Von der Orthographie des Reißverschlusses

Im Zuge der Erfindung des Reißverschlusses wurde klar, dass man für jede neue Erfindung auch eine passende Bezeichnung braucht. Im Gegensatz zu anderen Wörtern, wie z.B. Wasser, die seit der Erfindung der Schrift bereits verwendet werden, ist der Reißverschluss, und damit auch das Wort "Reißverschluss", erheblich jünger als die Schrift. Würde es sich nicht um den Reißverschluss sondern um seinen Vorgänger, die Knöpfe, handeln, so müssten nun lange Untersuchungen angestellt werden, ob die Schrift älter ist oder ob es die Knöpfe sind.

Doch beim Reißverschluss ist die Sache eindeutig. Und so musste sich der Erfinder des Reißverschlusses neben dem Reißverschluss selber sich auch überlegen, wie er erstens den Reißverschluss nennt und zweiten wie die Orthographie desselben aussehen sollte. Wahrscheinlich hat der Erfinder des Reißverschlusses sich über diese Frage mehr die Haare gerauft als über die Technik des betreffenden Objektes selber.

Wie ihr ja alle wisst, braucht man zum Erfolg einer Erfindung, wie der Reißverschluss sie ja ist, auch einen entsprechenden Namen, mit dem sich die Erfindung vermarkten lässt. Ein Beispiel für eine Erfindung, bei der es auf den richtigen Namen ankam, war z.B. der Würfel, der, erfunden als Zufallszahlenwähler erst mit der Umbenennung in Würfel weitere Verbreitung fand, heute aber ähnlich weit verbreitet ist wie der Reißverschluss.

So gesehen kann man die Bedeutung des Wortes "Reißverschluss" nicht unterschätzen, denn hätte der Erfinder einen weniger werbewirksamen Namen gewählt, zum Beispiel Jackeneinfachschließvorrichtung so würden wir sicherlich noch heute unsere Jacken und Hosen umständlich mit Knopfleisten verschließen. Doch so vereinfacht der Reißverschluss unser Leben erheblich. Doch auch die Orthographie, also die Schreibweise des Wortes "Reißverschluss", kommt eine wichtige Bedeutung zu, denn nur durch sie kann es seine geballte Werbewirkung entfalten.

Die Zusammensetzung aus zwei bekannten Wörtern, reißen und verschließen, bewirkt das Gefühl, das es sich um ein Objekt handelt, dass man bereits kennt und vor dem man keine Angst zu haben braucht. Ein genialer Schachzug des Erfinders, der mit dem Wort Reißverschluss zum vielkopierten Trendsetter wurde, der in Erfindungen wie z.B. dem Klettverschluss Nachahmer findet.

Doch neben der Vertrautheit hat die Bezeichnung Reißverschluss noch einen zweiten, nicht zu unterschätzenden Vorteil, denn sie enthält die Bedienungsanleitung der Erfindung: Reißen um zu schließen. So gesehen gehört die Bezeichnung Reißverschluss zu den besten Namen, den man einer neuen Erfindung geben kann. Auch für Probleme, die im Laufenden Betrieb auftreten, bietet der Name Lösungsanleitung: kräftig reißen, und dann schließt der Mechanismus wieder.

Das Wort "Reißverschluss" selber ist auch auf der sprachtheoretischen Ebene sehr interessant, denn man kann an ihm sehr schön die Regeln verdeutlich, wann im Auslaut der Buchstabe "ß" verwendet wird und wann ein "doppel-s" richtig ist. So folgt nach einem Diphthong wie in "Reiß" ein "ß", während nach einem einfachen, kurzen Vokal, wie in "Verschluss" ein "doppel-s" folgt.

Sehr schön kann man an Reißverschluss auch verschiedene Regeln der Wortkomposition im Deutschen demonstrieren. So ist eine Möglichkeit, zwei vollwertige Wörter zu Kombinieren und so eine Kombinierten Bedeutung zu erhalten, so geschehen mit Reiß(en) und Verschluss. Verschluss seinerseits verdeutlicht eine andere Möglichkeit, neue Wörter zu kreieren, nämlich durch die Verwendung von Vorsilben, die zu einer Bedeutung führen, die nicht notwendigerweise aus den einzelnen Bestandteilen Wort und Vorsilbe zu erwarten wäre. So hat zum Beispiel die Vorsilbe "ver" alleine keine echte Bedeutung, deutet jedoch oftmals in Kombination mit anderen Wörtern einen Missstand an, wie z.B. in verlaufen, verschimmeln oder auch versinken, wozu auch das Wort Verschluss gehört, das bei ihm etwas Verschlossen wird und so nicht mehr erreichbar ist.

Eine dritte Möglichkeit der Wortneubildung zeigt sich in dem "Reiß" von Reißverschluss, bei dem der unflektierte Wortstamm eines Verbs, nämlich reißen, in eine Pseudoportmanteaumorphem verwandelt wird und so als substantiv-ähnliches Wort eine Kombination mit einem anderen Wort eingehen kann.

So gesehen stellt der Reißverschluss nicht nur eine Bereicherung für die Textilindustrie dar, sonder bereichert auch die Sprache erheblich.

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