Hartjolt und Kwami

Es regnete, als Hartjolf aus der Tür trat. Die graue Stadt breitete sich vor ihm aus; im Rinnstein schwamm der vom Regen fortgespülte Müll.

Hartjolf ging die Treppenstufen herab, die Schultern hängend, den Kopf nach unten geneigt. Ein paar Meter weiter stadteinwärts war ein Wartehäuschen, eine Bushaltestelle. Während der Regen auf ihn nieder prasselte, schlurfte er zu ihr hin und ließ sich mit einem Seufzer auf die Bank sinken.

Es war alles aus. Trübe schaute er den Autos hinterher, deren Farben im regen matt und schwach aussahen. Ihre Lampen kämpften vergebens, den Schleier aus Regen zu durchdringen. Ein Bus in Richtung Stadt kam, doch Hartjolf blieb sitzen. Was sollte er auch in der Stadt?


Sie hatten sich Abends kennen gelernt. Es musste kurz nach Sylvester gewesen sein, denn eine Gruppe Jugendlicher zog damals Böller werfend durch die Stadt und bewarf Passanten. Hartjolf war in einen Hauseingang geflohen, und dort hatte er Kwani getroffen. Kwani wohnte in dem Haus und wollte grade Freunde besuchen gehen. Und irgendwie sind sie dann ins Gespräch gekommen.


Und nun saß er an dieser Bushaltestelle und starrte in den Regen.

Verdammtes Schicksal!

Verdammte Bürokratie!

Verdammte Sachbearbeiter!

Ein Lastwagen fuhr vorbei und ein Schwall Wasser ergoss sich über seine Hose und Schuhe. Er blickte auf, suchte mit dem Blick den Horizont, konnte ihn wegen des dichten Regens jedoch nicht finden und schaute mit leerem Blick wieder die Straße an. Was sollte er nun tun? Konnte er noch etwas tun? Das hatte er sich die letzten Wochen immer wieder gefragt. Abgelehnt! Einfach so. Einspruch abgelehnt! Der letzte in einer ganzen Reihe von Tiefschlägen für sie.


Sie waren zusammen einen Kaffee trinken gegangen, als die Straße wieder sicher war. Und dabei hatte es gefunkt zwischen ihnen. Sie hatten ähnliche Interessen - klassische Musik, Poesie, Joggen - und lagen insgesamt voll auf einer Wellenlänge. Und außerdem steht er total auf große, muskulöse - eben maskulin - Männer. und so einer war Kwani eben. So ein richtiger Vollblut-Afrikaner, wie man ihn sich nur wünschen kann...


Ein Windstoß weht ihm eine Zeitung vor die Füße. Nass und mit verlaufener Druckertinte. Bilder und Texte verschwimmen zu einer unentwirrbaren Masse aus grau in grau.

Hartjolf steht auf. Tränen in den Augen, wirft er noch einen Blick auf das Gerichtsgebäude - das ihm nun verhasste Gerichtsgebäude - und geht los.


Es war eine schöne Zeit mit Kwami, drei Jahre, seine bisher längste Beziehung. Und dann dieser Brief! Erst dachten sie, es wäre in Versehen, dann haben sie Einspruch eingelegt. Doch das hat ihnen nur ein weiteres halbe Jahr Aufschub gebracht. Geholfen hat es nicht. Sie haben sogar überlegt, ob er Kwami adoptieren soll. Doch auch das hat die deutsche Bürokratie verboten. Man könne doch keinen Erwachsenen aus dem Ausland adoptieren. zumal, wenn der ohne Geburtsurkunde sei und seine Eltern wahrscheinlich noch leben würden.

Wenn er ja eine Frau wäre, erklärte der Sachbearbeiter weiter, dann könnten sie ja heiraten. Aber zwei Männer! Das ginge nun wirklich nicht!


Und so haben sie nach andern Möglichkeiten suchen müssen, wie Kwami hier bleiben könne.


Hartjolf schaut auf. Rechts und links der Straße abweisende Mauern, Industriegebäude, Schornsteine, die dunklen Rauch in den Himmel pusten. Der Regen, der den Schmutz aus der Luft wieder zu Boden bringt. Er weiß nicht, wo er gerade ist. Und es ist eigentlich auch egal. Kwami sitzt jetzt wohl in seinem Flugzeug, auf dem Weg nach Zaire, mit der Aussicht, dort sofort verhaftet zu werden.

Warum dürfen Männer nicht heiraten? Scheiß Welt!

hoch

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Genres:
* Prosa * Melancholisches *


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