Die Unicostory


1.

Nesioli wartet auf ihren Zug. Mal wieder hat er Verspätung, wie in letzter Zeit so oft. Sie sitzt auf dem Bahnsteig, im modernsten Bahnhof von Unico, der einzigen Zivilisation auf dem Planeten, der Jahrtausende später unter dem Namen Futoria bekannt sein wird. Doch zu dieser Zeit kennt weder jemand diesen Namen, noch war je ein Bewohner auf einem anderen Planeten. Überhaupt ist nicht klar, ob es sich bei Unico überhaupt um etwas handelt, daß auf einem Planeten ist.

Und doch ist die Zivilisation Unicos erstaunlich weit fortgeschritten gewesen. Dieser Bahnhof war das Modernste, was es auf dieser Welt gab und noch gibt. Hier fährt Vibi, ein Hochgeschwindigkeitszug, der auf einer einzelnen Schiene fährt und mehrfache Schallgeschwindigkeit schafft. Dieser Bahnhof ist der letzte Bahnhof, der gebaut wurde, bevor sich alles verändert hat. Es gibt zwei Gleise für Vibi und siebenundzwanzig für normale Züge. In seinen besten Zeiten sind hier viele Tausend Menschen täglich umgestiegen, doch seit sich alles verändert, werden es immer weniger.

Der Bahnhof ist ziemlich hell, im weißem Marmor gebaut. Die riesige Kuppel ist aus feinstem Glas, durch das man den wolkenlosen, strahlend blauen Himmel sehen kann. Einige Menschen warten mit Nesioli auf Vibi. Obwohl Vibi schon vor Tagen hier sein sollte, ist kaum jemand ungeduldig. In diesen Zeiten, wo man sich auf nichts mehr verlassen kann, da sind ein paar Tage Verspätung, die Vibi auf seiner langen Reise hat, nicht weiter verwunderlich. Niemand weiß, wie weit Vibi noch von ihnen entfernt ist oder in welchen Bahnhof er zuletzt gehalten hat. Seit mehreren Jahren schon ist Vibi das einzige, was die verschiedenen Provinzen Unicos noch verbindet. Die Kommunikation per Funk ist völlig zusammengebrochen, und das schon seit sehr sehr langer Zeit. Nur die ganz alten Menschen erinnern sich noch daran, wie nah die Provinzen in den alten Zeiten einander waren, damals, als man mit Vibi in wenigen Stunden von einer Provinz in eine andere reisen konnte. Als es noch viele Vibis gab, die im Viertelstundentakt in die Ferne fuhren, außerhalb der Stadt mit einem Lauten Knall die Schallmauer durchbrachen und sich mit ungeheurer Geschwindigkeit ihrem Ziel näherten. Doch das ist lange her. Der letzte verbleibende Vibi fährt zwar immer noch zwischen den Provinzen hin und her, ist jedoch auch die einzige Möglichkeit, mit der Nachrichten von einer Provinz zur nächsten gelangen können. Und das kann Tage dauern.

Der Bahnhof ist fast ausgestorben. Selten fährt mal ein normaler Zug in den Bahnhof, und noch seltener kommt Vibi nach Trinchensahn, der Hauptstadt der einst so stolzen Provinz Woijnesahn, die sich bis zum nördlichen Meer erstreckt. Einstmals, als die Welt noch normal war, da war Trinchensahn eine riesige Metropole, deren Häusermeer sich bis zum Horizont und darüber hinaus erstreckte. Die Häuser waren so hoch, daß man sie aus vielen, vielen Kilometern Entfernung sehen konnte. Doch die höchsten Häuser stehen schon lange nicht mehr, und der größte Teil des Häusermeeres ist ausgestorben, leer, abgebrannt oder verflucht. Niemand nähert sich diesen Teilen der Stadt freiwillig. Man sieht diese Bereiche nur, wenn man mit einem Zug an ihnen vorbeifährt, weil man die Stadt verlassen möchte.

Die einzige Möglichkeit, das riesige, vergiftete Trümmermeer südlich der Stadt zu überwinden, ist Vibi, die Transprovinziale Einschienenbahn. Vibi fährt seit Ewigkeiten schon mitten durch die Stadt, durch die Wohnblocks und Geschäftsviertel, durch Fabriken und Slums und Parks. In der Stadt, so sagen die Leute, die ihn schon beim Fahren gesehen haben, fährt Vibi langsam und ist so ganz leise. Außerhalb der Stadt jedoch, so sagen sie, hört man einen lauten Knall, wenn Vibi die Schallmauer durchbricht und weiter beschleunigt. Doch nur selten verirrt sich noch jemand von außerhalb der Stadt in die Innenbezirke, in denen der Bahnhof sich befindet.

Immer mehr verblaßt der strahlende Ruhm der Unico-Zivilisation, die einst die ganze Welt umspannt hat, in der man innerhalb von Stunden mit Vibi zum andern Ende gelangen konnte.

Nesioli will nach Varenen, eine der mittleren Provinzen. Sie sucht nach der Ursache der Veränderungen ihrer Welt. Sie und eine kleine Gruppe gleichgesinnter haben bereits jahrelang alte Dokumente und Geschichten über die Zeit, bevor alles begann, sich zu verändern, gelesen und untersucht. In Trinchensahn kommen sie nicht weiter, und so haben sie beschlossen, eine von ihnen nach Varenen zu schicken, dem ältesten Zentrum der Unicokultur, in der Hoffnung, dort weitere Berichte zu finden und vielleicht festzustellen, was mit ihrer Welt nicht in Ordnung ist. Vielleicht kann sogar Vibi einige ihrer Fragen beantworten, denn niemand kommt so weit herum wie Vibi.

Gelegentlich läuft Nesioli ein paar Schritte. Zwei bis drei Mal am Tag kommt jemand aus ihrer Gruppe vorbei und bringt ihr Essen und Trinken und erzählt ihr die neuesten Neuigkeiten, was meist nicht viel ist. Früher, wie Nesioli noch ein Kind war, lebten noch wesentlich mehr Menschen in Trinchensahn, weit mehr als die knapp eine Million, die noch übrig sind. Und es werden immer weniger. In den Außenbezirken herrscht fast immer Krieg und niemand kümmert sich dort mehr und die Maschinen und die Wissenschaft. Nur in einem kleinen Bereich um den Bahnhof herum gibt es noch gut gewartete Maschinen. Aber bereits wenige Kilometer von Bahnhof entfernt beginnt der gefährliche Bereich der Stadt, in dem fast immer gekämpft wird. Die Innenstadt konnte sich nur gegen die kämpfenden Horden verteidigen, weil viele Wissenschaftler und Techniker in diesem Stadtgebiet wohnen, die die Maschinen in Gang halten und dadurch den primitiven Horden Angst einjagen. Viele Waffen haben sie nicht, aber auch mit einer Straßenkehrmaschine kann man einen Krieger töten, wenn man ihn überfährt. Und mit den Pfeilen und Keulen der Horden ist eine Straßenkehrmaschine fast unbesiegbar.

Nach für nach verrosten jedoch auch in dieser Insel der Zivilisation in einem Meer aus Chaos die Maschinen, Zahnräder zerbrechen, Plastikleitungen zerbröseln und Strahlung tritt aus. So sehr sich die Menschen in der Innenstadt auch bemühen, alle Maschinen können sie nicht am laufen halten und immer wieder gelingt es den Horden, weit in die Stadt hinein vorzudringen. Doch im Bahnhof, da sind sie seit je her sicher. Niemand der Äußeren wagt sich nahe an den Bahnhof oder die Gleise Vibis. Und auch die Inneren versuchen, sich möglichst von ihnen Fernzuhalten. Vibis Fahrweg, da sind sich alle sicher, ist verseucht, wer ihn direkt berührt, wird sofort zur Salzsäule erstarren. Ob das jedoch auf für den Bahnhof gilt, wie die Äußeren behaupten, da hat jeder seine eigene Meinung zu. Viele Krieger der Horden halten bereits die Innenstadt, in der die Inneren wohnen, für verseucht und lebensgefährlich.

Immer wieder schaut Nesioli entlang der Schienen, voller Hoffnung, Vibi könnte jeden Moment auftauchen. Seit fünfzehn Tagen wartet sie nun schon. Einige der anderen Fahrgäste, die mit ihr warten, sitzen jedoch schon seit Monaten auf dem Bahnsteig und warten auf Vibi. Und der Stationscomputer gibt immer nur die selbe Auskunft, daß Vibi eine unbestimmte Zeit Verspätung hat. Immer und immer wieder fragen die Fahrgäste den Computer die selbe Frage und immer und immer wieder bekommen sie die selbe Antwort. Unbestimmte Zeit Verspätung, keine genauere Auskunft möglich. Die meisten Fahrgäste fragen sich, ob Vibi überhaupt jemals wiederkommen wird, aber wenn ja, so wollen sie seine Ankunft nicht verpassen, das wichtigste Ereignisse der letzten Monate oder Jahre. Vibi, gefüllt mit anderen Menschen und Informationen aus den anderen Provinzen, von denen sie seit dem letzten Besuch Vibis nichts mehr gehört haben.

2.

Tage später, Nesioli hat schon lange aufgegeben, sie zu zählen, tut sich endlich etwas. Jemand fragt den Stationscomputer, wann Vibi denn endlich ankommt, und der Computer antwortet:

"Vibi wird innerhalb der nächsten Stunden ankommen. Vibi ist bereits in der Reichweite meiner Sensoren, hat sein Bremsmanöver bereits eingeleitet."

"Er kommt, er kommt, Vibi ist schon vor den Toren der Stadt," ruft die Frau aufgeregt und alle Fahrgäste laufen zu ihr, auch Nesioli. Jemand fragt den Computer erneut, wann Vibi eintrifft und die Antwort ist die selbe, die auch die Frau schon bekommen hat. Alle jubeln und freuen sich und innerhalb weniger Minuten breitet sich die frohe Kunde in der gesamten Innenstadt aus und jeder, der keinen Wachdienst hat, kommt zum Bahnhof, wo in kurzer Zeit ein großes Volksfest aufgebaut wird, so als hätten alle nur auf das Stichwort gewartet.

Nesioli merkt die Erregung, die alle ansteckt. Jeder, von uralten Greis bis zum kleinsten Kind ist aufgeregt. Vibi kommt in die Stadt, wahrscheinlich heute noch, und bringt Kunde aus den anderen Provinzen, die fast unendlich weit von Woijnesahn entfernt sind. Alle haben in Windeseile ihre besten Sachen angezogen, um zu dem Ereignis des Jahres bestens gekleidet zu sein. Eine kleine Kapelle steht auf dem Bahnhof, um Vibi und seine Fahrgäste gebührend zu empfangen. Immer mehr Menschen versammeln sich um den Bahnhof herum, auf dem größten Platz der Stadt, von dem aus in alle Richtungen große Alleen in die Außenbezirke der Stadt führen. Sogar den kriegerischen Horden ist die Neuigkeit nicht entgangen und sie stehen in sicherer Entfernung von Vibis Gleis, um den legendären Zug zu sehen, der seit so lange Zeit schon nicht mehr in Trinchensahn gewesen ist.

Die ganze Innenstadt hat sich innerhalb von Minuten zu einem riesigen Festplatz voll mit glücklichen Menschen verwandelt, die endlich mal wieder etwas von der Außenwelt hören, denen Vibi vielleicht sogar Briefe von ihren Verwandten und Bekannten in den anderen Provinzen mitbringt.

An den Häuserfassaden wehen bunte Fahnen, Eisverkäufer verschenken ihr Eis zur Feier des Tages und alle erwarten Vibi gespannt.

"Vibi erreicht nun die äußerste Grenze der Stadt und setzt sein Bremsmanöver fort," erzählt ihnen der Stationscomputer auf die Frage eine Fahrgastes hin, wo Vibi denn nun sei. "Seine derzeitige Entfernung zu diesem Bahnhof beträgt noch ungefähr zweihundertfünfzig Kilometer, seine Geschwindigkeit liegt zur Zeit bei eintausendundfünfzig Stundenkilometern. In ungefähr 20 Minuten wird Vibi in den Bahnhof einfahren."

Gespannt hört die ganze Stadt den Ansagen der Stationscomputers zu, der an die zentrale Lautsprecheranlage der Stadt angeschlossen wurde. Jede Minute gibt der Stationscomputer die aktuelle Entfernung und die Geschwindigkeit Vibis an. Immer gespannter werden die Menschen, die auf Vibi warten. Immer ruhiger wird es in der Stadt. Als der Bahnhofscomputer verkündet, daß es nur noch drei Minuten sind, bis Vibi in den Bahnhof einfährt, können die ersten Menschen in schon sehen und hören. Und zwanzig Sekunden später ist Vibi in Sichtweite des Bahnhofsgebäudes. Ein schwarzes Projektil mit gelben und roten Streifen an der Seite, das wenige Zentimeter über der Schiene schwebt und sich graziös dem Bahnhof nähert. Nesioli glaubt, noch nie so etwas schönes gesehen zu haben wie diesen Anblick Vibis, wie er sich langsam in die langgezogene Kurve neigt, die in das Bahnhofsgebäude führt.

Je näher Vibi kommt, desto größer wird er. Als er schließlich im Bahnhof anhält, merkt man deutlich, daß sich sein inneres über mehrere Stockwerke erstreckt und vielen, vielen Menschen Platzt bieten kann. Als Vibi schließlich steht, erhebt sich ein tosender Jubel über die Stadt und noch in vielen Kilometern Entfernung kann man hören, daß Vibi im Bahnhof von Trinchensahn steht, als Botschafter einer fernen Welt und Zeit. Das Spielen der Band, die den Zug begrüßt, geht im tosenden Jubel der Massen völlig unter und doch weiß jeder, daß die Band die Hymne Vibis, die Hymne der transprovinzialen Eisenbahn spielt.

Langsam legt sich der Jubel und es wird wieder still. Heroisch steht Vibi im Bahnhof, ein riesiges, schwarzes Projektil mit roten und gelben Streifen, wunderschön und doch auch gefährlich sieht er aus. Man kann keine Fenster erkennen, was daran liegt, daß Vibi keine Fenster hat. Wenn die Passagiere den Wunsch verspüren, etwas zu sehen, dann können sie in ihren Kabinen Projektionen anstellen, die ihnen die Landschaft um sie herum zeigt. Doch die meisten Fahrgäste wollen das nicht, weil das, was sie sehen, zu schrecklich ist, um es anzuschauen.

An der Seite Vibis öffnet sich eine Türe und mehrere Fahrgäste steigen aus. Mit gewaltigem Jubel werden sie in Trinchensahn begrüßt, die ersten Besucher seit vielen Monaten, die aus einer anderen Region zu ihnen kommen. Immer mehr Menschen steigen aus Vibi aus, wahrscheinlich mehrere hundert. Vibi wird drei Tage in der Stadt Pause machen, um sich von seiner lange Reise durch die verkommende Welt zu erholen. Den Fahrgästen ist er recht, endlich den Zug mal ein paar Tage verlassen zu können. So bequem Vibi auch sein mag, nach Wochen und Monaten der Fahrt zwischen den Provinzen wird man selbst der schönsten Umgebung, die Vibi ihnen bieten kann, überdrüssig und freut sich, mal andere Menschen zu sehen.

Die Fahrgäste aus den fernen Regionen werden sofort von großen Menschentrauben belagert und müssen erzählen, wie es in den anderen Provinzen aussieht und was dort mit der Welt los ist. Schnell bemerken die Fahrgäste, daß es sich hier um Überreste der Zivilisation handelt, die weitaus besser erhalten sind als in den meisten Regionen, durch die sie gefahren sind. In vielen Regionen gab es nur noch Wilde, so wie die Horden in Woijnesahn, die mordend und plündern durch die Gegend ziehen. In den meisten Städten gibt es selbst in den Innenstädten, die sich anfangs erfolgreich gegen die Horden wehren konnten, keine Zivilisation mehr, nur noch die kriegerischen Horden. Einige Provinzen, so erzählen sie, besitzen noch etwas Zivilisation, ähnlich dieser hier, aber die ganze Welt ist ein Chaos, es scheint, als wären die Grundfesten des Universums durcheinandergeraten.

Würde sie das alles nicht mit eigenen Ohren hören, so könnte Nesioli das meiste, was die Fahrgäste erzählen, nicht glauben. Raum und Zeit, so sagen diese, seinen nicht mehr vorhersehbar und bewegten sich sprunghaft. In manchen Regionen seinen tausend Jahre vergangen, während in anderen nur wenige Tage verstrichen sind. Und auch der Raum ist nicht mehr konstant. Er scheint sich zu dehnen und zu strecken und es kommt zu seltsamen Erscheinungen, wie zum Beispiel der, daß Vibi seine eigene Linie gekreuzt hat, die eigentlich schnurgerade geradeaus verläuft. Niemals gab es eine Kreuzung, die Städte, die Vibi verbindet, liegen alle ungefähr auf einer Line, und doch haben sie, während der Fahrt, die Strecke zweimal gekreuzt. Das einzige, was scheinbar trotz dieser Sprunghaftigkeit von Raum und Zeit geblieben ist, ist Vibis Strecke, die keinerlei Lücken aufweist, jedoch an vielen Stellen bis fast ins unendliche gestreckt wurde. Städte, die Vibi früher innerhalb von einer halben Stunde erreicht hat, die ungefähr 500 Kilometer entfernt waren, sind nun plötzlich viele Wochen Fahrt mit Höchstgeschwindigkeit entfernt. Und daß ohne, daß Vibi auf seiner Strecke Kurven fährt.

3.

Vier Tage später steigt Nesioli in den Zug ein. Vibi hat sich genug ausgeruht und auch die anderen Fahrgäste, die nicht nach Trinchensahn wollten, sind bereit für die Weiterfahrt. Nesioli und die anderen aus Trinchensahn dürfen, bis sie die Stadt verlassen haben und beginnen, richtig zu beschleunigen, im Cockpit mitfahren, um so Trinchensahn aus einer neuen Perspektive zu sehen. Vibi schließt die Türen und beschleunigt automatisch, erst langsam, bis sie den Bahnhof verlassen haben, und dann immer schneller. Nesioli sieht den Rand der Innenstadt, die sie schon seit Jahren nicht mehr verlassen hat. Sanft legt Vibi sich in die Kurve, die sie in die richtige Richtung, Südwesten, nach Lapiowiz bringt. Sie fahren durch die Trümmerregionen der äußeren Stadt. Bis zum Horizont erstreckt sich die Trümmerwüste der Stadt, bis zum Horizont und noch viel, viel weiter.

Überall auf den Straßen und Plätzen, die kaum noch zu erkennen sind, liegen Leichen, Opfer der Kämpfe, Opfer von Seuchen und Opfer der Strahlung, die von Vibis Schienenweg ausgeht. Einige wurde sicherlich von der eigenen Horde hingerichtet, weil mal wieder jemand sterben mußte und kein Feind in der Nähe war, den man quälen und toten konnte. In der Ferne sieht Nesioli die Horden, wie sie dastehen und Vibi beobachten, wahrscheinlich mit Schrecken erfüllt. Ein schwarzes Fahrzeug, geformt wie ein ungemein tödliches Projektil, das sich zielstrebig seinen Weg durch die Einöde der verfallenen Stadtteile sucht, um dann mit einem lauten Knall weiter zu beschleunigen und die Stadt zu verlassen. Nesioli schaut nach hinten, sieht die Türme der Innenstadt wie eine Insel aus dem Meer der Zerstörung ragen und weiß, daß sie sie nie wiedersehen wird. Vibi wird Trinchensahn nicht wiedersehen und in ein paar Jahren werden die Horden auch die Innenstadt einnehmen, die bisher für sie uneinnehmbar war. Es ist nur eine Frage der Zeit.

Immer schneller rasen sie über die Trümmerlandschaft hinweg, zehn bis fünfzehn Meter über der Oberfläche. Gelegentlich sehen sie ein paar Häuser, die noch bewohnt werden, aber diese Äußeren Bereiche der Stadt scheinen wesentlich weniger dicht bevölkert zu sein als die Innenstadt, in der sich die Überlebenden der Zivilisation auf engstem Raum zusammendrängen. Immer schneller wird der Zug und immer weniger erkennen sie von der Landschaft unter ihnen. Alles scheint irgendwie verzerrt zu sein, irgendwie erinnert Nesioli diese Landschaft an ein Gemälde, daß sie mal in einem Museum gesehen hat, eine surreale Landschaft, wie sich ein Maler der frühen Zivilisation die Welt nach einem nuklearen Overkill vorstellt. Doch Nesioli weiß, daß das, was mit der Welt geschieht, ist wesentlich schlimmer, als es der größte nukleare Overkill jemals hätte sein können. Bei einem nuklearen Overkill wissen die Menschen wenigsten, daß sie tot sind, doch hier wird es nur immer schlimmer, doch trotzdem machen sich viele noch Hoffnungen, daß die Zivilisation eines Tages zurückkehren wird, von ganz alleine, wenn die Welt sich wieder beruhigt hat. Doch Nesioli weiß, daß niemand, der zur Zeit lebt, das erleben wird.

Nach einiger Zeit sehen sie dann doch endlich das Ende des Trümmermeeres der Stadt und Vibi bittet sie, sich in ihre Kabinen zu begeben, da Vibi, wenn sie das Häusermeer hinter sich gelassen haben, ziemlich schnell beschleunigen werden.

Nesioli und die anderen gehen in ihre Kabinen und schnallen sich an. Ein paar Minuten später merkt Nesioli, wie sie in ihren Sitz gedrückt wird durch die Beschleunigung, die sie nun erleben. Innerhalb weniger Minuten beschleunigt Vibi auf vielfache Schallgeschwindigkeit. Je schneller Vibi wird, desto undurchdringlicher wird die Atmosphäre für Vibi, doch das ist nicht weiter schlimm, da Vibi über eine unendliche Energiequelle verfügt. Die einzige Begrenzung für seine Geschwindigkeit ist, daß er bei höherer Geschwindigkeit immer heißer wird.

Einige Zeit später hat Vibi seine Beschleunigungsphase abgeschlossen und Nesioli und die anderen dürfen wieder aufstehen. Nesioli fragt Vibi, ob sie ein Fenster in ihrer Kabine haben kann und mitten im Raum erscheint ein holografisches Fenster, durch das sie die Landschaft, über die sie hinwegrasen, sehen kann. Sie fahren durch einen riesigen Wald und Nesioli kann nicht sehr viel erkennen. Mittlerweile ist das Gleis höher über dem Erdboden, fast 50 Meter, oberhalb der Baumwipfel. Nesioli schaut eine Weile in das Fenster und dann läßt sie es wieder ausstellen. Sie geht in den großen Salon und unterhält sich ein wenig mit den anderen Fahrgästen. Sie hat Vibi gefragt, wann sie wohl in der nächsten Stadt ankommen werden und Vibi hat nur geantwortet, daß man Raum und Zeit nicht mehr vorhersagen kann und er nicht einmal weiß, in welche Stadt sie überhaupt fahren, geschweige denn, wann sie ankommen. Die anderen Fahrgäste, die schon länger mit Vibi fahren, sagen, daß sei normal, Vibi wüßte immer erst ungefähr einen Tag vorher, wo sie ankommen werden. Und im Laufe der Zeit werden die Städte, in denen sie halten, immer weniger. Städte, in denen es keine Zivilisation mehr gibt, fährt Vibi überhaupt nicht mehr an, durch diese Städte fährt er einfach durch oder stoppt nur kurz, um ein paar Stunden auszuruhen.

Tagelang fahren sie durch diesen riesigen Wald, fast dreitausend Kilometer jede Stunde. Innerhalb weniger Stunden legen sie eine Entfernung zurück, die sie früher einmal durch die ganze Welt geführt hätte.

4.

Nesioli hat Vibi gefragt, ob sie ihm ein paar Fragen stellen darf und Vibi ist einverstanden.

"Unsere Welt, etwas stimmt mit ihr nicht, oder?"

"Die Welt leidet, Raum und Zeit und Draniten sind gestört. Die Welt ist nicht so, wie es sich gehört, man kann sich auf nichts mehr verlassen, die Zeit verläuft nicht gleichmäßig und der Raum ist gefaltet."

"Was heißt, der Raum ist gefaltet?"

"Ich weiß es nicht genau. Ich fahre geradeaus und treffe meine eigene Strecke wieder. Städte, die weit auseinander liegen, sind plötzlich nahe bei einander. Lapiowiz und Tonqumip lagen früher Tausende Kilometer von einander entfernt. Und wie ich das letzte Mal in Lapiowiz war, da brauchte ich nur eine halbe Stunde bis nach Tonqumip, ohne durch die Städte zu fahren, die früher dazwischen lagen. Die befanden sich an völlig anderen Stellen. Und trotzdem war mein Gleis intakt. Warum weiß ich nicht, aber ich vermute, es hat mit den Weisen Alten Unicos zu tun, die meine Strecke erbaut haben. Ich vermute, daß diese auch für die Veränderungen in der Welt verantwortlich sind."

"Und die anderen Städte, was ist mit denen? Ist es dort wie in Trinchensahn?"

"Nein, nur selten finde ich Überreste einer Zivilisation, und noch nie wurde ich so herzlich begrüßt wie in Trinchensahn. Das liegt aber auch daran, daß in manchen Städten seit meinem letzten Besuch nur Stunden vergangen sind, während in anderen Jahrhunderte verstrichen sind. In vielen Städten kennt man mich nur noch aus Legenden, wenn überhaupt noch Menschen da sind, die zivilisiert genug sind, noch eine Sprache zu haben."

"Was du erzählst, hört sich schrecklich an. Was ist mit Lapiowiz, der alten Metropole der Unico-Zivilisation? Wie schnell vergeht dort die Zeit? Gibt es dort noch Zivilisation?"

"Wie ich das letzte Mal in Lapiowiz war, das war vor über fünf Monaten, da gab es in der Innenstadt noch ein wenig Zivilisation. Im Gegensatz zu Trinchensahn gab es dort keine Horden, die plündernd und mordend durch die Gegend ziehen. Das Umland von Lapiowiz ist unbewohnbar, wahrscheinlich durch einen nuklearen Unfall. In Lapiowiz selbst gibt es fast keine meßbare Strahlung, aber große Bereiche des Umlandes sind verseucht."

"Ich versuche, herauszufinden, was mit unser Welt geschehen ist. Und Lapiowiz ist die wichtigste und älteste Stadt in Unico gewesen. Wenn irgendwo Informationen zu finden sind, so haben wir vermutet, dann wird es in Lapiowiz sein."

"Da habt ihr recht. Die meisten anderen Städte, die wichtig genug waren, um dort wichtig Informationen zu lagern, sind mittlerweile zerfallen, teilweise sind sogar die Trümmer der Häuser schon zu Staub geworden. In Lapiowiz könntest du Glück haben und noch ein paar Informationen finden, falls wir jemals dort ankommen."

"Was heißt, falls wir jemals dort ankommen?"

"Die Entfernungen verändern sich immer schneller, in immer kürzeren Abständen, immer kürzere Entfernungen. Und doch werden die Entfernungen im großen und ganzen immer länger. Der Weg nach Trinchensahn war schon nur noch ein kurzes Stück kürzer als unendlich und ich befürchte, wir werden nur noch ein paar Mal anhalten, bis wir zu einer unendlichen Reise aufbrechen, ohne jemals einen Bahnhof zu erreichen."

"Eine unendliche Reise? Wie soll das gehen?"

"Eine Reise, ohne Ziel. Meine unendliche Energie kann uns beliebig lange antreiben, aber irgendwann werde ich auseinanderfallen, dann wird unsere Reise zu Ende sein, aber bis dahin können Jahrtausende vergehen, wenn nichts dazwischenkommt."

"Aber, dein Gleis ist doch nicht unendlich lang, oder?"

"Ich weiß es nicht. In letzter Zeit sieht die Landschaft um mich herum immer gleich aus. Sie ändert sich oft abrupt und sieht doch überall gleich aus. Ich habe keine Ahnung, wie lange es dauert bis zum nächsten Bahnhof, wenn überhaupt noch einer kommt. Aber wenn wir Lapiowiz erreichen, dann weiß ich, daß du eine Chance hast, das alle zu reparieren. WENN wir Lapiowiz erreichen.

Ich habe schon erwartet, daß du eines Tages zusteigen wirst. Nicht du persönlich, aber jemand, eine Person, die eine Chance hat, die Fehler der Weisen Alten wieder gutzumachen und die Struktur der Welt zu reparieren. Aber ich befürchte, die zerstörte Struktur der Welt hat eine Eigendynamik entwickelt und will überleben. Sie wehrt sich gegen jeden, der etwas gegen sie unternehmen will. Viele, die das schon versucht haben, Informationen sammeln und einen Weg suchen, die Welt zu reparieren, sind bei dem Versuch ums Leben gekommen. Nicht, das das viel bedeuten würde, da die Menschen sowieso alle dem Tod geweiht sind."

"Ich habe so etwas in meinen Träumen schon vermutet. Du wirst, wenn wir Lapiowiz erreichen, nicht mehr weiterfahren, oder?"

"Wenn du Lapiowiz erreichst, Nesioli, dann kann ich nichts mehr machen. Du bist die letzte Hoffnung für die sterbende Welt. Wenn es dir nicht gelingt, die Struktur zu flicken, dann hat die Welt verloren. Aber es ist noch lange nicht sicher, das wir Lapiowiz überhaupt irgendwann erreichen. Das Chaos wehrt sich, und zwar ziemlich heftig. Ich kann nur noch fahren, weil die Weisen von Unico eine Struktur für mein Gleis gewählt haben, das von Zeit und Raum unabhängig ist. Nur so konnten sie gewährleisten, daß ich auch in schwierigen Zeiten, sie dachten an den nuklearen Overkill, aber ich bin sicher, daß sie unterbewußt auch die Möglichkeit des Chaos im Raum-, Zeit- und Dranitengefüge vorhergesehen haben, die Provinzen verbinden kann und so dafür Sorge, daß die Zivilisation trotz ihres Todes weiter lebt. Doch nicht einmal ich kann noch etwas ausrichten, wenn du scheiterst."

"Das Chaos, es ist gefährlich. Was geschieht mit der Welt, wenn ich es nicht schaffe?"

"Das weiß niemand. Aber ich vermutet, daß die Welt eine für euren und meinen Verstand unvorstellbare Form annimmt, in der Zeit und Raum variabel sind, in der man zufällig von einem Ort an einen anderen gelangt und keiner vorhersagen kann, wo er sich im nächsten Augenblick befinden wird."

"Wie lange kann es dauern, bis wir nach Lapiowiz kommen?"

"Ich glaube, wenn wir in einem Jahr nicht dort sind, werden wir unendlich lange weiterfahren, ohne jemals einen Bahnhof zu erreichen."

5.

Monate nach dem Gespräch zwischen Nesioli und Vibi erreichen sie eine Stadt, Djotplep. Vibi beschließt, anzuhalten und auszuruhen, sagt ihnen jedoch, daß in Djotplep, seit er das letzte Mal hier war, siebzehntausend Jahre vergangen sind. Ein paar Trümmer gibt es hier noch, aber nicht so viele, daß es sich lohnen würde, eine Stadtbesichtigung zu machen.

Nesioli und die anderen steigen trotzdem aus. Das Bahnhofsgebäude sieht noch so neu aus wie am ersten Tag, vom Rest der Stadt sind jedoch nur noch ein paar Fundamente übrig, die von der Natur schon längst wieder zurückerobert wurden.

Sie verlassen den Bahnhof und gehen langsam durch die Überreste der Stadt. Viel ist nicht mehr übrig, siebzehntausend Jahre nach dem Ende der Zivilisation. So wird es in vielen Jahren auch in Trinchensahn aussehen, Jahre nach dem Ende der Zivilisation. Doch noch besteht Hoffnung, denkt sich Nesioli, Hoffnung, Lapiowiz zu erreichen und das Chaos zu besiegen, damit die Welt eine neue Chance hat, für eine neue Zivilisation.

Nesioli und die anderen Fahrgäste laufen in den Trümmern herum, finden aber nichts, was interessant für sie wäre. Kaum etwas ihrer Zivilisation hat siebzehntausend Jahre überdauert, außer der großen, weißen Bahnstation, die mitten in der Steppe steht, als Zeuge einer anderen Welt.

Stunden später steigen sie alle wieder ein und Vibi setzt seine Fahrt fort. Djotplep war nicht so groß wie Trinchensahn, doch als sie in Vibi über die Steppe rasen, erkennen sie, daß auch das Häusermeer Djotpleps sich bis zum Horizont erstreckt haben muß, als es noch stand. Vibi beschleunigt wieder und sie setzen ihre weite Reise fort.

Immer schneller wechseln die Landschaften und mit jeder Woche, die vergeht, schwindet Nesiolis Hoffnung, jemals in Lapiowiz anzukommen.

6.

Zwei Jahre sind sie nun schon unterwegs, seit sie Djotplep verlassen haben. Keine einzige menschliche Behausung haben sie seit dem gesehen, nicht einmal mehr irgendwelche Trümmer. Immer weiter fährt Vibi mit seinen Fahrgästen, weiter, Richtung Unendlichkeit.


hoch

------------------------------------------------------

Weitere zu dieser Geschichte dazugehörende Texte gibt es hier


Genres:
* Prosa * Fantasy * Science Fiction *


------------------------------------------------------

Hier könnt Ihr dem Autor Feedback zukommen lassen.

Eure Emailadresse für Rückfragen (optional):

Euer Name

Hier ist ganz viel Platz für Eure Anmerkungen: