachen wie Naturkatastrophen sind oder ob Versicherungen für die Schäden aufkommen müssen."

"Tja", hat sie geantwortet. "So ist es eben, die Leute machen sich mehr Sorgen um ihr Vermögen als um seltene Tiere, die man bereits für ausgestorben hielt."

"Eigentlich schade, dass es keine Ritter mehr gibt, die würden sich über so eine Gelegenheit bestimmt freuen."

"Hm," überlegte sie. "Vielleicht solltest du dich beim König als Ritter bewerben?"

"Ich? Warum?"

"Naja, du hast erzählt, du warst mal in einem Bogenschützenverein. Und du kannst reiten. Und im Keller haben wir noch die Standarte mit dem Wappen von diesem Live-Rollenspiel."

"Na ich weiß nicht."

Als in der Folgezeit alle Versuche, etwas über den Drachen rauszufinden, scheiterten – es gelang nicht einmal einem Kampfhubschrauber, einen Peilsender an dem Ter zu befestigen – sprachen Maurits und Christine immer öfter darüber, dass nur Ritter einem Drachen Schaden zufügen können.

Als schließlich ein Gericht entschied, dass Versicherungen für Drachenschäden nicht aufkommen müssten, schrieb Maurits schließlich seine Bewerbung als Ritter. In der Folgezeit verfolgten sie gebannt die Nachrichten über den Drachen. Es wurde jedoch immer klarer, dass man gegen das Tier mit Technik nichts ausrichten konnte. Und so bekam Maurits mehr als vier Monate nach seinem Brief eine Einladung zu einer Audienz beim König.

Seine Freundin war völlig aus dem Häuschen und überredete ihn, vorher noch ein wenig Bogenschießen zu üben und auch mit einem Schwert zu trainieren.

Als Maurits beim König war, wollte dieser natürlich wissen, warum er sich als Ritter beworben habe und so erzählte Maurits vom Bogeschießen und vom Reiten und den Live-Rollenspielen.

"Möchtest du für Belgien als Ritter arbeiten und den Drachen jagen," fragte ihn der König direkt.

"Ich würde schon, aber mein Job bei der Bank..."

"Da werde ich mich drum kümmern, dass sie dich freistellen."

"Und ich brauche eine Rüstung."

"Ich werde sofort das Verteidigungsministerium beauftragen. Hast du jemanden, den du als Schildknappen mitnehmen willst? Der braucht auch eine Rüstung."

Maurits überlegt kurz. "Wenn sie will, würde ich meine Freundin mitnehmen. Die ist Biologin und würde bestimmt gerne mitkommen, den Drachen jagen."

"Es wird sich jemand wegen der Rüstung bei dir melden."

Und damit wurde er vom König entlassen. Zwei Tage später wurden er und seine Freundin ins Verteidigungsministerium eingeladen, wo dann nach einiger Diskussion beschlossen wurde, das sie ganz normale Rüstungen nach alten Zeichnungen bekommen würden und keine High-Tech-Anzüge des Militärs.

Und so waren sie schließlich per Pferd auf dem Weg in die Ardennen. Die erste Zeit wurden sie von einem Troß Zeitungsleuten und Fernsehteams begleitet, doch als sich der Drache nicht zeigte sondern immer in anderen Landesteilen unterwegs war, verließen sie ihn einer nach dem anderen. Und so waren sie nach drei Wochen nur noch zu zweit unterwegs, Maurits und seine Freundin.

Da tauchte er plötzlich vor ihnen auf, als sie grade eine Hügelkuppe überkletterten. Maurits legte einen Pfeil an und zielte auf den Drachen.

"Oh", rief der erfreut. "Ein echter Ritter, das es sowas noch gibt!"

"Wir waren über dich genauso erstaunt", erwiderte Maurits.

"Genau", ergänzte Christine. "Alle Welt war überrascht. Wo kommst du her?"

"Ich weiß nicht genau, ich glaube, ich bin geschlüpft... Wollt ihr mich nun zum Duell fordern?"

"Zum Duell", entgegnete Maurits entsetzt.

"Natürlich", antwortete der Drache. "Ritter fordern doch Drachen immer zum Duell heraus. Wie sollte sonst einer von beiden den anderen umbringen?"

"Die Zeiten haben sich geändert", erwiderte Maurits vorsichtig.

"Drachenhaut ist nichts mehr wert", wollte der Drache enttäuscht wissen.

"Oh doch, aber ein lebender Drache ist noch viel mehr wert."

"Du willst mich nicht umbringen?"

"Nein, ganz sicher nicht. Du bist doch der einzige Drache auf der Welt. Willst du nicht für uns arbeiten?"

"Arbeiten?"

"Naja, du machst das, was du immer machst, aber sagst vorher Bescheid, wo du bist. Und dann bezahlen die Leute viel Geld, nur um dich sehen zu dürfen."

"Die bezahlen Geld, um mich zu sehen?"

"Richtig", warf seine Freundin ein. "So wirst du ganz reich."

"Reich? Ich?"

"Der reichste Drache der Welt."

"Nun gut, was muss ich tun?"

Und so kam es, dass am nächsten Abend die ganze Weltpresse auf dem Marktplatz eines kleinen Städtchens in den Ardennen versammelt war, um den gezähmten Drachen zu besichtigen. Hunderte Pressefotografen und Kameraleute und Journalisten drängten sich um Maurits und Christine, als sie auf die Ankunft des Drachens warteten. Und jeder hatte 200 Euro bezahlt, um dabei sein zu dürfen.

Den größten Teil des Geldes hatten sie bei einem örtlichen Juwelier gegen Schmuck und Gold für den Drachen eingetauscht. Und so kam der Drache schließlich und der Trubel wurde noch viel Wilder.

Christine merkte, dass es Maurits zu viel wurde.

"Geh du nach Hause, ich kümmer mich um die Leute hier. Frag deinen Onkel mit dem Bauernhof, ob der Drache bei ihm übernachten kann. Ich merke doch, dass du kein Bock auf diese Presseleute hast. Und jetzt ist der Drache ja gezähmt, da brauchen wir auch keine Ritter mehr."

Er floh von diesem schrecklichen Ort voller Presseleute. Wortlos blickte sie ihm hinterher. Und hier ist die Geschichte zu Ende.

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