Der Froschelefant

Er wurde gefunden, als der Schnee schmolz. Wie lange er schon zwischen Gartenzaun und Telefonzelle gelegen hatte, wußte niemand. Doch jetzt hatte ein kleines Mädchen ihn in der behandschuhten Hand und rannte die Straße entlang.

Sie kam von irgendwo und war woanders hin unterwegs. Wo genau sie hin wollte war unwichtig, denn sie folgte der Richtung, die er ihr wies. Immer weiter eine Straße entlang, über einen Bach, durch ein Feld mit Mohnblüten und in den Wald hinein. Von all dem merkte sie jedoch kaum etwas, denn sie betrachtete nur ihn und wie er ihr die Richtung zeigte, in die sie zu laufen hatte.

Und so stolperte sie über Hügel und Täler und der Wald wurde immer dichter, ähnelte immer weniger der Stadt und den Parks, die sie bisher kennen gelernt hatte.

Plötzlich drehte er sich nur noch im Kreis und sie schaute auf. Sie hörte Stimmen, das Geräusch von Pferden – sie kannte es aus dem Fernsehen – dann ein Peitschenknall. Plötzlich standen zwei Wesen vor ihr. Ein braunes Pferd und ein weißes Pferd, beide mit Menschenköpfen.

"Hallo kleines Mädchen", sprach der Weiße sie an. "Wohin des Weges?"

"Ich bin nur dem Pfeil gefolgt", entgegnete sie und deutete auf das Objekt in ihrer Hand.

"Soso, dem Pfeil gefolgt..."

"Weißt du denn nicht", mischte sich nun das Braune mit tiefer Stimme ein, "dass es gefährlich ist, dem Pfeil zu folgen?"

Das Mädchen schaute an sich runter. "Mir ist aber doch nichts passiert", meinte sie.

"Wer weiß, was du hier noch für Monster triffst", wendete das braune Wesen ein.

"Och, ich hab aber doch nur euch getroffen."

"Das war auch dein Glück."

"Aber die anderen hier", meinte nun das weiße Pferd, "die sind so böse. Der Schildtiger zum Beispiel. Oder der Schlangenelch. Oder ganz schlimm der Froschelefant."

"Mach ihr doch keine Angst", unterbracht der braune ihn mit seiner tiefen Stimme.

"Was ist ein Schildtiger", wollte das Mädchen nun wissen.

Das Weiße warf dem Braunen einen bedeutsamen Blick zu.

"Sie will es wissen", meinte es zu dem Braunen und erklärte dann: "Ein Schildtiger, das ist ein Tiger, der den Panzer einer Schildkröte hat. Die sind immer ziemlich gemein und fies."

Lautes Knacken und Krachen unterbrach den Weißen und dann stürmte ein Wesen auf die Lichtung. Es hatte rot-schwarz gestreiftes Fell und am ganzen Körper einen stabilen Panzer. Es rammte den Braunen, so dass dieser umfiel. Das weiße Menschenpferd trat nach dem Schildtiger und vertrieb ihn so.

"Jetzt weißt du, was ein Schildtiger ist", erklärte das Weiße, während das andere Menschenpferd sich wieder aufrappelte.

"Oh ja. Ein Schildtiger ist etwas, das man mit kräftigen Tritten verjagen kann. Aber was war das andere noch mal, von dem du erzählt hast? Eine Elchschlange?"

"Oh nein", stöhnte der braune mit seiner tiefen Stimme. "Erzähl es ihr nicht!"

"Wie könnte ich", antwortete der Weiße. "Sie hat doch gefragt." Und so fing es an zu erklären: "Ein Schlangenelch, das ist ein Elch, der viele Meter lang ist. So wie eine Schlange windet er sich beim Laufen um die Bäume, da er so lang ist. Und sein Geweih ist fürchterlich."

Erneut war aus dem Wald lautes Krachen zu hören. Dann tauchte ein Elchkopf auf und der Elch lief über die Lichtung, zwischen den Menschenpferde und dem Mädchen hindurch. Und als der Kopf schon lange vorbei war, schlängelte sich der Körper noch immer zwischen ihnen hindurch.

Dann ertönte wieder der Peitschenknall, die Menschenpferde hatten das Geräusch irgendwie erzeugt, und der Elch war zu Ende.

"Hab ich’s nicht gesagt", wandte der Braune ein. "Wehe, du erzählt ihr auch noch von den Froschelefanten."

"Wenn sie fragt", entgegnete der Weiße.

"Mädchen", wandte der Braune sich an das Mädchen, "frag und bloß nicht nach den Froschelefanten."

"Warum nicht? Was ist ein Froschelefant?"

Der Braune schaute sich nervös um, doch der Weiße begann zu erzählen.

"Ein Froschelefant, das ist ein Elefant, der wie ein Frosch hüpft. Wenn der dich trifft, dann bist du platt."

Als es im Gebüsch wieder knackte, sprang der Braune schnell zur Seite. Dann kam etwas Großes, Graues von oben und der Weiße verschwand darunter. Dann zog der Elefant die Beine wieder an und sprang erneut, diesmal auf den Braunen.

Das Mädchen wurde nun, wo die beiden Menschenpferde weg waren, von Angst gepackt und sie rannte zurück, durch den Wald, über die Mohnblüten und die Straße entlang und warf den Kompaß wieder zwischen den Gartenzaun und die Telefonzelle.

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* Prosa * Märchen *


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