Die Sprache der Farben

Es war einmal ein kleines Blau, das ganz einsam war. Und weil Farben nämlich gar nicht sprechen können, war unser Blau stumm.

Der mitdenkende Leser fragt sich natürlich nun, was es dann mit der Überschrift auf sich hat, wenn es doch gar keine Sprache der Farben gibt. Nun ja, heute gibt es keine Sprache der Farben, aber früher, ja, da war das was ganz anderes.

Die Farben, die vor langer, langer Zeit mal sehr fidel und aktiv waren, sind nämlich im Laufe der Jahre immer träger geworden. Und wie das halt so ist, wenn man alt und träge wird, man kümmert sich viel weniger um die anderen und beschäftigt sich nur mit den eigenen Gedanken. Eigentlich ist das ja auch nicht schlimm, aber genau das ist eben der Grund, warum die Sprache der Farben ausgestorben ist.

Die Sprache der Farben ist für uns natürlich nicht sehr einfach zu verstehen, eigentlich ist sie sogar gar nicht zu verstehen, da Farben ganz anders existieren als Menschen. Farben kann man nämlich immer und überall finden. Hier etwas vom Grün, dort etwas vom Rot, da ein sattes Gelb. Was natürlich bei den Farben ähnlich war, wie es bei den Menschen ist, war, das es sie in verschiedenen Helligkeiten gibt, von einem fast weißlichen Rosa über Knalligrot bis hin zu tiefschwarzrot. Insgesamt war in Helligkeit und Spektrum der Farben viel Platz, so das es unzählige Farben gab.

Heute gibt es die natürlich nicht mehr alle, denn Terahertzrot oder Röntgenviolett zählen heute nicht mehr zu den anerkannten Farben, was natürlich wieder ein Beispiel dafür ist, wie diskriminierend Menschen sind. Aber so ist das eben. Doch einstmals, als die Farben das Universum beherrschten und noch aktiv waren, da zählten sie alle dazu, zu der großen Familie.

So eine Farbe zu sein, das muss sehr faszinierend sein, denn man kann an vielen Orten gleichzeitig sein. Oder auch mal eine Weile nirgends. Und zwar wirklich nirgends. Und alle anderen können an den gleichen Stellen sein. Wahrscheinlich, so würde ich vermuten, ist einer Farbe das Konzept eines Ortes einfach völlig fremd. Und genauso das Prinzip der Zeit. In der Farbdimension, nennen wir sie in Anlehnung an unsere Welt statt 3D einfach FD, hat jede Farbe einen speziellen, einzigartigen Platz, dargestellt durch Helligkeit und eigentliche Farbe. Nur das die Farben damals noch weitere Eigenschaften wie z.B. eine Richtung – längs, quer und alles dazwischen – hatten.

Überhaupt waren die Farben damals eine lustige Gemeinschaft. Immer was zu lachen, immer irgendwo eine Party. Daher waren „Party“, „Alkohol“ und „Ich muss kotzen“ auch die wichtigsten Vokabeln, die sie kannten. Wobei sie natürlich keinen Alkohol trinken konnten, denn wie sollte Blau auch blau werden? Aber es gab Linsen und Prismen, die genau die gleiche Wirkung hatten wie Alkohol auf Menschen. Und so gab es damals viele lustige Feten im frühen Universum.

Aber wie das eben so ist, wenn man ständig besoffen ist, brachten die Farben damals irgendwann einfach nichts mehr auf die Reihe. Und so kam es irgendwann, dass sie sich auseinander lebten und nur noch mit ihren engsten Freunden Partys feierten.

So kam es dann, das sich auch die Sprache, die die verschiedenen Farben sprachen, im Laufe des Universums veränderten, je nachdem auf welcher Party man grade war und mit wem eine Farbe befreundet war. Diese Teilung der Farben kennen wir heute noch, wenn es da um sichtbares Licht und Infrarot und UV und Gammastrahlen geht.

Irgendwann später dann begannen die einzelnen Freundeskreise und Farbgruppen, sich untereinander zu bekämpfen. Die Farben, die sich nicht mehr verstanden, wurden inkompatibel, sie konnten einfach nichts mehr miteinander anfangen. Ganz schlimm wurden irgendwann die Ultragammafarben, die sich mit allen anderen anlegten und, noch relativ am Anfang des Universums, versuchten, die Weltherrschaft an sich zu reißen. In einem langen Krieg, in dem viel von den Farben zertrümmert wurde, gelang es der letzten großen Allianz, in der alle anderen Farben vertreten waren, die gefährlichen Ultragammas zu besiegen. Die Überreste der Ultragammas, die von den anderen Farben in alle Winde zerstreut wurden, kann man heute noch wahrnehmen, nur das sie wesentlich schwächer geworden sind. Die Menschen nennen diese Farbüberreste kosmische Hintergrundstrahlung

Ein Teil der Farben fand es unfair, die Ultragammas aus dem Universum zu verbannen, und so kam es gleich zum nächsten Streit, bei dem wieder viel Porzellan zerbrochen wurde, das die friedlichen Terahertzfarbe in mühseliger Kleinarbeit wieder kitten mussten.

Doch die Farbgruppen entfernten sich weiter von einander, und es wurde immer schwerer, sich mit anderen Farben zu verständigen. Insbesondere die letzte große Party, bei der sich die Ultrakurzwellen mit den Ultraviolettfarben ganz schrecklich gezofft hatten, trug viel dazu bei, das sich die Farben untereinander nicht mehr sehen wollten.

Irgendwie, scheint mir, war das nicht gut für die Farben, denn in der Folgezeit zofften sie sich immer wieder und spalteten sich in kleinere Gruppen mit erst unterschiedlichen Dialekten und dann unterschiedlichen Sprachen auf. Immer wieder kam es zu Streitereien und Trennungen, bis irgendwann – ihr ahnt es ja sicher schon – bis irgendwann jeder Farbe nur noch mit sich selbst sprach und zu Stolz war, auch nur ein Wort mit einer anderen zu wechseln.

Und so kam es schließlich, das unser Blau irgendwann ganz einsam war.

hoch

------------------------------------------------------


Weitere bei dieser Schreibübung entstandene Texte gibt es hier


Genres:
* Prosa *


------------------------------------------------------

Hier könnt Ihr dem Autor Feedback zukommen lassen.

Eure Emailadresse für Rückfragen (optional):

Euer Name

Hier ist ganz viel Platz für Eure Anmerkungen: