Wasser

Es war später Nachmittag, als Marie die Schatzkarte fand. Sie war bei ihrer Oma zu Besuch und hat den Dachboden aufgeräumt. In einer Kiste mit Haufenweise Schulbüchern aus der Zeit der Weimarer Republik fand sie auch das alte Pergament.

Da sie es nicht zuordnen konnte, hat sie es neben den Bücherstapel gelegt und entschieden, später noch mal darüber nachzudenken. Und als sie zwei Stunden später dann mit den Büchern fertig war, hat sie die Karte erneut angeschaut. Es schien sich um eine Karte einer Gegend an einem Meer oder großen See zu handeln.

Sie hat die Karte mitgenommen und ihrer Großmutter gezeigt.

"Das hier habe ich zwischen alten Schulbüchern gefunden. Weiß du, wovon die Karte handelt?"

Ihre Großmutter hat sich die Karte angeschaut und nachgedacht.

"Ich weiß nicht. Wahrscheinlich ist sie von deinem Uropa August. Dem sein Vater war irgendwann mit einem englischen Wissenschaftler zusammen auf Entdeckungsreise, wohin genau weiß ich nicht. Vielleicht stammt das davon. Wenn du willst, kannst du sie behalten."

"Darf ich wirklich," fragte Marie, die schon als Kind ein Faible für Landkarten aller Art hatte.

Als sie am nächsten Tag wieder zu Hause war, es war ein Sonntag, nahm sie ihren Atlas zur Hand, um so vielleicht herauszufinden, zu welcher Gegend die Landkarte gehört. Beim ersten durchblättern konnte sie jedoch nichts entdecken, denn auf der Karte war nur ein Stück, das möglicherweise eine Küste war sowie ein paar weiter Linien, die Flüsse und Wege sein konnten, eingezeichnet. An einer Stelle war ein Kringel mit einem kleinen Pfeil, der darauf zeigte. Alles Linien in der selben Farbe und von der selben Form. Das es sich dabei um Wege und Flüsse handelte, konnte sie nur deswegen vermuten, weil manche Linien und vielen Schlaufen und Windungen verliefen, wie es bei Flüssen oft der Fall ist, und andere sich dafür kreuzten, wie es Wege und Straßen nun mal machten. Auf der ganzen Karte war nicht ein einziges Schriftzeichen, das mal hätte entschlüsseln können, um so zumindest die Weltgegend zu erfahren, um die es sich handelte.

Marie nahm sich ein Blatt Papier und versuchte nun, die Linien farbig zu übertragen, Flüssen und Küste in blau, Wege und Straßen und rot. Die Stellen, bei denen sie nicht sicher war, um was es sich handelten, zeichnete sie in lila. Mit der so neu angefertigten Karte wandte sie sich wieder ihrem Atlas zu. Doch als sie drei Stunden später den Atlas durch hatte, hatte sie immer noch nicht gefunden, wo die Stelle war.

Nach reiflicher Überlegung zeichnete sie die Karte erneut, diesmal nur die Flüsse, denn Straßen können sich ändern. Als sie diesmal den Atlas durchging, fand sie zwei Stellen, die zumindest entfernte Ähnlichkeit mit der Karte aufwiesen, eine am Aralsee in Asien und eine in Alaska.

Doch als sie die Straßen mit dazu nahm, war klar, das es nicht im entferntesten passt, denn in Alaska würden die Straßen über Berge und quer durch Schluchten führen statt längs. Und am Aralssee wären zwei große, seit mindesten 1700 bestehende Städte mitten in der Karte gewesen, und zwar an Stellen, zu denen kein Weg hin führte.

So ging das nicht, so kam sie einfach nicht weiter. Ohne einen Anhaltspunkt, um welche Weltgegend es sich handeln könne, würde sie die richtige Stelle nie finden, zumal sie ja auch keinen Maßstab hatte. So kam es, das sie wieder ihre Großmutter anrief, um von ihr etwas über ihren Uropa August zu erfahren. Wie sich herausstellte, wusste auch die Großmutter nicht viel darüber, nur das er irgendwo auf einer Expedition gewesen war und bereits Anfang der 20er Jahre gestorben war, als sie noch klein war. Ihre Oma gab Marie aber den Tipp, die Tante Liselotte, die älteste Schwester der Oma, anzurufen, die könnte vielleicht mehr wissen.

Und so rief Marie am nächsten Nachmittag nach der Schule bei der Tante Liselotte an, die sie seit dem achtzigsten Geburtstag ihrer Oma von 5 Jahren nicht mehr gesehen hatte. Die Tante freute sich riesig über den Anruf und konnte ihr erzählen, das ihr Großvater, der Ururopa von Marie, irgendwann Ende des 19. Jahrhunderts in Afrika auf Entdeckertour war und dort von Deutsch-Südwest durch Zentralafrika bis nach Ägypten gereist ist. Der Engländer, der die Expedition geleitet hat, hat angeblich darüber ein Buch geschrieben, das aber nie in Deutschland zu kaufen war. Hills Töne oder so ähnlich hätte der geheißen.

Na, das ist doch mal was, dachte sich Marie und begann, im Internet zu recherchieren, ob es dieses Buch irgendwo gäbe. Wie sich herausstellt, hieß der Mensch aus England Hillstone und das Buch gab es nicht mehr zu kaufen. Über die Reiseroute waren nur grobe Informationen bekannt, von der Walfischbucht aus über Ostafrika und am Viktorisasee vorbei, dann den Nil hinab bis Alexandria und von dort per Schiff zurück.

Am nächsten Tag in der Schule hatte sie Geschichte. Nach der Stunde fragte sie ihren Lehrer, ob er etwas über die Afrikaexpedition eines gewissen Hillstone wisse oder ihr sagen könne, ob sie das Buch irgendwo zu bekommen kann. Der Lehrer wusste da leider auch nicht Bescheid, hatte sie aber auf die Webseite der deutschen Antiquariate hingewiesen. Nach der Schule schaute sie dort sofort nach und tatsächlich, in Erlangen in einem Antiquariat gab es das Buch. Genau ein Mal.

Erlangen, was für ein Glück, dachte sie sich, denn eine Freundin von ihr war vor kurzem mit ihren Eltern nach Nürnberg gezogen. Die rief sie sofort an und die Freundin versprach, nächste Woche mal nach dem Buch dort zu schauen. Marie verbrachte die Woche jeden Tag eine Weile über ihrem Atlas und überprüfte verschiedene Gegenden Afrikas, die als Reiseroute in Frage kämen, ob sie dort eine Übreinstimmung mit der Karte finden könnte. Doch es half alles nichts.

Nach einer Woche rief schließlich ihre Freundin an und sagte, das sie das Buch bekommen hätte für 20 Euro. Sie brachte es gleich zur Post und so bekam Marie für 20 Euro plus 4,10 Euro für das Päckchen das Buch endlich.

Sie brauchte vier Tage, um das Buch zu lesen, da sie in Englisch nicht so geübt ist. Das meiste verstand sie jedoch und so hatte sie irgendwann einen relativ genauen Überblick, an welchen Orten ihr Ururgroßvater vorbeigekommen war. Diese Orte markierte sie in ihrem Atlas und in deren Umgebung suchte sie nach einer Übereinstimmung. Im Internet schaute sie sich Satellitenaufnahmen der Reiseroute an, um so vielleicht eine Übereinstimmung zu erhalten. Doch auch die halfen nicht.

So langsam bekam sie ihre Zweifel, ob die Karte nicht einfach frei erfunden sei. Als sie mit einem Freund darüber sprach, kamen sie auf die Idee, das die Landkarte ja wahrscheinlich schon hundert Jahre alt sei, und das sich vielleicht irgendwo ein Küstenverlauf oder ein Flusslauf geändert hätten. Und so bekam ihre Suche neuen Schwung und sie suchte nun nach historischen Karten der entsprechenden Gegenden. Dabei war sie verblüfft, an wie vielen Stellen der Reiseroute sich die Landschaft nennenswert geändert hatte. Die Nilufer wurden zum Teil begradigt, der Assuan-Staudamm wurde gebaut. Das Mittelmeer hat einen Teil des Nil-Deltas verschluckt und der Viktoriasee ist kleiner geworden.

Anhand dieser Karten schließlich konnte sie ihre Schatzkarte zuordnen. Es handelte sich um einen Teil des Nil-Deltas, der mittlerweile drei Meter unter dem Meeresspiegel lag. Als sie die alte Karte mit einer heutigen zusammenlegte, wurde klar, das sie dort keinen Schatz finden würde, denn die markierte Stelle war genau in der Einfahrt zu einem Hafen, die, wie sie im Internet herausfand, vor zehn Jahren erst ausgebaggert worden war. Und dabei waren auch historische Artefakte zutage gefördert worden, eben der Schatz ihres Ururgroßvater.

Sollte sie jemals nach Ägypten kommen, nahm sie sich vor, ins Nationalmuseum zu gehen und die Sachen dort anzuschauen.

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* Prosa * Abenteuer *


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