Eine abgefahrene Geschichte


Es war einmal ein Streufahrzeug. Es lebte in einem kleinen – warte mal, es lebte? Leben Streufahrzeuge? Mal überlegen, es bewegt sich – es fährt. Es hat einen Stoffwechsel und scheidet Streu aus. Und es kann sterben, oder zumindest verschrottet werden, was ja fast das selbe ist. Einigen wir uns für die Dauer dieser Geschichte also darauf, dass es lebt, einverstanden? Also weiter:

Es lebte in einem kleinen Ort in den Bergen. Eines schönen Wintermorgens – des Nachts hatte es geschneit – machte es sich, wie es nun mal die Art von Streufahrzeugen ist, auf den Weg durch den Schnee.

Da der Ort, in dem es lebte, sehr abgelegen war, führte der Weg durch den tiefen Wald, der die vielen Berge hinter dem Ort bedeckte. Wie es so gemütlich durch den Wald fuhr, wurde es plötzlich von einer großen, grauen, zotteligen Gestalt aufgehalten.

Wer kann das wohl sein, der es wagt, sich einem Streufahrzeug in den Weg zu stellen? Wer wagt es, ein Wesen aus Metall und Kies aufzuhalten? Ach, ihr habt es sicher schon erraten, auch ohne das ich euch erzähle, das es das Streufahrzeug mit lautem Heulen begrüßt.

Es war der große, böse Wolf, der da auf der Straße saß und heulte. Und da das Streufahrzeug von sehr sanftmütigem Gemüt war – darin sind Streufahrzeuge Elefanten sehr ähnlich, groß, schwer und gutmütig – hielt es an und fragte den Wolf, was denn los sei, dass er so heule.

"Ach, weißt du," erwiderte der Wolf und wischte sich eine Träne aus den Augen, "es ist wegen dem Papst. Der sieht im Fernsehen immer so toll aus. Richtig schnuckelig sieht der aus, weißt du?"

Der Wolf schniefte in ein übergroßes violettes Taschentuch.

"Und da wollte ich ihn besuchen. Und dann haben die im Reisebüro gesagt," erzählte der Wolf weiter – der Wolf erzählt? Naja, wenn ein Streufahrzeug lebt, müssen Wölfe wohl auch reden können.

"Gesagt haben die," fuhr der Wolf fort, "dass ich nicht fliegen dürfe, weil ich ja doch ein großer böser Wolf sei. Dabei bin ich so sicher, dass er meine Liebe erwidert hätte."

"Sei nicht so traurig, böser Wolf," surrte das Streufahrzeug, "auch für dich wird es einmal wieder schneien!"

Der böse Wolf schaute dem Streufahrzeug verwirrt nach, als es um ihn herum fuhr und seinen Weg fortsetzte.


Einige Zeit später kam es zu einem zwischen den Bergen im Wald versteckten Haus. Ein bildhübsches Mädchen arbeitete im Vorgarten und schaufelte Schnee.

"Oh! Streufahrzeug," rief das Mädchen. "Wie schön du heute wieder aussiehst!"

"Hallo Schneewittchen," säuselte das Streufahrzeug in seiner liebreizendsten Stimme.

"Schön das du mich hier im Wald besuchen kommst," zwitscherte Schneewittchen. "Du hast dich wohl extra für mich schön gemacht. Diese wundervolle Werbung für Schlagsahne steht dir echt prima!"

Geschmeichelt antwortete das Streufahrzeug: "Danke, liebste Schneewittchen. Möchtest du ein wenig mit mir fahren?"

Oh-oh, das klingt ja sehr verdächtig. Was das Streufahrzeug wohl vor hat? Oder ist am Ende gar Schneewittchen die, die etwas im Schilde führt? Mal sehen, wie es weitergeht...

Und so kam es, das Schneewittchen in das Streufahrzeug kletterte.

"Es ist so schön mit dir, meine Liebste," umschmeichelte Schneewittchen das Streufahrzeug. "Du bist so ganz anders als diese blöden Zwerge. Die immer mit ihrem Positives Denken Quatsch! Positives Denken fürn Arsch sag ich da nur. Und dann wollen die auch noch, das ich offiziell Mieter ihres Hauses werden! Die ham doch alle einen Vogel ham die!"

Während das Streufahrzeug über Berge und durch Täler fuhr, erzählte Schneewittchen, was sie so alles an den Zwergen angekotzt hat.

"Und wer kümmert sich um meine Sicherheit, wenn ich alleine zuhause bin und der böse Wolf ums Haus schleicht? Die gehen in den Wald und ich soll zuhause bleiben! Und dann soll ich auch noch ihren Dreck wegräumen!" Plötzlich ändert sich ihre Stimme und wird ganz sanft: "Du bist da ganz anderes liebes Streufahrzeug!"

Das Streufahrzeug surrt glücklich vor sich hin.

"Mit jemanden so reinlichem wie dir würde ich gerne meine ganze Zeit verbringen. Willst du mit mir einen eingetragenen Lebenspartnerschaft eingehen?"

Und so kam es, das Schneewittchen und das Streufahrzeug ein glückliches Pärchen wurden. Allerdings muss man leider dazu sagen, das die Partnerschaft die Flitterwochen nicht überstand, denn auf Ibiza verließ Schneewittchen das Streufahrzeug um Animateurin zu werden.


So, lieber Leser, hier ist die Geschichte nun leider zu Ende und es darf wieder bezweifelt werden, ob Streufahrzeuge leben. Und wer sein Glück bei der bildhübschen Schneewittchen versuchen will, dem sei der Club "El Quitanieves" empfohlen.


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Genres:
* Prosa * Märchen * Humor *


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